Nach der gescheiterten Devisenmarktintervention und den weiter steigenden Anleihenzinsen ist Japan ins Zentrum der heraufziehenden Krise an den Bondmärkten gerückt. Die steigenden Zinsen drohen die Bilanzen der Versicherungswirtschaft in Mitleidenschaft zu ziehen.
IMAGO / ZUMA Press Wire
Bricht der Schuldensturm tatsächlich über Japan los? Oder schiebt sich doch noch ein anderer Kandidat, möglicherweise Frankreich, in diesem zerstörerischen Race to the Bottom in die Pole Position?
An den Anleihenmärkten geht es turbulent zu, die Spannungen steigen sichtbar. Zinsen ziehen beinahe täglich an, Investoren stoßen Staatsschuldenpapiere in großen Mengen ab und erhöhen auf diese Weise den Druck auf die fragile Schuldenarchitektur der Welt.
Immer wieder im Fokus: das hochverschuldete Japan.
Die Wirkung der Devisenmarktoperation der Vereinigten Staaten und der Bank of Japan scheint bereits verpufft. Ein Volumen von bis zu 85 Milliarden Dollar wurde in Bewegung gesetzt, um die taumelnde japanische Währung zu stabilisieren, Kapitalflucht zu vermeiden und vor allen Dingen einen weiteren Abverkauf amerikanischer Anleihen und damit zusätzlichen Druck auf den Yen zu verhindern.
Für Japan sieht es angesichts einer Staatsverschuldung von rund 228 Prozent und der auf über vier Prozent gestiegenen Zinsen am langen Ende bei den dreißigjährigen Anleihen nicht rosig aus, da kann auch das ewige Argument der internen Staatsverschuldung nicht rütteln – es gibt keine guten Staatsschulden, lediglich den Verdrängungseffekt der Privatwirtschaft durch einen überbordenden Staatsapparat.
Auch die Golfstaaten, die ihre Haushalte größtenteils über den Verkauf von Rohöl und Erdgas und über den Transport durch die Straße von Hormus finanzieren, stehen angesichts der ungelösten Situation im Visier der Anleihenmärkte.
Überall ähnelt sich das Bild: Auch in Deutschland haben die Zinsen der dreißigjährigen Anleihen einen Stand erreicht, den sie zuletzt 2011 während der großen Staatsschuldenkrise gesehen haben. Aus Sicht der Versicherungswirtschaft birgt diese fundamentale Neubewertung der Staatsverschuldung und der damit verbundenen Ausfallrisiken ein großes Problem.
Um dieses Problem sachlich einzuordnen, muss man sich vor Augen führen, welche Bedeutung langfristige Staatsanleihen im obersten Bonitätssegment für die globale Finanzarchitektur einnehmen. Sie gelten als mündelsicher: die Papiere der Bundesrepublik, der USA, der skandinavischen Staaten oder der Schweiz. Sie bilden das Fundament der Bilanzarchitektur der Versicherungs- und Bankenwirtschaft – ein sicherer Zins, der einen Teil der Einnahmenbasis ausmacht.
Doch hat ihr Ruf Schaden genommen, da sich inzwischen selbst die Neuverschuldung der Vereinigten Staaten auf eine Rate von über sieben Prozent im Jahr zubewegt. Ähnlich verhält es sich mit Frankreich und Italien. Auch Deutschland wird im kommenden Jahr etwa fünf Prozent öffentliche Schulden auf den Schuldenberg draufsatteln, kalkuliert man korrekterweise auch die kommunalen und Landesschulden sowie die Sondervermögen hinzu.
Besonders markant zeigt sich dieses Problem im Falle der Lebensversicherer in Japan. Auch sie setzen auf langlaufende Staatsanleihen zur Bilanzkonstruktion, da sie gegenüber ihren Kunden Vertragsverpflichtungen über lange Zeitläufe eingehen. Langlaufende Staatsanleihen werfen einen vermeintlich sicheren Zins ab und gelten somit als robuste, nahezu ausfallrisikofreie Produkte.
Doch steigen die Zinsen schnell, fallen im Gegenzug die Anleihenkurse. Die alten Papiere, die mit niedrigen Zinsen erworben wurden, verlieren am Markt an Wert. Für die Versicherer entstehen dadurch zunächst Buchverluste beziehungsweise stille Lasten in Milliardenhöhe.
Für Japans vier größte Lebensversicherer kumulieren sich diese Buchverluste inzwischen auf 15,13 Billionen Yen, was etwa 82 Milliarden Euro entspricht. Gelingt es den Versicherern, die Anleihen bis zur Endfälligkeit zu halten, muss daraus noch kein tatsächlicher Verlust entstehen. Doch genau hier liegt die Gefahr. Sobald Versicherer gezwungen sind, Anleihen vorzeitig zu veräußern, werden aus Buchverlusten reale Verluste.
Es sind mehrere auslösende Faktoren für Notverkäufe denkbar. Kunden könnten ihre Lebensversicherungen kündigen und Geld zurückfordern. Das würde eine Verkaufswelle zur Liquiditätsbeschaffung auslösen und zusätzlichen Druck auf die Zinsen ausüben. Auch regulatorische Vorgaben oder ein zunehmender Druck auf die Bilanzen könnten solche Verkäufe erzwingen.
Es droht eine Kettenreaktion: Steigende Zinsen drücken die Kurse der alten Anleihen. Durch den Abverkauf weiter fallende Kurse belasten wiederum die Bilanzen der Versicherer und könnten diese zu weiteren Verkäufen zwingen.
Das Problem der japanischen Lebensversicherer ist ein globales Problem, das auch das Eurosystem bald erfassen wird: Wie groß sind die stillen Lasten bei den europäischen und insbesondere bei den deutschen Versicherern? Was geschieht, wenn die Zinsen auch hier am langen Ende weiter steigen? Bislang hält der Damm der deutschen Versicherungswirtschaft. Doch das steigende Zinsniveau weckt inzwischen ungute Erinnerungen an die große Schuldenkrise vor 15 Jahren.
Die fallenden Anleihenkurse könnten sich im Übrigen auch negativ auf das Bankgeschäft und den Kreditmechanismus im Allgemeinen auswirken. Fallende Anleihekurse lassen die Bankbilanzen schrumpfen, und das Potenzial der Kreditvergabe wird auf diese Weise geschmälert. Ein sich selbst verstärkender Effekt: Gerade in diesem Moment werden wesentlich größere Absorptionspotenziale gefragt sein, um die steigenden Staatsschulden über den gesamten Finanzsektor zu streuen. Die Zeit wird knapp für die Zentralbanken, mit Anleihenmarktinterventionen den Kursverfall zu stabilisieren.
Wir sind angesichts der Schuldenpolitik längst im Bereich der Hütchenspielertricks, der Bilanzkosmetik – wenn man an das Sondervermögen der deutschen Politik denkt – und der offenen Camouflage eingetreten. Aus welchem Grund wohl erwerben Zentralbanken in aller Herren Länder immer weitere Goldbestände? Die Banker schützen sich und ihre Institutionen vor dem Produkt, das sie selbst imitieren: dem unbegrenzten, ungedeckten Fiatkredit.
In der Vergangenheit befreiten sich die Staaten durch die Inflationierung ihrer Schulden aus der Falle. Die Leidtragenden sind in diesem Falle diejenigen, die sich nicht vor der gezielten Währungsentwertung durch geeignete Vermögensanlagen, durch Edelmetallbestände in Sicherheit bringen konnten.
Es sind vor allem die unteren Einkommensschichten, die die Inflationspeitsche über sich ergehen lassen müssen, wenn über die Kontrolle der Zinskurve das Schuldenspektakel monetarisiert wird, wie es im Bankerslang so euphemistisch heißt. Das ist ein zivilisatorisches Verbrechen, ein offener Diebstahl, der in der Regel in einer Vertrauenskrise mündet.
Der Staat gaukelt seiner Bevölkerung Stabilität und seriöse Haushaltspolitik vor. Dabei verhält es sich so, dass seine Schulden mit wachsweicher Inflationswährung zurückgezahlt werden. In der Regel geht dieser Betrug auf, und die Menschen nehmen den erzwungenen Kaufkraftverlust zähneknirschend hin oder bemerken ihn möglicherweise gar nicht.
Hin und wieder allerdings, wenn es Staaten zu weit getrieben haben mit kreditfinanziertem Stimmenkauf und dem Aufbau ihrer Staatswirtschaft, droht dieses Machtgefüge unter seinen Schuldenlasten zu kollabieren. Was dann folgt, ist politisches Chaos und endet im besten Falle mit einer libertären Kettensäge der Marke Javier Milei. Im schlimmsten Falle droht den Menschen das Gefängnis eines sozialistischen Terrorstaats.
Man kann es nicht oft genug betonen: Die Manipulation des Geldwertes durch den Staat zählt zu den schlimmsten zivilisatorischen Verbrechen, da dieser Praxis Not, Elend, Krieg und Verwüstung auf dem Fuße folgen.


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