Warum Künstliche Intelligenz: Dumm und gefährlich zugleich

Eine komplexe Wahrheit für denkende Menschen auf die kürzeste Formel gebracht. Von Gero Jenner

picture alliance / DZBA | Jonas Lohrmann

Wir werden gerade zu Zeugen, wie die Menschheit eine Art Rauschzustand durchlebt, weil die Künstliche Intelligenz ihr den endgültigen Triumph der Vernunft zu verheißen scheint. Was ein einzelner Mensch niemals wissen kann, weil sein Gedächtnis begrenzt ist und seine Denkvorgänge mehr oder weniger viel Zeit erfordern, das steht der Künstlichen Intelligenz in gewaltigen Speichern als gesamtes Menschheitswissen zur augenblicklichen Verfügung, und zwar in Lichtgeschwindigkeit. Im Prinzip verfügt heute jeder einzelne Mensch mit Hilfe der KI über alles Wissen von sämtlichen Menschen aus Gegenwart und Vergangenheit – vorausgesetzt, dass dieses Wissen in Datenspeichern abgelegt worden ist.

Die sofortige Verfügbarkeit von theoretisch unbegrenztem Wissen ist einerseits eine Revolution – eine technisch äußerst anspruchsvolle dazu, da seine Speicherung immer größere Rechenzentren und immer schnellere Übertragungstechnologien erfordert. Überall auf der Welt bemühen sich Forscher fieberhaft um immer größere Fortschritte in Bezug auf Geschwindigkeit und Volumen. Viele von ihnen tun dies in der nicht selten sogar ausgesprochenen Hoffnung, dass gottgleiche Allwissenheit irgendwann das notwendige Ergebnis ihrer Forschungen sein werde.

Andere, wie der doch manchmal sehr scharfsinnige Yuval Noah Harari, beschwören die apokalyptische Vision, dass die Künstliche Intelligenz uns Menschen dereinst versklaven, wenn nicht vernichten werde. Beide Lager – die blauäugigen Propheten einer paradiesischen Zukunft wie die Beschwörer eines menschenfeindlichen Leviathans – sind auf eigene Weise heillos naiv. Sie neigen dazu, einen Aspekt des neuen Idols völlig zu ignorieren, der meiner Meinung nach aber der wichtigste ist: nämlich die offensichtliche und radikale Dummheit der Künstlichen Intelligenz.

Man beachte: was in den Speichern an Wissen aufbewahrt wird, sind Aussagen des Menschen über das Wirkliche im weitesten Sinne, also über die physische Wirklichkeit der Dinge und Lebewesen, über die geistigen Wirklichkeiten kultureller, politischer, wissenschaftlicher Art usw. Auf der Ebene solcher Aussagen über die Wirklichkeit, aber eben nur auf dieser Ebene, kann KI ein gewisses Maß an Vollständigkeit erzielen. Jeder Endnutzer kann im Idealfall auf Abruf erfahren, was andere vor ihm oder zu seiner Zeit über beliebige Ausschnitte des Wirklichen sagten oder sagen.

Damit aber sind auch die Grenzen – und zwar die radikalen, unaufhebbaren Grenzen – der Künstlichen Intelligenz benannt. Ihr einziges Material ist der Reflex der Wirklichkeit in den Hirnen lebender oder vor unserer Zeit existierender Menschen. Niemals wird die Wirklichkeit selbst zu ihrem Gegenstand. Auf die Frage, ob die Erde eine Scheibe oder eine Kugel sei, wird sie nie eine Antwort aufgrund eigener Beobachtung geben. Anders als die Menschen, die vor fünf Jahrhunderten durch den Gebrauch ihrer natürlichen Intelligenz bei der Beobachtung des Wirklichen zum kopernikanischen Weltbild gelangten, verfügt KI über keine eigene Wahrnehmung und über Urteilsfähigkeit nur soweit ihr diese als fertiges Produkt von Programmierern eingeimpft worden ist.

Sie fasst nur zusammen und gewichtet, was ihr zu dem Thema an Aussagen zur Verfügung steht. Da heute vermutlich mehr als 99,99 Prozent die Sicht der Erde als Kugel zur gesicherten Wahrheit erklären, wird sie dies als korrekte Antwort liefern und die 0,0001 Prozent Aussagen, welche aus der Welt eine Scheibe machen aufgrund ihres gewichtenden Algorithmus als falsch verwerfen. Wenn allerdings aufgrund einer bewussten Umkehrung des Verhältnisses 99,99 Prozent der rezipierten Dokumente die Auffassung der Erde als Scheibe vertreten, oder wenn der Algorithmus verändert wird, würde die KI dieser Auffassung ebenso sklavisch folgen, weil sie selbst – anders als jeder mit natürlicher Intelligenz ausgestattete Mensch – eben niemals die Wirklichkeit selbst erfasst und beurteilt, sondern ihr Zugang sich einzig auf deren Reflex in menschlichen Hirnen bezieht. Das ist eine schwerwiegende Einschränkung, da menschliches Denken über die Wirklichkeit im Laufe der Geschichte wesentliche Wandlungen erfuhr und mit Sicherheit in Zukunft genauso erfahren wird.

Die potenziell dramatischen und für die Menschheit gefährlichen Folgen sind schon jetzt abzusehen. Was die KI zum Beispiel uns und kommenden Geschlechtern über Wladimir Putin oder Donald J. Trump sagen wird, hängt nicht von ihrem eigenen Urteil ab – darüber verfügt sie nicht – sondern ergibt sich allein aus der Masse der Dokumente, mit denen sie über beide Personen gefüttert, sowie aus deren relativer Gewichtung (eine zweite Art der Fütterung).

Wenn Propaganda ausreichend viele Trolle in Umlauf bringt, die Putin als einen Friedensengel und Trump als ein Vorbild politischer Intelligenz proklamieren, dann wird genau diese Sicht einmal zur akzeptierten Wahrheit werden, denn die Künstliche Intelligenz ist, um es noch einmal zu sagen, radikal dumm, weil sie immer nur den Reflex der Wirklichkeit nie diese selbst beschreibt, vertritt, verbreitet.

Sofern dieser Reflex Wahrheiten zum Inhalt hat, ist KI einerseits ein überaus nützlicher Idiot, aber auch nicht mehr. Da sie selbst nämlich ganz außerstande ist, Wahrheit und Lüge zu unterscheiden – dazu müsste sie eine eigene Wahrnehmung des Wirklichen besitzen – wird sie leicht zum Sklaven der Macht und zu einer großen Gefahr.

Also nicht, weil die Künstliche Intelligenz intelligenter als die des Menschen wäre – im Gegensatz zur Meinung von Harari ist das genaue Gegenteil der Fall – sondern weil sie von der Macht so leicht missbraucht werden kann, hat die Menschheit Grund, sich vor dieser technisch so brillanten Neuerung zu fürchten. Ihr Missbrauch könnte sie leicht dazu verführen, den Unterschied von wahr und falsch, fake und real überhaupt für illusionär zu halten.


Der Originalbeitrag ist auf der  Homepage des Autors Gero Jenner erschienen.


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