Wie die „Welt“ einen G7-Gipfel neu erfand

An der Geschichtserzählung über das vermeintlich ikonische Bild von Merkel beim G7-Gipfel 2017 stimmt außer dem Datum und den Namen der Beteiligten praktisch nichts. Schon gar nicht, dass sie Trump "ins Gewissen" redete.

Manchmal gibt es ikonische Fotos, in denen sich ein politischer Moment verdichtet. Das Foto sollte allerdings zu diesem Moment passen. Manchmal ist die Versuchung des Journalisten groß, eine Geschichte passend zum Foto zu erzählen. So wie eine Welt-Autorin in ihrem Text über die kommende US-Wahl, Donald Trump und die Unterschiede zwischen der Politik des Präsidenten und Angela Merkel. Das Blatt baut seine Geschichte rund um ein Foto auf, das die Staatschefs der G 7 am 9. Juni 2018 in La Malbaie, Quebec bei der Debatte um das Abschlussdokument zeigt.

Screenprint: Welt.de

Das Foto zeigt Merkel, die sich auf den Besprechungstisch stützt und mit Donald Trump zu reden scheint. In der Bildunterschrift der Welt heißt es: „Momentaufnahme mit Symbolcharakter: Angela Merkel redet Donald Trump auf dem G-7-Gipfel in Quebec ins Gewissen – ohne Erfolg“.

In dem Text selbst heißt es:
„Ein Moment der transatlantischen Entzweiung, eingefangen mit der Kamera: Kanzlerin Angela Merkel stützt die Hände auf den Tisch und lehnt sich energisch nach vorn. Auf der anderen Seite sitzt Donald Trump, die Arme verschränkt, das Kinn trotzig in die Höhe gereckt. Es war der G-7-Gipfel vor drei Jahren – das erste Treffen führender Industrienationen, bei dem ein Dissens in die gemeinsame Abschlusserklärung aufgenommen wurde. Obwohl die anderen sechs Staats- und Regierungschefs argumentierten, lockten, drohten: Der US-Präsident weigerte sich, sich zum Pariser Klimaschutzabkommen zu bekennen.“

An dieser Geschichtserzählung stimmt außer dem Datum und den Namen der Beteiligten praktisch nichts. Um mit dem Foto zu beginnen: Es gibt nicht die eine Aufnahme von der Besprechung, sondern mehrere. Allerdings eben das eine, das damals Merkels Presseteam weiterreichte, und das fast alle deutschen Zeitungen druckten: Merkel, wie sie vermeintlich Trump „ins Gewissen redet“. Der deutsche US-Korrespondent Fabian Reinbold twitterte damals ein Quartett von Aufnahmen, die das Geschehen jeweils aus einer anderen Perspektive zeigen und von den PR-Mitarbeitern der jeweiligen Staatschefs verbreitet wurden:

Wer das Foto der vermeintlichen Merkel-Trump-Konfrontation genau anschaut, dem fällt auf, dass nicht Merkel spricht – sondern Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der neben ihr steht. Und er redet, wie die Aufnahmen unten zeigen, in Richtung des kanadischen Premiers Justin Trudeau auf der anderen Seite des Tischs.

Merkel ist nur Zuhörerin – wie Trump.

Von der Besprechung existieren also zahlreiche Aufnahmen aus allen möglichen Winkeln. Deutsche Medien hätten auch dieses Foto verbreiten können:

Völlig absurd wird allerdings die Welt-Erzählung, wenn die Autorin behauptet, bei dem Treffen (beziehungsweise auf der fotografierten Besprechung am 9. Juni) hätten die Regierungschefs versucht, den störrischen Trump zum Klimaschutz zu bekehren: „Obwohl die anderen sechs Staats- und Regierungschefs argumentierten, lockten, drohten: Der US-Präsident weigerte sich, sich zum Pariser Klimaschutzabkommen zu bekennen.“

Denn um die Pariser Vereinbarung ging es in La Malbaie nur ganz am Rand, verhandelt wurde dazu gar nichts. Den Rückzug aus dem Abkommen hatte Trump schon am 1. Juni 2017 verkündet, also fast genau ein Jahr vor dem Treffen in Quebec. Kein Teilnehmer erwartete ernsthaft, dass der US-Präsident dort eine seiner wesentlichen politischen Festlegungen ändern würde. Schon gar nicht unter Druck. Die Vorstellung von einer Angela Merkel, die dem amerikanischen Staatschef „ins Gewissen redet“, offenbart eine bemerkenswert kindliche Vorstellung vom Ablauf eines Gipfeltreffens.

Bei dem G 7-Treffen von 2018 und dem heftigen Streit über das Abschlussdokument ging es um ein ganz anderes Thema: den Handelsstreit sowohl zwischen den USA und der EU als auch zwischen den USA und Kanada. Kurz vor dem Gipfel hatte die US-Regierung einen Strafzoll von 25 Prozent auf Stahl und 10 Prozent auf Aluminium für Importe aus der EU und Kanada verhängt. Die EU antwortete mit der Androhung von Sonderzöllen auf mehrere US-Güter, etwa Motorräder von Harley-Davidson und auf Bourbon. Auch Kanada und Mexiko kündigten entsprechende Einfuhrzölle auf amerikanische Waren an. Statt zu einer Entspannung kam es auf dem Treffen in Quebec noch zu einer Streitverschärfung zwischen Trump und Trudeau, die neben dem Handelskonflikt auf eine tiefe Abneigung zwischen beiden beruhte. Während der Konferenz, wütete Trump per Twitter, sei Trudeau in der Handelsfrage noch „mild und sanftmütig“ („mild and meek“) gewesen, um dann die US-Zölle auf einer eigenen Pressekonferenz als „beleidigend“ zu bezeichnen. Trump antwortete umgehend mit neuen Strafzöllen auf kanadische Milchprodukte.

Am 9. Juni schien es noch so, als könnten sich die anderen Staatschefs mit Trump auf einen formelhaften Konsens als Abschlusserklärung einigen. Einen Tag später erklärte Trump, er werde dem Abschlussdokument nicht beitreten.

Im Juli 2018 besuchte der damalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker Trump in Washington, beide handelten einen Kompromiss aus, mit dem sowohl die angekündigten Stahl- und Aluminiumzölle der USA als auch die Antwort der EU vermieden wurden.

Fazit: Weder fing das Foto von La Malbaie, das laut Welt die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA sinnbildlich zeigen soll, eine wirkliche „transatlantische Entzweiung“ ein, noch redet Merkel darauf Trump „ins Gewissen“. Um das Pariser Klimaabkommen ging es auf der Konferenz nicht. Und Merkel spielte auf dem Treffen in Quebec 2018 wie auch bei der späteren Verhinderung des Zollkriegs nur eine Nebenrolle.

„Fast alles, wofür Berlin außenpolitisch steht, lehnt das Weiße Haus derzeit ab“, kommentiert die Welt-Redakteurin weiter – so, als ob Berlin der Taktgeber der Weltpolitik wäre, und die USA (und andere) entweder zustimmen oder ablehnen müssten. Die

„Wiederwahl Trumps“, weiß die Journalistin, „käme aus deutscher Sicht einer Katastrophe gleich“. Was genau wäre dann katastrophal? Und wer bestimmt „die deutsche Sicht“? Journalisten, die in den vergangenen vier Jahren im Monatsrhythmus das Ende Trumps voraussagten? Die ihn wie Der Spiegel 2016 als zerstörerischen Kometen aufs Titelblatt hoben, der auf die Erde zurast („Das Ende der Welt, wie wir sie kennen“)?

Oder eine Redakteurin, deren Text zu Trump wie ein Schulaufsatz wirkt: „Denk dir eine Geschichte zu dem Foto aus“?

Der Welt-Text steht exemplarisch für die US-Berichterstattung vieler deutscher Medien: An Fakten erfährt der Leser wenig bis nichts. Dafür aber alles über die Haltung des Journalisten. Die kennt er allerdings schon mehr als ausreichend.

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Kommentare ( 42 )

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42 Comments
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H. Priess
18 Tage her

Bilder sagen mehr als 1000 Worte! Wenn sie die Realität abbilden und dann Bild und Kommentar übereinstimmen. Wir alle wissen wie die Bilder wirken sollen und daß sie meißt manipuliert sind weiß auch jeder. Die WELT macht da keine Ausnahme und da ich jeden Tag rein schaue sehe ich die Ausrichtung und die Haltung der Macher dort sofort. Da wird ein Kommentar als Meinung gekennzeichnet, was ja auch sein soll, aber die Artikel bei denen es sich um die selben Sachverhalte geht unterscheiden sich nicht wirklich von den Meinungen. Die kleinen Feigenblätter Don Alphonso und Herr Broder kaschieren nur sehr… Mehr

hassoxyz
18 Tage her

Welt und FAZ waren früher einmal ausgesprochen amerikafreundlich. Selbst während des völkerrechtswidrigen und in Europa extrem unpopulären Irakfeldzugs des ultrakonservativen Bush jun. verteidigten sie lange Zeit die rücksichtslose, desaströse und brutale Politik der US-Administration. Aber das liegt weit zurück, die Zeiten haben sich inzwischen radikal geändert. Eine jüngere, deutlich linksgerichtete Generation von Haltungsjournalisten bestimmt heute den politischen Diskurs, und der ist ausgesprochen amerikakritisch bis amerikafeindlich, vor allem wenn der Präsident ein Republikaner, also ein Konservativer bzw. Rechter ist. Trump mag eher unsympathisch und polternd daherkommen, aber er hat im Gegensatz zu seinem republikanischen Vorgänger Bush bislang keinen Krieg begonnen.

egal1966
18 Tage her
Antworten an  hassoxyz

Ehrlich gesagt ist es mir „schnurzegal“,
wie „sympathisch“ oder „polternd“ nun ein Politiker medial beurteilt wird,
da dieses gerade in der Politik zweitrangig sein sollte.
Wichtiger ist eher „was hinten dabei rauskommt“, wie Helmut Kohl es mal sehr treffend beschrieb.
Man sieht es ja sehr deutlich an den Vorgaenger von Praesident Trump, Barack Obama,
ein „Blender“, wie er in Buche steht und dafür auch noch den Friedensnobelpreis erhielt.
Scheinbar ist vor allen bei den Medien, aber leider auch bei vielen Menschen wichtiger,
wie „sympathisch“ nun ein Politiker nun ist, anstatt „was“ er für sein eigenes Volk zu tun
vermag…

spindoctor
18 Tage her

Hervorragender Bericht / Recherche – danke dafür.

twsan
19 Tage her

Merkel kann sich nur wieder einmal nicht benehmen – und fläzt sich auf den Tisch vor Trump.
Und Trump – angesichts seiner vielen Pfeile im Köcher gegen ein großmäuliges Deutschland, das außer Unflätigkeiten absolut nichts zustande bringt – nimmt doch Merkel gar nicht mehr ernst…

schukow
19 Tage her

Danke für die Klarstellung. Die kindlichen Gemüter hierzulande werden mit diesen Märchen aber bestens bedient. Da kommt zusammen, was zusammenpaßt.

Alexander Schilling
19 Tage her

Propaganda in einer besonders widerwärtigen Form — die Sie mit gewohnt-gekonnter Akribie (im Wortsinne:) ‚de-maskiert‘ haben, sehr geehrter Herr Wendt. Der propagandistischen Kanonade qualitäts’journalistischer‘ und öffentlich-‚rechtlicher‘ (sit venia verbo!) ‚Reformatoren‘ muss das gesamte Arsenal der ‚Gegenreformation‘ entgegengehalten zu werden, um mit der Entlarvung jener ‚Irrlehre‘ (die uns einschnürende ‚Macht‘ sei auf die Kraft von Argumenten gegründet, die „ins Gewissen“ redeten) Pflanzungen anzulegen („propagare“). Daher die Bedeutung des Kampfs gegen das Sinnbild ‚Maske’…

StefanB
19 Tage her

„An Fakten erfährt der Leser wenig bis nichts. Dafür aber alles über die Haltung des Journalisten. Die kennt er allerdings schon mehr als ausreichend.“

Noch schlimmer: Der Leser, besser die Leser_*Innen, haben die Haltung des Journalisten schon längst unreflektiert übernommen und plappern den gleichen Unfug auf der Straße nach.

Ego Mio
19 Tage her

Passt zu dem Interview mit Norbert Bolz: „Sie sehen sich in einem kulturellen Bürgerkrieg“. Wobei es nicht jeder Aktivist gleich in den Gefechtsstand der Grünen Garden (GEZ, SZ, Spiegel..) schafft und vorerst bei Welt, FAZ oder einem Lokalblatt seine Gesinnung auf dem Teller präsentieren muss. So werden auch diese Medien in den Relotius-Verdacht und den Ruin getrieben.

Rainer Neuhaus
19 Tage her

Danke für die Recherche und Ihre gewohnt ironischen Kommentare zu der Berichterstattung unserer Leidmedien.

Ach so, ich freue mich bereits auf die neuen Quartalszahlen des IVW. Bin mal gespannt, wer dieses mal das Rennen um die Reichweitenverluste gemacht hat.

hoho
19 Tage her

Genau. Danke für die Recherche. Ich bin ein Ing. in Qauliltätssicherung. In meiner täglicher Arbeit muss ich Dokumente lesen und das ist schon ein erster Punkt wo man merkt wann der Autor nicht weiß was er schreibt oder nicht genau es beschreiben will weil dann es auffallen konnte dass das eigentlich falsch sei. in 2014 hab ich schon bemerkt wie verformt die Realität in den westlichen Medien dargestellt wird. Die Zensur der Kommentare in 2015 und weitere Lügen. Die angeblich ruhige Nacht in Köln war aber schon eine größere Nummer weil dann von Missinformation in die Lügen übergangen wurde. Seither… Mehr

Hannibal Murkle
19 Tage her
Antworten an  hoho

Keine gute Lösung – da mittlerweile alles besser als Merkel+Antifa+EU ist, könnten wir uns der ersten Macht ergeben, die uns besetzen möchte – ob die USA, Briten, Polen, Russland oder China. Ich habe übrigens diesen Artikel über Chinas Aufstieg ergoogelt:

https://www.wiwo.de/politik/ausland/eu-china-gipfel-china-wird-zum-westen-aufschliessen/26185198.html

Interessant die Vernunft der dortigen Zentralbank:

„… So hat die Zentralbank im Mai bereits damit begonnen, die ins Bankensystem gepumpte Liquidität teilweise wieder abzuziehen, woraufhin die Zinsen gestiegen sind …“

Bei uns wird leeres Geld verteilt bis die Hyperinflation kommt.