Kleinkunst-Vibes bei Lanz: CDU-Fraktionsschef Thorsten Frei rettet mal wieder die verlorene Ehre des Kanzlers. Frauke Brosius-Gersdorf bläst zum Generalangriff auf die böse Welt da draußen. Sie kommt noch immer nicht darüber hinweg, dass sie keine Verfassungsrichterin geworden ist.
Screenprint: ZDF / Markus Lanz
Bei ihm ist alles wie immer, bei ihr ist alles neu. Thorsten Frei sitzt da mit seinem typischen Hundeblick, dieser Mischung aus zelebrierter Unschuld und professioneller Gleichgültigkeit, mit der er seit Jahren den schleichenden Untergang seiner Partei schönredet.
Doch wer ist das da neben ihm? Nanu, Frauke Brosius-Gersdorf, kaum wiederzukennen. Die Nickelbrille passé, das Haar nicht mehr ungnädig nach hinten gebürstet. Sie ist jetzt blondgefärbt und trägt die Haare offen. Statt auf streng gestriegelte Schreibtischmaus macht sie jetzt auf feminin – doch Obacht: Sie zeigt mehr denn je die Zähne. Darunter wird der CDU-Mann noch zu leiden haben.
Ein Detail fällt dabei auf: Sehr oft, für manche Geschmäcker ein wenig zu oft, wird in diesem Zusammenhang betont, dass Merz seinen Urlaub „am Tegernsee“ verbracht habe. Dass zeitgleich ein Regierungs-Jet auf den Seychellen gesichtet wurde und dort angeblich wochenlang mit technischem Defekt auf eine Reparatur wartete, nachdem die Crew extra dorthin geflogen sei, um den Anflug auf eine heiße Piste zu üben, sorgte für hitzige Diskussionen und Mutmaßungen im Netz. Der AfD-Abgeordnete Malte Kaufmann hatte die Bombardier-Maschine mit dem Bundesadler im Urlaub zufällig am Rollfeldrand von Mahé entdeckt.
Bröcker bezeichnet Merz und seinen Stellvertreter Lars Klingbeil als „Dead Men Walking“. In beiden Parteien gebe es Diskussionen, diese lebenden Toten zu ersetzen. Frei bleibt ruhig. Zu ruhig, wie Lanz findet. Warum er nicht dagegenhalte? „Ich hab das als Meinung von Herrn Bröcker akzeptiert, aber damit steht er ja eher allein“, sagt Frei betont gelangweilt. Der Angesprochene schaut ungläubig und berichtet, dass er es von überall her höre. „Das ist Thema, auch im Kopf von Herrn Frei.“ Und das sei ja auch kein Wunder, denn die Umfragewerte des Kanzlers seien am Boden. Bröcker: „Wir sind bei zwölf Prozent der Deutschen, die noch glauben, dass der Mann ‘nen guten Job macht. Selbst seine eingefleischtesten Fans zweifeln an ihm.“ Frei entgegnet: „ Die Zahlen, die Sie beschreiben, die sind schrecklich“, aber die CDU sei „nach wie vor die erfolgreichste christdemokratische Partei Europas“. „Diese Umfragewerte sind wir nicht gewohnt. Aber das hängt doch nicht mit dem Bundeskanzler zusammen.“
Auch jetzt gibt sich Brosius-Gersdorf noch verbindlich, doch sie läuft sich langsam warm. Sie findet es schade, „dass Meinungen Andersdenkender schnell kaputtgemacht werden“ und hofft, „dass man die Meinung nicht als Zumutung betrachtet, sondern als Bereicherung. Vielleicht hat ja auch der Andere mal recht.“
Doch als es jetzt um sie selbst geht, wird sie langsam unleidig. Sie ist halt nach wie vor „Professorin für öffentliches Recht an der Universität Potsdam“, und das liest sich eben nicht so gut wie „Richterin am Bundesverfassungsgericht“. Über ihre missglückte Kandidatur ist sie bis heute nicht hinweg, daran lässt sie keinen Zweifel. Dabei betont sie, dass es ihr nicht um sie selbst ginge. Nein, der Verlust sei viel größer: Sie glaubt offenbar, dass dem Gericht und dem ganzen Land ein immenser Schaden dadurch entstanden ist, dass sie nicht Verfassungsrichterin wurde.
In ihrer kleinen, persönlichen Tragödie, die sie bei Lanz auf die Bühne bringen darf, spielt das alles selbstverständlich keine Rolle. Da wird von der Regisseurin verkürzt, da werden die Rollen neu verteilt.
Die Union habe „sich treiben lassen von Kampagnen von rechtsnationaler Seite“, stöhnt Brosius-Gersdorf. „Die Debatte war nicht schön“, gibt Frei zu und bedauert, „dass Ihnen im vergangenen Sommer auch Unrecht widerfahren ist, das ist völlig unbestritten.“ Lanz hakt ein: „War das ‘ne Entschuldigung gerade?“
Doch Brosius-Gersdorf reicht das alles nicht. Noch lange nicht. Jetzt dreht sie richtig auf. Schuld seien die „neuen, rechten Medien“, und die „E-Mail-Fluten“ einer orchestrierten Kampagne. „Das kann man gar nicht bestreiten“, sagt sie im Brustton der Überzeugung, und das sei „deshalb so wichtig, weil es enormen Schaden angerichtet hat an der Institution des Bundesverfassungsgerichts. Das ist unser höchstes deutsches Gericht. Das ist die Kerninstitution unseres Rechtsstaates.“
Ihre gescheiterte Kandidatur hat also den Staat beschädigt – so heißt ihr Theaterstück heute Abend. Und es geht noch weiter: „Es hat auch die Demokratie nicht gut aussehen lassen.“ Es sei „völlig naiv anzunehmen, dass sich das nicht wiederholen kann“.
Brosius-Gersdorf kommt jetzt richtig in Rage: „Ich hab’ mich am Ende zurückgezogen. Die Kampagnen hatten damit im Ergebnis Erfolg.“ Die CDU sei eingeknickt. Dann geht sie Frei direkt an: „Waren das denn Sachargumente, Herr Frei? Oder sind Sie nicht doch der Emotionalisierung und Empörung, die von außen kam – ein Zerrbild, das gezeichnet wurde, wo mit Diffamierungen, Stimmungsmache, Falschnachrichten gearbeitet wurde –, auf den Leim gegangen?“
Frei, der immer so traurig guckt, guckt immer trauriger.
Doch Frau Professor hat noch immer nicht fertig. Man habe sie inhaltlich völlig falsch kritisiert. Man habe behauptet, sie habe das Naturrecht übersehen, aber ein Naturrecht, Obacht, das gebe es doch gar nicht. Das sei so, „als wenn Sie ‘nem Schachspieler sagen, der hat seine Würfel vergessen“. Und dann noch das Thema Leihmutterschaft. Brosius-Gersdorf: „Da müssen Sie auch mal drüber nachdenken. Ob das Menschenbild der Union da eigentlich noch so passt.“
Nach dem letzten Akt dieses Dramas kann Lanz nur leise feststellen: „Das war jetzt ein bisschen Vergangenheitsbewältigung. Und da gibt’s auch Verletzungen.“
Hat er ganz gut erkannt, muss man ihm lassen.
„Nichts hat die AfD so groß gemacht wie die Brandmauer“, sagt Bröcker. Aber er habe ein sehr lustiges Gerücht gehört: Merz sei der Meinung, dass nach einem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt er persönlich die verschiedenen Pole der Parteien wieder verbinden könne. Ausgerechnet Merz sehe sich also „als eine Art Mediator“.
So endet das Lanz-Trauerspiel an diesem Abend doch noch mit einem Witz. Wobei: Der eigentliche Witz ist ja: Wenn Merz tatsächlich die Pole verbindet, erzeugt er einen Kurzschluss …









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