Legenden und Fakten zur Zuwanderungsdebatte

Schon die Daten zu Asylentscheidungen belegen die Ungleichverteilung in Europa zulasten Deutschlands, nicht - wie immer wieder behauptet - zulasten Griechenlands oder Italiens.

© Carsten Koall/Getty Images

Politiker und Medien behaupten, „wir“ hätten Griechenland und Italien mit den Problemen der Zuwanderung „allein gelassen“, weil dort die EU-Außengrenzen sind und nicht in Deutschland. Das gehört zu den vielen Legenden in der Zuwanderungsdebatte. Die Behauptung ist ebenso abwegig wie die, man könne durch Entwicklungshilfe die Fluchtursachen beseitigen. Hier einige Fakten aus offiziellen Statistiken und Forschungsberichten:

1. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen zählt in Deutschland zum Stand Ende vorigen Jahres 1,41 Millionen Schutzberechtigte und Asylbewerber. Nr. 2 ist Frankreich (402.000). Erst danach kommen Italien (355.000) – und weit hinter Ländern wie Schweden (328.000) und Österreich (173.000) erst Griechenland (83.000). Alleine in Berlin leben heute mehr Asylzuwanderer als in ganz Griechenland, wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der LINKEN hervorgeht. Demnach wohnten Ende 2017 in Berlin 83.222 Asylzuwanderer (Personen mit einem der vier Schutztitel, Asylbewerber im Verfahren, Geduldete, Niederlassungserlaubnis aus Flucht- sowie humanitären Gründen, Härtefälle). Dabei hat Berlin 3,7 Millionen Einwohner und Griechenland 10,7 Millionen. In Nordrhein-Westfalen leben 433.236 solcher Zuwanderer über das Asylsystem, das sind mehr, als das UNHCR für ganz Italien zählt. Dabei hat NRW 17,5 Millionen Einwohner und Italien über 60 Millionen.

2. Auch die Daten zu Asylentscheidungen belegen die Ungleichverteilung in Europa zulasten Deutschlands, nicht – wie immer wieder behauptet – zulasten Griechenlands oder Italiens. Nach Eurostat-Zahlen wurden im vergangenen Jahr 524.185 entsprechende Entscheidungen in der Bundesrepublik getroffen, mehr als in allen übrigen EU-Staaten zusammen.

3. Gebetsmühlenartig wiederholen Politiker, man müsse die „Fluchtursachen beseitigen“, und zwar durch Entwicklungshilfe. Laut einem aktuellen Forschungsbericht für das Bonner Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) wird sich die Hoffnung, dass mehr Entwicklungshilfe die Auswanderung aus armen Ländern tatsächlich reduziert, nicht erfüllen. Die Neigung zur Auswanderung sinkt nämlich erst dann, wenn die betroffenen Länder ein Pro-Kopfeinkommen von etwa 8.000 bis 10.000 US-Dollar (gemessen auf Kaufkraftbasis) erreicht haben. Länder mit einem Pro-Kopfeinkommen von 5.000 bis 10.000 US-Dollar (auf Kaufkraftbasis) haben im Durchschnitt eine dreimal höhere Anzahl an Auswanderern als Länder, in denen das Pro-Kopfeinkommen unter 2.000 US-Dollar liegt. Mit anderen Worten: Bis zum Erreichen der oberen Schwelle nimmt die Migrationsneigung in den ärmsten Ländern bei wachsendem Wohlstand sogar tendenziell zu. Im Normalfall dauert es – wenn man die durchschnittliche historische BIP-Wachstumsrate zugrunde legt – fast 200 Jahre, bis in einem armen Land der Impuls zur Migration nachlässt. Und selbst wenn man sehr optimistisch annimmt, dass sich das Wirtschaftswachstum durch Entwicklungshilfe um zwei Prozentpunkte pro Jahr steigern ließe – eine Verdreifachung der derzeitigen Rate -, würde es bis zum Erreichen dieser Einkommensschwelle noch ein halbes Jahrhundert dauern. Doch das ist unrealistisch, weil Entwicklungshilfe meist nichts bewirkt oder sogar kontraproduktiv ist, wie ich im 2. Kapitel meines Buches „Kapitalismus ist nicht das Problem, sondern die Lösung“ auf Basis einschlägiger Forschungen belege.

4. Deutschland weist im Vergleich der EU die meisten Personen ohne Aufenthaltsgenehmigung auf. Im vergangenen Jahr lebten im Bundesgebiet 156.710 Personen ohne offizielles Bleiberecht, so die EU-Statistikbehörde Eurostat. Das ist etwa ein Viertel aller Personen, die sich ohne Papiere in der Europäischen Union aufhalten.

5. Deutschland war laut Eurostat zwar auch der EU-Mitgliedstaat, der 2017 die meisten Nicht-EU-Bürger zur Ausreise anwies (97.165). Tatsächlich verließen mit 44.960 Menschen weniger als die Hälfte der Betroffenen die Bundesrepublik.

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Kommentare ( 37 )

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elly
6 Jahre her

„Gebetsmühlenartig wiederholen Politiker, man müsse die „Fluchtursachen beseitigen“, und zwar durch Entwicklungshilfe.“ und gleichzeitig überschwemmt die EU die afrikanischen Märkte mit billigsten Lebensmitteln der Agrarindustrie. Die Menschen sind einfach zu faul nachzudenken. Nicht nur Kriege sind Fluchtursachen: „In die Demokratische Republik Kongo lieferte die EU 2007 rund 23.800 Tonnen Geflügelfleisch, das entspricht einem Marktanteil von 39 Prozent. Togo bekam etwa 8.400 Tonnen, 34 Prozent des Gesamtmarktes. „Europa ist dabei, sämtliche Tierhaltung und Tiermast in Afrika zu schädigen oder zu zerstören“, sagt Handelsfachmann Francisco Marí vom Evangelischen Entwicklungsdienst. Ein Kilogramm Geflügel aus der EU koste den Verbraucher in Benin 1,40 Euro,… Mehr

Enrico Stiller
6 Jahre her

Schön, dass hier die Zahlen in der Zusammenschau dargestellt werden. Aber was bedeutet das? Es bedeutet, dass Deutschland in einem Meer von Egoisten jetzt (nach dem Ausscheiden der Skandinavier) fast allein den Super-Altruisten spielt und Migranten aufsaugt. Altruistisch sind die deutschen staatlichen Stellen allerdings nur gegenüber den Fremden, nicht gegenüber den Einheimischen. Ein Musterbeispiel dafür wurde heute bekannt: Der Bin-Laden-Leibwächter Sami A. wurde irrtümlich nach Tunesien abgeschoben, weil das entsprechende Abschiebungsverbot des Gerichts wohl nicht rechtzeitig zugestellt worden war. Sami A. droht laut Gericht in Tunesien Folter. Das heisst, und das muss man sich einmal genüsslich auf den Hirnwindungen zergehen… Mehr

CW
6 Jahre her

Hier noch ein Beispiel von „Fakten“ über Zuwanderung a la Leitmedien, hier die WELT:
„Sind Flüchtlinge erst einmal als solche anerkannt, geht die Kriminalitätsrate unter ihnen deutlich zurück. Asyl- und Schutzberechtigte machen nur 0,5 Prozent aller Tatverdächtigen aus – und sind damit weitaus gesetzestreuer als Deutsche.“

https://www.welt.de/vermischtes/article177283246/25-Jaehrige-vergewaltigt-Er-verlor-den-Rucksack-Polizei-fasst-in-Freiburg-Tatverdaechtigen.html

benali
6 Jahre her

„Ich glaube nur der Statistik, die ich selbst gefälscht habe“, soll Sir Winston Churchill einst gesagt haben, aber gesichert ist das nicht.

Analog dazu glaube ich keiner Statistik, die von der UN oder dem BAMF kommt. Die UN hat zu oft Statistiken für eigene Interessen gefälscht. Darüber hinaus fördert die UN weltweite Migration. Die Informationen über die Arbeitsweise im BAMF sprechen für alles, nur nicht Wahrheit und Klarheit…

gmccar
6 Jahre her
Antworten an  benali

Ob es da übrigens noch einen Untersuchungsausschuss geben wird, wird zeigen, ob wir schon SED II sind oder noch Rechtsstaat.

benali
6 Jahre her
Antworten an  gmccar

Ein Untersuchungsausschuss ist ei politisches Instrument; er wird für politische Zwecke genutzt. Die Wahrheitsfindung spielt in diesen Ausschüssen keine Rolle…

Eco
6 Jahre her

Es wäre schön gewesen, wenn sie die Eurostat-Daten verlinkt hätten. Mich würde aber interessieren wie Sie die Menschen zählen, die sich schlicht und ergreifend illegal und unregistriert in einem Land aufhalten. Die nächste Frage wäre ob z.B. in den Lagern in Griechenland, aber auch Italien überhaupt und wenn ja wieviele Personen tatsächlich registriert werden. Nichtregistrierte Personen exisieren in der Statistik nicht.

MarkusF
6 Jahre her

Zwei Dinge scheinen mir inzwischen gewiss:

1.) Die Jenigen die diese Massenzuwanderung betreiben meinen es in keiner Weise gut mit den hier lebenden Deutschen.

2.) Wir dürfen uns das unter garkeinen Umständen weiterhin gefallen lassen.

Andreas Koch
6 Jahre her

Welches afrikanische Land erhält die meisten Entwicklungshilfegelder? Die Schweiz. Denn, das Geld macht nur einen kurzen Umweg über Afrika, bevor es auf Schweizer Nummernkonten landet. Da ist es sicher, denn die Schweiz ist kein afrikanisches Land.

Eugen Karl
6 Jahre her

Das angestrebte Ziel sind die Vereinigten Staaten von Europa. Die Zersetzung nationaler identitäten ist dabei nützlich. Allerdings müssen auch die anderen Nationen und bald Exnationen dazu Einwanderer siedeln lassen. Wir brauchen folglich eine – Achtung! – europäische Lösung.

Alt-Badener
6 Jahre her

Ich möchte mal behaupten, dass es in Afrika NUR korrupte Politiker gibt . . .

Nachdenkerin X
6 Jahre her

Danke für diese Auflistung. Es ist mir übrigens unverständlich, wie angesichts dieser horrenden Zahlen in den vergangenen Jahren noch über 300 000 Visa zum Familiennachzug erteilt werden konnten, wie gerade in den letzten Tagen zu lesen. Beim orientalischen „Familiensinn“ dürfte es sich doch um eine weitere Million handeln – die wahrscheinlich in Ihren Zahlen gar nicht enthalten ist, denn man liest ja, daß darüber keine Statistik geführt wird, was ich für einen Skandal halte. Außerdem verstehe ich nicht, wieso Familiennachzug für Leute gewährt wird, die doch wohl gar keine „echten“ anerkannten Asylbewerber sind, sondern Leute, die nach Beendigung der Kriegshandlungen… Mehr

Caesarion
6 Jahre her
Antworten an  Nachdenkerin X

Genau das habe ich mich schon häufig gefragt. Nach den Ergebnissen der Gespräche, dem Verhalten und den Äusserungen maßgeblicher Protagonisten des Politbetriebs bin ich zu der Überzeugung gelangt, dass eine Begrenzung der Zuwanderung weder angedacht noch gewollt ist.