Hohe Energie- und Arbeitskosten, Überbürokratisierung, fiskalisch zu teuer – die ökonomischen Fakten für Deutschlands Niedergang sind bekannt. Eine aktuelle Studie von McKinsey rechnet vor, wie extrem die Wettbewerbsnachteile für deutsche Unternehmen inzwischen sind. Der Klimakomplex hat ganze Arbeit geleistet.
IMAGO / Bernd Elmenthaler
Volkswagen beginnt seinen Personalkahlschlag und wird in den kommenden Jahren 100.000 Mitarbeiter entlassen. BMW und Mercedes investieren in Ungarn und an anderen Standorten, den Chemieriesen Covestro zieht es mit einer Milliardeninvestition nach China, Stellantis sowie zahlreiche weitere Industrieunternehmen verlagern ihre Aktivitäten in die USA. Dies sind nur einige wenige Beispiele einer gefährlichen Tendenz der Deindustrialisierung Deutschlands.
Was die genannten Beispiele eint, ist ihr hoher Grad an unternehmerischer Flexibilität: Stets verfügen die Unternehmen über das notwendige Kapital und internationale Netzwerke, um relativ flexibel Ressourcen vom Standort Deutschland in attraktivere Regionen zu verlagern. Sie sind nicht an das Land gebunden, das sich unzweifelhaft zu einem der toxischsten Wirtschaftsstandorte der Welt entwickelt hat.
Für die Millionen Mittelständler und kleinen Unternehmen sowie die Selbstständigen im Land gilt dies nicht. Sie bleiben dem Regulierungswahn und der Klimapolitik schutzlos ausgesetzt – von den steigenden Abgabenlasten gar nicht zu sprechen. Sie geraten zunehmend unter den Druck eines entgrenzten und durchideologisierten Parteienstaates, der sie und ihr Kapital als bloße Verfügungsmasse politischer Dispositionen betrachtet.
Wie groß der Nachteil eines Investments am Standort Deutschland inzwischen geworden ist, rechneten die Analysten der Beratungsfirma McKinsey in dieser Woche vor. In der Studie „Catalyzing Competitiveness: Where Investment Happens and Why“ vergleichen die Autoren in 34 Industrie- und Schwellenländern eine der zentralen Kennzahlen des ökonomischen Geschehens: die produktiven Nettoinvestitionen. Das Ergebnis fällt für Deutschland verheerend aus. Lediglich 0,2 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Leistung werden noch in Zukunftsinvestitionen umgelenkt.
Vertreter der deutschen Politik wird es überraschen, doch weder Grundsicherung (Bürgergeld) noch der gigantische Subventionsstrom in die grüne Brache noch Rüstungsinvestitionen sind es, die eine Volkswirtschaft dauerhaft tragen. Produktive Nettoinvestitionen sind jene Mittel, die über einen freien Kapitalmarkt aus der Sparleistung der Bevölkerung in neue Fabriken, neue Technologien und zusätzliche Produktionskapazitäten gelenkt werden – nur so entstehen Wachstum, Wohlstand und die notwendigen Spielräume für Sozialpolitik.
Es handelt sich um den Kapitalstock der Privatwirtschaft, der in einem dynamischen Prozess über Wettbewerb und freie Märkte an den aktuellen Standard der Weltökonomie angepasst werden muss, um „up to date“ zu bleiben – und jene Güter zu produzieren, die weltweit nachgefragt werden. Dabei sind die reichsten Nationen diejenigen, die über das Know-how verfügen, genau jene Produktionsmittel hervorzubringen, die selbst zum Standard der globalen Güterfertigung werden. In Deutschland war dies stets der Maschinenbau, der Automobilbau und die Elektroindustrie. Doch diese Zeiten sind inzwischen Geschichte.
Die McKinsey-Ökonomen sagen nichts grundsätzlich Neues, wenn sie die Hauptursachen der deutschen Investitionskrise benennen. Da wären zum einen die überhöhten Energiekosten. Ein Standort, der konsequent seine Atomkraft abschaltet und mit CO2-Abgaben jede industrielle Produktion verteuert und Energie verknappt, verliert zwangsläufig im internationalen Wettbewerb. Hinzu treten überlange Genehmigungsprozesse sowie hohe Baukosten, maßgeblich verursacht durch regulatorische Vorgaben der Klimapolitik. Deutschland ist regulatorisch überkomplex, ja geradezu uninvestierbar geworden.
McKinsey nennt ein konkretes Beispiel: Eine Baugenehmigung für ein Einfamilienhaus dauert in Deutschland rund 200 Tage. In den USA sind es etwa 60 Tage, in China rund 40.
Welche Folgen hat der ideologische Angriff der Klimapolitik auf den Standort Deutschland? Im vergangenen Jahr fiel die Nettoinvestitionsquote der deutschen Wirtschaft auf einen negativen Wert: minus 0,23 Prozent. In den 1990er-Jahren lag sie noch bei über 7 Prozent, in der ersten Dekade nach der Jahrtausendwende bei etwa 3 Prozent. Bei 3 Prozent würde die deutsche Wirtschaft rund 140 Milliarden Euro zusätzlich in ihren Kapitalstock und in neue Wertschöpfungsprozesse investieren können. Dieses Kapital wird jedoch über vielfältige Kanäle – insbesondere über Staatsverschuldung und Regulierungspolitik – in andere Bereiche umgeleitet.
Die Entwicklung der Halbleiterproduktion ist in Deutschland beispielsweise bis zu 50 Prozent teurer als in Taiwan oder China. Die Entwicklung einer Elektroauto-Plattform ist drei- bis viermal so teuer wie in China.
Dies sind nur einige Beispiele, die McKinsey anführt, um deutlich zu machen: Die Degrowth-Politik Berlins und Brüssels zeigt Wirkung, hunderttausende Industriejobs wurden bereits vernichtet. Die dramatischen Konsequenzen dieser Politik werden sich später zeigen: Gleiten weite Teile der deutschen Gesellschaft noch tiefer in die Armut ab, wird die Bereitschaft steigen, einen wachsenden staatlichen Kontrollapparat samt Zensur und digitaler Überwachung zu akzeptieren. Darauf weisen zahlreiche politische Entwicklungen in diesen Wochen hin.





Sie müssenangemeldet sein um einen Kommentar oder eine Antwort schreiben zu können
Bitte loggen Sie sich ein