Das Märchen vom ausländischen Investitionsboom in Deutschland

Staatsnahe Medien jubeln. 86 Milliarden Euro ausländische Direktinvestitionen sollen Deutschlands angebliche Wirtschaftswende belegen. Tatsächlich lockt vor allem die schuldenfinanzierte deutsche Staatswirtschaft kurzfristig Kapital an, während Industrie, Arbeitsplätze und private Investitionen weiter wegbrechen.

picture alliance/dpa | Michael Matthey

War dies die lang ersehnte ökonomische Wende? Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln meldete für 2025 einen spürbaren Anstieg der Direktinvestitionen ausländischer Investoren in Deutschland. Konkret stieg die Summe um über 50 Prozent auf 86 Milliarden Euro.

Unterm Strich könnte erstmals nach langer Zeit sogar ein knappes Plus beim Kapitalsaldo, also bei der Verrechnung von Zu- und Abstrom der Direktinvestitionen, stehen. Vor allem seit 2018, dem Jahr des Turnarounds der deutschen Industrie in den negativen Bereich, fielen die Nettokapitalflüsse mit dem Ausland immer tiefer in den negativen Bereich. Zwischenzeitlich verlor der deutsche Wirtschaftsstandort sogar bis zu 100 Milliarden Euro im Jahr an das Ausland. Hohe Energiekosten, die Regulierungsdichte und die Fiskallasten lassen Standorte wie die USA, China, Indien oder osteuropäische Horte ordnungspolitischer Vernunft wie Polen nun einmal interessanter erscheinen.

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Die Zahlen müssen noch finalisiert werden, weisen aber bereits jetzt darauf hin, dass vor allem über den Finanzplatz London ein Großteil des Kapitals operativ gesteuert wurde. Etwa 26 Milliarden Euro flossen über das Londoner Finanzsystem im vergangenen Jahr nach Deutschland – das sind 31 Prozent der gesamten ausländischen Direktinvestitionen. Gleichzeitig brachen die US-Investitionen um fast 44 Prozent auf nur noch 11,8 Milliarden Euro ein. Unterm Strich stammt der Großteil des ausländischen Kapitals also weiterhin aus dem europäischen Raum.

Für die Ökonomen des IW waren zwei Faktoren entscheidend für diese Bewegung: Zunächst einmal gilt Deutschland nach ihrer Interpretation als eine Art Safe-Haven-Investitionsstandort innerhalb der Europäischen Union. Seine regulatorische Berechenbarkeit – darüber wird noch zu reden sein – und der Versuch, den US-Zöllen und vermeintlichen politischen Risiken in den USA aus dem Weg zu gehen, hätten Deutschland in der Investorengunst aufgewertet, so das IW. Eine interessante Beobachtung, zumal in den USA fiskalische Vorteile bestehen, der Energiemarkt dereguliert wurde, während man in Deutschland eher den gegenteiligen Pfad beschreitet und die Unternehmen durch den nationalen energiepolitischen Alleingang schwer belastet. Aber sei’s drum.

VOR DER KABINETTSKLAUSUR
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Schwer wog zudem nach Ansicht des IW, dass vor allem deutsche Konzerne so wenig im Ausland investierten wie lange nicht. Ursache hierfür sind die schwache Binnennachfrage am Standort und eine generelle Zurückhaltung bei Großprojekten. Man kann es auch anders formulieren: Die deutschen Konzerne wurden bei Zukunftstechnologien wie künstlicher Intelligenz, Robotik oder im Automobilbau vorläufig schachmatt gesetzt und konsolidieren ihre Kapitalstruktur im Inland. Der vermeintliche Befreiungsschlag muss zudem aus einem anderen Grunde relativiert werden. Denn Direktinvestitionen sind nicht gleichbedeutend mit neuen Fabriken, zusätzlicher Produktion oder einer nachhaltigen Stärkung des Standorts. Sie bestehen nicht selten aus Übernahmen, Beteiligungen oder konzerninternen Finanzierungen.

Strukturell hat sich in der deutschen Ökonomie seit 2024 nichts verändert. Vom Automobilbau über die Chemie bis zum Maschinenbau fahren die Unternehmen ihre Kapazitäten zurück. Seitdem wurden Hunderttausende von Jobs gestrichen. Investiert wird kaum noch in Deutschland, die Nettoinvestitionsquote rutschte zum Jahreswechsel sogar in den negativen Bereich, da die Unternehmer am toxischsten Wirtschaftsstandort der EU offensichtlich keine Zukunft mehr sehen. Woher stammt also der Sinneswandel bei den Investoren?

Genau an dieser Stelle wird es interessant, denn die entscheidende Frage lautet nun einmal nicht, wie viel Kapital nach Deutschland fließt. Entscheidend ist, weshalb und wohin es strömt. Die Antwort auf diese Frage ist simpel: Das Kapital wird angezogen von der schuldenfinanzierten neuen Staatswirtschaft, von Renditegarantien durch den Steuerzahler, von einem nicht mehr versiegenden Strom an Fördermitteln und Subventionen. So lautet die bittere Wahrheit über den Zustand der deutschen Wirtschaft. Von einer Märchenwelt, wie sie sich in Berlin aus wahltaktischen Gründen angesichts der wachsenden Apathie und Spaltung im Land zusammenträumen, kann beileibe keine Rede sein.

Bevor der Bundeskanzler ins Schwärmen gerät, listen wir kurz einige Schlaglichter des Trauerspiels der deutschen Ökonomie auf.

Etwa 15.000 Industriejobs wandern derzeit Monat für Monat in den Orkus des Arbeitsmarktes. Die Nettoinvestitionsquote der Gesamtwirtschaft fiel zum Jahreswechsel erstmals in den negativen Bereich – die Ökonomie läuft also nach Abzug der Abschreibungen auf Verschleiß.

UNBEZAHLBARER ROHRKREPIERER
Schuldenexzess erzeugt lediglich statistisches Miniwachstum
Der gesamte Industriesektor, ganz gleich, ob Automobilwirtschaft, Chemie oder Metallverarbeitung, bewegt sich seit Jahren in einem tief rezessiven Bereich und wird auch in diesem Jahr zwischen 2 und 4 Prozent seines Produktionsvolumens verlieren. Die Konsumsektoren, vom Tourismus bis zum Gastgewerbe, mussten erneut ein schweres erstes Halbjahr verdauen. Die Gastronomie verlor über 5 Prozent ihres realen Umsatzes. Die Inflation im Land von etwa 3 Prozent lässt die Kaufkraft der Haushalte ebenso rasch erodieren wie die ansteigende Arbeitslosigkeit.

Hoffnungslosigkeit macht sich breit. Gut ausgebildete junge Fachkräfte verlassen zu Zehntausenden das Land. Mit ihnen überqueren auch die entscheidenden Patente die Grenzen, die dann an anderen Standorten in der Welt in ökonomische Wertschöpfung und Prosperität verwandelt werden. So lautet die bittere Wahrheit über den Zustand der deutschen Wirtschaft. Von einer Märchenwelt, wie sie sich in Berlin aus wahltaktischen Gründen angesichts der wachsenden Apathie und Spaltung im Land zusammenträumen, kann beileibe keine Rede sein.

Allerdings dürfte dem Kanzler der letzte Akt seiner politischen Komödie gelingen: das Entflammen eines konjunkturellen Strohfeuers. Der mit unglaublicher Verschuldung finanzierte Militär-Keynesianismus wird das nominale Bruttoinlandsprodukt für eine kurze Zeit mit einem Scheinwachstum befeuern.

Einige wenige werden profitieren, von Rheinmetall über Hensoldt und KNDS Deutschland – waren sie möglicherweise die Zielhäfen des Kapitalstroms? Ganz gleich: In der Rüstungsindustrie knallen die Sektkorken. Zur Finanzierung der Party taucht Friedrich Merz das Land tief in die Schulden. Zu tief. Mit einer Netto-Neuverschuldung im kommenden Jahr von über 5 Prozent kalkuliert man die Sonderschuldenvermögen, kommunalen Defizite und die aufreißenden Lücken der Staatskassen mit ein, hält das Land auf einen fiskalpolitischen Eisberg zu. Dieser Crashkurs mit dem Anleihenmarkt kann nicht lange gut gehen.

Nur schade, dass Otto Normalverbraucher von dieser staatlichen Kapitallenkung nicht profitieren wird, sondern die Rechnung letzten Endes durch höhere Abgaben und Preissteigerungen zu begleichen hat.

Wir kennen das aus der grünen Kunstökonomie: Jede Subvention führt zu weiterer Intervention, es türmt sich Rechnung auf Rechnung. Dass weitere Steuererhöhungen folgen, ein höherer Spitzensteuersatz sowie weitere Substanzabgaben, ist in diesem Umfeld zwingend.

Man sollte sich daher nicht über den kurzfristigen Kapitalzustrom in die gelenkte deutsche Staatswirtschaft freuen. Im Grunde macht dies alles nur noch schlimmer, weil es den unvermeidlichen Verfall dieser artifiziellen Ökonomie künstlich in die Länge zieht.

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Kommentare ( 3 )

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Micky Maus
15 Minuten her

Flucht der Wirtschaft, Firmenschließungen, massenhafte Pleitewelle deutscher mittelständiger Unternehmen, massiver Arbeitsplätzeabbau sind doch Zeichen für Aufschwung und Wandel, oder? Für wie blöd hält uns diese verlogene Regierung noch und merken diese Kasper nicht, wie sie sich mit solchen Äußerungen zur Lachnummer machen?

JamesBond
28 Minuten her

Dumm, Dümmer, Absurdistan, nur ein kompletter Politikwechsel: Simplyfy, Steuerentlastung für diejenigen die arbeiten und für jedes neue Gesetz müssen 3 Gesetze weg, nur so lâsst sich der Standort Deutschland noch retten.
Dazu ein kompletter Ausgabenstop bei der Ukraine- und Entwicklungshilfe, sowie Einkauf von Energie auch aus Russland.
Alles andere führt ins Desaster.

November Man
48 Minuten her

Im Inland investieren Deutschlands Unternehmen nicht mehr. Im Gegenteil, sie entlassen hunderttausende Mitarbeiter. Und ausländische Investoren machen einen weiten Bogen um Deutschland. Unsere Wirtschaft wurde von den Altparteien ruiniert. Was noch da ist wird in den nächsten Jahren vor dem Kartell ins Ausland fliehen. So siehts aus!