Islam: Schäuble und de Maizière irren

Schäuble nennt es ein Missverständnis von Religion, wenn sie in Fanatismus und Gewalt abgleite. De Maizière ist der Islam Kitt der Gesellschaft. Was aber nun, wenn den beiden Ministern ein gravierendes Missverständnis unterliefe?

© Steffi Loos/Getty Images
Sheikh Ahmad Al-Tayeb (L), the Grand Imam of Cairo's s Al Azhar mosque and German Interior Minister Thomas de Maiziere on the third day of the Protestant Church Congress on May 26, 2017 in Berlin

Ach herrje: Der deutsche Finanzminister macht’s wie der kirchentagsglücksselige Innenminister, der doch gerade noch eine deutsche Leitkultur via BamS mit Kirchenglockengeläut abfeiern wollte. Der nun in Berlin ausgerechnet mit einem islamischen Geistlichen auftrat und dort erklärte, der Islam, wenn er denn ein aufgeklärter, europäischer und der Demokratie zugewandter Islam sei, tauge als Kitt der Gesellschaft. Ja, könnte man anfügen, wenn das Eichhörnchen eine Giraffe wäre, dann müsste es nicht die Bäume hochklettern, sondern könnte gleich anfangen zu naschen.

Zum Finanzminister aber gleich. Bleiben wir vorerst noch bei Thomas de Maizière und der Frage, was noch alles wünschenswert wäre für dieses Deutschland und seine Deutschen: „Der Islam als Kitt der Gesellschaft.“ Wie bitte? Die Frage muss erlaubt sein: Hatte ihm ein evangelisches Blumenmädchen den orangen Schal zu eng zugezogen? Immerhin entpuppte sich der Islam gerade mal wieder als gesellschaftliche Herausforderung Nummer eins, ebenso wie islamistische Attentäter Staatsfeinde Nummer eins sind. Aber unser Innenminister versteigt sich darauf, zwischen uns und eine Millionen Einwanderer ausgerechnet den Islam als Kitt und Integrationshilfe schmieren zu wollen.

Und das ausgerechnet noch auf dem evangelischen Kirchentag. Eine Online-Zeitung untertitelte: „Orange sind die Schals der Kirchentagsbesucher, sanft ihr Gemüt.“ Sanft ist hier offensichtlich noch nicht die passende Bezeichnung. Und „schlicht“ wäre zu höflich ausgedrückt.

"Engagierte Demokratie gestalten - Verantwortung übernehmen"
Kirchentag mit Barack Obama und Angela Merkel vor dem Brandenburger Tor
Aber wechseln wir nun rüber zum Finanzminister – das scheint ja regelrecht eine inflationäre Umarmung des Islam zu sein, mitten hinein in so ein heißes Wochenende, mitten hinein in eine Zeit, wo die Mädchen wieder kurze Hosen und dünne Blusen tragen und sich viele Bürger im Vorbeigehen schon heimlich fragen: Na, hoffentlich geht das mal nicht schief angesichts hunderttausender notdürftig mit Aufklärungsbroschüren ausgestatteter junger muslimischer Männer ohne Kultur-, Orts- und Sprachkenntnisse. Finanzminister Schäuble spricht sich unbeirrt für mehr Zusammengehörigkeitsgefühl aus. So, als könne man Gefühle von oben herab diktieren oder sogar verordnen.

Es sei, so Schäuble, sogar ein Missverständnis von Religion, wenn sie in Fanatismus und Gewalt abgleite. Ach so: Nizza, Würzburg, London, Berlin, Paris, Istanbul und Manchester alles nur eine Reihe von Missverständnissen. Umso weiter man sich hineindenkt in diese ministerialen Verwirrungen, desto aufgebrachter wird man ja. Dachte man doch bisher, ein Missverständnis basiere darauf, dass etwas falsch verstanden wurde. Der Attentäter hat seine Religion also nur falsch verstanden. Hat dem falschen Vorbeter zugehört oder nur die falschen Prediger auf youtube abgespielt.

Was aber nun, wenn unseren beiden Ministern ein gravierendes Missverständnis unterlaufen wäre? Was, wenn diese monotheistischen Religionen überhaupt nicht friedlich sind oder sein wollen, sondern im Gegenteil, Fanatismus und Gewalt überhaupt erst die Grundlage dafür gewesen sind, dass auch wir unseren Jesus heute überhaupt noch wissentlich denken können? Am 27. Februar 380 erklärten drei Kaiser in Thessaloniki das Christentum zur Staatsreligion und stellten nichtchristliche Religionen unter Strafe. Von da an regierte das christliche Schwert und zog eine mächtige Blutspur durch die Zeit. So gesehen auch das eine beeindruckende Erfolgsgeschichte.

Einer der wirkmächtigsten Kirchenkritiker unserer Zeit, Karlheinz Deschner, arbeitete fast sein ganzes Leben daran, die Kriminalgeschichte des Christentums aufzuschreiben und wurde doch nicht fertig damit. Seine auf vielfältige Weise von der Kirche angefeindete Arbeit steht vorläufig am Ende einer langen Kette von Einfriedungen eines gewalttätigen Christentums hin zu einem, das – zumindest in Europa – keinem mehr weh tut.

Aus dem Almanach des Irrsinns - heute:
Die Mächtigen und die Religion
Kurz gesagt: Dem gebändigten Christentum des Schwertes steht heute ein ungebändigter Islam gegenüber, dessen schlagkräftigste Armee, der IS, gerade ganze Landstriche verwüstet und die Gegenwart um eintausend Jahre zurückdrehen will, während unser deutscher Minister dem Köpfe abschneidenden IS vom orangen Kuschelkirchentag hinüberruft: Sorry, ihr Lieben, Ihr habt Eure Religion falsch verstanden. Glaubt uns: Wir domestizierten Christen wissen es besser. Ihr müsst eure Religion nur den europäisch-säkularen Werten unterwerfen, dann kommen wir alle gut miteinander zurecht. Amen.

Der Münchner Erzbischof Reinhard Kardinal Marx erklärte Ende 2016 in einem Christ&Welt-Interview: Die Gestaltung der Welt gehöre zum christlichen Auftrag. Nein Herr Kardinal, Ihre Aufgabe bleibt die Barmherzigkeit. Belassen Sie es gefälligst dabei. Für Gerechtigkeit hat ausschließlich die Politik zu sorgen. Das sind die Werte, das ist auch die Werteteilung, die unser Innenminister unmissverständlich zu vertreten hat. Auch auf einem Kirchentag und ganz besonderes gegenüber einem Gast aus dem islamischen Kulturkreis, der es auf besondere Weise verdient hat, diese europäischen unverhandelbaren Werte vermittelt zu bekommen, um sie dann gerne als Leitkultur den hier lebenden Muslimen zu übermitteln. Gerne auch in seiner Sprache.

Ob das jemals geschieht, kann unsere Sache nicht sein. Aber wenigstens den Versuch sollte man nicht verweigern wie aktuell gerade zwei unserer wichtigsten weltlichen Entscheider unter einem offensichtlich zu eng angelegten orangen Schal.

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Kommentare ( 40 )

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GastKommentar
7 Jahre her

Lieber Herr Wallasch, ich habe ihre Kolumne mit resigniertem Schmunzeln genossen, möchte aber dennoch eine kleine Anmerkung machen: Sie schreiben :“Für Gerechtigkeit hat ausschließlich die Politik zu sorgen“ und negieren damit das Zitat von Herrn Erzbischof Reinhard Kardinal Marx „Die Gestaltung der Welt gehöre zum christlichen Auftrag“. Diese beiden Aussagen schliessen sich jedoch nicht aus. Ich stimme ihnen zu, daß Kirche und Staat einer Trennung unterliegen müssen, bin aber der Meinung daß unsere christlichen Kirchen durchaus eine Mitverantwortung für eine gerechte Gestaltung der Welt haben. Immer dann, wenn die Politik glaubte, für Gerechtigkeit sorgen zu müssen ging es in den… Mehr

Dieter Rose
7 Jahre her

Hadsch mich, ich bin die Misere!

atatter
7 Jahre her

ich verachte unsere politiker nur noch. sie lassen deutschland fallen wie einen heißen lappen und mit ihm die alteingesessenen bürger. wohlgemerkt deutschstämmige genauso wie gut integrierte ausländer.

Marcel Börger
7 Jahre her

Ja, mit dem paradoxen Rollentausch haben Sie wohl leider Recht.

The Saint
7 Jahre her

Ja haben Sie denn den Papst und die Käßmann davon in Kenntnis gesetzt, dass die Bibel künftig nur aus dem NT besteht? Die wissen möglicherweise noch gar nichts von Ihrer Entscheidung.

Es ist übrigens infantiler Quark, Sir, peinlich wird es erst dann, wenn vernunftbegabte Menschen darauf bestehen, das Geschwurbel sei das Wort Gottes. Das gilt analog für den Koran. Also: wenn Glaubensrichtungen an ausgemachten Blödsinn glauben, Oberon, dann stehen sie intellektuell, wissenschaftlich, logisch und religiös auf einer Stufe.

Illusionslos
7 Jahre her

So ein Missverständnis, wie Schäuble es nennt, konnte man gerade in der Uckermark, Merkels Heimat, in Haft nehmen. Ein 17 j. syrischer illegaler Flüchtling plante ein Selbstmord Attentat in Berlin. Lt.Focus
Von diesen Missverständnissen haben wir aber zu viel, bitte teilen Sie das doch endlich auch mal den Imamen und Muslimen in DE mit. Stattdessen bekommen wir von Herrn Maaßen zu hören, dass es noch viel schlimmer kommt, und wir mit noch mehr Mißverständnissen rechnen müssen.
Ausgerechnet auf einem Kirchentag diese widerlichen Verbrechen noch als Mißverständnis zu verharmlosen ist ungeheuerlich .

T. Pohl
7 Jahre her

Ja. Seufz! Aber warum ?
Wenn ich mir unsere Politiker und Kirchenfuzzis so anschaue, scheinen wir vom Land der Dichter und Denker zum Land der Volltrottel geworden zu sein……
Sic transit gloria Germaniae……..

ZurückzurVernunft
7 Jahre her

Das ist sicher oft der Fall – insbesondere ist im Alltag davor wohl kaum jemand gefeit, weil Eitelkeit wohl zu den stammesgeschichtlichen Grundlagen des Menschen gehört und einen evolutionären Zweck erfüllt. Was ich meine ist eine philosophisch-intellektuelle Bescheidenheit nach Karl Poppers Motto: „Ich weiss, dass ich nichts weiss und kaum das“. In diesem Sinne halte ich die Agnostiker für viel bescheidener, als sowohl die Atheisten (die wissen wollen, dass es keine Götter gibt) als auch die Religionsanhänger, insbesondere diejenigen, die glauben, den „richtigen“ Gott zu kennen. Ich persönlich halte es für durchaus möglich, dass es so etwas wie „Gott“ geben… Mehr

Cornelius Angermann
7 Jahre her

Jedenfalls funktioniert die Welt, ohne dass ein Gott ständig eingreift. Die Naturgesetze funktionieren ganz ohne Gott. Und wenn es einen Gott gäbe, der alles lenkt und damit für ALLES auf Erden verantwortlich ist, dann wäre Gott wie ein grausames Kind, dass Ameisen mit einem Brennglas grillt. Wer Wissen mit absolutem Wissen gleichsetzt, ist ohnehin auf dem Holzweg. Wissen ist immer relativ, bis etwas gegenteiliges bewiesen wird. Das ist das Credo wahrer Wissenschaft. Das Credo der Religionen ist, dass sie auf Wunder angewiesen sind. Solche Wunder wurden jedoch nie beobachtet und nie objektiv bewiesen. Ein wahres Wunder wäre ein Vorgang, der… Mehr

Johann Thiel
7 Jahre her

Ja, Gleichmacherei soweit das Auge reicht.