Die Adipositas-Epidemie steht vor dem Aus. Die Argumentation mit Grenzwerten vom BMI bis zum Zuckerverzehr macht die Koalitionäre in ihrer Unwissenheit zu Kollaborateuren einer inzwischen schon tradierten Korruption.
picture alliance / imageBROKER | Arnulf Hettrich
Zur Zeit der Ampel-Koalition hatte die Idee einer fiskalisch gesteuerten Ernährung durch die Zuckersteuer trotz der Mühen von Cem Özdemir nicht einmal den Weg ins Kabinett gefunden. Jetzt will die Regierungskoalition auf der kreativen Suche nach Einkünften bei jeder Erfrischung der Bürger einen kräftigen Schluck aus der Pulle nehmen. Dreist ist die Behauptung der Steuer-Strategen, damit der Gesundheit der Menschen einen Gefallen zu tun. Für die Verantwortlichen wäre ein Blick auf die aktuelle Medizin hilfreich. Die Adipositas-Epidemie steht nämlich vor dem Aus. Und nicht nur das. Die Argumentation mit Grenzwerten vom BMI bis zum Zuckerverzehr macht die Koalitionäre in ihrer Unwissenheit zu Kollaborateuren einer inzwischen schon tradierten Korruption.
Jubel einer Organisation wie Foodwatch sollten Politiker nicht als Beleg für die Richtigkeit ihres Vorhabens interpretieren. Mit den selbst ernannten Essensrettern hat deren Gründer Thilo Bode die Lüge zum Geschäft gemacht, um Spendengelder durch Kampagnen zu akquirieren. Dreist behauptet man jetzt zu den Plänen der Berliner Steuereintreiber „Was für ein Erfolg! Für die Kindergesundheit, aber auch für uns.“ Belege für die erwartete Gesundheit gibt es keine. Ideologie trägt keineswegs zur Gesundheit bei. Zudem macht eine Steuer auf Erfrischungsgetränke, wie eine Studie der Universität Cambridge in England ernüchternd feststellt, die Kinder auch nicht schlanker.
Korruption gehört zum Geschäft
Irren ist menschlich, Irreführung dagegen schändlich. In der politischen Diskussion geht es aktuell um das Übergewicht, orientiert am BMI, und um Grenzwerte für den Verzehr von Zucker. Beides ist dem Arzt Philip James zu verdanken. Er hat am Rowett Institute gearbeitet und vor allem für die Beratung oder besser Instrumentalisierung von WHO und UN die International Obesity Task Force (IOTF) aufgebaut. Ein einträgliches Geschäft mit langfristiger Wirkung.
Die WHO, der das „Journal of Clinical Epidemiology“ 2013 und 2015 nach umfangreichen Studien wissenschaftliche Inkompetenz attestiert hat, kolportiert noch heute die Empfehlungen von James zum Zuckerverzehr. Er rühmte sich stets, den BMI installiert zu haben, Grenzwerte für den Verzehr von Zucker als den angeblichen Verursacher von Adipositas definiert zu haben und sogar verantwortlich für Ideen wie die Ampelkennzeichnung von Lebensmitteln und Werbeverbote zu sein.
Der Mann hat das Übergewicht zu einem dicken Geschäft gemacht. Er ist fürstlich entlohnt worden. Als ihm die seriöse und unabhängige Redaktion von The BMJ (früher British Medical Journal), eine der ältesten und weltweit führenden medizinischen Fachzeitschriften, bereits 2006 nachweisen konnte, dass er von der Pharmaindustrie mit Millionen für seine marktgestaltende Arbeit zum Übergewicht bezahlt worden war, hat er das nicht bestritten. Die WHO, die seither für jede Empfehlung zur Ernährung die korrupten Werte von James nutzt, geht bis heute in Deckung.
Das anspruchsvolle Magazin „Schweizer Monat“ hat unter der Headline „Who is WHO“ detailliert die Inkompetenz der WHO mit ihren Grenzwerten und die korrupten Ursachen von gegen Adipositas und Zucker gerichtete Kampagnen dargestellt. Im Heimatland Schweiz der WHO ist das von der Organisation ohne jeden Widerspruch gelesen und akzeptiert worden. Korruption gehört zum Geschäft und die Grenzwerte zum Zucker verkaufen sich gut. Also taucht auch bei der Strafsteuer für Erfrischungsgetränke der von Philip James vor Jahrzehnten in die Welt gesetzte Gehalt von fünf Gramm Zucker pro 100 Milliliter wieder auf. Belege dafür gibt es nicht. Es ist eben ein gelernter Grenzwert. Entstanden ist er eminenzbasiert durch Pharma-Finanzierung und nicht evidenzbasiert durch Forschung.
Sogar die EFSA, die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, stellt nach einem umfangreichen wissenschaftlichen Gutachten fest, dass ein Grenzwert für Zucker nicht definiert werden kann. Das sollte für Politiker in der aktuellen Gesundheitsdiskussion eine wichtige Erkenntnis sein. Aber wer ist schon die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit, wenn eine Organisation wie die WHO mit ihren Strategen behauptet, es besser zu wissen? Die Millionen für die Marktgestaltung durch eine Adipositas-Epidemie können doch nicht ohne sachlichen Hintergrund geflossen sein. Also bleibt es bei den von James definierten Grenzwerten. Die tatsächlichen Ursachen sind leider zu komplex für eine den Beifall suchende Politik.
Zur Komplexität des Themas Übergewicht tragen Lebensstil, Umwelt, psychische Belastungen und nicht zuletzt soziale Faktoren bei. Die Bedingungen, unter denen Kinder aufwachsen und wir leben, haben sich signifikant verändert. Hier ist nicht nur die energiereiche Ernährung ein Verursacher von einem zunächst statistisch erfassten Übergewicht. Relevant sind Bewegungsmangel, Schlafdefizit, hoher Medienkonsum, familiäres Verhalten und Stress. Alle Faktoren sind messbar und markieren reale Verschiebungen, mit denen sich die Politik befassen könnte. Die Sozialproblematik als eine wesentliche Ursache der Gewichtsproblematik ist die Realität. Für staatliche Initiativen ist das aber erheblich herausfordernder als eine einträgliche Strafsteuer.
Dick und gesund statt dünn und krank
Der im korrumpierten Labor entwickelte BMI erlebt die Adipositas-Dämmerung. In der Medizin steht der BMI massiv in der Diskussion. Die Kritik daran ist nicht neu. Die statistische Adipositas könnte und sollte jetzt vor ihrem Ende stehen. Aktuell wird das Thema Adipositas durch Forschungen grundsätzlich neu bewertet. Die Medizin hat dafür jetzt einen interessanten Terminus. Es sind die sogenannten TOFIs. Das meint „thin outside, fat inside“. Das sind Normalgewichtige mit den für Adipositas typischen Risiken und Erkrankungen. Nach umfangreichen medizinischen Studien haben zwischen 20 und 30 Prozent der Personen mit einem vermeintlich vorbildlichen BMI von unter 25 für Adipositas typische Stoffwechselstörungen. Auch die Kausalität ist erforscht. Es liegt am Viszeralfett im Bauchraum, das Diabetes, Fettleber und Arteriosklerose initiiert.
BMI steht vor dem Aus
Was bedeutet das für die ganze Adipositas-Hysterie? Wenn es um die Gesundheit der Menschen gehen soll, fehlt damit die Basis. Es ist das Ende der Waage und der schlichten Berechnung des Quotienten aus Körpergewicht und dem Quadrat der Körpergröße. Die Medizin stellt fest, dass eine Politik auf Basis einer unzutreffenden BMI-Bedeutung am eigentlichen Problem vorbeigeht.
Nicht die bisherige Statistik zählt, sondern die tatsächlichen Ursachen von Erkrankungen. Deshalb arbeitet man an der Definition des metabolischen BMI als realistische Messgröße. Und das Argument der Bewegung in einer zunehmend inaktiven Gesellschaft bekommt eine interessante Bestätigung. Sport ist auch unter dem Aspekt gesund, dass Muskeln für die genannten Gesundheitsrisiken ein wichtiger Schutzfaktor sind.
Die Fakten der Wissenschaft zeigen die Absurdität der aktuellen politischen Initiativen. Ein BMI unter 25 lässt nicht auf Gesundheit schließen, weil er kranke und gefährdete Menschen nicht berücksichtigt. Und ein angeblich die Adipositas anzeigender BMI über 25 stempelt Gesunde als gefährdete ab. Diese Komplexität erklärt auch, warum bislang oft Leistungssportler als angeblich adipös charakterisiert wurden.
Die grenzwertige WHO
Medizin braucht Ehrlichkeit. Zur Gestaltung von Absatzmärkten definierte Grenzwerte, die nachweislich durch Korruption initiiert worden sind, müssen auch dann abgeschafft werden, wenn eine inkompetente Institution wie die WHO sie gebetsmühlenartig wiederholt. Die Eminenzen der WHO sollten erkennen, dass für Empfehlungen mit großer Tragweite Evidenzen in der Forschung gebraucht werden. Eine angebliche Adipositas-Epidemie wird zur Legitimierung der Existenz dieser Institution nicht gebraucht. Es gibt weltweit genug tatsächliche Epidemien. Gebraucht wird auch hier Ehrlichkeit, um zu einer dunklen Vergangenheit zu stehen.
Politiker müssen sich fragen, woher ihre Argumente stammen, auch wenn die Quelle namhaft ist. Die Bezeichnung WHO ist kein Garant für Glaubwürdigkeit.
Verantwortungsvolle Medizin sollte zudem eine kritische Beschäftigung mit dieser Institution nicht scheuen. Die wissenschaftliche Qualität von Studien kann durch das GRADE-System bewertet werden. Das „Journal of Clinical Epidemiology“ hat 2013 und 2019 umfangreiche Studien zu den von der WHO herausgegebenen Richtlinien und deren Hintergründe publiziert. Vernichtende Urteile. Bei Empfehlungen (Strong Recommendations) war bei 55,5 Prozent das wissenschaftliche Studienniveau als niedrig oder sehr niedrig zu werten. 2015 formulierte das „National Center for Biotechnology Information (NCBI) sogar, dass die Integrität der WHO wegen der nachweislich unwissenschaftlichen Arbeit gefährdet ist. Aber die Organisation macht weiter und ihren Aussagen wird unkritisch geglaubt.
Adipositas neu definieren
Eine internationale Expertenkommission hat in „Lancet“ vorgeschlagen, Adipositas neu zu definieren, weil der BMI nur „inadäquate Informationen“ über die individuelle Gesundheit gibt. Deshalb haben Forscher des Berlin Institute of Health der Charité (BIH) und der Queen Mary University in London mit dem „Obscore“ einen neuen Ansatz entwickelt. Die KI-basierte Anwendung ist eine mögliche Alternative zum BMI, um schädliches Übergewicht zu erkennen.
Kamil Demircan, wissenschaftlicher Mitarbeiter des BIH und Erstautor der Studie, stellt zusammenfassend klar fest, dass der BMI zwar einfach anwendbar sei, aber medizinisch bedeutungslos: „Es ist aber immer mehr wissenschaftlicher Konsens, dass sich die vielfältigen Auswirkungen von Adipositas damit nicht abbilden lassen – vor allem, wenn es darum geht, das Risiko von Folgekrankheiten abzuschätzen.“ Genau das soll jetzt mit dem „Obscore“ möglich sein.
Die Körperfettmessung ist eher aussagekräftig als die Waage und eine Formel. Die Forscher schlagen vor, Fettleibigkeit nicht durch den BMI, sondern durch eine solche Messung zu ermitteln. Durch die Messung des Taillenumfangs oder der Relation zwischen Taillen- und Hüftumfang, die ebenfalls Aufschluss über den Körperfettanteil geben. Lediglich ab einem BMI von 40 könne auf solche Messungen verzichtet werden, da dann sicher von Adipositas auszugehen sei.
Statistiken und Standardisierungen sind noch keine medizinischen Lösungen. Und auch Korrelationen ohne Kausalitäten können Komplexität selten erklären. Es gibt Menschen, die trotz eines höheren BMI ein geringeres Risiko für manche Folgekrankheiten haben als Menschen mit einem geringeren. Der „Obscore“ kann dabei helfen, besonders gefährdete Personen zu erkennen – und damit diejenigen, die am dringendsten etwas gegen ihr Übergewicht oder eine weitere Gewichtszunahme tun sollten.
Tatsachen statt Ideologie und Lüge müssen die Diskussion prägen. Der traditionelle BMI ist medizinisch wertlos. Die darauf aufbauende statistische Adipositas-Epidemie als Begründung für eine Steuer, die zudem in England ohne Wirkung geblieben ist, hat damit keine Grundlage. Evidenzbasierte Grenzwerte für den Zucker existieren nicht. Gesundheitspolitik hat viele Aufgaben. Orientierungslos agierenden Politikern sollte klar werden, dass Personenwaage, Rechenformel und eine Zuckersteuer nicht reichen, um die Gesundheit der Menschen zu fördern.
Detlef Brendel ist Wirtschaftspublizist.


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