Taucht Rheinmetall wieder auf? – Inflationsbefürchtungen – Erhöhen Tech-Konzerne Preise?

Der Verlierer ist Rheinmetall, die Aktie, die seit Ausbruch des Ukraine-Krieges als unsinkbar galt. Versenkt hat sie Boris Pistoriusmit einem zurückzogenen Auftrag. Der Ölpreis sank auf den Stand von vor dem Irankrieg. Nur nicht an den Zapfsäulen. Das treibt die Inflation weiter an. Setzen die Tech-Konzerne geplante Preiserhöhungen wirklich durch?

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Widmen wir uns zunächst den Niederungen. Der große Verlierer dieser Tage ist Rheinmetall. Dabei galt die Aktie des Rüstungsriesen doch seit Ausbruch des Ukraine-Krieges als praktisch unsinkbar. Versenkt hat sie jetzt aber ausgerechnet Verteidigungsminister Boris Pistorius, indem er einen Auftrag für sechs Kriegsschiffe zurückzog, für den Rheinmetall eigentlich eine eigene Marinesparte aufgebaut hatte. Stattdessen ordert Pistorius nun bei Konkurrent ThyssenKrupp Marine Systems acht andere Schiffe, die, so heißt es, besser den Anforderungen der Nato entsprächen. Die Rheinmetall-Aktie verlor allein am Mittwoch 20 Prozent und notiert erstmals seit mehr als einem Jahr unter 1000 Euro. Konzernchef Armin Pappberger hatte laut „Handelsblatt“ kurz zuvor noch Aktien für neun Millionen Euro gekauft – und so an einem Tag zwei Millionen verloren. Geht die Talfahrt in den kommenden Tagen weiter oder setzt eine Erholung ein?

In die andere Richtung ging es am Donnerstag für Bayer, und zwar gewaltig. Im milliardenschweren Rechtsstreit um den vermeintlich krebserregenden Unkrautvernichter Glyphosat hatte der Konzern vor dem obersten US-Gericht einen wegweisenden Sieg errungen. Es hatte entschieden, dass Bundes- vor Landesrecht geht, und die Bundesbehörde hatte Glyphosat als nicht krebserregend eingestuft. Damit ist den Tausenden Schadensersatzklagen die Grundlage entzogen. Der Bayer-Aufwärtstrend könnte in der kommenden Woche weitergehen.

Der Ölpreis ist derweil auf den Stand von vor dem Irankrieg gesunken. Allerdings nicht an den Zapfsäulen. Das treibt die Inflation weiter an. Neue Daten aus den USA zeigen, dass die Fed wohl nicht umhinkommen wird, die Zinsen anzuheben. Aktuelle Inflationsdaten gibt es nächste Woche auch für Deutschland und die EU. Im Mai waren die Verbraucherpreise hierzulande um 2,6 Prozent gestiegen, EU-weit um 3,2 Prozent. Die Preissteigerungserwartungen werden in den nächsten Wochen die entscheidende Größe für Gedeih oder Verderb der Börsen sein.

Spannend wird es am Freitag; denn am 3. Juli endet die (verlängerte) Angebotsfrist von Unicredit an die freien Aktionäre der Commerzbank, ihre Aktien in 0,485 Aktien der Italiener zu tauschen. 39 Prozent der Commerzbank-Anteilsscheine besitzt die Unicredit schon, die Komplettübernahme scheint unausweichlich. Die HypoVereinsbank hat sich die Unicredit schon vor Jahren geschnappt. Es gäbe dann nur mehr die Deutsche Bank als ernstzunehmenden privaten deutschen Player im globalen Finanzgeschäft.

Nach der Erholung am Vortag gerieten US-Technologiewerte zum Wochenschluss wieder unter Druck. Marktbeobachter verwiesen auf zunehmende Zweifel der Anleger, ob die Konsumenten die geplanten Preisanhebungsrunden der Technologiekonzernen noch in der Masse mittragen werden. Börsianer sprachen zudem von einer gewissen Rotation weg von den Chipherstellern. Der Nasdaq 100 fiel um 1,1 Prozent auf 29.118 Punkte. Anleger machten bei solchen Aktien Kasse, deren Kurse zuvor im Zuge der Hoffnung auf hohe Gewinne mit Künstlicher Intelligenz (KI) in die Höhe geschnellt waren. Für den technologielastigen Index ergibt sich auf Wochensicht damit ein Verlust von gut 4,2 Prozent.

Der marktbreite S&P 500 gab am Freitag kaum fühlbar auf 7.354 Punkte nach. Der Dow Jones Industrial fiel um 0,1 Prozent auf 51.876 Punkte. Hier steht auf Wochensicht ein Gewinn in Höhe von 0,6 Prozent zu Buche. Erst am Donnerstag hatte der Leitindex ein Rekordhoch erreicht.

„Die Anlegerstimmung hat sich angesichts des Technologie-Ausverkaufs zunehmend eingetrübt, doch der breitere Markt zeichnet ein anderes Bild“, kommentierte Marktstratege Mark Hackett von der Nationwide Investment Management Group. Statt des Beginns eines größeren Abschwungs sehe es eher nach einer Konsolidierungsphase im Verborgenen aus. Aus Hacketts Sicht sind die fundamentalen Rahmenbedingungen weiterhin günstig: Die Verbraucher konsumierten nach wie vor, Unternehmen investierten, und die Gewinnerwartungen stiegen.

Halbleiteraktien gaben auf breiter Front nach, da die Anleger angesichts angekündigter Preiserhöhungen bei Apple-Produkten und jenen anderer Elektronikunternehmen zunehmend die Nachhaltigkeit der Chip-Nachfrage anzweifeln. Eine mögliche Verzögerung des Börsengangs des KI-Highflyers und ChatGPT-Erfinders OpenAI, über die die „New York Times“ berichtete, dämpfe zudem die Risikobereitschaft, hieß es.

Die Bedenken angesichts hoher Bewertungen rund um Künstliche Intelligenz seien zurück, schrieb Analyst Thomas Altmann vom Vermögensverwalter QC Partners: „Die Stimmung ist gerade dabei, sich zu drehen“. Anleger würden generell vorsichtiger. Die Risikoaversion nehme zu. So fielen die Papiere von Micron um 6,7 Prozent, nachdem sie am Donnerstag um gut 16 Prozent auf ein Rekordhoch geklettert waren. Für die Anteilsscheine der KI-Chipwerte AMD und Marvell Technology ging es um 2,1 und 5,2 Prozent nach unten.

Die Aktien von On Semiconductor sackten um fast ein Viertel ab, nachdem der Chiphersteller die Übernahme von Synaptics im Zuge eines reinen Aktientauschs avisiert hatte. Analysten befürchten, dass die Übernahme eines Unternehmens, das im Bereich Smart Devices tätig ist, das Kerngeschäft mit Halbleitern für KI-Rechenzentren beeinträchtigen könnte. Die Anteilsscheine von Synaptics verloren nach deutlichen Schwankungen am Ende 3,7 Prozent.

Für die Papiere des Raumfahrtunternehmens Rocket Lab ging es um fast fünf Prozent nach oben. Der Anbieter von Trägerraketen hatte bekanntgegeben, dass die US-Weltraumbehörde Nasa ihn ausgewählt hat, ab Anfang 2027 drei Starts für die beiden Missionen PolSIR und TSIS-2 durchzuführen.

Der Dax hatte zuvor schon eine wechselhafte Woche mit deutlichen Verlusten beendet. Dem Abwärtssog der asiatischen Märkte konnte sich der deutsche Leitindex nicht entziehen. Zum Handelsschluss verlor der Dax 1,3 Prozent auf 24.671 Punkte. Damit verpuffte nicht nur der Erholungsversuch vom Donnerstag. Der Dax rutschte zudem wieder unter die für den kurzfristigen Trend wichtige 21-Tage-Linie. Der Wochenverlust ist fast identisch mit dem Tagesminus. Für den Monat Juni steht ein Rückgang um 1,7 Prozent zu Buche und für die erste Jahreshälfte noch ein Plus von 0,7 Prozent. Für den MDax ging es am Freitag letztlich um 1,2 Prozent auf 31.589 Punkte bergab.

Im Chipbereich erfasste die erneute Abwärtsbewegung viele deutsche Aktien, darunter den Halbleiterhersteller Infineon mit einem Abschlag von 4,5 Prozent. Für die Branchenausrüster Suss, Aixtron und PVA Tepla sowie den Waferhersteller Siltronic ging es am Ende um bis zu knapp sechs Prozent bergab. Die Abwärtsbewegung erfasste mit Siemens Energy und Hochtief auch KI-Profiteure aus anderen Branchen.

Am Dax-Ende büßten Zalando-Aktien etwas mehr als sechs Prozent ein. Die Finanzaufsichtsbehörde Bafin hatte bei dem Modehändler eine Prüfung des Konzernabschlusses eingeleitet. Sie sehe Anhaltspunkte, dass gegen Rechnungslegungsvorschriften verstoßen worden sei. Eine Stellungnahme, dass es sich „um einen rein formellen, aber materiell unwesentlichen Aspekt in den Anhangsangaben“ handele, sorgte im Verlauf für etwas Entlastung.

Im Rüstungssegment erholte sich Renk mit plus 3,2 Prozent vom jüngsten Kursrutsch, der im Zuge eines verlorenen Rheinmetall-Großauftrags weite Teile der Branche erfasst hatte. Die US-Regierung gab am Vorabend den Vertragsabschluss für einen Auftrag an Renk im Wert von 691 Millionen US-Dollar bekannt.

Einen Bogen machen die Anleger weiter um Autowerte. VW wurden zwar zeitweise von einem Medienbericht über noch weitreichendere Umstrukturierungen gestützt. Letztlich tauchten aber auch die Titel der Wolfsburger mit 3,9 Prozent ins Minus ab. Dem „Manager Magazin“ zufolge könnten in den kommenden Jahren bis zu 100.000 Stellen wegfallen und vier Werke geschlossen werden.

Die am Ende unveränderten Bayer-Aktien verteidigten ihren Vortagskurssprung wegen eines wichtigen Erfolgs in den Glyphosat-Rechtsstreitigkeiten weitgehend. Analyst James Quigley von Goldman Sachs sieht in der Entscheidung des Obersten Gerichts in den USA einen großen Schritt, um eine Dekade der Rechtsrisiken im Zusammenhang mit dem Unkrautvernichter zu beenden.

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