„Es ist ein bisschen wie sterben“: AfD-Symposium zur Windkraft

Das Windkraft-Symposium der AfD bietet einen Gegenpol zur Erzählung der Energiewendelobby. Deutschland geht diesen Weg alleine und ist abschreckendes Beispiel, wie man es nicht machen soll.

IMAGO / Andreas Franke
Winterwetter in Brandenburg DEU/Deutschland/Brandenburg/Briesnig, 11.01.2026, Windraeder / Windenergieanlagen WEA sind auf Flaechen des Tagebaus Jaenschwalde zu sehen, im Hintergrund das Kohlekraftwerk Jaenschwalde.

„Es ist ein bisschen wie sterben. Man muss einen kleinen Teil von sich abgeben, wenn man zugibt, mit etwas falsch gelegen zu haben.“ Mit diesen Worten endet das Windkraft-Symposium der AfD-Fraktion im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus des Deutschen Bundestages. Tosender Applaus bricht aus den Reihen des Publikums hervor. Mit keinem anderen Satz hätte Robert Stein, Chefredakteur bei Die Kehre, das Symposium besser beenden können.

Auch wenn der Satz zum Ende des Symposiums fiel, sollte er dennoch Leitbild des gesamten Tages sein.

Ein Raum, der Ordnung erzwingt

Während der Applaus im Saal nachhallt, fällt der Blick auf die hohe Glasfront hinaus auf die Spree. Das Wasser ist mittlerweile dunkel gefärbt. Die Sonne ist untergegangen. Rechts tut sich eine weitere Glasfront auf, durch die bunte Lichter in den Raum leuchten. So bunt wie die verschiedenen Vorträge des Tages, die noch vor ein paar Stunden den Raum erfüllt haben.

Der Raum im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus ist genauso präzise und akkurat strukturiert wie die Inhalte der Redner.

Wer Teil des Publikums ist, sitzt erhöht. Vier Sitzreihen für das Publikum ziehen sich in einem Halbkreis um den Saal, erreichbar über eine graue Treppe, die den Zuschauerbereich vom unteren Raum abtrennt. Dieser ist ebenfalls geschmückt von mehreren hellbraunen Tischen, die im Halbkreis angeordnet sind und an denen die Redner des Tages sitzen.

Bereits der erste Vortrag beginnt mit harten Worten, die im Laufe des Tages nicht angenehmer werden sollten: „Jährlich sterben Zehntausende Fledermäuse. Die Energiepolitik ist keine grüne, sondern eine blutrote Politik.“ Leises Nicken und Raunen geht durch den Raum. Draußen stürzt sich ein Vogel im Sturzflug über die Spree.

Während über die Beeinflussung des lokalen Klimas durch die Windkraft gesprochen wird, steigt der Duft von frisch gelegtem Teppich, alten Menschen und Frühstücksbrötchen auf.

Im rechten Teil des Raumes befindet sich ein drei Meter hoher Bildschirm, auf dem im Laufe des Tages einzelne Redner und PowerPoint-Folien zu sehen sein sollten.

Wissenschaft gegen Ideologie

Mit den Darstellungen der Windparkbetreiber wird hier kritisch umgegangen: Kohlenstoffdioxid sei kein Schadstoff, sondern Grundlage des Lebens. Windparks reduzierten den Niederschlag und das Pflanzenwachstum. Abrieb der Windräder enthalte toxische Stoffe, die in die Landschaft und so in die Nahrungskette getragen würden.

Die Zuhörer sind gebannt – ausgenommen ein älterer Herr, der sich auf der linken Seite des Publikums befindet und in sich zusammengesackt für einige Minuten vor sich hin döst.

So theoretisch und wissenschaftlich der ein oder andere Vortrag sein mag, desto unterhaltsamer sind die einzelnen Vorkommnisse während des Symposiums. Mindestens ein Handy aus dem Publikum klingelt alle halbe Stunde, zwischendurch fängt es irgendwo im Raum an zu piepen und so manch ein Redner spricht zu leise in sein Mikrofon oder die Folien im PowerPoint-System springen nicht zu der gewünschten Stelle.

„Ich höre sowieso schlecht“, erwidert ein älterer Mann, der gerade seine Rede hält. Als sein Video, das er auf der Leinwand zeigen wollte, nicht anspringt, schaut er entsetzt zum Technik-Team und äußert genervt die Worte: „Hallo!? Jetzt das Video!“ Das Publikum reagiert mit „Oha“ und „Ohhh“. Den rauen Ton sind viele wohl nicht gewöhnt – obwohl es doch ein AfD-Treffen ist.

Anders als in den hitzigen Debatten des Bundestages bleibt der Ton im Saal dennoch ruhig. Als Beatrix von Storch den Raum betritt, ist der Applaus einhellig. Widerspruch bleibt aus.

Immer wieder versuchen sich einzelne Teilnehmer zu melden, um im Anschluss streng von Andreas Bleck, Leiter des AfD-Arbeitskreises Umwelt und Klimaschutz, mit den Worten: „Nicht melden. Es gibt keine offenen Fragen. Alle Fragen werden online über den QR-Code gesammelt“, zurückgewiesen zu werden.

Während das Publikum sich erfolglos während der Reden versucht zurückzuhalten, ist der Gesprächsanteil in der Mittagspause noch höher.

Frank Henning, Diplom-Ingenieur und TE-Autor, ist eingeladen, um über die Zukunft der Energieversorgung zu sprechen. Windkraft ist für ihn keine Zukunftsenergie, und das Vorhaben, ein Energiesystem komplett auf Wind und Sonne umzustellen, würde auch in Zukunft nicht gelingen. Die Folge sei ein Systemversagen, das eine Änderung des aktuellen Kurses erzwingen würde, denn die Menschen seien jetzt, aber auch in der Zukunft, nicht bereit dazu, für den Klimawandel oder die erneuerbaren Energien zu frieren oder zu hungern.

Neben dem Buffet schiebt sich ein Mann mit auffallend grüner Weste durch die Menschenmenge, vorbei am Buffet. Auf seinem Rücken steht in schwarzer Schrift: „Keine Windkraftanlagen in unseren Wäldern.“

Das Publikum besteht überwiegend aus älteren Männern, die gespannt zuhören und mit verschränkten Armen dasitzen. Das Symposium ist von Statements und Studien gefüllt, die die Nackenhaare eines jeden Links-Grün-Wählers aufstehen lassen würden. Sei es die Aussage, dass Kohlenstoffdioxid lebensnotwendig sei, oder etwa, dass die jüngsten Terrorangriffe der Vulkangruppe in Berlin auf die Stromversorgung gewollt waren, um die Bürger zu einer anderen Energieform zu zwingen. Doch statt Entsetzen applaudierten und nickten die Menschen mit dem Kopf.

Als Zuschauer mittig der Sitzreihen fällt ein Polizeiauto mit angeschalteten Frontlichtern auf, welches einem direkt gegenübersteht. Zwar außerhalb des Gebäudes und auf der anderen Seite der Spree, doch die Position und die angeschalteten Lichter erwecken den Eindruck, bei etwas Verbotenem und Grausamem beobachtet und überwacht zu werden.

So unterschiedlich die einzelnen Sprecher sind, desto unterschiedlicher ist ihr Redestil. Während ein älterer Mann Probleme mit der Technik hat und stirnrunzelnd vor seinem Mikrofon sitzt, steht ein Mitte-dreißig-jähriger Mann auf, stellt sich an einen der drei Stehtische, die vor der Leinwand stehen, und nimmt den ganzen Raum für sich ein. Er macht Werbung für die AfD, zählt detailliert Vorzüge und Wahlversprechen auf und gewinnt damit klatschend und fröhlich lächelnd die Mehrheit des Publikums für sich.

Doch bei einem Vortrag sind sich alle der knapp dreihundert Besucher einig: Wenn ein Windkraftwerk anfangen würde zu brennen, reichen nicht nur eine Löschdecke und zwei Feuerlöscher. Unterstrichen wurde diese Feststellung mit tosendem Gelächter.

Die Zustimmung zu den Punkten in den Vorträgen des Publikums mag wohl daran liegen, dass die Mehrheit Sympathisanten oder selbst Mitglieder der Partei sind.

Vielleicht ist es tatsächlich ein bisschen wie Sterben, einen Irrtum einzugestehen. Das erklärt, warum die Energiewende weiter verfolgt wird, obwohl sogar der Bundeskanzler verkündete: Der Ausstieg aus der Kernenergie war ein Fehler. Obwohl die Gasspeicher in diesem Winter bedrohlich leer sind. Obwohl Industrie und Haushalte unter hohen Preisen für Strom und Wärme leiden. Vielleicht stellt der Gedanke aber auch einen Anfang dar. Ein Anfang, der weitergedacht werden muss. Und das nicht nur von Adlern, sondern auch von kritischen Stimmen aus den linken und grünen Reihen. Sobald der Diskurs aufhört, da jeder nur auf seiner Meinung beharrt, kann keine Lösung gefunden werden und Menschen werden frieren und Tiere sterben müssen.

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