CDU-Politiker Schlarmann: Unter Merkel gab es keine offenen Diskussionen

Als Chef der Mittelstands-Union und Mitglied des Parteivorstands gehörte Josef Schlarmann zu den wichtigen Politikern der Ära Merkel. Bis heute unverständlich ist Schlarmann, wieso die Union keinen Widerstand geleistet hat. „Das ist bis heute das große Rätsel für mich: Wie konnte die CDU das alles mitmachen?"

picture-alliance/ dpa | Rainer Jensen

Berlin. Der CDU-Politiker Josef Schlarmann, 2005 bis 2013 Bundesvorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsvereinigung der CDU/CSU, kann sich an keine offene Debatte mit der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel über zentrale Fragen der Politik erinnern. Der Parteivorstand der CDU habe von Merkel getroffene Entscheidung nur abgenickt, erinnert sich Schlarmann im Gespräch mit der Mai-Ausgabe des Monatsmagazins Tichys Einblick. „Ich habe während meiner Zeit in Führungspositionen keine einzige Diskussion mit Merkel mit offenem Visier erlebt. Das lag vermutlich daran, dass sie aus ihrer Vergangenheit gar keine offenen Diskussionen kannte“, spielt Schlarmann auf Merkels DDR-Vergangenheit an. So war Merkel als Kulturreferentin der FDJ für die Abteilung „Agitation und Propaganda“ zuständig.

Der Bundesvorstand der CDU habe nicht einmal über zentrale Weichenstellungen debattiert. „Die großen gesellschaftspolitischen Entscheidungen – Atomausstieg, Migration, Klimapolitik – waren gar keine Sitzungsthemen im Vorstand. Vor den Tagungen gab es Besprechungen im ganz kleinen Kreis um Merkel, dann tagte das Präsidium, und anschließend verkündeten der Generalsekretär oder Merkel selbst dem Vorstand, was das Präsidium beschlossen hatte“, schildert Schlarmann, der in seiner Zeit als MIT-Vorsitzender auch Mitglied des CDU-Bundesvorstandes war. „Zu 98 Prozent wurde das auch so hingenommen.“

Bis heute unverständlich ist Schlarmann, wieso die Union keinen Widerstand geleistet hat. „Das ist bis heute das große Rätsel für mich: Wie konnte die CDU das alles mitmachen? Ich kann das nur mit dem Herdentrieb erklären: Wenn die Führung in eine bestimmte Richtung marschiert, marschieren die meisten Abgeordneten hinterher, weil sie befürchten, sonst auf der Strecke zu bleiben.“

2011, als Kanzlerin Merkel nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima den Atomausstieg verkündete, habe die CDU-Parteizentrale „einem Hühnerhaufen“ geglichen, so Schlarmann, allerdings „nicht wegen des Atomunfalls in Fukushima, sondern wegen der bevorstehenden Landtagswahl in Baden-Württemberg“. Durch Fukushima sagten die Prognosen den Grünen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg über 20 Prozent voraus. „Merkel verkündete den Ausstieg aus der Kernkraft, um eine Landtagswahl zu retten. Wenn man so ein hohes Amt innehat, dann muss man sich bei großen Entscheidungen fragen: Dient das dem Land, dient es der Partei – oder dient es nur mir? Unter diesem Gesichtspunkt hat Merkels Kanzlerschaft eine sehr fragwürdige Bilanz hinterlassen.“


Das ganze Interview in Tichys Einblick 05-2024 >>>


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Kommentare ( 86 )

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Buck Fiden
1 Monat her

Offene Diskussionen? Gibt es unter Scholz doch auch nicht.

CaTo23
1 Monat her

Schön dass jetzt hier nur Merkel und die Union als Schuldige ausgemacht werden. Aber wer bitte hat denn Mutti und die Klatschhasen von der Union die 16 Jahre immer wieder gewählt? Ich war es zum Glück nicht.

Michael M.
1 Monat her
Antworten an  CaTo23

Ich leider schon und bereue es in Nachhinein wirklich sehr, aber das wird mir mit der CDU/CSU sicher nicht wieder passieren, versprochen!

Waehler 21
1 Monat her

Interessant! Interessant ist, dass diesem Mann niemand widerspricht. Ist es ein Scham- oder Angstthema der CDU?! Ihre Eminenz Merkel hat jedenfalls keine Probleme sich auch noch in ihrem Ruhestand den Friseur vom Steuerzahler bezahlen zu lassen , während 6 Millionen die Heizung „runterdrehen“. Zurück zu den Spezialisten, wenn man nichts vernünftiges gelernt hat außer abnicken, dann nickt man eben. Es ist m.E. ein Problem der Berufspolitiker die nicht anders können, wenn sie nicht ihre Existenz gefährden wollen. Also ! Warum sollen wir jetzt der CDU vertrauen? Eine CDU die zulässt das der Ex Verfassungsschutzpräsident überwacht wird. Das die CDU für… Mehr

Last edited 1 Monat her by Waehler 21
Fieselsteinchen
1 Monat her

Ob Merkel keine offenen Diskussionen kannte? Ich befürchte der Herr CDUler hat die Brisanz nicht erkannt. Sehr wohl gab es in der DDR offene Diskussionen, auch über politische Konsequenzen, man musste sie nur richtig verpacken. Nein, Merkel wollte von Anfang an durchregieren! Hat sich irgendeiner in der CDU mal gefragt, wie es sein konnte, dass sich Merkel im DA rumtrieb, Wolfgang Schnur in der Stasi war, und wie sie in höchste Ämter kam. Wer hat das bei Kohl weichgeklopft. Oder war auch Kohl blind auf beiden Augen? Niemand in der Union hätte die Klatschhasenorgien mitmachen müssen! Niemand! Aber da war… Mehr

Homer J. Simpson
1 Monat her

Fällt den Genossen der Union ja recht früh auf was das das trojanische Pferd des Sozialismus da 16 Jahre angestellt hat…. Und diese „Blitzmerker“ wollen zurück an die Macht? Was passiert wohl, wenn denen tatsächlich auffallen sollte, wie links-grün-sozialistisch versifft deren Parteiprogramm ist…. Das dauert aber bestimmt nochmal 20 Jahre oder – wie böse Zungen munkeln – bis nach dem Untergang Deutschlands….

JamesBond
1 Monat her

„So war Merkel als Kulturreferentin der FDJ für die Abteilung „Agitation und Propaganda“ zuständig.“ und ab 2015 gab es den Super Gau. Meine Frau ist aus der CDU ausgetreten, auf ihr Schreiben an Merkel: Keine Antwort. Es wird alles mit Propaganda und schönen Bildern zugekleistert. Bei der CDU hat sich auch heute nichts geändert und wer war der Vizekanzler? Scholz macht es genauso, bis auf China. Sein aktueller Besuch unterscheidet sich in einem Punkt: Die Bilder zeigen es, Merkel war in China richtig glücklich, sie war unter Freunden! Sie musste sich nicht verstellen. War Sie vielleicht sogar von China gesteuert?… Mehr

Last edited 1 Monat her by JamesBond
Fieselsteinchen
1 Monat her
Antworten an  JamesBond

Mein Vater, Alt-CDUler seit 30 Jahren, trat 2009 am nächsten Tag aus der CDU aus. Er schrieb einen klaren Brief über seine Beweggründe mit deutlichen Warnungen an führende CDUler der Landes- und Bundespolitik, da er selbst in die Kommunal- und Landespolitik eingebunden war. Nichts und niemanden interessierte es! Frau und Ost – das waren die neuen Quoten sowie vermeintliche Progressivität. Niemand wollte ihn damals aus seinem Umfeld verstehen, das Verstehen trat 2015 ein und steigerte sich Jahr für Jahr. Mein Vater starb vor einigen Jahren, aber zum Schluss sagten seine verbliebenen Parteifreunde: „Hätten wir …!“ Merkels Biografie und ihre Persönlichkeit… Mehr

Last edited 1 Monat her by Fieselsteinchen
Otto Normal
1 Monat her

Das fällt Herrn Schlarmann aber ziemlich spät auf. Wieso ist er damals nicht unter Protest zurückgetreten? Er gibt damit selbst die Antwort: Opportunismus und Duckmäusertum sind einfach zu verlockend.

Mozartin
1 Monat her
Antworten an  Otto Normal

Nein. Zunächst bin ich sehr dankbar dafür, dass nun vielleicht etwas mehr über die Entscheidungsfindungen während der Merkelzeit der CDU bekannt werden. Damit kann ich aber immer noch nicht wissen, wie das vorher ablief und wie jetzt mit Merz. Jedenfalls entnehme ich dem Artikel hier, dass zunächst ein sehr kleiner Kreis mit Merkel tagte, dann das Präsidium und zum Schluss wurde die Partei informiert. Klingt ganz so, als sei die CDU eine Kanzler*Partei gewesen. War sie es in dieser Form schon immer, ist sie es so noch heute? Keine Frage, dass ich als Mitglied meiner Partei(SPD) eher den Aufbau über… Mehr

Mozartin
1 Monat her
Antworten an  Mozartin

Dazu fällt mir noch ein, dass souverän nicht die Person ist, die über den Ausnahmezustand verfügt (Carl Schmitt), die eine Diktatur schafft, um Macht ausüben zu können (Hitler), auch nicht die, die zuletzt göttlich legitimiert über Krieg und Frieden entscheiden kann (Kaiser Wilhelm der II.), souveräne Menschen, sprechen, handeln und verantworten. In guten Zeiten braucht es die nicht so sehr, in schlechten überall? Jedenfalls empfinde ich redigierte Foren als ein sehr gutes Mittel, sich zu üben als Staatsbürger, Politiker oder einfach nur Mitbürger. Souveräne Leute machen nicht alles richtig, sobald sie sich absolut setzen, können auch sie problematisch werden. Adenauer… Mehr

HansKarl70
1 Monat her

Eine merkwürdige Bilanz hat die ganze Partei hinterlassen. Stimmen die eine Diskussion, der vom Vorstand beschlossenen Einseitigkeit gefordert hätten, habe ich nicht gehört. Anscheinend war der größte Teil der Mitglieder, mit dem was dort beschlossen wurde einverstanden. Die cdu geht den ihr bestimmten Weg und das ist gut so. Dieses Chaos an Abhängigkeiten und Beziehungen wäre auch nicht mehr zu entwirren.

derostenistrot
1 Monat her

Für mich war die Szene, auf dem CDU-Parteitag in der die deutsche Flagge in die Ecke geschmissen wurde, das Menetekel. Spätestens an diesem Punkt hätte auch eine Herr Schlarmann regieren müssen. Aber in anderen Parteien läuft es nicht besser: Beispiel Grüne. Ein renommierter Neuromedizin- Professor aus Ludwigshafen stimmt dem „Selbstbestimmungsgesetz“ mit all den Implikationen zu. Warum ist dieser Mann so feige, oder hat er im Studium geschlafen?

Werner Brunner
1 Monat her

Kann es denn sein , dass so viele Bürger Frau Merkel
für eine notorische Kriminelle halten ?
Wenn sie eine solche wäre , wo ist dann der Staatsanwalt ?
Wer waren bzw . sind ihre Mittäter ?
Fragen über Fragen , die alle einer Beantwortung harren !

azaziel
1 Monat her
Antworten an  Werner Brunner

Die richtige Frage lautet: wer sind die Puppenspieler? Auf wessen Kommando hoeren Merkel, Scholz, Merz, Strack-Zimmermann und viele andere mehr.