Sinkende Inflation, starke Unternehmenszahlen und neue Rekorde treiben die Börsen weiter an. Gleichzeitig mehren sich Zweifel, ob die Rally noch von Fundamentaldaten getragen wird oder längst von FOMO. Die kommende Woche dürfte zeigen, wie belastbar der Optimismus ist.
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Man wird ja bescheiden. Die Inflation in den USA ist im Juli auf 3,4 Prozent gesunken. Nicht gerade das Zwei-Prozent-Ziel der Notenbank, aber immerhin die richtige Richtung. Und am Donnerstag kam gleich noch etwas Beruhigendes hinterher: Auch die Erzeugerpreise stiegen weniger stark als erwartet. An der Wall Street reichte das zumindest bis Freitag für gute Laune. Das Interessante daran: Noch vor wenigen Monaten hätten solche Zahlen wahrscheinlich vor allem die Hoffnung auf schnelle Zinssenkungen geschürt. Inzwischen ist die Lage komplizierter. Denn während die Inflation langsam nachlässt, zeigte der jüngste Arbeitsmarktbericht plötzlich Schwäche. Im Juli gingen in den USA 23.000 Stellen verloren. Da die Notenbank in den USA gleichzeitig auf Preise und Jobs schauen muss, macht das ihre Aufgabe nicht gerade einfacher.
An den Börsen nimmt man es allerdings erstaunlich gelassen. Und dann wäre da noch das Öl. Anfang der Woche sprang die Sorte Brent wegen der wieder festgefahrenen Gespräche um die Straße von Hormus um rund fünf Prozent nach oben. Inzwischen ist der Preis wieder unter 90 Dollar gerutscht. Nicht weil plötzlich Frieden ausgebrochen wäre, sondern weil die Sorge vor einer schwächeren weltweiten Ölnachfrage schwerer wiegt. Das ist die neue Situation: Politisch bleibt es ungemütlich, wirtschaftlich wird vorsichtiger gerechnet.
Ausgerechnet bei Berkshire Hathaway tut sich nach Jahren wieder etwas. Und zwar ziemlich viel. Seit Jahresbeginn sitzt nicht mehr Börsenlegende Warren Buffett, der sich 95-jährig in den Ruhestand verabschiedet hat, sondern Greg Abel auf dem Chefsessel. Der hat jetzt angefangen, einen Teil des legendären Geldbergs aus Omaha auszugeben. Im zweiten Quartal kaufte Berkshire netto für knapp 20 Milliarden Dollar Aktien. Allein rund zehn Milliarden flossen in Alphabet. Dazu kaufte der Konzern für etwa 4,5 Milliarden Dollar eigene Aktien zurück. So etwas hatte es bei Berkshire seit Jahren nicht gegeben. Auch das Geschäft läuft. Der operative Gewinn stieg auf knapp 13 Milliarden Dollar. Die Berkshire-Aktie legte nach den Zahlen mehr als zwei Prozent zu. Viel spannender ist aber der Stilwechsel. Buffett hatte zuletzt lieber fast 400 Milliarden Dollar Cash gehortet, als bei den hohen Börsenbewertungen auf Einkaufstour zu gehen. Abel greift nun ins Regal. Noch vorsichtig, aber immerhin.
Eine Handtasche kann ziemlich schwer wiegen. Zumindest an der Börse. Tapestry, der Mutterkonzern von Coach und Kate Spade, verlor am Donnerstag rund 15 Prozent und war zeitweise der schwächste Wert im S&P 500. Dabei waren die Zahlen gar nicht schlecht. Umsatz und Gewinn lagen sogar leicht über den Erwartungen. Das Problem steckte woanders: Der Ausblick fiel etwas schwächer aus als erhofft. Auch Cisco erlebte übrigens einen ähnlichen Donnerstag. Rekordumsatz, bessere Zahlen als erwartet – und trotzdem ging die Aktie kräftig nach unten. Dort störten sich Anleger an sinkenden Margen. Börse kann manchmal ein undankbares Geschäft sein.
Überhaupt übernehmen in der kommenden Woche die Verbraucher ein Stück weit das Kommando. Schon am Dienstag berichtet Home Depot. Der größte Baumarktkonzern der Welt ist ein guter Seismograf für den amerikanischen Immobilienmarkt: Wer ein Haus kauft oder renoviert, lässt normalerweise auch Geld im Baumarkt. Zuletzt hielten hohe Finanzierungskosten viele Amerikaner davon eher ab. Am Mittwoch folgt die endgültige Inflationsrate für die Eurozone. Im Juni lag sie bei 2,8 Prozent und damit noch deutlich über dem Ziel der Europäischen Zentralbank. Sinkt sie weiter, bekommt die EZB etwas mehr Luft. Steigt sie wieder, wird die Zinsdiskussion schnell ungemütlicher.Und so geht die Börse in eine Woche, in der ausnahmsweise nicht die nächste KI-Ankündigung im Mittelpunkt stehen muss. Preise, Jobs, Konsum – ziemlich klassische Wirtschaft also. Kann ja auch mal ganz erfrischend sein.
Zunehmend treibe die Angst, den Anschluss zu verpassen, die Kurse nach oben, sagt Chefstratege Mark Hackett vom Finanzdienstleister Nationwide. In den USA hat sich für dieses Phänomen der Begriff «Fear of Missing Out» (FOMO) etabliert („Angst etwas zu verpassen“). „Nach einem Jahr Pause zeigt auch der Dax Charakteristiken eines Bullenmarktes: Der Index steigt fast unbemerkt, aber nachdrücklich“, sagt Jochen Stanzl, Chefanalyst der Consorsbank. Einige Marktbeobachter werten die extreme Kauflaune allerdings bereits als Kontraindikator und mahnen zur Vorsicht, da die Rally stärker von der Dynamik als von Fundamentaldaten getrieben sein könnte. Timo Emden vom Broker CapTrader spricht dabei von einer „Gratwanderung zwischen Gewinnoptimismus und Risikobewusstsein“.
Am US-Aktienmarkt haben am Freitag waren die Anleger etwas skeptischer gestimmt. Die wichtigsten Indizes schlossen im Minus. Der Tech-Index Nasdaq 100 sank um gut 0,1 Prozent auf 30.046 Punkte. Auf Wochensicht steht ein Plus von 1,1 Prozent zu Buche. Der Leitindex Dow Jones Industrial verlor am Freitag 0,2 Prozent auf 53.732 Punkte. Daraus resultiert eine Wochenbilanz von minus 0,6 Prozent. Für den am Vortag auf ein Rekordhoch gekletterten marktbreiten S&P 500 ging es mit einem Abschlag von 0,2 Prozent auf 7.786 Zähler ins Wochenende, sodass sich auf die Woche gesehen ein Plus von 0,4 Prozent ergibt.
Die Umsätze im US-Einzelhandel waren im Juli zurückgegangen, während Volkswirte mit einem leichten Anstieg gerechnet hatten. Zudem hatte sich die Stimmung der Verbraucher in den USA im August stärker als erwartet eingetrübt, wie das Konsumklima der Universität Michigan ergab. Die Daten gaben zwar Hoffnung auf kurzfristig stabile US-Leitzinsen, andererseits aber Anlass zur Sorge um eine Abkühlung der Wirtschaft.
Im Techsektor standen Applied Materials unter Druck. Umsatz und Gewinn des Halbleiterindustrie-Ausrüsters hatten im abgelaufenen Quartal über den Erwartungen gelegen. Auch der Ausblick übertraf den Konsens. Die Aktien, die sich im laufenden Jahr bereits mehr als verdoppelt hatten, verloren 5,1 Prozent. Die hohe Bewertung sorge für eine entsprechend große Erwartungshürde und löse Gewinnmitnahmen aus, hieß es zur Begründung aus dem Handel.
Für die Papiere von Reddit ging es um 12,6 Prozent aufwärts. Die Anteile des Social-Media-Unternehmens sollen laut einer Pressemitteilung am 18. August in den S&P-500-Index aufgenommen werden. Die Titel von Sandisk legten nach starkem Vortag um weitere 7,4 Prozent zu. Die US-Bank JPMorgan hatte die längere Zeit nicht bewerteten Aktien des Flash-Speicher-Spezialisten mit „Overweight“ wieder aufgenommen. Sandisk sei in vielerlei Hinsicht herausragend positioniert, um die hohe Nachfrage nach NAND-Speicher im Zuge des KI-Booms zu bedienen, betonte Analyst Harlan Sur. Eton Pharmaceuticals schnellten um mehr als 44 Prozent noch, nachdem der Pharmakonzern mit Umsatz und Gewinn für das zweite Quartal die Erwartungen übertroffen und den Jahresausblick angehoben hatte.
Der Dax hatte zuvor eine erfolgreiche Woche mit Gewinnen beendet. Diese schmolzen im Sog der schwächelnden US-Börsen allerdings etwas zusammen. Zum Handelsschluss notierte der deutsche Leitindex noch 0,5 Prozent fester bei 26.440 Punkten, womit er ein Wochenplus von knapp 0,5 Prozent verbuchte. Zu seinem Rekord vom Mittwoch hatten ihm zeitweise nur gut 30 Punkte gefehlt. Neben den jüngst gesunkenen Inflations- und Zinssorgen stützten deutliche Kursgewinne von Schwergewicht SAP. Der MDax der mittelgroßen Unternehmen stieg letztlich um 0,6 Prozent auf 32.464 Punkte. Für den Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 ging es hingegen um 0,1 Prozent nach unten. In Zürich und London gaben die Leitindizes ebenfalls etwas nach. Auch der New Yorker Leitindex Dow Jones Industrial und der Tech-Index Nasdaq 100 notierten zum europäischen Börsenschluss in negativem Terrain.
„Der Dax schleicht sich ins Wochenende“, kommentierte Marktanalyst Andreas Lipkow vom Broker CMC Markets das hiesige Handelsgeschehen. Bis auf den zaghaften Versuch am Nachmittag, das Rekordhoch noch einmal anzulaufen, „ist heute nicht viel in Frankfurt passiert“. Insgesamt bleibe die Stimmung für deutsche Aktien aber positiv.
Ein Treiber der jüngsten Dax-Rekordjagd ist auch der Softwarekonzern SAP. Dessen Titel gewannen am Freitag weitere 2,7 Prozent. Treiber dafür ist die Branchenfantasie wegen eines Berichts der Nachrichtenagentur Reuters, wonach der Finanzinvestor Silver Lake derzeit über den milliardenschweren Kauf des US-Unternehmens Workday verhandeln soll. Auch andere deutsche Branchenwerte wie Nemetschek und Teamviewer profitierten mit Anstiegen um 8,4 und 5,3 Prozent deutlich von dieser Fantasie. Analyst Balajee Tirupati von der Citigroup glaubt, dass das Interesse an einem großen Branchenkonzern die Bedenken mildert, die Anleger lange Zeit wegen einer möglichen Verdrängung klassischer Softwarelösungen durch KI-Angebote hatten.
Um bis zu vier Prozent legten die Titel der Rüstungskonzerne Hensoldt, Renk und Rheinmetall zu. Die Branchenstimmung bessert sich schon seit Mitte Juli, was sich vor dem Wochenende fortsetzte. Dagegen erlitt Dax-Schlusslicht Eon einen Kursverlust von 4,4 Prozent. Der Entwurf der Bundesnetzagentur für die fünfte Regulierungsperiode galt hier als Enttäuschung. Versorgern für Gasnetze soll ab 2028 eine pauschalierte Kapitalverzinsung zugemessen werden, von der sich der Markt viel mehr erhofft habe, hieß es von Börsianern.
Bei Energiekontor beschleunigte sich der Kursrutsch vom Vortag mit einem weiteren Einbruch um 19 Prozent – die Aktien markierten den tiefsten Stand seit sechs Jahren. Der Wind- und Solarparkbetreiber hatte am Mittwoch schon mit seinen Halbjahreszahlen enttäuscht. Die nach dem Börsenschluss gesenkte Gewinnprognose, die das Unternehmen davor noch bestätigt hatte, gab dem Aktienkurs den Rest. Als Grund führte Energiekontor den verzögerten Netzanschluss mehrerer schottischer Windparkprojekte wegen eines laufenden Rechtsstreits um eine Überlandleitung an.
Die Titel von Hellofresh sackten mit minus 5,5 Prozent auf ein weiteres Rekordtief ab. Barclays-Experte Andrew Ross äußerte sich skeptisch zur Umsatzperspektive des Kochboxenlieferanten sowie zur Frage, ob sich dessen Investitionen auszahlten. Dagegen ging es für Norma Group um 8,2 Prozent hoch, womit die Aktien erstmals seit mehr als drei Jahren wieder mehr als 20 Euro kosteten. Ihnen half ein Aktienrückkaufangebot. Der Preis, den der Verbindungstechnik-Spezialist für bis zu 9,3 Millionen Aktien bietet, liegt mehr als 16 Prozent über dem Vortags-Schlusskurs. Gute Geschäftszahlen bescherten Talanx ein Kursplus von 3,5 Prozent. Thorsten Wenzel von der DZ Bank lobte ein „starkes Ergebnis“ mit einem Rekordgewinn im ersten Halbjahr. Der Versicherer wurde zudem optimistischer für 2026.


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