Der Diesel kaum verantwortlich für Luftschadstoffe in Stuttgart

Das tägliche Messmuster hat sich seit dem totalen Lockdown praktisch nicht geändert. Das war ähnlich wie im April, als der deutliche Verkehrsrückgang die Immissionen kaum beeindruckt hat. Minister Hermann hat inzwischen eingeräumt, dass es primär das Wetter wäre.

picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

»Die Stadt hält erstmals den EU-Grenzwert für Stickstoffdioxid ein«, so der Applaus der beiden Stuttgarter Zeitungen an die Corona-verunsicherten Bewohner der Landeshauptstadt. Die sollen wieder aufatmen können, doch ob sie wieder mit ihrem Diesel in die Stadt dürfen, ist offen.

Der Jahresmittelwert für Stickstoffdioxid liege am Stuttgarter Neckartor bei 39 µg/m3 Luft. Das ist ein µg/m3 unter dem Grenzwert von 40 µg/m3. Vor vier Jahren wurden hier noch 82 µg/m3 angegeben. »Das ist ein großer Erfolg eines konsequent umgesetzten Luftreinhaltepolitik«, wird der Verkehrsminister von Baden-Württemberg, Winfried Hermann (Grüne) zitiert. Nicht mitgeteilt wurde, ob jetzt die Fahrverbote aufgehoben werden.

Stuttgart und Diesel: Die Lüge geht weiter
Lockdown und Dieselfahrverbote haben keinen Einfluss auf Werte der Messstationen
Die Einfahrt in den Großraum Stuttgart gleicht einer Irrfahrt durch einen Schilderwald: »Umwelt Zone«, »grüne Plakette frei«, »Diesel erst ab Euro 6/VI frei«, »außer Lieferverkehr« und ähnliche Drohungen prasseln auf den Autofahrer ein. Es sind nicht mehr wie in anderen Städten einzelne Straßenabschnitte gesperrt, sondern gleich der Großraum Stuttgart. Selbst nur wenige Jahre alte, moderne Dieselfahrzeuge dürfen nicht mehr in die Landeshauptstadt einfahren.

Die Stuttgarter Stadtluft retten und Tausende von Bürgern vor dem vorzeitigen Tod bewahren, wurde immer wieder als Motiv genannt. »Vorzeitiger Tod durch Diesel-Gift« und ähnlich lauteten die Sprüche. Heute stellt sich heraus: Die Daten rechtfertigen nicht solch schwerwiegende Eingriffe. Das »Corona-Großexperiment« zeigt deutlich, dass ein Fahrverbot für Diesel keine gravierenden Auswirkungen hat.

Irgendwann kommt es an den Tag
Corona entlarvt die Feinstaub-Legende
Der Verkehr floss am 14. und 15. Dezember überdurchschnittlich, ab dem 16. Dezember deutlich weniger als normal und lag am Samstag bei der Hälfte des Durchschnitts von normalen Wochentagen, der Sonntag war vernachlässigbar. Man sollte annehmen, wenn die Argumentation der Luftreinhaltepolitik zutrifft, dass sich das auf die Werte auswirkt, die die Luftmessstationen liefern. Sie müssten in den Diagrammen deutlich zu sehen sein. Dem ist aber nicht so.

Noch deutlicher war die Situation in der Nacht vom 25. auf den 26. Dezember, ein besonderer Fall des »Corona-Großexperiments«. Über die Feiertage war das Verkehrsaufkommen auf 10 Prozent der Tomtom-Skala gefallen, Industrietätigkeit und Schwerlastverkehr waren eingestellt. Bis zum Mittag des 25. Dezember hatte der Wind zwei Tage lang die Stadt von allen NO2-Resten des Verkehrs zuvor freigepustet. Dennoch stiegen plötzlich um 21 Uhr die Messwerte an den Verkehrsmessstationen und im städtischen Hintergrund bis zum nächsten Mittag auf NO2-Werte bis fast 40 µg/m³, Werte, die Hermanns Ministerium sonst dem Verkehr zurechnet. Weihnachten 2020 im Lockdown beweist, dass an dieser Rechnung etwas nicht stimmen kann.

Die Messstelle in der Stuttgarter Innenstadt am Neckartor meldeten bisher immer angeblich hohe Werte für Stickstoffdioxid (NO2). Die entsprechen übrigens dem NO2-Beitrag, den Kerzen eines Adventskranzes abgeben, wenn sie eine halbe Stunde brennen und danach ausgepustet werden. Das Institut für Meteorologie und Klimaforschung am KIT Karlsruhe hatte vor vier Jahren die Situation genauer unter ihre Lupe genommen und direkt am Messcontainer Werte für Stickstoffdioxid (NO2) von 78 µg/m3 gemessen. Doch das ist nur ein Wert an einem einzelnen Hot Spot, schon wenige Meter weiter entfernt haben die Forscher in einem Fahrradraum nur noch 28 µg/m3, auf dem Dach des Hauses 20 µg/m3 gemessen. In den vergangenen Tagen schwankten die Werte auch nur im Bereich zwischen 40 und 50 µg/m3.

LUBW
Der offizielle Grenzwert für den mittleren Jahreswert liegt bei 40 µg/m3. Die rote Linie markiert den Einstundenmittelwert von 200 µg/m3, der nur maximal 18 mal im Jahr überschritten werden darf. Die Kurve zeigt: weit davon entfernt. Das tägliche Muster hat sich ab dem totalen Lockdown praktisch nicht geändert. Das war ähnlich wie im April, als der deutliche Verkehrsrückgang die Immissionen kaum beeindruckt hat.
Der Diesel ist es also nicht. Minister Hermann hat inzwischen eingeräumt, dass es primär das Wetter wäre. Es ist auch unwahrscheinlich, dass diese Werte von Diesel-Fahrzeugen verursacht werden. Die Motorenentwickler haben ihre Hausaufgaben gemacht. Pkws, die meisten LKWs und moderne Dieselbusse sind »sauber« geworden. So kommt aus einem neuen Dieselfahrzeug nach der neuesten Euro 6d temp Norm aus dem Auspuff praktisch nichts mehr heraus. In Benzinmotoren reinigen seit langem 3-Wege-Katalysatoren die Abgase. Zu erwarten war also kein wesentlicher Effekt eines Dieselfahrverbotes.
Ene mene muh und raus bist DUH
Diesel weg, Feinstaub futsch – dennoch hohe Messwerte
So kam denn auch Maschinenbauprofessor Thomas Koch vom Institut für Kolbenmaschinen im Karlsruher Institut für Technologie KIT zu dem Ergebnis: »Technologisch ist die Stickoxidthematik in der Zwischenzeit gelöst!« Er verweist auf die bedeutenden Fortschritte in der Motorentechnik, die besser und sauberer werden. Je mehr sich modernen Dieselmotoren durchsetzen, desto besser wird die Luft. Koch in einem seiner Vorträge: »Nach Bestandsdurchdringung moderner Diesel ist die verkehrsbedingte Immissionsfragen gelöst.« Das zeigen auch die Diagramme des Umweltbundesamtes seit Jahren. Fahrverbote sind also überflüssig, richten dagegen erheblichen Schaden an. Dennoch wurde der Diesel verteufelt. Der grüne Verkehrsminister von Baden-Württemberg Winfried Hermann hat mit Fleiß Fahrverbote für den ganzen Großraum Stuttgart verhängt, seit Sommer dieses Jahres sogar für eine sogenannte »kleine Umweltzone« in der gesamten Innenstadt.
Seit dem 5. Oktober gilt nach einer Einführungsfrist seit dem 1. Juli ein Fahrverbot auch für neue Diesel, die nach der Euro-5 sauber gemacht wurden. Das begrenzt sich auf eine sogenannte »kleine Umweltzone« im Stuttgarter Talkessel. Grundlage für diese Fahrverbote sind nicht konkrete Messwerte, sondern Simulationen. Mit Computermodellrechnungen soll prognostiziert werden, wie dramatisch sich die Luftsituation entwickelt.
Corona bringt's an den Tag
Stadtluft in Stuttgart: Der Diesel ist es nicht
Doch die Ergebnisse aus diesen Zauberkugeln treffen offenbar nicht das, was die Messstationen nachweisen. Die sind mit einigem Geschick so aufgestellt worden, dass sie möglichst hohe Werte liefern. Ihre Lage direkt in einer Häuserecke sorgt dafür, dass sie nicht frei angeströmt werden, sondern Luftmassen sammeln sich wie in einem Trichter. So erhöht man durch die Aufstellung Messwerte.
In ihrer Verzweiflung nehmen die Stuttgarter offenbar Anleihe bei den Bewohnern Schildas. Die trugen bekanntlich Licht in Säcken in ihr Rathaus, bei dessen Bau sie die Fenster vergessen haben. Die Stuttgarter versuchen Ähnliches: Luft wegzutragen. Sie haben Filtersäulen aufgestellt, die die wenigen Schadstoffteilchen aus dem Heer an Luftmolekülen herausfiltern sollen. Die 3,60 Meter hohen Filtersäulen können immerhin für ein Geschäft bei dem Ludwigsburger Filterhersteller Mann und Hummel sorgen, dessen Autogeschäft arg gelitten hat. Ventilatoren saugen die Außenluft an, pressen sie durch Kunststofffiltermatten, die elektrostatisch aufgeladen sind und Aktivkohlelagen sollen Stickstoffdioxide binden. Die allerdings sind wasserlöslich und zerfallen nach einiger Zeit von selbst.

Mehr über den siegreichen Kampf gegen Stickstoffdioxide und manipulative Messungen im nächsten Teil.


Unterstützung
oder

Kommentare ( 45 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

45 Comments
neuste
älteste beste Bewertung
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen
AlexR
2 Monate her

Der DUH-Resch, der größte aller Heuchler, behauptet vehement das Gegenteil. Wahrscheinlich, weil das Wetter in Stuttgart in den letzten neun Monaten sich nicht verändert hat. So ähnlich war doch schon mal eines seiner Argumente.

Klagen gegen die DUH. Ich bin dabei.

Sonny
2 Monate her

Und wo bleiben die Klagen der Bürger und Autohersteller?
Sind denn alle schon dermaßen indoktriniert, dass man sich gegen willkürliche Fehlverbote überhaupt nicht mehr wehrt? Selbst wenn es die Wirtschaft ruiniert und die persönliche Mobilität in unzulässiger Weise einschränkt?

Niklot
2 Monate her

Die Stuttgarter Luft gilt in nahezu jedem anderen Land der Welt als sauber, nicht nur weil andernorts die Grenzwerte höher sind, sondern weil die Luft dort spürbar (man sieht und riecht es) schmutzig(er) ist.

AJMazurek
2 Monate her

Wer misst, misst Mist, wer viel misst, misst viel Mist – egal – der Zweck heiligt die Mittel, es lebe die „Wissenschaft“! Fortschritt feinste Sahne …

Last edited 2 Monate her by AJMazurek
CIVIS
2 Monate her

>>>Der Diesel kaum verantwortlich für Luftschadstoffe in Stuttgart<<<

Das hätte ich ja nicht gedacht, …oder doch ?
Dann wären ja all diese achso hochwissenschaftlichen Thesen, Auswertungen und „Modellrechnungen für die Tonne“ ! Unvorstellbar, …oder ?

Guter Heinrich
2 Monate her

Der Diesel ist es nicht? Diesel verbieten!
Das Wetter könnte es sein? Wetter verbieten!
Wer verbietet endlich Verbietern zu verbieten?

Stefan Z
2 Monate her

Ist mir mittlerweile völlig schnuppe. Mich sieht keine Innenstadt mehr. Ich lass mir meine Einkäufe vom bösen Amazon oder Ebay bringen. Demnächst ziehe ich in eine etwas ländlichere Gegend und diesele jeden Tag 30 Km zur Arbeit. Ob sich das Klima ändert oder nicht, ist mir auch egal. Bis 2050 sind die Zustände in Deutschland (falls es noch eines gibt) aus meiner Sicht so katastrophal, dass sich ein Leben dort eh nicht mehr lohnt. Ich werde dann mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Klima sowieso nichts mehr merken.

WandererX
2 Monate her

Ja, ich wohne seit über 20 Jahren in diesem Schilda, in dem der Kleinbürger- Bedenkenträger überwiegt und heute Die Grünen und die CDU wählt. Der schwäbische Pietismus wandelt sich äußerlich immer wieder, im inneren Kern bleibt er aber gleich. Man ist darin seit 300 Jahren befangen.

jansobieski
2 Monate her

Würde es mit rechten Dingen zugehen, würden jetzt die Verantwortlichen aus dem Amt gejagt. Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigt, wie weit wir uns von der Realität entfernt haben. Franz Josef Strauß hatte mit seinem Hinweis bezüglich rot-grün so recht. Der fundamentale Richungswechsel ist vollzogen, das Land geht unter und alles was in Jahrzehnten aufgebaut wurde ist weg. Das Narrenschiff Utopia ist bereits am Sinken.

Peter M3
2 Monate her

Eine Frage an den Fachmann: Wenn „der Diesel“ so sauber ist, was verursacht dann den abscheulichen Gestank, der einen Fußgänger noch in 30-50m Entfernung (bei dieser Jahreszeit) noch voll trifft? Dann gilt es noch zu berücksichtigen, dass diese Motoren mit einer Abgasrückführung (AGR) malträdiert werden. Die Zeche zahlt der Besitzer, wenn der Motor nach 100t oder 150t km auseinander genommen weiden muss, weil 50% des Einlasskanals verkokt sind. Motoren-Instandsetzer können ein Lied davon singen. Leider wird CNG als Treibstoff für den Individualverkehr sehr stiefmütterlich behandelt. Lediglich Seat bietet adäquate Modelle, wobei man doch z.T. erhebliche Leistungs- und Drehmomenteinbußen im Vergleich… Mehr

Medienfluechtling
2 Monate her
Antworten an  Peter M3

Es ist nicht mehr der Gestank früherer Jahre. Aber es stimmt, die Abgase sind in der direkten Schußlinie, aus kurzer Distanz, unangenehmer als früher. Hat eigentlich jemand die Auswirkungen des AdBlue auf Insekten einmal untersucht? M.E. ist die saubere Windschutzscheibe mit der Einführung von AdBlue einhergegangen…

Albert Pflueger
2 Monate her
Antworten an  Medienfluechtling

Die Windschutzscheibe ist so strömungsgünstig angeordnet, daß die Insekten dort nicht mehr aufprallen, sondern darüber hinweg gerissen werden. Außerdem „reinigen“ die vielen Windmühlen die Luft recht effektiv von Insekten, die kleben dann an deren Rotorblättern. Da behindern sie nicht die Sicht, weshalb die Rückstände nur in größerem zeitlichem Abstand abgekratzt werden müssen, damit die Strömungsverhältnisse nicht allzusehr von den Berechnungen abweichen. Die Windmüller stören die vergleichsweise geringen Kosten nicht, die Einspeisungsvergütung deckt das ab. Kann den Insekten auch egal sein, ob sie im Global Heating verbrennen oder zur Vermeidung der Klimakatastrophe am Rotorblatt sterben! Wir können uns einstweilen über die… Mehr

Holger Douglas
2 Monate her
Antworten an  Peter M3

Abscheulich? Aus einem Diesel neueren Datums kommt fast nix mehr raus. Höchstens unmittelbar nach Kaltstart, wenn die Chemiefabrik mit SCR-Kat unter dem Wagenboden von den Abgasen noch nicht auf Temperatur von mindestens 200 Grad gebracht ist. Diese Phase soll immer weiter verkürzt werden, der Kat bei sofort bei Minusgraden funktionieren – gehen tut viel, allerdings mit welchem Aufwand und zu welchen Kosten? Sie weisen zu Recht auf das Abgasrückführventil hin, das im heissen Abgasstrom liegt, mit Verbrennungsrückständen bombardiert und zugekleistert wird, dennoch immer wieder Teile der Abgase in den Brennraum zurückführen soll und – hochbelastet – möglichst lange funktionieren soll.… Mehr

Peter M3
2 Monate her
Antworten an  Holger Douglas

Danke für die Antwort. Aber ja, abscheulich. Das ist eine wirkliche Belästigung nicht nur für Fußgänger. Als Autofahrer bin ich ebenfalls betroffen, wenn so eine Kiste vor mir ist. Leider ist die Umluft-Taste meist zu spät gedrückt. Neueren Datums? Die 2-5 Jährigen mögen auf dem Prüfstand gut sein, aber in der Praxis? Wenn man von Firmen-Flotten-Fahrzeugen absieht, dürften in den letzten beiden Jahren nicht mehr all zu viele Diesel-PKW zugelassen worden sein? Was CO2 angeht, so bin ich bei Ihnen. Bei Abgasen (egal wo) sollte man sich auf die Minimierung der Schadstoffe konzentrieren. CO2 gehört mit Sicherheit nicht dazu. Und… Mehr