EZB meldet Planübererfüllung bei der Geldwertstabilität, aber Bürger erleben, dass sie sich von ihrem Geld immer weniger kaufen können. Laut Ökonom Gunther Schnabl kaschieren EZB und Statistikämter diesen Kaufkraftverlust. Mit gravierenden Folgen für Sparer, Familien und vor allem für die junge Generation.
picture alliance / Caro Kadatz | Caro Kadatz
Die Europäische Zentralbank behauptet seit Jahren, sie sichere mit ihrer Politik die Geldwertstabilität im Euro-Raum. Die offiziellen Inflationszahlen scheinen ihr Recht zu geben: meist sind es niedrige Teuerungsraten, zeitweise sogar mit Deflationsängsten verbunden. Doch für viele Bürger fühlt sich diese angebliche Stabilität völlig anders an. Wohnen wird unbezahlbar, Vermögensaufbau immer schwieriger, die Ersparnisse verlieren an Wert und die Reallöhne treten trotz harter Arbeit im günstigsten Fall auf der Stelle. Der Leipziger Ökonom Prof. Dr. Gunther Schnabl beschreibt dieses Auseinanderklaffen von offizieller Statistik und Lebenswirklichkeit als Folge eines Systems, das Kaufkraftverluste statistisch kaschiert und dadurch eine immer expansivere Geldpolitik legitimiert.
Besonders deutlich wurde dieser Widerspruch während der Corona-Krise. Während viele Menschen steigende Preise bei Lebensmitteln und Gütern des täglichen Bedarfs wahrnahmen, meldeten die Statistikbehörden sinkende Inflationsraten. Der Grund: Im Warenkorb wurden gleichzeitig Güter berücksichtigt, die während der Coronazeit kaum noch konsumiert wurden – etwa Benzin oder Reisen –, deren Preise zeitweise fielen. Aus dieser statistischen Konstruktion leitete die EZB die Rechtfertigung für gigantische Anleihekäufe im Umfang von über 1.300 Milliarden Euro ab. Offiziell ging es um Preisstabilität. Tatsächlich, so Schnabl, diente die Geldflut vor allem der Stabilisierung überschuldeter Staaten, Banken und Unternehmen.
Das Grundproblem liegt tiefer: Die offizielle Inflationsmessung blendet zentrale Lebensrealitäten aus. Immobilienpreise etwa tauchen im europäischen Verbraucherpreisindex praktisch nicht auf. Und das, obwohl Wohnen für Millionen Menschen der größte Kostenfaktor ist. Während die EZB von niedriger Inflation spricht, explodieren in vielen Städten die Immobilienpreise und damit auch die Hürden für junge Familien und Durchschnittsverdiener. Wer bereits Vermögen besitzt, profitiert, zumindest nominell, von der Geldpolitik. Denn der Wert seiner Immobilie verändert sich nicht. Es verändern sich nur die Zahlen, die den Wert bezeichnen. Wer allerdings Vermögen aufbauen will, wird das nur schwerlich erreichen können.
Auch Vermögenspreise wie Aktien, Gold oder andere Sachwerte fehlen weitgehend, wenn auch aus gutem Grund, in der offiziellen Inflationsmessung. Genau dort aber entfaltet die ultralockere Geldpolitik ihre stärkste Wirkung. Niedrige Zinsen und gigantische Liquidität treiben die Preise von Vermögenswerten nach oben. Die Folge ist eine massive Umverteilung von unten nach oben. Besitzer von Immobilien und Aktien werden reicher, während Sparer durch Nullzinsen enteignet werden.
Schnabl kritisiert zudem die sogenannte „hedonische Preismessung“. Dahinter verbirgt sich ein Verfahren, mit dem statistische Ämter Qualitätsverbesserungen bei Produkten herausrechnen. Ein Auto mit zusätzlicher Technik oder ein Smartphone mit neuen Funktionen gilt statistisch als „besser“, weshalb Preiserhöhungen teilweise weggerechnet werden. Dass viele Verbraucher diese Zusatzfunktionen gar nicht wollen oder gleichzeitig Qualitätseinbußen erleben – etwa schlechteren Service, geringere Haltbarkeit oder höhere Reparaturkosten –, spielt in der Statistik kaum eine Rolle. Qualitätsverschlechterungen werden selten eingepreist, Qualitätsverbesserungen dagegen fast immer. Auch dadurch erscheint die Inflation künstlich niedriger.
Gleichzeitig steigen Steuern, Sozialabgaben und staatliche Belastungen deutlich schneller als die offiziell gemessene Inflation. Denn Grundlage ist immer eine Zahl, nie der Wert. Und so steigen Steuern und Abgaben, ohne dass es eine tatsächliche Wertsteigerung gegeben hätte. Der Staat greift immer stärker auf Einkommen und Vermögen zu, ohne dass diese Belastungen im Verbraucherpreisindex angemessen sichtbar würden. Für viele Bürger entsteht dadurch der Eindruck permanenter finanzieller Enge – trotz angeblich stabiler Preise.
Besonders brisant ist Schnabls Vorwurf, dass die niedrigen Inflationszahlen der EZB als Freibrief dienen, ihre Kompetenzen immer weiter auszudehnen. Ursprünglich sollte sie Geldwertstabilität sichern. Heute stabilisiert sie Staaten, Banken, Anleihemärkte und zunehmend politische Projekte wie den „Klimaschutz“. Die Grenze zwischen Geldpolitik und politischer Wirtschaftssteuerung verschwimmt zunehmend.
Die Folgen dieser Politik seien gravierend: Vermögensblasen, sinkende Produktivität, sogenannte Zombie-Unternehmen, die nur dank billigen Geldes überleben, sowie stagnierende Reallöhne. Die junge Generation trifft dies besonders hart. Während frühere Generationen mit Arbeit Eigentum aufbauen konnten, steigen heute die Vermögenspreise schneller als Einkommen und Ersparnisse.
Schnabls Fazit ist eindeutig: Die offiziell gemessene Inflation vermittelt die Illusion stabiler Kaufkraft. Tatsächlich aber verlieren viele Bürger seit Jahren schleichend Wohlstand. Nicht die Statistik beschreibt die wirtschaftliche Realität – sondern die Realität entlarvt die Statistik.

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