Bankenkrise am Horizont? Volksbank BRAWO benötigte massive Kapitalspritze

Die schlechte Konjunktur und steigende Zinsen setzen auch die deutschen Banken unter Druck. Dass ausgerechnet mit der Volksbank BRAWO eine der größeren Genossenschaftsbanken im vergangenen Jahr eine drastische Kapitalspritze benötigte, sollte als Alarmsignal ernst genommen werden. Es ist ein Hinweis auf die generell herrschende Fragilität im Kreditmarkt.

IMAGO / Darius Simka

Alarmierende Nachricht aus dem deutschen Bankensektor: Die Volksbank in Braunschweig-Wolfsburg, kurz BRAWO eG, mit Sitz in Wolfsburg, meldete für das Geschäftsjahr 2025 einen Verlust von 608,1 Millionen Euro. Bei einer Bilanzsumme von rund 6,6 Milliarden Euro ist dies eine alarmierende Größenordnung. Die dramatische Entwicklung rief die Bankenretter auf den Plan.

Bis zu 720 Millionen Euro an Unterstützung durch das Sicherungssystem des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) waren nötig, um die taumelnde Bank zahlungsfähig zu halten und die aufsichtsrechtlichen Kapitalanforderungen zu erfüllen. 473 Millionen Euro der Hilfsgelder entfielen auf Garantien des BVR-Sicherungsfonds. Ergänzend übernahm die Sicherungseinrichtung durch die Zeichnung von Anteilen der BRAWO bis zu 250 Millionen Euro zur Stärkung des Bankenkapitals.

PANIK AM ANLEIHENMARKT
Tanz am Anleihenabgrund: Bundesregierung hüllt sich in Schweigen
Hintergrund dieses dramatischen Geschäftsverlaufs waren nach Auskunft der Bank zunächst hohe Wertberichtigungen auf Kreditausfälle, Wertpapierverluste, Firmenbeteiligungen und Immobiliengeschäfte. Es wird immer deutlicher: Die allgemein steigenden Zinsen und die hohe Insolvenzrate in der deutschen Wirtschaft, zu der sich auch Rekordprivatinsolvenzen gesellen, fräsen sich in die Bilanzen der deutschen Kreditwirtschaft. Für den Euroraum ermittelte die Europäische Zentralbank einen kumulierten Verlust der Banken-Anleihenportfolios von 80 Milliarden Euro, der zu großen Teilen aber durch Hedge-Geschäfte abgesichert war. Dennoch bleibt es dabei: Die hohen Kreditausfälle und der zerschmelzende Anleihenmarkt zehren an der immer dünneren Eigenkapitaldecke der Häuser.

Dunkle Konjunkturwolken, steigende Inflationserwartungen und Anleihenzinsen sowie hohe und noch immer wachsende Kreditausfälle im Zuge des Niedergangs der deutschen Wirtschaft – auf die Banken warten harte Jahre.

Ebbe in der Kasse:
EU und EZB drängen auf Kapitalmarktunion zur Steuerung privater Vermögen
Der Fall BRAWO ist beileibe kein Einzelfall: Hinter Wertberichtigungen auf Kreditausfälle, Wertpapierverluste, Firmenbeteiligungen und Immobiliengeschäfte stehen auch die Verluste aus den Anleihenportfolios. Noch immer bilden langlaufende Triple-A-Staatsanleihen die wichtigste Säule in den Bilanzen von Banken und Versicherungen. Bereits in der jüngeren Vergangenheit fielen regelmäßig Sparkassen und Genossenschaftsbanken mit Bilanzproblemen auf – ein Phänomen, das wir aus besseren Zeiten der Bundesrepublik in dieser Form nicht kannten. Dabei stand der BVR-Bereich wesentlich stärker unter Druck als das klassische Sparkassengeschäft. Der Mittelstand verteidigt sich gegen die fortschreitende Krise noch mit vergleichsweise starken Eigenkapitalpuffern. Doch die Krise ist allgegenwärtig.

Seit Anfang 2024 musste die Sicherungseinrichtung des BVR nach Angaben aus Branchenkreisen bei einer ganzen Reihe von Instituten mit insgesamt etwa zwei Milliarden Euro an Garantien, Zuschüssen und Kapitalhilfen intervenieren. Die Häufung ist bemerkenswert: Kleine und mittlere Regionalbanken mit überschaubaren Bilanzsummen scheinen Risiken in ihren Bilanzen anzuhäufen, die nur noch vom gesamten Verbund unter Kontrolle gebracht werden können. Ein Systemproblem?

Besonders spektakulär war der Fall der Raiffeisenbank im Hochtaunus. Das Institut verfolgte über Jahre eine aggressive Wachstums- und Kreditstrategie, die vor zwei Jahren zum Crash führte. Wertberichtigungen von mehr als 400 Millionen Euro blieben unterm Strich. Der erforderliche Risikoschirm für die Bank belief sich auf etwa 440 Millionen Euro. Die Lage war so dramatisch, dass das Haus schließlich in den Genossenschaftsverbund integriert werden musste.

Auch die Volksbank Dortmund-Nordwest geriet durch riskante Geschäfte außerhalb der klassischen regionalen Kreditvergabe ins Schlingern. Offenkundig bewegen sich Banken auf der Risikokurve, wie es so schön heißt, weiter nach außen, wenn die Zinsen zu lange niedrig liegen. Das Institut hatte nach Medienberichten rund 280 Millionen Euro in Immobilienfonds investiert, teilweise sogar fremdfinanziert. Als die Immobilienbewertungen, vor allem im gewerblichen Bereich, unter Druck gerieten, drohten die dadurch verursachten Verluste das Eigenkapital der Bank zu übersteigen. Die BVR-Sicherungseinrichtung musste eingreifen und griff der Bank mit 134 Millionen Euro unter die Arme. Anschließend wurde das Haus in einen größeren Dortmunder Volksbankenverbund integriert.

Auch die Volksbank Düsseldorf-Neuss steht pars pro toto für ein generelles Problem: Hier stand kein klassischer Immobiliencrash am Beginn der Krise, sondern ein spektakulärer Betrugsfall. Etwa 100 Millionen Euro des französischen Modeunternehmens Kiabi wurden von einem bei der Bank geführten Konto in die Türkei transferiert und verschwanden dort. Die daraus resultierenden Schadensersatzforderungen überstiegen die Kapitalkraft der Bank, sodass auch hier die BVR-Sicherungseinrichtung mit Garantien von über 200 Millionen Euro einspringen musste.

Irgendetwas scheint verrutscht im einst konservativen Bankengeschäft, das seine Ankerkette durchtrennt hat und dessen Geschäftsleitungen es offenbar in die weite Welt zieht. Nicht alle Problemfälle sind auf steigende Zinsen oder die Dauerrezession im Lande zurückzuführen, das ist offensichtlich. Managementfehler gesellen sich zur politisch verursachten Problemlage. Was nichts daran ändert, dass die Beispiele auf eine generelle Fragilität des deutschen Bankensystems verweisen, wenn bereits das Rückgrat des Sektors – die Regionalbanken – in erhöhter Zahl ins Schlingern gerät.

Es ist nicht zuletzt der Staat, der mit seiner massiven Schuldenpolitik erheblichen Einfluss auf das Zins- und Anleihemarktumfeld nimmt. Die Schuldenpolitik à la Merz-Klingbeil lastet wie Blei auf dem Kreditsektor, der sich vor lauter Wertberichtigungen kaum noch zu helfen weiß. Hinzu kommt: Die Möglichkeit, bestimmte Anleihen nach den Regeln der jeweiligen Rechnungslegung zu fortgeführten Anschaffungskosten statt zum aktuellen Marktwert zu bilanzieren, hält die tatsächlichen Wertverluste bilanziell zumindest teilweise verborgen. So können stille Lasten entstehen, die in der Bilanz zunächst nicht sichtbar werden.

Im Ergebnis dreht sich die Schuldenspirale schnell und schneller, da das System aus Checks and Balances in Teilen ausgehebelt ist. Wir laufen auf eine Situation zu, die wesentlich gravierender ausgehen könnte als die Staatsschulden- und Finanzmarktkrise vor anderthalb Jahrzehnten.

Taumelt Frankreich über seinen gigantischen Schuldenberg, könnte es zu einem panikartigen Abverkauf der Staatsanleihen kommen. Banken und Versicherungen wären in einem solchen Fall mit erheblichen Liquiditäts- und Bewertungsproblemen konfrontiert, und auch größere Kreditinstitute könnten in diesen Abwärtstrudel geraten. Wer in diesem Falle die notwendigen Rettungsmittel bereitstellt, ist klar: Der bereits überbelastete Steuerzahler – und zu einem erheblichen Teil die Europäische Zentralbank, die in einer solchen Krise für zusätzliche Liquidität sorgen und gegebenenfalls am Sekundärmarkt intervenieren könnte – Inflation und Vertrauensverlust in das System inklusive.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen