Politiker der baltischen Staaten warnen vor den Folgen kreditfinanzierter Verteidigungspolitik. Es wird Zeit, die Russlandpolitik zu überdenken und sich der ökonomischen Realität in der EU zu stellen. Rüstungsbudgets dürfen nicht von Schuldenmachern künstlich aufgebläht werden.
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Handelte es sich lediglich um eine medientaktische Finte oder um die Vorbereitung einer strategischen Umorientierung der Russland‑Politik der NATO und der EU? In der vergangenen Woche warnten gleich mehrere führende Politiker der baltischen Staaten vor den Folgen einer ausschließlich schuldenfinanzierten europäischen Verteidigungspolitik. Dass diese deutliche Kritik an der Schuldenpraxis ausgerechnet von Vertretern der Staaten der östlichen NATO‑Front stammt, also von der Region, die sich unmittelbar an der russischen Grenze befindet, verleiht der Botschaft besonderen Nachdruck.
Sie wirft die Frage auf: Wie steht es tatsächlich um die Staatsschulden in der Europäischen Union? Wie weit hat sich die Politik in Brüssel, aber auch in den Nationalstaaten, der geldpolitischen Illusion verschrieben, kreditfinanzierte Projekte verstärkt auf das zunehmend dünnere Eis des Anleihenmarktes zu stellen?
Der gesamte Wehretat der Europäischen Union dürfte in diesem Jahr bei etwa 400 Milliarden Euro liegen, ein Viertel davon steuert die Bundesrepublik bei.
Was die beiden nicht explizit aussprachen, was aber unmittelbar aus ihrer Intervention zu schließen ist: Auch und gerade Verteidigungsausgaben müssen auf lange Sicht steuerfinanziert sein und damit ökonomisch aus dem vorhandenen Kuchen geschnitten werden, den die europäische Wirtschaft de facto bereitstellt. Für Politiker wie Lars Klingbeil mag dies eine neue Erkenntnis sein, aber schuldenfinanzierte Staatsausgaben wirken auf die Dauer stets inflationär. Sie erzielen allerdings einen positiven Nebeneffekt und zerstreuen den tatsächlichen Kostendruck in den öffentlichen Haushalten, aber auch im privaten Sektor, den eine expansive Staatsausgabenpolitik auslöst.
Müller und Aseradens warnen explizit vor der Praxis der Europäischen Union, politische Aufgaben zu zentralisieren, eine politische Zielstruktur zu definieren und diese am Anleihenmarkt mit frischem Kredit zu unterlegen, der in letzter Instanz von der Europäischen Zentralbank abgesichert wird. Beide kritisieren die immer deutlicher konturierte Strategie der EU, über eigene Finanzierungsvehikel, nennen wir sie Eurobonds, verstärkt am Kapitalmarkt aktiv zu werden.
Wohin eine unseriöse Haushaltspolitik auch im Falle der Verteidigungsausgaben führen kann, lehrt das deutsche Beispiel.
Die Bundesregierung setzt mit ihrem Schuldenschlag auf den psychologischen Effekt, den schuldenbasierten Staatsausgaben in der Regel auslösen: Kurzfristig wirkt das süße Gift des neuen Kredits beschäftigungsfördernd und beruhigend auf die Menschen angesichts der katastrophalen Lage im Land. Langfristig jedoch treibt diese Politik die Inflation massiv an, und der Steuerzahler wird mit immer höheren Abgaben die Lücke schließen müssen, die diese dreiste Verfälschungspolitik in der Gegenwart gerissen hat. Es ist traurig, aber es ist die Wahrheit: Der intellektuelle Horizont der gegenwärtigen Politik bemisst sich bestenfalls an der Dauer von Wahlperioden.
Es fällt immer schwerer, Kausalitäten zu interpretieren, politische Intervention und ihre Folgen richtig zu lesen. Merz erkauft sich mit den Schulden Zeit und überspült den öffentlichen Eindruck, dass sich die gegenwärtige Krise weiter verschärft – wenigstens für kurze Zeit.
Mit dem Argument des billigen Kredits ist es der Bundesregierung gelungen, den deutschen Wehretat von zuletzt etwa 60 Milliarden auf beinahe 111 Milliarden Euro fast zu verdoppeln. Sicherlich: In der Rüstungsindustrie knallen die Sektkorken, die steuerzahlende Mittelschicht bezahlt die Party. Produziert wird jedoch nichts, was der normale Verbraucher in irgendeiner Weise konsumieren könnte – eine Sonderkonjunktur für ganz besondere Interessensgruppen, die ganz besonders wenig dazu beitragen, dass es mit der deutschen Ökonomie eines Tages wieder bergauf gehen könnte.
In Berlin ist man offenkundig felsenfest davon überzeugt, dass es gelingen kann, mit künstlichem Kredit und skalierter Rüstungsproduktion die frei gewordenen Kapazitäten der deutschen Industrie zu schließen. Dies scheint umso dringlicher zu geschehen, da langsam auch in Berlin die Erkenntnis Einzug hält, dass die grüne Katastrophenökonomie, der ideologische Bastard des jüngsten deutschen Moralismus, sichtbar gescheitert ist und immer höheren Krediteinsatz verlangt, um die Illusion der grünen Transformation aufrechtzuerhalten.
Die Politik stolpert von Intervention zu Intervention. Nach vier Jahren russophobischer Dauerpropaganda und eines grotesken Alarmismus, der den Eindruck erzeugte, Russland stünde unmittelbar vor einer Invasion des gesamten europäischen Kontinents, erleben wir nun also den Aufbau einer schuldenfinanzierten Rüstungsindustrie, die aufgrund der wirtschaftlichen Schwäche des alten Kontinents regelrecht vergammeln wird. Allerdings ändert dieser Befund nichts an der Tatsache, dass die Politik selbstverständlich dem Sirenenruf des billigen Geldes verfallen wird. Müllers und Aseradens Kassandra‑Rufe werden ungehört im politischen Nirwana verhallen.




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Dem Prinzip der Interventionsspirale folgend, werden die defizitfinanzierten Glaubensprojekte, von New Green Deal bis kriegswirtschaftlichen Hochrüstung desaströse Konsequenzen haben.
Auch das sind die Folgen des November 1918, als eine sozialistische Bagage die Absetzung des Kaisers und dessen Ersetzung durch eine sich demokratisch legitimiert gebende, letztlich ihre kurzfristigen Interessen verfolgende mediokere Mediokratie, dem Volk gegenüber als demokratischen Fortschritt verkaufte.
Mag sein, doch durch Ayn Rand wissen wir: „Man kann zwar die Realität ignorieren, aber nicht die Folgen der ignorierten Realität ignorieren.“