Charlottesville, Paris, London, Berlin und so weiter

Politische Einäugigkeit ist niemals akzeptabel und von Niemandem. Nirgendwo. Aufrichtigkeit ist gefragt.

© AFP/Getty Images
A woman is received first-aid after a car accident ran into a crowd of protesters in Charlottesville, VA on August 12, 2017

Donald Trump hat zum Anschlag in Charlottesville kein klares Wort gesagt. Dass er das nicht tat, weil das Attentat den Gegendemonstranten galt, die gegen eine Demonstration der „alt-right“ genannten Bewegung gerichtet war, also gegen einen Teil seiner Wählerschaft, ist unübersehbar. Bei Anschlägen mit islam(ist)ischer Motivation twitterte er stets sofort und scharf. Politische Einäugigkeit ist niemals akzeptabel. Auch hier nicht. Für die unbedingten Freunde von Recht und Freiheit gibt es keinen Spielraum für Ausreden oder Relativierungen.

Dass der Anlass der Gewalttat die Auseinandersetzung über ein Monument des Südtstaaten-Generals Lee und die Umbenennung des nach ihm benannten Parks war, unterstreicht einmal mehr, wie wenig von einer Bewältigung des amerikanischen Krieges gesprochen werden kann, den – unverändert – die einen Civil War nennen und die anderen War between the States. Uns in Europa sollte das immer wieder daran erinnern, wie lange es braucht, bis innere Umbrüche in Gesellschaften als befriedet angesehen werden können. Aber das ist eine eigene, andere Geschichte.

Was mir an Charlottesville wieder ins Auge springt, ist, dass es den allermeisten, die öffentlich hörbar sind, Politiker, Stimmen der organisierten Gesellschaft und Journalisten, nicht um die Opfer geht. Ja, sie, die Tat und die Täter werden in ritualisierten Formeln, die stets die gleichen sind, erwähnt. Doch die Masse und Kraft der Worte richtet sich gegen den politischen Gegner, den man wegen seines inakzeptablen Verhaltens verurteilen kann. Die Meinungsführer-Medien auf beiden Seiten des Atlantiks verurteilen Trumps Äußerungen oder besser Nichtäußerungen zu Recht.

Das erinnert mich an den großen Anschlag von Berlin und die vielen alltäglich gewordenen „kleineren“ Gewalttaten und Übergriffe. Statt klare Worte von den politisch Verantwortlichen für die permanent weiter abnehmende Sicherheit der Bürger zu verlangen und Abhilfe, üben die Meinungsführer-Medien sich im Abwiegeln, Relativieren und auch in schlichtem Verschweigen, als wäre es ihre Aufgabe, den Herrschenden die Notwendigkeit klarer Worte und Standpunkte zu ersparen.

Es ist der Medien Pflicht, den Opfern ein Gesicht zu geben, um die Grausamkeit und Abscheulichkeit der Tat zu verdeutlichen. In Deutschland wird da der Datenschutz vorgeschoben. Die Amerikaner zeigen sie, wie auch die Franzosen, Engländer, Israelis, Russen, wo immer der Terror zu schlägt, welcher auch immer gegen wen auch immer.

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Kommentare

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  • Fritz Goergen

    OMG – kommentieren, worüber ich nicht schrieb?

  • Fritz Goergen

    Es kommt eben auf das tatsächliche Ereignis und damit die Unterschiede nicht an, jeder Anlass wird gegen „die Anderen“ instrumentalisiert, um die Opfer geht es nicht. – Aber steht das nicht in meinem Text?

  • Fritz Goergen

    Siehe, was Trump inzwischen nachgeschoben hat.

  • CaptainCalvinCat

    Quelle?

  • Sören Hader

    Umgekehrt kann man natürlich auch sagen, lass Trump über Deutschland reden was er will.

  • Wolfgang Richter

    Daß Anlaß der Demo, die sodann ausartete, der Stadtratsbeschluß zum Abbauen eines auf dem Platz seit ca. 150 Jahren stehenden Denkmals des erfolgreichen Militärs Robert E. Lee war, wird in den hiesigen Medien meist verschwiegen oder nur als Randnotiz erwähnt. Erwähnt wird überhaupt nicht, warum man jetzt eine Notwendigkeit zum Handeln = Entfernen der Statue sah, aus meiner Sicht ohne Not eine Provokation mit dem Ziel dessen auf den Weg brachte, was die Bessermenschen nun bejammern.

  • Stephan Kurz

    Eine Ergänzing:

    Wir vergessen ja auch teils schnell:

    Als Mitte Juni ein Unterstützer des früheren demokratischen
    Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders auf republikanische
    Kongreßabgeordnete bei einem Baseballspiel schoß und den „Whip“ Steve
    Scalise dabei schwer verwundete, gab es in der „Presse“ (auch in der internationalen) nahezu gar keine Reaktion, soweit ich weiss – zumindest diese Reaktionen nicht, wie jetzt.

    Hätte der Kongressabgeordnete sterben müssen, damit das dann vergleichbar wäre – und so, da er, Gott sei dank, nicht tot ist – ist das dann egal ?
    Wobei da die Tötung gezielt (Per Schusswaffe) beabsichtigt war – auch nach Aussage des Täters.

    Wie ist das nun mit den Augen und der Blindheit ?

  • Sören Hader

    Naja, als vor nicht mal ein paar Monaten des Bombenattentat an dem BVB-Bus passierte, da ging es einigen nicht schnell genug, von einem islamistischen Anschlag zu sprechen. Und man beschimpfte sogar die Medien, dass die das nicht schon nach wenigen Stunden taten, sondern recht zögerlich waren. In welche Richtung sich das dann entwickelte, wissen Sie vermutlich auch noch.