Von Menschen und Mohren(gestrichen) Merkel

Die neue Kolumne von Wolfgang Herles. In Zukunft jeden Samstag. Beobachtungen zu den Gefallsüchtigen der Woche im Spiegel der Medien.

© Hans Scherhaufer

Schon ist es beinahe passiert. Gleich in der Überschrift. Ein klarer, krasser Fall von Pack. Menschen und Mohren. Also bitte! Nicht alle Menschen sind Mohren, alle Mohren aber Menschen. Abgesehen davon, dass es gar keine Mohren mehr gibt.

I.

Der Mensch an sich schnakselt gern. Dieser Satz ist korrekt. Deshalb vermehren sie sich, die Menschen. Vor allem in der deutschen Sprache. Die Menschenfloskel! Kein Moderator kommt mehr ohne sie aus, keine Politikerrede. Die Verwendung der Gattungsbezeichnung „Mensch“ ist eigentlich nur sinnvoll zur Unterscheidung des Menschen vom Tier. Oder, wenn es um das Menschsein als Ganzes geht. Aber so gut wie alle, die öffentlich reden, sprechen fortwährend von den Menschen statt von Leuten, Einwohnern, Berlinern, Arbeitnehmern etc. Die Menschen sind der Ansicht, die Menschen glauben oder protestieren, die Menschen verstehen oder auch nicht. Immer hört es sich an, als sei von der ganzen Menschheit die Rede.

Wer dauernd von den Menschen spricht, will bedeutend tönen. Als ginge es um die Menschenwürde statt bloß um Interessen oder Ansichten einer Gruppe von Leuten. Die Menschelei emotionalisiert außerdem, hebt jede Belanglosigkeit in die Sphäre der Unangreifbarkeit. Die Menschen sind zur moralisierenden Korrektheitsfloskel geworden. Wer die Menschen zu oft sagt, missbraucht sie.

II.

MenschenMänner sind sooo verletzlich. Ganz besonders der Programmdirektor des WDR, Jörg Schönenborn. Er fühlt sich jetzt doch sehr verletzt, weil alle Welt sich kaputt lacht über seine Katzbuckelei unter den Peitschenhieben einiger Frauenaktivist/innen im Rundfunkrat. Eine Hart-aber-öderweise-nie-unfair-Sendung hatte er vorauseilend aus der Mediathek entfernen lassen.

Eine Sendung, in der drei Frauen und zwei Männer ein wenig albern über Gender gequatscht hatten. Nicht Plasberg hatte die Genderforschung lächerlich gemacht, wie ein Vorwurf lautete, sondern Schönenborn sich selbst.

Zu besichtigen ist ein doppelter Fall von Gefallsucht. Erst tischt die Talkshow quotengeil ein Stammtischthema stammtischmäßig auf, dann rutscht der Herr Direktor vor ein paar Dominas auf den Knien herum.

Dummerweise sah der sich nun auch noch mit dem Vorwurf der Zensur konfrontiert. Was ein rechter Linker ist, darf das nicht auf sich sitzen lassen. Was nun? Eine weitere Talkrunde wird zum selben Thema ins Programm gehoben, mit derselben Besetzung. Derselbe Quatsch, dieselben Ansichten, nur bekömmlicher? Schönenborns Sauerkohl. Wovon er besonders schwärmt, wenn es wieder aufgewärmt.

So macht sich ein öffentlich-rechtlicher Spitzen-Funktionär zur Witwe Bolte.

III.

Mir fiel auf, dass Angela Merkel gleich drei Mal während eines einzigen Satzes auf das Blatt Papier in ihren Händen schauen musste, der eigentlich jedem leicht über die Lippen kommen müsste, der halbwegs bei Trost ist. Es sei „abstoßend, wie Rechtsextremisten und Neonazis versuchen, dumpfe Hassbotschaften zu verkünden.“

Weshalb kam der Kanzlerin dieser ihr aufgeschriebene Satz so sichtbar schwer über die schmalen Lippen? Weil ihr Haltungen immer schwer fallen, auch die, die nichts kosten, weil sie von so gut wie allen geteilt werden?

Sie hat es zwei Tage später besser gemacht, vor Ort in Heidenau, zwei Tage später wiederum als Sigmar Gabriel, ebenfalls in Heidenau. Wie glaubwürdig sind die Anti-Fremdenhass-Bekenntnisse von Politikern, die seit Jahren den öffentlichen Diskurs in der Einwanderungsfrage vermeiden und verhindern? Die sich dem seit langem vorhersehbaren Handlungsbedarf verweigern. Aber die Propaganda funktioniert. Moderatoren aller Nachrichtensendungen rühmten die Klarheit von Merkels Worten. Ist es so leicht in Deutschland, mit ein wenig Sülze dem Mainstreamfernsehen zu imponieren?

IV.

Mir fällt auf: Gleich zweimal Hoeneß als Fernsehspiel. Und wieder Moralkitsch. Die Ikone, die zum Asozialen wird und wieder zur Ikone. Weil die Medien reuige Sünder lieben. Das Gebühren-TV steht stets fest auf der Seite des Steuerstaats. Denn der hat in Deutschland die Moral gepachtet. Seit jeher: „Man muss den Staat wie ein Irdisch-Göttliches verehren“ (Hegel). Der Steuerzahler ist die moderne Form des Untertans. Die Moralkeule trifft am liebsten Steuerhinterzieher.

Wo aber bleibt das spannende Fernsehspiel über die Steuerverschwender am Airport Berlin? Eine Kriminalkomödie, die noch niemand verfilmt hat. Wo ist der Thriller über die illegale Beschaffung von Steuerdaten in der Schweiz? Eine Geheimdienststory der speziellen Art. Wo bleibt der Solidaritätszuschlagsbetrug als Posse mit Gesang?

IV.

Das Haus, in dem ich wohne, liegt an einer unmöglichen Straße. Eigentlich darf ich ihren Namen nicht einmal in den Mund nehmen. Das fällt mir jetzt auf, da ich unvermutet auf eine Demonstration in meiner Straße stoße. Sie trägt einen schönen, voll und rund klingenden Namen. Nur den Protestierern gefällt er nicht. Immerhin gehören sie der Liga für Menschenrechte an, die will man ernst nehmen. Die Straße heißt seit 1710 so. Benannt nach beliebten Militärmusikern, die hier wohnten und zur deren Ehren die Straße so getauft worden ist. Soll aber, lerne ich, keine Ehre gewesen sein, sondern rassistische Hetze.

Ach so. Das Haus, in dem ich dies hier schreibe, Iiegt in der …. Wird vermutlich bald geändert. Vielleicht in Möhrenstraße.


Das neue Buch von Wolfgang Herles wird am 15.September im Knaus-Verlag erscheinen: Die Gefallsüchtigen. Gegen Konformismus in den Medien und Populismus in der Politik.

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