Nach Doktortitelentzug: Voigt trennt nicht zwischen Amt und Privatsache

TU Chemnitz entzieht Mario Voigt (CDU) den Doktortitel, der Fakultätsrat entscheidet einstimmig. Voigt reagiert nicht mit Demut, sondern mit Staatskanzlei PR, Attacken auf die Universität und Klagedrohungen. Wer Quellen ungeprüft übernimmt, soll Thüringen führen? Voigts Rücktritt ist mehr als überfällig. Von Dr. Andreas Kronenberg

picture alliance / dts-Agentur

Die TU Chemnitz hat dem CDU-Politiker Mario Voigt den Doktortitel entzogen, doch dieser wettert gegen die Universität und kündigt rechtliche Schritte an. Obwohl der Titelentzug reine Privatsache ist, geht er damit noch vor der Universität an die Öffentlichkeit, indem er die Staatskanzlei für eine Pressemitteilung missbraucht. Er geht nicht nur in die Offensive, sondern verunglimpft die Universität dreist, deren erweiterter Fakultätsrat nach sehr langer Prüfung einstimmig zu dieser Entscheidung gekommen ist.

Schon aufgrund dieser Einstimmigkeit der Fakultätsmitglieder kann sich Voigt doch nicht ernsthaft auf ein einziges externes Gutachten berufen, dessen Urteil ihm genehmer war. Die Presse aber übernimmt seine Pressemitteilung kommentarlos. Die politische Brisanz war den Professoren ganz sicher bewusst, weshalb sie sich für die Entscheidung fast anderthalb Jahre Zeit gelassen und den Fakultätsrat erweitert haben.

TU Chemnitz erkennt Mario Voigt Doktortitel ab – CDU-Politiker kündigt Klage an
Voigt fühlt sich ungerecht behandelt und ist beleidigt. Gerade er, ein Politiker, der die größte Oppositionspartei mit miesen Tricks aus den Gremien des Landtages herauszuhalten versucht, und eine Brandmauer braucht, anstatt sich sachlich der oftmals gerechtfertigten Kritik zu stellen.

Es geht gar nicht darum, dass im Nachhinein Richtlinien in Bezug auf den Umgang mit Plagiatsvorwürfen geändert und auf seine Arbeit angewandt wurden, sondern darum, dass Voigts Doktorarbeit gegen ganz wesentliche wissenschaftliche Standards verstößt. Er hat aus der Sekundärliteratur zitiert, ohne die primären Quellen zu prüfen. Das jedoch ist ein Grundpfeiler wissenschaftlichen Arbeitens. Im Grunde müsste man ihm das Diplom gleich mit entziehen, denn er hat wissenschaftliches Arbeiten offensichtlich nie gelernt.

Dass die Quadriga Hochschule Berlin seinen Professorentitel nur „ruhen“ lässt, spricht deshalb gegen das Renommee dieser privaten Hochschule. Im Gegensatz dazu hat die TU Chemnitz durch den konsequenten Titelentzug massiv an Renommee gewonnen. Der Angriff von Voigt ist ein Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit, gegen den sich die Universität Jena und die TU Ilmenau deutlich positionieren müssten.

Nun könnte es egal sein, ob ein Ministerpräsident einen Doktortitel hat oder nicht. Aber genau dieser Vorwurf, nicht gründlich geprüft zu haben, was die primäre Quelle wirklich gemeint haben könnte, ist auch gegenüber einem Politiker durchaus relevant. Genau wie in seiner Doktorarbeit übernimmt der Machtpolitiker Voigt Aussagen ungeprüft und macht sie sich für politische Entscheidungen zu eigen.

Als Ministerpräsident muss er der Sorgfaltspflicht gegenüber dem Land Thüringen und seinen Bürgern nachkommen. Er muss in der Lage sein, zu prüfen, ob politische Forderungen solide begründet sind, oder ideologischen Hirngespinsten entspringen. Gerade in unserer Zeit, wo viele politische Entscheidungen – wie z.B. zum Klimaschutz – mit massiven Folgen für die Bürger einhergehen, nicht nur durch finanzielle Einschnitte.

Voigt muss zurücktreten, so wie es Politiker früher im Zuge ähnlicher Vorwürfe allesamt taten. Eine beliebig ausgebaute Brandmauer darf ihn hier nicht retten.

Die Verleihung wie der Entzug des Doktortitels durch eine staatliche Universität obliegt der Fakultät; sie hat von staatlicher Seite das Recht für die Verleihung und damit auch für den Entzug. Ein Verwaltungsgericht wird sich nicht mit Plagiatsvorwürfen befassen, höchstens auf grundlegende Verfahrensfehler achten, und diese kann man wohl bei der Dauer der Prüfung ausschließen. Es bestehen also kaum Erfolgsaussichten: Das Manöver Voigts ist durchschaubar. Ebenso wie nach der Regierungskrise 2020, als man SED-Mann Ramelow geschäftsführend im Amt beließ und Neuwahlen versprach, die aber nie kamen, so klebt Mario Voigt auch nun wieder nur an seinem Dienstwagen.

Es ist augenscheinlich, dass seine Koalition eine Neuwahl nicht überleben würde, denn auch das BSW ist ja in gewisser Weise ein Plagiat. Die Menschen haben Sahra Wagenknecht (übrigens auch mit Doktortitel von der TU Chemnitz) gewählt, doch sie steht nicht nur im offenen Konflikt mit dem Thüringer BSW, sie zieht sich auch zunehmend aus dem BSW zurück. Ein Parteitagsbeschluss sieht vor, den Namen zum Oktober 2026 zu ändern. Damit dürften die Zustimmungswerte für das BSW in die Bedeutungslosigkeit fallen. Letztendlich geht es bei diesem Show-Kampf also wieder nur um eine Verhinderung der AfD.

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