Ausgerechnet „Die Zeit“ hat Mitleid mit den armen reichen Erben

Da wäre man am vergangenen Wochenende gerne dabei gewesen, als die überwiegend gutsituierte, zu den Besserverdienenden gehörende „Zeit“-Klientel sich intellektuell bereichern lassen wollte und dabei auf die Magazin-Geschichte „Die Erbenrepublik“ stieß. Schon die große Ankündigung auf Seite 1 verriet: Vererben und Erben ist irgendwie politisch nicht korrekt.




Wie gesagt, es handelt sich hier um „Die Zeit“, nicht um die „Frankfurter Rundschau“ oder die „taz“. Also um jene sehr erfolgreiche Wochenzeitung aus der von Georg von Holtzbrinck gegründeten Verlagsgruppe, in der drei Erben heute das Sagen haben: Dieter von Holtzbrinck,  seine Schwester Monika Schoeller sowie Stefan von Holtzbrinck. Dass die Zeitung gleichwohl die Frage stellt, ob Erben eigentlich gerecht sei, spricht zunächst einmal für die Unabhängigkeit der Redaktion.

Weil ein Großteil der „Zeit“-Leser durchaus wohlhabend und zugleich politisch korrekt ist, hält der Text, was die Aufmachung verspricht. Natürlich ist es aus der Sicht der „Zeit“ ungerecht, dass die einen viel erben und die anderen wenig oder gar nichts. Besonders ungerecht: dass der Staat den Erben nicht einfach viel mehr wegnimmt, als er es mit der bestehenden Erbschaftssteuer tut. Tenor: Je höher die Erbschaftssteuer, umso gerechter.

Nun geht es der „Zeit“ beileibe nicht um plumpen Klassenkampf; das ist nicht der Stil der Hanseaten. Nein, die Autorin Julia Friedrichs gibt vor, es mit den armen reichen Erben sogar gut zu meinen. Denn sie hat bei ihren, wie sie selbst einräumt nicht repräsentativen Recherchen herausgefunden, dass viele Erben sich über den nicht erarbeiteten Zuwachs an Vermögen nicht so recht freuen können. Eine Erbin empfindet es demnach als „ungerecht, undemokratisch“ und „illegitim, dass ihre Eltern ihr ein kleines Vermögen vermacht haben. Und in einem Interview präzisiert die Autorin ihre Erkenntnisse: „Viele Erben fühlen sich schuldig“.

Ja, es ist schon ein harter Schicksalsschlag, wenn die Eltern ihren Kindern sechs- oder siebenstellige Summen hinterlassen. Ganz schlimm ist es, wenn Eltern die steuerlichen Freibeträge nutzen, wonach Vater und Mutter jedem Kind alle zehn Jahre bis zu 400.000 Euro schenken können, ohne dass auch nur ein Euro Schenkungssteuer fällig wird. Allerdings finden wir in der „Zeit“ auch kein löbliches Beispiel für ein Kind, das etwa eine Schenkung einfach verweigert hätte – aus Gründen der Gerechtigkeit etwa.

Dafür lernen wir Menschen kennen, die liebend gerne höhere Erbschafts- und Schenkungssteuern zahlen würden – wenn sie nur könnten. Aber der Staat verweigert sich diesen Gutmenschen einfach; was für ein Skandal. So bleibt als Fazit der Ruf nach dem Umverteilungsstaat: Erbschaftssteuern rauf und alles wird gut – jedenfalls nach Ansicht der „Zeit“-Autorin. Hätte der Staat doch schon früher so klug und sozial gehandelt. Dann wäre Julia Friedrich die offenbar traumatische Erfahrung erspart geblieben, dass ihre erbenden Freunde sich – im Gegensatz zu ihr – schicke Eigentumswohnungen zulegen konnten. (Ganz nebenbei: Der Autor hat im eigenen Freundeskreis dasselbe erlebt – und überlebt.)

Nun leben wir in einer Demokratie; nicht jeder kann sich die Gesetze so basteln, wie er sie für zweckmäßig und gerecht hielte. Aber wir leben auch in einem freien Land: wider Willen erben muss hier niemand. Man kann, was die Erbschafts-Expertin Friedrich offenkundig nicht weiß, sein Erbe ausschlagen. Erben, die „sich schuldig fühlen“, brauchen auch nicht auf eine rot-rot-grüne Regierung zu warten, die per Erbschafts- und/oder Vermögenssteuer die große Enteignungs-Initiative starten würde. Wer der Ansicht ist, der Staat nehme ihm zu wenig ab, der kann das selbst korrigieren.

Das geht ganz einfach. Das Bundesfinanzministerium unterhält bei der Bundesbank das Konto Nr. 860 010 30, Bankleitzahl 860 000 00. Jeder dort eingezahlte Euro wird zur Schuldentilgung verwendet, macht Mittel frei für Bildung oder Soziales.

Ach, hätte „Die Zeit“ doch genau das auf Seite 1 ihrer Erben-Ausgabe verkündet. Zehntausende Leser, durch langjährige „Zeit“-Lektüre sozial sensibilisiert, hätten ihre stattlichen Erbschaften sicherlich sofort an Herrn Schäuble überwiesen – oder auch nicht.




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