Gegenwind für Lauterbach

Der Virologe Klaus Stöhr und der Kassenarztvorsitzende Andreas Gassen stellen sich den Prognosen von Gesundheitsminister Karl Lauterbach von einer bevorstehenden „katastrophalen“ Pandemie-Entwicklung entgegen.

IMAGO / Future Image

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) warnte, dass im Herbst eine „katastrophale“ Pandemie-Entwicklung bevorstehe, wenn nicht bald Maßnahmen in die Wege geleitet würden. „Wenn wir so wie jetzt in den Herbst hineingingen, also ohne weitere Schutzmaßnahmen, ohne Masken, ohne alles, dann würde das bedeuten, dass die Fallzahlen stark steigen würden, aber auch die Intensivstationen überlastet würden“, erklärte der Bundesgesundheitsminister. Zudem empfahl Lauterbach nun auch die vierte Impfung für unter 60-Jährige.

Stöhr: Unvernünftig, im Sommer ins Panikhorn zu blasen

Der Virologe Klaus Stöhr korrigierte Lauterbach. Gegenüber der Welt prognostizierte er eine „erwartbare Winterwelle“. Auch die Winterjahre vor Corona sei der Druck auf die Intensivstationen groß gewesen. Im Gegensatz zu anderen Ländern sei jedoch die Quote derjenigen, die sich in Deutschland auf natürlichem Wege infiziert hätten, vergleichsweise niedrig. „Ohne die natürliche Immunisierung wird es keine Normalität geben“, sagte Stöhr.

Es werde demnach tatsächlich viele Fälle im Herbst geben, aber es käme darauf an, was daraus gemacht würde. „Die Frage ist, wie das politisch interpretiert wird“, erklärte der Virologe. Mit der Semantik, dass es „katastrophal“ werde, könne er sich nicht „einverstanden erklären“. Zwar seien die Inzidenzen derzeit hoch, aber die Zahl der Intensivpatienten sei niedrig, und das sei „das Entscheidende“. Er halte es daher für unvernünftig, „im Sommer in das Panikhorn zu blasen“.

Gassen: Alle paar Monate unkritisch eine Boosterimpfung, nur, weil so viel Impfstoff bestellt wurde?

Von der Impfdose zum Impfmüll
Deutschland muss noch eine Million Corona-Impfdosen mehr einstampfen als erwartet
Deutlicher artikulierte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, seine Vorbehalte gegenüber den Aussagen Lauterbachs. Insbesondere die Empfehlung des Gesundheitsministers zur vierten Impfung bewertete er kritisch. „Unter anderem aus israelischen Studien wissen wir, dass ein zweiter Booster bei jüngeren Gesunden nicht sinnvoll ist“, sagte Gassen der Neuen Osnabrücker Zeitung in einem Interview. Lauterbach sei mit seiner Empfehlung zum zweiten Booster „ziemlich exklusiv unterwegs. 30- oder 40-Jährigen pauschal eine vierte Impfung zu empfehlen, das halte ich für falsch“.

Gassen betonte, das Immunsystem sei hochkomplex, und viel helfe nicht immer viel. „Alle paar Monate unkritisch eine Boosterimpfung, nur, weil so viel Impfstoff bestellt wurde?“, fragte Gassen – und spielte damit auf die berüchtigten Bestellungen des Gesundheitsministers an. „Ich werde mir jedenfalls keinen zweiten Booster geben lassen“, erklärte er weiter. „Sorgen bereitet mir nicht die aktuelle Corona-Entwicklung, sondern die Rufe nach erneuten überzogenen Schutzmaßnahmen bis hin zum neuen Lockdown.“ Außerdem setzte sich Gassen für ein Ende aller Corona-Isolations- und -Quarantänepflichten ein.

Lauterbach: Nicht hilfreich, wenn ein Ärztefunktionär betont, sich nicht impfen zu lassen

Lauterbach reagierte sofort auf die Kritik. „Infizierte müssen zu Hause bleiben. Sonst steigen nicht nur die Fallzahlen noch mehr, sondern der Arbeitsplatz selbst wird zum Sicherheitsrisiko“, twitterte er noch am Samstag. Auch die mangelnde Impfbereitschaft kritisierte der Gesundheitsminister via Social Media. „Auch ist es nicht hilfreich, wenn ein wichtiger Ärztefunktionär betont, er werde sich im Herbst nicht impfen lassen. Das schafft kein Vertrauen“.

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Kommentare ( 71 )

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Johannes S. Herbst
10 Tage her

Die Regierung braucht Lauterbach um im Herbst die Proteste wegen Enrgieknappheit durch Kontaktbeschränkugen zu unterbinden…

Oblongfitzoblong
13 Tage her

Warum erzählen eigentlich alle, Fachleute bis Tichy, immer wieder die fragwürdige Deutung der positiven Testungen als Infektionen, die zur angeblichen Überlastung des Gesundheitssystems führen? Wenn man in Politik und Medien dieses nicht lässt, und auch endlich die Unterscheidung nach mit oder an beruecksichtigt, ca. 90% sind wohl als „Beifang“ an Corona gestorben, kommen wir bis zum Ende aller Tage aus dem Lauterbachsyndrom nicht heraus!

R.J.
14 Tage her

Danke. Herr Stöhr und Herr Gassen haben aus rationaler, wissenschaftlich informierter Sicht Recht. Herr L. könnte allerdings insofern „Recht behalten“, als wir sehr wohl einen massiven Anstieg anderer viraler, vor allem respiratorischer Infekte sehen könnten, auch solcher mit schweren Verläufen, und das vor allem bei Rentnern, die nicht mehr angemessen heizen können, aber auch bei Kindern. Ob es gelingen wird, das auf Corona zu projizieren und als Corona auszugeben, etwa durch obligatorische Tests mit beliebigem Ct-Wert, ohne zugleich auf andere Viren zu testen, bleibt abzuwarten. Die Strategie der totalen Protektion ist deletär für das Immunsystem, aber Herr L. stellte ja… Mehr

Monostatos
14 Tage her

Lauterbach ist nicht erst jetzt das größte Gesundheitsrisiko für Deutschland

AnSi
14 Tage her

Die Reaktionen bei twitter sind zum Fürchten. Mehr als die Hälfte findet die Aussagen dieses Clowns noch gut und befürwortet das alles. Die wollen sich auch 4x spritzen lassen. Mir fällt dazu nichts mehr ein. Alle schon das Hirn weg gespritzt.
Ich werde mich auch zum vierten Mal NICHT „pieksen“ lassen!

Eugen Karl
14 Tage her

Nicht hilfreich, schafft kein Vertrauen – das ist es, was Lauterbach dazu einfällt. Ein Armutszeugnis. Warum muß ein Kassenärztevertreter „hilfreich“ sein? Wem muß er helfen? Offenbar allein der Regierung. Warum? – Und zweitens: Vertrauen schafft man durch Evaluierungen mit allen nötigen Zahlen. Wer die gar nicht erst erheben will, Evaluierungen lange Zeit blockiert, DER schafft kein Vertrauen. Was Lauterbach aber meint, ist: nicht Vertrauen soll geschaffen werden, sondern naives, unreflektiertes Zutrauen und das gerne auch durch Lügen, wenn es anders nicht geht. Das Mittel der Lüge wird durch ihren Zweck geheiligt, der Zweck ist die kritiklose Zustimmung zu allem, was… Mehr

Last edited 14 Tage her by Eugen Karl
Sonny
14 Tage her

Warum darf dieser Minister aus der spd immer noch einen Ministerposten bekleiden? Warum ist der nicht längst entlassen worden?

RS
14 Tage her

Wer war Karl Lauterbach? War das nicht dieser Weltuntergangs- b.z.w. Intensivstationenüberlastungsprophet und Boosterfetischist aus den frühen 2020er Jahren? Am Ende verschand er sang- und klanglos in derselben Kulisse, aus der man ihn hervorgekramt hatte. Er krakelte pausenlos das eine Lied, das er einmal gelernt hatte, aber keiner hat ihm mehr zugehört, keiner hat ihn mehr ernst genommen, keiner hat mehr auf ihn gehört, keiner hat ihn mehr beachtet.

Manni2801
14 Tage her
Antworten an  RS

Falsch, jeden Tag sehe ich seine Fans mit Maske auf Parkplätzen,auf Fahrrädern, in PKW´s, und nicht nur Alte!!

RS
14 Tage her
Antworten an  RS

Die Maske war schon vor und ist unabhängig von Herrn Karl. Aber daran können Sie sehen, wie Diktaturen funktionieren, nämlich durch das Heer der unkritischen Mitläufer. Manchmal frage ich mich was wohl passieren würde, wenn man denen, die bei intensivem Sonnenschein plus Wind im Freien oder allein im Auto mit FFP2 Maske herumlaufen, auftrüge, ab morgen Bücher zu verbrennen und ab übermorgen Juden zu töten. Was hier seine erschreckenden Schatten wirft, hat mal jemand die „Banalität des Bösen“ genannt. Wenn Corona uns eines gelehrt hat, dann dies, daß es sich jederzeit wieder Bahn brechen kann. „Bleiben Sie gesund und achten… Mehr

Manni2801
13 Tage her
Antworten an  RS

nun ja, OP Masken mußten wir tatsächlich schon vor dem Typchen im Op tragen. aber ungenießbar war er immer schon, ein armer Willi.

Karina Gleiss
14 Tage her

Vielleicht setzt dieser „Gesundheitsminister“ ja einfach einen Plan um, auf seine sehr spezielle Weise, und hat sich dafür dieser Tage neue Order in Übersee abgeholt… Gut vernetzt und offensichtlich (deshalb) unantastbar. Welche Überraschungen der kommende Herbst wohl bereithalten mag?

Last edited 14 Tage her by Karina Gleiss
Teiresias
14 Tage her

„Hilfreich“ ist typischer Merkel-Sprech einer Exekutive, die nicht auf Reaität und Wahrheit basiert, sondern Bestätigung des Narrativs als Vorwand für machtpoitische Maßnahmen sucht.

Die Realität ist wahr oder falsch, „hilfreich“ ist da keine relevante Kategorie!

Last edited 14 Tage her by Teiresias