Der seriöse Herr Kühnert und wer was wo schreiben darf.

Attacke auf Arnold Vaatz: Der SPD-Vize wirft dem Unionspolitiker vor, in „Tichys Einblick“ zu publizieren. Dort seien „keine seriösen Stimmen unterwegs“. Das sagt mehr über den Zustand der SPD aus, als Kühnert ahnt. Die Partei macht sich selbst zur Sekte.

imago Images/Wallmüller

Zu den Politikern, die sich zu dem beziehungsweise gegen den TE-Gastbeitrag des Unions-Fraktionsvize Arnold Vaatz äußerten, gehörte auch der stellvertretende SPD-Vorsitzende Kevin Kühnert. Zur Erinnerung: Vaatz hatte der politischen Führung der Polizei in Berlin vorgeworfen, die Zahl der Demonstranten vom 1. August in Berlin kleingerechnet zu haben, außerdem kritisierte die unterschiedlichen Maßstäbe von linken Politikern, mit denen die Black-Lives-Matter-Demonstrationen zuvor gelobt, die Demonstranten vom 1. August dagegen als „Covidioten“ abgekanzelt worden waren.

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In einem Video-Interview mit der Welt brachte Kühnert nichts Inhaltliches gegen den Unionspolitiker vor, warf ihm aber den „Ort“ vor, an dem er seinen Kommentar publiziert hatte – also Tichys Einblick. Laut Kühnert „ein Rechtsaußen-Blog, wo sonst politisch seriöse Stimmen nicht unterwegs sind“.

Das erlaubt einen interessanten Einblick in Kühnerts Maßstäbe. In TE sind – in Interviews oder eigenen Beiträgen – in den letzten Jahren unter anderem der frühere ifo-Chef Hans-Werner Sinn und sein Nachfolger Clemens Fuest zu Wort gekommen, der Unternehmer Heiner Weiss, der Ökonom Bernd Raffelhüschen, das Vorstandmitglied der Deutschen Bundesbank Johannes Beermann, der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Unternehmer wie Christoph Gröner und Klaus-Michael Kühne, die Bundestags-Vizepräsidenten Hans-Peter Friedrich und Wolfgang Kubicki, der damalige Österreichische Außenminister und heutige Bundeskanzler Sebastian Kurz, der Autor und frühere SPD-Politiker Thilo Sarrazin, der FDP-Fraktionsvize Michael Theurer, der Vorsitzende der Unions-Mittelstandsvereinigung Carsten Linnemann, Polizeigewerkschafts-Chef Rainer Wendt, der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der Migrationsberater der Bundesregierung Gerald Knaus, der Historiker Michael Wolffsohn, der Schriftsteller Uwe Tellkamp, der Althistoriker Egon Flaig, der Medientheoretiker Norbert Bolz und der Autor Asfa-Wossen Asserate oder der Fußballtrainer Felix Magath,  um nur einige zu nennen. Den Fragebogen im gedruckten Magazin füllten bisher unter anderem Focus-Gründer Helmut Markwort, Gloria von Thurn und Taxis, Roger Köppel, der Regisseur Joe Schroeder – und im gerade aktuellen Heft Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Kubicki aus. Zu den regelmäßigen Autoren zählen der CDU-Politiker Ismail Tipi, der Publizist Rainer Zitelmann, der Liberale und frühere Grünen-Politiker Oswald Metzger, der FDP-Abgeordnete Frank Schäffler oder von der CDU Klaus-Peter Willsch. Die Liste ist nicht vollständig. Sie wird ständig länger mit Gesprächspartnern aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Sie müssen etwas zu sagen haben.

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Im Gegensatz zu Kevin Kühnert handelt es sich also um Liberale bis Konservative von den Grünen bis zur CSU, Unternehmer, Wissenschaftler, Politiker, Künstler, die eines gemeinsam haben: eine Botschaft und eine berufliche Biografie.

Möglicherweise hält Kühnert sie alle für unseriöse Stimmen und glaubt tatsächlich, TE sei ein „Rechtsaußenblog“. Es ist weder Rechtsaußen noch Blog. Aber wenn der Vize und möglicherweise nächste SPD-Parteichef sich mit allen Genannten anlegen möchte, dann ist seine Zeit jedenfalls gut ausgefüllt.

Kühnerts Attacke auf Vaatz und TE weist auf ein grundsätzliches Problem der SPD hin: Sie verfügt kaum noch über Spitzenpersonal mit einer normalen Berufslaufbahn. Ihre Vorsitzende Saskia Esken verbrachte bekanntlich nur sehr wenige Jahre mit Erwerbsarbeit. Kühnert selbst brachte bekanntlich sein Studium nicht zu Ende, als Arbeitserfahrung kann der 31jährige auf gelegentliche Jobs in Call-Centern verweisen. Damit fühlt er sich gut für seine Bundestagskandidatur gerüstet, die er gerade bekanntgab.

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Die Auffassung an der Spitze der Sozialdemokraten über das, was seriös ist, unterscheidet sich offenbar von dem, was etwa 90 Prozent der Bevölkerung unter dem Begriff verstehen. Deshalb lebt die SPD ja mittlerweile als prekäre Randexistenz bei 12 bis 15 Prozent der Wählerstimmen und der permanenten Angst davor, demnächst auf fünf abzustürzen, sollte sie zur Bildung der nächsten Bundesregierung nicht mehr gebraucht werden.

Bei ihrem Austritt aus der Partei nach 40 Jahren hatte Ursula Sarrazin kürzlich geschrieben, die SPD sei zu einer „Sekte“ verkommen, in der „die Wirklichkeit nicht mehr beschrieben werden darf“.

Mit dem Beschreiben der Wirklichkeit haben Leute in der Tat Probleme, die noch nie Kontakt mit der Berufswirklichkeit hatten. Wer nur die Welt von sozialistischen Kaderzirkeln kennt, dem kommen irgendwann praktisch alle außerhalb unseriös und rechtsextrem vor. Wahrscheinlich sogar Olaf Scholz. Gegen den gibt es eine Kampagne des linken Parteiflügels („NOlaf“), um ihn als Spitzenkandidat zu verhindern.

Seriöse Stimmen in Berlin spekulieren übrigens darüber, dass Kühnert eigentlich nur ein Ziel verfolgt: den SPD-Vorsitz zu übernehmen und die Fusion mit der Linkspartei zu vollenden.

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Kommentare ( 296 )

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296 Kommentare auf "Der seriöse Herr Kühnert und wer was wo schreiben darf."

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Es ist doch egal was ein Bübchen erzählt das mit 31 noch bei den Eltern wohnt.

Das Wort „seriös“ aus dem Munde eines Hrn. Kühnert ist an sich schon Realsatire vom Feinsten.

Erstaunlich ist m.E., daß dieser „Herr“ Kühnert in der SPD diese Funktion ausfüllen darf und allen Ernstes für die Parteiführung gehandelt wird; eigentlich sagt das alles über diese Partei. Aber offensichtlich hat man kein besserer Personal… oder gibt es evtl. doch SPD-Parlamentarier, die mehr Bildung als eine große Klappe vorweisen können? Dann stellt sich die Frage, warum treten diese nicht an??? Warum lassen sie dies mit der SPD geschehen?

Leute, die TE lesen, interessiert nicht, was Kevin von sich gibt und Leute, die Kevins Äusserungen ernst nehmen (wie immer das auch geht), lesen nicht TE. Also ist nichts passiert.

Kühnert im Bundestag, ich freu mich schon drauf, bestimmt setzt er sich neben Helge Lindh. Das wird ein Genuss anzuschauen.

Kühnert bildet das Dream-Team mit Sawsan Chebli – auch intelektuell sind die ungefähr auf dem gleichen Level.

Haben Sie mal versucht, Fruchtfliegen zu erklären, dass sie nichts in Ihrer Küche zu suchen haben? Wahrscheinlich nicht, denn die Viecher begreifen das ja nicht: Dafür ist ihre Welt – oder das, was sie davon wahrnehmen – einfach zu klein. Ich fürchte, beim Typ Kühnert ist es genauso. Deshalb ist es auch völlig sinnlos, ihm begreiflich machen zu wollen, dass er nur ein sehr kleines Licht unter Milliarden anderen ist – und nicht wenige davon weit mehr Kompetenz, mehr Urteilsvermögen und mehr Erfahrung besitzen als er. Die Komik, die von solchen Leuten ausgeht, die zwar nichts vorweisen können, aber andere… Mehr

Stimme im Grossen und Ganzen mit Ihnen überein, bis auf den Punkt mit dem selbstständigen Denken. Zumindest in der SPD und den anderen Linksparteien ist Abweichen und selbstständiges Denken unerwünscht. Da geben andere die Agenda vor. Deshalb ist Kevin eigentlich prädistiniert für den Parteivorsitz in der SPD.

@Alt Badener
Augen auf bei der Berufswahl ! Nein, ich habe nur rumgegammelt, mir die Fingernägel gefeilt, die meiste Zeit in der Kantine verbracht und auf den Feierabend .

Tja, Herr Tichy, klassisches Eigentor, würde ich mal sagen!
Alle Personen, die Sie aufführen, sind rechts, rechtsradikal, Weiße, Männer, alt sowieso oder Renegaten!
Hans-Peter Friedrich und Wolfgang Kubicki! Ultra-rechts und sexistisch. Mit Sebastian Kurz und Thilo Sarrazin darf man gar nicht sprechen, die sind ja schon Nazis (der Eine will keine glückbringenden Flüchtlinge, der Andere ist schlimmer als der gesammte Ku-Klux-Clan der letzten 200 Jahren zusammen). Sinn, Fuest, Weiss, Raffelhüschen, Beermann — alles kapitalistische Unterdrücker und Ausbeuter! Mittelstandsvereinigung — geht gar nicht, Polizeigew… Menschen™-drangsalierende Rassisten!
Mensch Tichy, mit was für Leuten umgeben Sie sich!

Wenn ich Kevin Kühnert höre, dann denk ich immer, dass wir mehr Sorgfalt darauf verwenden sollten, wen wir in hohe bist höchste politische Ämter bringen. Wir haben mal einen berufslosen Landstreicher zum Kanzler gemacht und das tat uns nicht gut.

……und der konnte wenigstens noch Postkarten malen. Der andere außer Enteignen ja gleich gar nix.

Man könnte sich allerdings auch fragen, ob sich die Linke eine Zusammenarbeit oder sogar Fusion mit der Resterampe dieser Grableuchten – SPD überhaupt zumuten möchte.
Der Durchschnitts-IQ würde ja automatisch halbiert.😏
Wer braucht sowas?

Das sehe ich auch so – die SPD wird die Linken mit runter ziehen. Ich finde das aber nicht bedauerlich, denn dann hat die SPD ja am Ende doch noch was gutes getan.