Die massiven Probleme bei der Deutschen Bahn könnten Folgen für das demokratische Gefüge in Deutschland haben, warnt Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU): Mit der wachsenden Unzufriedenheit aufgrund von strukturellen Defiziten der Bahn sieht der Minister das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates gefährdet.
IMAGO / Bernd Elmenthaler
„Das geht schon in eine demokratiegefährdende Richtung“, erklärte Patrick Schnieder in einem aktuellen Gespräch mit der Funke-Mediengruppe. Seine Warnung zielt weniger auf einzelne Missstände als auf ein grundlegendes Problem: die Wahrnehmung eines Staates, der zentrale Infrastrukturaufgaben nicht mehr zuverlässig bewältigen kann. Marode Brücken, überlastete Schienenwege und chronisch unpünktliche Züge seien sichtbare Symptome einer Entwicklung, die das Vertrauen in staatliche Institutionen untergraben könne.
Tatsächlich liefern die aktuellen Zahlen eine beunruhigende Faktenlage: Im vergangenen Jahr erreichten lediglich 60 Prozent der Fernverkehrszüge ihr Ziel mit weniger als sechs Minuten Verspätung – ein weiterer Rückgang im Vergleich zum ohnehin schwachen Vorjahr. Für ein Land, das sich lange mit Effizienz und Zuverlässigkeit identifizierte, ist dies mehr als ein logistisches Problem. Es ist ein Imageverlust, der auch politisch spürbar wird.
Schnieder formuliert daher ein ambitioniertes Ziel: Bis 2029 soll die Pünktlichkeitsquote im Fernverkehr auf 70 Prozent steigen. Doch selbst der Minister räumt ein, dass dieses Ziel kaum zu erreichen sei. Aber auch eine derartige Verspätungs-Quote würde heißen, dass fast jeder dritte Zug weiterhin verspätet wäre. Ob dies ausreicht, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen?
Zugleich dämpft der Verkehrsminister die Erwartungen an kurzfristige Lösungen: Eine eingesetzte Task Force soll mit Maßnahmen wie sogenannten „Joker-Gleisen“ oder flexibleren Abfahrtszeiten für mehr Stabilität im Betrieb sorgen. Doch konkrete Verbesserungen seien frühestens mittelfristig zu erwarten, eine Überprüfung der Maßnahmen ist erst für Anfang 2027 vorgesehen. Für viele Fahrgäste dürfte das wie eine Vertröstung wirken – insbesondere vor dem Hintergrund täglicher Verspätungserfahrungen.
Sanierung von 42 Hochleistungsstrecken dauert bis 2036
Ein grundlegendes Problem liegt in der Infrastruktur selbst: Die Sanierung von 42 zentralen Hochleistungskorridoren ist ein Mammutprojekt, das sich bis 2036 erstrecken soll. Schnieder betont zwar, dass damit die wichtigsten Strecken modernisiert würden, warnt jedoch zugleich vor falschen Erwartungen: Auch danach werde kontinuierliche Instandhaltung notwendig sein, ein einmaliger „Neustart“ sei illusorisch.
Während die Qualität des Angebots vielerorts stagniert oder sich verschlechtert, steigt die Nachfrage weiter. Im vergangenen Jahr nutzten 1,93 Milliarden Fahrgäste die Bahn – das ist ein Anstieg um 3,4 Prozent. Besonders im Nah- und Regionalverkehr wächst die Bedeutung der Schiene als Rückgrat der Mobilität. Auch die Verkehrsleistung nahm zu. Diese Entwicklung zeigt: Trotz aller Probleme bleibt die Bahn für viele Menschen unverzichtbar.
Genau darin liegt die Brisanz: Je stärker die Abhängigkeit von einem System, desto gravierender wirken sich dessen Schwächen aus. Wenn Verspätungen zur Regel werden und Investitionen keine kurzfristigen Verbesserungen bringen, droht tatsächlich ein gefährlicher Vertrauensverlust. Schnieders Warnung ist daher nicht nur politisches Alarmzeichen, sondern auch Ausdruck eines strukturellen Problems: Die Modernisierung der Bahn ist längst zu einer Frage staatlicher Glaubwürdigkeit geworden.

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Ich frag mich immer wie die anderen Länder deren bahnen pünktlich fahren, das hinbekommen. Japan über Schweiz fallen mir ein. Die SBB sind zudem eine Staatsbahn, während die JR privatisierte, ehemalige Staatsbahnen sind – was beweist, dass beide Konzepte funktionieren können. Die JR sind sogar noch zuverlässiger als die SBB.