Danke für die Brandmauer

Die Alternative für Deutschland ist eine Volkspartei. Das heißt auch: Sie vereint verschiedene Vorstellungen unter einem Dach. Manchmal sind die inhaltlichen Gräben tief. Die Totalausgrenzung sorgt dafür, dass das nicht so auffällt. Noch.

IMAGO

Parteien haben Flügel. Meist sind es mehr als zwei. Das muss kein Problem sein. Libellen zeigen, dass man auch mit vier Flügeln fliegen kann. Aber wenn jeder Flügel in eine andere Richtung will, dann wird es schwierig. Wir haben uns angewöhnt, über „die AfD“ zu sprechen. Dabei übernehmen wir eine alberne – und von den Gerichten immer wieder bemängelte – Pauschalisierung. „Die AfD“ ist gesichert rechtsextrem: Das ist genauso abstrus wie der Gedanke, „die CDU“ sei in Gänze eine fromme, christliche Partei. „Die AfD“ gibt es nicht.

USA, Israel, Iran

Nur selten werden die immanenten weltanschaulichen Gräben so sichtbar wie in diesen Tagen. Die Parteivorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla lassen mitteilen, dass sie die Angriffe der USA und Israels auf den Iran „mit großer Sorge zur Kenntnis genommen“ hätten. Die „erneute Destabilisierung des Nahen Ostens“ liege „nicht im deutschen Interesse“ und müsse „beendet werden“. Dafür bekommen sie viel Gegenwind aus den eigenen Reihen. Der Augsburger Bundestagsabgeordnete Rainer Kraft fasst die Kritik so zusammen:

— Dr. Rainer Kraft, MdB 🇩🇪 (@Dr_Rainer_Kraft) March 1, 2026

Demgegenüber meldet sich der sächsische Bundestagsabgeordnete Matthias Moosdorf per Video mit der Bemerkung zu Wort, „vom Iran ging und geht aktuell keine Gefahr aus“.

Und weiter: „Was uns Sorgen machen muss, ist, dass Israel ein weiteres Land vermutlich destabilisieren wird.“ Moosdorf stimmt auch dem früheren AfD-Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten, Max Otte, ausdrücklich zu. Der hatte gesagt, es gebe eine „Israel-Lobby“ um die stellvertretende AfD-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Beatrix von Storch. Die habe sich mit ihrer Unterstützung des Iran-Angriffs „verrannt“.

Die AfD als Gesamtgebilde ist hin- und hergerissen zwischen gegensätzlichen Positionen. Vor allem im Osten gibt es eine enorm starke, Russland-freundliche und (mindestens) Israel-skeptische Grundhaltung. Das zeigte sich in der anfänglich heftigen Kritik der Partei an der Tesla-Fabrik von Elon Musk im brandenburgischen Grünheide. Da wurde ordentlich gewettert gegen den Unternehmer und seine „erzkapitalistischen“ Geschäftspraktiken.

Doch dann begann Musk, die AfD zu unterstützen. Das erzeugte ein Dilemma, das bis heute mit Händen zu greifen ist: Eine anti-amerikanische Grundhaltung ist mit einem US-Präsidenten und einem US-Milliardär konfrontiert, die beide die Partei offen fördern, mindestens ideell. Das verstärkt die Fliehkräfte. Trump oder Putin? Israel oder Iran? Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?

Etatisten und Libertäre

Wer sich in der von den politischen Konkurrenten unisono so leidenschaftlich ausgegrenzten Partei ein bisschen auskennt, der weiß, dass sich auch sonst hinter dem gemeinsamen Namen und Logo AfD viele Alternativen verbergen.

Vor allem im Osten ist eine eher staatsorientierte Weltsicht verbreitet. Hier wird die Idee von Marktwirtschaft eher nicht positiv konnotiert, wie Soziologen zu sagen pflegen. Das ist sogar nachvollziehbar, denn mit der westlichen Marktwirtschaft haben viele ehemalige DDR-Bürger in der Nach-Wende-Zeit keine guten Erfahrungen gemacht.

Im Westen überwiegt dagegen eine eher libertäre Staatsfeindlichkeit. Die wie ein Krebsgeschwür wuchernde, permanente Bevormundung des Bürgers durch eine links gewirkte und fundamental übergriffige Bürokratie ist das zentrale Hassobjekt dieser freiheitsliebenden Strömung.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien diese beiden Ansätze kaum miteinander vereinbar. Auf den zweiten Blick ist zu erkennen, dass sie gar nicht miteinander vereinbar sind.

Rentenstreit

In Einzelfällen sind die Konflikte auch früher schon offen zutage getreten. Prominentes Beispiel ist das Desaster um die Altersvorsorge. Die inhaltlichen Konflikte zwischen den staatsorientierten und den marktwirtschaftlichen Strömungen waren praktisch unauflösbar. Die Einen wollten die gesetzliche Rente beibehalten. Sie setzen sich am Ende durch. Die Anderen wollten eine faktische Abkehr vom bisherigen System. Sie wurden für ihre Niederlage mit einem Leckerli getröstet: der hochumstrittenen Idee von ETF-Sparplänen als Altersvorsorge.

Im Ergebnis hat die AfD jetzt ein Konzept, das einerseits die gesetzliche Rente für langjährige Beitragszahler „reparieren“ und abschlagsfrei machen will. Parallel soll auf private, eigenverantwortliche Kapitalmarkt-Vorsorge gesetzt werden. Das ist natürlich nicht Fisch, nicht Fleisch. Es ist ein Formelkompromiss. Genau das also, was auch die anderen Parteien machen, wenn es innerparteilichen Streit und keine so große Mehrheit für ein Lager gibt, dass man eine klare Entscheidung in die eine oder in die andere Richtung wagt.

Glücksfall Brandmauer

Zur Erinnerung: Das macht die AfD nicht schlechter als die anderen Parteien. Aber die Alternative für Deutschland ist, was grundsätzliche Konflikte zwischen den internen Strömungen angeht, auch nicht besser. Sie hat gegenüber der Konkurrenz nur einen Vorteil, noch jedenfalls. Die undemokratische Totalausgrenzung und geifernde Verteufelung der AfD sorgt für einen unvergleichlichen Außendruck. Er presst die Partei zusammen. Es ist der natürliche Reflex einer Gemeinschaft mit inneren Konflikten im Angesicht eines äußeren Feindes. Man legt die eigenen Streitigkeiten auf Eis, schnallt den Helm enger und rückt zusammen.

Die Brandmauer verhindert, dass latente Konfliktherde in der Partei sich zu echten Flächenbränden entwickeln.

In der Opposition lässt sich das nahezu endlos wegmoderieren. Schwierig wird es dann, wenn man die Rolle aufgibt und ins Regierungslager wechselt. Auch dort kann man sich mit Formelkompromissen lange über Wasser halten. Das haben wir ja in drei Jahren „Ampel“ erlebt. Und wir erleben es jetzt weiter. Als „Alternative“ kann die AfD in der Regierung aber nicht einfach alles nur genauso schlecht machen wie die anderen Parteien. Das dürfte bei den AfD-Anhängern sehr mies ankommen. Sobald es um konstruktive Politik geht, muss die Partei auf den intern umstrittenen Feldern eine Linie finden, die praktische Lösungen ermöglicht.

Das wird absehbar nicht einfach. Und so stellt sich für die AfD schon die Frage: Gibt es ein Leben jenseits der Brandmauer? Und wenn ja: Wie sieht es aus?

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