Netflix: Wie fühlt sich der neue Fernseh-Knast an?

Gong! Noch wird der Alltag der meisten Deutschen durch das Sendeschema von ARD und ZDF bestimmt: Der Abend beginnt mit dem Gong der Tagesschau, so, wie früher die Kirchenglocken den Tag bestimmt haben. Streng reguliert wie ein Tag im Knast.

DingDong! Auch die Privaten wie RTL und Pro7/Sat 1 haben sich diesem Ritual der großen Hamburger Glocke unterworfen.

Jetzt will es einer ändern – Reed Hastings, Gründer und Chef von Netflix. Er inszeniert Fernsehen neu – zu jeder gewünschten Zeit kommen Spielfilme per Internet, ganz ohne Sendeschema. Und überall – jedenfalls auf jedem Bildschirm, ob klein, ob groß, nur  mit dem Internet muss er verbunden sein. „Abhängigkeiten auflösen“ will Hastings. Unterhaltung überall und zu jeder Zeit. Freiheit vom TV-Knast?

Gucki mit Kukident?

45 Millionen Haushalte in den USA  folgen ihm  schon auf dem großen Trip in die Freiheit und zahlen monatliche Gebühren, die etwa einer halben deutschen Rundfunk-Haushaltssteuer entsprechen. Aber eben freiwillig, ganz ohne die GEZ-Polizei. In 50 Ländern läuft es ähnlich – Deutschland kommt spät fürs andere Free-TV. Die Deutschen sind eben fest in der Hand der öffentlich-rechtlichen Sender und der privaten, die sich einander angeglichen haben. Oder ist es eher Arbeitsteilung? ARD und ZDF für die Älteren, Gucki mit Kukident. RTL/Pro//Sat1 für den Trash.

Mit Programm will Hastings punkten.

Hastings ist vorsichtig. Spricht von Platz 5 oder 6 oder 7 in der Reichweite, den er anpeilt, von ebenso vielen Jahren, bis er die 30-Prozentige Haushaltsabdeckung wie in den USA erreicht haben will. Das ist eine ungewohnte Bescheidenheit für ein kalifornisches Internet-Unternehmen, das mindestens die Welt retten will – und zwar JETZT. Die Fallhöhe wird herabgesetzt, schließlich haben sich schon mehrere Angreifer an der festen Burg der heimatlichen Sender eine blutige Nase geholt.

In merkwürdigem Kontrast zu dieser Bescheidenheit, steht die Monstershow in Berlin: Die komische Oper ist zur Party-Kulisse umgebaut. Viele junge Schauspieler sind da, und die Hipster und alle, die was mit Medien machen. Kaum jemand vom politischen Establishment. Vielleicht dominiert die Angst davor, dass eine Talkshow-Einladung havarieren könnte, wenn man zu nahe bei Netflix ist?

Politik ist Mord

Hastings redet vorsichtig, aber frei. Zitate werden nicht abgestimmt – unüblich für Deutschland, wo Pressestellen, PR-Berater und Juristen sonst jedes Wort checken und weichspülen.

Warum hat er so lange nach Deutschland gebraucht?

„Es ist teuer. Man braucht Inhalte“.

Inhalte bietet er an. „House of Cards“ ist derzeit der Renner. Alle Folgen verschlungen hat Dorothee Bär, die CSU-Politikerin und Staatssekretärin im Bundesverkehrsministerium. Dabei kommen Politiker da nicht gut weg. House of Cards ist betont unromantisch – Politik ist ein raues, ja mörderisches Geschäft von Egomanen. Lesen Sie dazu auch hier.

„Unromantisch? Das gefällt mir als Beschreibung von House of Cards“, sagt Hastings. „Das trifft. Vor allem haben wir gelernt: „Die Chinesen glauben, dass so Politik funktioniert.“ Natürlich sendet er in China. „Chinesen glauben nicht an gewählte Politiker. Eher, dass jemand mit Mord an die Macht kommt“. House of Cards ist eminent politisch, widerspricht dem Sozialkundeunterricht frontal.

Hastings will auch deutsche Programme bald hier produzieren. Er springt damit in die Lücke, die die deutschen Sender gerade aufreissen: ARD und ZDF brauchen immer größere Fetzen ihrer Gebühren für Pensionen; die Privaten sparen für die Rendite am Inhalt.

Noch inszeniert Hastings US-Fiktion weltweit. In den großen TV-Märkten will er die Produktion teilweise lokalisieren. Will er einen Tatort machen? Er kennt des Deutschen Krimiserie nicht.

Aber nebenan lädt er ein zum Besuch im US-Knast. Die Kulissen aus „Orange is the New Black“ leben: Kantine im Gefängnis. Probieren wir es aus, wie sich das neue Fernsehen von Netflix anfühlt.

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