Bad Münstereifel: Weihnachten und Neujahr in Trümmern

Nur die landesweite Solidarität lässt die Flutopfer in Bad Münstereifel nicht komplett verzweifeln. Vor Sommer 2022 wird die Innenstadt wohl nicht aufmachen in der Fachwerkstadt.

© S.C. Müller

„Es sieht aus wie nach dem Krieg“, sagt einer der Schaulustigen, die immer noch ab und an mit der Handy-Kamera durch die Stadt ziehen. Bewohner sind kaum zu sehen in der Fußgängerzone von Bad Münstereifel. Mehr als fünf Monate nach der Flutnacht am 14. Juli 2021 gleicht die Innenstadt tatsächlich immer noch einem Schlachtfeld. Das hatte ich mir anders vorgestellt. Im Sommer war ich dabei, als das Unglück passierte. Ich selbst war in Sicherheit auf einem Hügel in einem benachbarten Dorf. Lange hatte ich mich nicht getraut, Bad Münstereifel zu besuchen. Ich wollte keine Schaulustige sein.

Es war die kleine Erft, die sich eigentlich tief eingebettet durch den Ort schlängelt, die in jener Nacht alles auseinandergerissen hat in Bad Münstereifel, samt Kopfsteinpflaster, Stadtmauer und Brücken. Die Fußgängerzone, die parallel zu dem Fluß läuft, war mein Schulweg für viele Jahre. Meine alte Schule hat gerade erst wieder die Türen geöffnet. Erst die Pandemie, dann das. Für Lehrer und Schüler ein hartes Brot.

Immer wieder neu anfangen

Erlebnisbericht aus dem Flut-Gebiet
Die Kraft des Wassers ist gewaltig – und ebenso die Solidarität der Betroffenen
Bad Münstereifel ist das Tor zur Eifel und war vor 35 Jahren wegen der guten Luft noch ein beliebter Kur- und Tagungsort, bis das Publikum, die Geschäfte und die Gastronomie so veraltet waren, dass der Glanz der historischen Stadt komplett verloren ging. 2014 hat das Gewerbeimmobilienunternehmen City Outlet aus der „alten“ Stadt ein Mode- und Marken-Paradies gemacht, das auch Besucher aus Holland und Belgien anlockte. Bad Münstereifel lebte wieder auf. Es entstanden neue Bars und Restaurants. Es zog wieder viele junge Menschen aus Köln zurück an den Ort ihrer Schule oder in ihre Heimat. Wenn ich mit meiner Familie aus Madrid in die Eifel kam, war ich immer stolz, ihnen das schmucke Bad Münstereifel zu zeigen. Es war eine Erfolgsgeschichte. Keiner von ihnen kann glauben, dass Deutschland es nach so vielen Monaten nicht geschafft hat, die Innenstadt wieder ein wenig aufzubauen. City Outlet hoffte, im September 2021 wieder eröffnen zu können. Jetzt wird mit Sommer 2022 gerechnet.

Noch immer fehlen Handwerker und Materialien

Handwerker sind seit Jahren knapp in Deutschland, ihre Arbeit ist gut bezahlt. Sie kommen jetzt aus Köln und anderen Bundesländern, um Bad Münstereifel wieder aufzurichten. Aber es fehlen immer noch die Materialien und die Maschinen, selbst nach so vielen Monaten. Die Wände vieler Fachwerkhäuser sind immer noch nicht trocken. Die Krise der Lieferketten und die Rohstoffknappheit hilft dabei nicht. Alles wird zudem viel teurer als gedacht. Für den sporadischen Besucher von Bad Münstereifel sind bisherige Aufbauarbeiten, von denen die CDU-Bürgermeisterin Sabine Preiser-Marian gerne spricht, deswegen kaum sichtbar. Es hakt hier überall, auch bei den Staatshilfen. Die Versicherungen kämpfen um jeden Pfennig.

Am schnellsten kamen die privaten Spenden bisher bei den Betroffenen an. Die Solidarität ist enorm. Moderatorin Bettina Böttinger mobilisierte durch ihre TV-Auftritte weitere Hilfen für die Heimat. Und der in der Nähe von Bad Münstereifel lebende Heino gab spontan ein kleines Weihnachtskonzert auf dem improvisierten Weihnachtsmarkt. Der Zusammenhalt ist wohl das schönste, was Eifler in diesen grauen Tagen erleben. Leute verzichten sogar auf ihre Urlaubstage zugunsten eines schnellen Neuaufbaus der Fachwerkstadt.

Wenn Deutschland nicht schnell aufbaut, wie soll es Haiti schaffen?

Dennoch: Auf Antrag der SPD und der Grünen wurde ein Ausschuss eingesetzt, um mögliche Versäumnisse, Fehleinschätzungen und etwaiges Fehlverhalten der Landesregierung zu sondieren. Einige Bürger erklären die Verzögerungen damit, dass zuerst Rohre und Elektroleitungen ersetzt werden müssten. Im Oktober hatte der Stadtrat beschlossen, dass in der Stadt Pflaster aus Grauwacke verlegt werden soll, dann wurde aber klar, dass das Material nicht komplett lieferbar ist.

Derweil versucht Bürgermeisterin Preiser-Marian für gute Stimmung zu sorgen und verkündet große Pläne für die Touristen-Stadt: Sie soll digitaler werden und sicherer gegen erneute Umwelt-Katastrophen. Damit versucht sie, viele zu vertrösten und auch die Kosten zu rechtfertigen, die auf die Stadt zukommen. Laut aktuellem Sachstandsbericht kostet der Wiederaufbau fast 24 Millionen Euro und das sind nur die direkten öffentlichen Schäden an Gebäuden und Sportplätzen. Wer für das ganze private Elend der Einzelhändler und Gastronomen aufkommt, ist noch unklar. Staatshilfen kommen auch hier nur zögerlich an, mit den Versicherungen wird verhandelt und gestritten.

Die Solidarität der Eifler ist die größte Stütze

Aber die Hoffnung stirbt zuletzt, nirgendwo ist das so spürbar wie in dem Ort, wo Heino ein Café hat und im Sommer noch Angela Merkel und Armin Laschet mit Gummistiefeln durch die Fußgängerzone stapften, mit großen Versprechen auf den Lippen. Vieles ist in diesem Sommer 2021 kaputt gegangen, auch weil viele an falscher Stelle lachten. Aber eins hat überlebt: die Solidarität und die rheinische Frohnatur.

Davon war auch die Wahl-Eiflerin Miriam Nölkensmeier überrascht. Sie will auch deswegen ihren Modeladen bald wieder aufmachen. Katastrophen wie diese beleben verlorene Überlebensinstinkte und machen kreativ. Nölkenmeier verkauft erstmal provisorisch aus einem Bus heraus. Eine Friseuse aus dem Ort schneidet in einem kleinen Alternativlokal, bis sie wieder in ihren Traditionssalon in die Innenstadt kann. An Weihnachten 2022 wird Bad Münstereifel zweifellos wieder aufgebaut sein, aber einige kommen nicht damit klar, dass es dann vielleicht nicht mehr ihr Städtchen, ihr Laden und ihr Haus sein wird, sondern einfach etwas anderes. Es ist ein Neuanfang.

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Kommentare ( 48 )

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H. F. Klemm
23 Tage her

Die deutsche Politik wird doch nur noch nach dem “ Peter-Prinzip“ geführt. Neben den anderen inkompetenten Ministern, ausser Cem mit seinen erfolgreichen Zuchtbestrebungen einer textil und auch sonst vielfältig verwendbaren Pflanzengattung als Landwirtschaftsminister, sei die neue Ministerin für Familie, Frauen, Jugend, Integration und Verbraucherschutz Anne Spiegel erwähnt. Sie hat bei der damals aktuellen Notstandssituation im Ahrtal ihr bestmögliches gegeben um die Schäden so gering wie möglich zu halten. Ansonsten sähe es jetzt dort aus wie in Haiti oder den seit Jahren unvollständig aufgebauten Erdbebengebieten Italiens. Deutschland ist froh solche Politiker zu haben, die im Ahrtal gezeigten Wahlergebnisse der Bundestagswahl direkt… Mehr

Thorsten Lehr
23 Tage her

Ich persönlich habe nach den Wahlergebnissen in der betroffenen Region meine Spenden für die Flutopfer eingestellt. Wer nach dem Totalversagen der etablierten Parteien in allen Bereichen so abstimmt, dem ist einfach nicht mehr zu helfen, der will es genau so. Ob dieses Verhalten mit Masochismus zu erklären ist oder einfach nur mit absoluter Verblödung entzieht sich meiner Kenntnis, aber ich werde dieses sinnwidrige Verhalten nicht auch noch unterstützen. Lebe mit den Konsequenzen deiner Entscheidungen! Frohes neues Jahr! 😎

R.Baehr
23 Tage her
Antworten an  Thorsten Lehr

richtig, und wenn ich einen Aufruf für Helfer in Erinnerung habe, hieß es dort ausdrücklich getestet oder geimpft müssen die Helfer sein, na dann kann das Drama nicht so groß sein, wenn das das Wichtigste ist.

elly
23 Tage her

nur so zur Erinnerung:
REGIERUNG BESCHLIESST DETAIL: Flutopfer erhalten Entschädigung von bis zu 80 ProzentBetroffene Haushalte und Unternehmen können in der Regel Entschädigungen von bis zu 80 Prozent des Schadens erhalten. „Hinzu kommen Leistungen Dritter zum Beispiel aus Versicherungen oder auch der gewährten Soforthilfe bis zu maximal 100 Prozent des ermittelten Schadens“, so das Bundesfinanzministerium. Für Härtefälle soll es eigene Regelungen geben – dann können bis zu 100 Prozent ausgeglichen werden.“
https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/flutkatastrophe-flutopfer-erhalten-bis-zu-80-prozent-entschaedigung-17511556.html
diese großzügige Entschädigungsregelung war der bevorstehenden Bundestagswahl geschuldet.

R.Baehr
23 Tage her
Antworten an  elly

wenn ich das schon lese: „bis zu“ d. h. nichts anderes wenn noch Geld übrig ist, dann viell. und diese wunderbare Formulierung kann auch 10 % bedeuten, das ist die Wahrheit die keiner hören will. Hören sie sich um, wie die Versicherungen und die Behörden mit den Betroffenen umspringen, so sieht die Wahrheit aus, und nicht von was im BFM geträumt wird.

Last edited 23 Tage her by R.Baehr
zweisteinke
23 Tage her

Wie kann es denn sein, daß da Kräfte zum aufräumen und Handwerker fehlen? Wir haben über 2 Millionen Arbeitslose und die gleiche Anzahl „Bereicherer“, die es sich hier recht bequem gemacht haben. Ist es z. B. für die Damen und Herren Muselmanen, die hier soooo gerne nehmen und die ja laut grünroten Sprachrohr Trötenroth alle hochqualifizierte Fachkräfte sind, völlig unzumutbar dort bei den Arbeiten eingesetzt zu werden? Oder dürfen wir die „Dankbarkeit“ dieser Art Mensch immer nur in der Kinder-und Kriminalstatistik erkennen?

Manfred_Hbg
23 Tage her

Zitat: „Laut aktuellem Sachstandsbericht kostet der Wiederaufbau fast 24 Millionen Euro und das sind nur die direkten öffentlichen Schäden an Gebäuden und Sportplätzen.“ > Mhh, wenn ich so bedenke, dasd der Bund zum Beispiel um die 30 Mrd. Euro/Jahr für die ins Land flutenden -vor allem muslimischen und afrikanischen- Fachkräfte locker machen kann, dann z.Bsp. auch noch einige Mill Euro/Jahr für die demnächst nach Deutschland per Flugzeug kommenden 25000 afghanischen „Fachkräfte“ hinblättern kann oder fast 800 Mrd Euro für dieses mistige EU-Brüssel an Aufbauhilfe(gab es in der EU etwa einen Krieg?) zur Verfügung stellen kann, dann ist es einfach nur… Mehr

R.Baehr
23 Tage her

Vor 2022 wird die Innenstadt nicht aufmachen, hm………………eine tolle Dokuserie dazu auf YT von EMS Media TV sei jedem empfohlen, ganz ohne Effekthascherei wie es dort und im ganzen Ahrteil z.Z. ausschaut. Zusammengefasst: einfach trostlos da können auch div. Bau- Wiedaufbau- und Instandsetzungsarbeiten nichts am Gesamteindruck ändern. Es gebe genug zu tun für THW, BW und ähnliche Organisationen, die aber großteils alles unsichtbar sind, warum auch immer. Auch wenn man manchen Betroffenen so zuhört, sind die völlig desillusioniert, was deren Lage so angeht, ändert aber nichts daran das sie trotzdem die wählen, die sich als unfähig erwiesen haben, dieser betroffenen… Mehr

Last edited 23 Tage her by R.Baehr
Mausi
23 Tage her

„…wie soll es Haiti schaffen?“ Vielleicht wäre „Wie schafft es Haiti?“ die sinnvollere Frage.
Andere Länder, in denen Häuser regelmäßig durch Naturkatastrophen zerstört werden, bauen einfach, so dass ein schneller Wiederaufbau möglich ist. Und diese Länder haben sicher weniger Bauvorschriften. Überspitzt gesagt, ob die Wasserleitung dann gerade hängt, oder die Fliesenfuge in der Mitte vom Waschbecken liegt, ist dort wahrscheinlich egal.

AnSi
23 Tage her

Ja, toll. Man fragt sich nicht, WARUM da kein Geld vom Staat kommt. WER da blockiert oder WESHALB es nicht schneller geht. Nein, man freut sich über Hilfe von Moderatorin, Heino und der Doppelnamen-BM. Himmel, hilf. An anderer Stelle wird das Geld nur so mit der Schaufel verteilt, da fehlt es sogar an Schaufeln! Aber wehe, ein „Querdenker“ will spenden! Da wird sich gesträubt und sogar Klage eingereicht. Ohne die Solidarität derer, die schon länger hier leben, würde es heute noch immer so aussehen, wie einen Tag später! Die opfern sogar ihren Urlaub. Werden aber nur gelobt, wenn sie nicht… Mehr

Ohanse
23 Tage her

Moment mal, als es darum ging, gute Hilfe von böser Hilfe zu trennen, da war man auf Regierungslinie, dann auch bei der Wahl. Und nun sitzt man zum Dank immer noch in den Trümmern. Das ist schon zum Lachen.

oHenri
23 Tage her

Welche Parteien haben bei der Flutkatastropfe versagt?
Und welche Parteien wurden nach der Flutkatastrophe gewählt?
Resultat der der BT-Wahl am 17.10.2021

  • CDU: 33,3 Prozent, 3.746 Stimmen
  • SPD: 23,1 Prozent, 2.600 Stimmen
  • Die Grünen: 13,1 Prozent, 1.469 Stimmen
  • FDP: 13,1 Prozent, 1.467 Stimmen
  • Linke: 2,7 Prozent, 304 Stimmen
  • AfD: 7,8 Prozent, 876 Stimmen

Da kann ich nur noch den Kopf schütteln: diejenigen Parteien, welche versagt haben, werden gewählt.
Was soll also das Jammern ?
Ich denke mir: nicht lernfähig, also weitermachen wie bisher

karel
23 Tage her
Antworten an  oHenri

NRW hatte etwa 45 Flut-Opfer zu beklagen, RLP dagegen 133. Ich frage mal nach, warum ständig Merkel und Laschet zitiert werden, nicht aber Malu-Dreyer, ist sie doch seit 2013 Regierungschefin in RLP.
Nunja, eine neue Kommission für Katastrophen-Schutz wurde „erfolgreich“ installiert, sie hatte wohl nur noch keine Gelegenheit, mal den Ernstfall zu üben.

wachschaf
23 Tage her
Antworten an  karel

Die SPD kontrolliert mehr Medien über Geschäftsanteile und das Potential für vorauseilenden Gehorsam bei Journalisten in D sehen wir bei Corona seit 20 Monaten.

Franz Guenter
23 Tage her
Antworten an  oHenri

Man sollte sich fragen, wieviel Zeit die arbeitenden (die in der Wertschöpfung) Menschen haben, sich außer aus den Massenmedien z. B. hier zu informieren. Da wird die Zeit knapp. Daher haben m. M. nach die MSM wie ARD und ZDF die Uninformiertheit zu verantworten. Abends 15 min Nachrichten muß reichen. Daß das aber nicht reicht wissen alle, die hier in diesem Forum unterwegs sind. Aber nicht der hart arbeitende „Frondienstleistende“, wie den meine Mutter immer so schön genannt hat. Und in der Schule ist Medienkompetenz unerwünscht, sonst könnten die Schüler Fragen stellen und würden dann wie Reitschuster aus der BPK… Mehr

Th. Nehrenheim
23 Tage her
Antworten an  oHenri

So viel Solidaritätsgefühl ich für die Leutchen habe, so wenig Verständnis habe ich für sie. Wer da nochmals Grüne, SPD oder CDU gewählt hat, der hat es nicht verstanden. Kein Mitleid!

Last edited 23 Tage her by Th. Nehrenheim
Maria Andersen
23 Tage her
Antworten an  oHenri

Der Skandal in DE ist doch der völlig unkontrollierte ÖR-Staatsrundfunk mit seiner täglichen Wahlwerbung für Grün und dem völligen Ausgrenzen der AfD.
Das war extrem auffallend in der Wahlkampfzeit. Ich wusste nicht, dass solch eine Behandlung der einzigen Opposition bei uns schon möglich ist.

Schwabenwilli
23 Tage her
Antworten an  oHenri

Wenn selbst die Betroffenen der Katastrophe die Leute wählen welche sie veräppeln, ja was will man da machen?