„Klarer Geist in wirren Zeiten. Einladungen zum schärferen Denken“ von Alexander Wendt kombiniert Essays zu Themen wie Freiheit, Zensur, Täuschung, Unternehmertum und Genuss mit Aphorismen und Sentenzen aus dreitausend Jahren, von Heraklit bis Thomas Sowell. Das Kapitel über „Spott, Kritik, Zensur“ veröffentlicht TE in gekürzter Form.
Wer auch immer aus welchen Motiven Werke, Worte, Witze unterdrücken will, zeigt damit seine Schwäche – und umgekehrt: Wer gelassen hinnimmt, demonstriert seine Stärke. Als Friedrich II. von Preußen durch Berlin ritt, bemerkte er an einer Hauswand ein gegen ihn gerichtetes Pamphlet. Er empfahl, man möge es tiefer hängen, damit alle etwas davon hätten. So spricht der souveräne Souverän. Andere, nicht ganz so freigeistige Herrscher, störten sich nicht persönlich an Texten, meinten aber, die Untertanen dürften derlei nicht zu Gesicht bekommen. »Vortrefflich, ganz vortrefflich!«, rief angeblich Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich, als er in Heinrich Heines Deutschland. Ein Wintermärchen blätterte: »Muss man sofort verbieten.«
Nur die Fragilsten unter den Mächtigen wollen nicht nur verhindern, dass etwas in die Öffentlichkeit dringt, sie erklären sich obendrein zum Opfer eines Pasquills oder eines harmlosen Volksspotts und rufen nach Strafe. Bei dem Versuch, Bürger wegen eines frechen Worts im Internet mit einem Verfahren zu überziehen, um andere damit einzuschüchtern, handelt es sich um die Fortsetzung der klassischen Zensur mit neuen Mitteln. Peinliche Figuren dieser Sorte kennt unsere Demokratie selbstredend nicht. Selbstbewusste Bürger würden sie dann erst recht verlachen und ihnen bei der nächsten Wahl gründlich heimleuchten. Aber in rückständigen Weltwinkeln treiben Zensoren aus verletzter Eitelkeit immer noch ihre Geschäfte.
Zensur, das behauptet die gängige Definition, bedeutet den offiziellen Eingriff einer staatlichen Behörde vor Veröffentlichung eines Textes oder Films. Nach dieser Maßgabe gäbe es heute überhaupt keine Zensur, nicht in Demokratien, aber erst recht nicht in Autokratien und Diktaturen. Je rigider ein Regime, desto weniger hört und liest man dort den Begriff. In einem von oben beherrschten Staatswesen wissen Autoren und Zeitungsmacher fast ausnahmslos selbst, was und wie sie schreiben müssen, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Die meisten Stützen einer Herrschaft verhalten sich auch nicht deshalb zweckdienlich, weil sie Strafen fürchten, sondern aus genereller Anpassungsbereitschaft, ab und zu auch aus Überzeugung. In dieser Dialektik gilt: Überall und immer dort, wo jemand ein ganz offizielles Zensorenamt ausübte, so wie Malesherbes unter Ludwig XV., hielten sich Eingriffe und Pressionen noch in halbwegs erträglichen Grenzen.
Lange Zeit lag das Geschäft der Gedankenkontrolle in der Hand der Kirche. Sie führte den schon erwähnten Index verbotener Bücher, eine staatliche Zensur etablierte sich erst später. Die Zuständigen im Vatikan erwiesen sich in manchen Fällen klüger als ihre weltlichen Kollegen. Denn sie verstanden früh, dass Verbote verbreitungsfördernd wirken, vorausgesetzt, das betroffene Werk erwies sich nicht nur als verrucht, sondern außerdem noch als brillant, wahr und witzig.
„Lazarillo de Tormes“ begründete ein ganz neues Genre, nämlich den Schelmenroman, Vorbild für Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens Simplicissimus und viele andere Nachfolger. Die Kunst, selbst Grausamkeiten in gespielter Naivität zu schildern, die soziale Drastik – das alles kannte das literarische Publikum vor dem Lazarus vom Tormes nicht. Mit dem Werk des großen Unbekannten kam eine Poetik in die Welt, die Grimmelshausen später in seinem Lebens- und Dichtermotto zusammenfasste: »Es hat mir so wollen behagen, mit Lachen die Wahrheit zu sagen.«
Übersetzungen des Lazarillo erschienen in kurzer Folge fast überall in Westeuropa. Manche Verleger illustrierten die schlimmen und komischen Szenen, und da es so viele davon gab, entstanden die ersten fortlaufenden Bildgeschichten überhaupt, Jahrhunderte vor Wilhelm Busch und Carl Barks. Das neuartige Werk verbreitete sich auf dem Kontinent wie vor ihm kaum eine andere weltliche Schrift – und landete umgehend auf dem Index der Kirche, was seiner Beliebtheit nicht im Mindesten Abbruch tat. Das Publikum verschlang den Lazarillo aus genau dem gleichen Grund, der den Klerus dazu brachte, ihn aus dem Verkehr zu ziehen: Beiden Seiten begegnete hier das pralle Leben.
Was taten nun die Geistlichen, die in Rom den Katalog der verbotenen Bücher führten? Sie erlaubten den Roman ab 1573 wieder, zwar mit vielen Säuberungen – zwei Kapitel fielen komplett weg –, aber immerhin. Besser, das Volk las die entschärfte Variante statt des Originals, so lautete die pragmatische Schlussfolgerung, da die dritte Möglichkeit ausschied: nämlich, dass wegen der offiziellen Warnung niemand mehr das Buch anrührte.
Zensur auf der einen und Spott, Satire, Parodie auf der anderen Seite führen seit Jahrhunderten einen dialektischen Tanz auf: Umgehung von der einen, Zugeständnisse von der anderen Seite, Verbote, die das Verbotene erst populär machen, Popularität, die den Bann irgendwann in aller Öffentlichkeit bricht. Unter glücklichen Umständen wirken Spott und Satire ähnlich wie ein feuchter Holzkeil im Felsblock. Man traut dem weichen Material die Kraft gar nicht zu.
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Wie die Macht den Spott mit ihrer Reaktion manchmal sogar noch bestätigt, erzählt eine Geschichte aus der Zeit des Dritten Reichs: Ein Priester lässt in seiner Predigt den Satz fallen: »Die Lüge hat ein kurzes Bein.« Nach dem Gottesdienst geben sich zwei Besucher als Geheimpolizisten zu erkennen und erklären ihm, wer Mitglieder der Reichsführung verleumde, könnte ganz schnell im Lager landen, da mache man auch vor der Geistlichkeit nicht Halt. »Aber wo sehen Sie eine Verleumdung?«, fragt der Kirchenmann. Die Polizisten: »Stellen Sie sich nicht dumm. Sie wissen genau, dass der Reichsminister für Propaganda an einem verkürzten Bein leidet.« Darauf der Priester: »Ja gewiss. Aber lügt er denn auch?«
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Der ewige Kampf zwischen den Verbietern und denen, die sich lustig machen, geht seit Ewigkeiten in fast allen Fällen so aus wie das Wettrennen zwischen Hase und Igel: Die Verfolger hecheln hinterher, sie kommen zu spät, das freche Wort ist dank der Vervielfältigung immer schon allhier. Von allen Spielarten funktioniert nur die Selbstzensur – denn dort fehlt das Gegenüber.
Viele Spötter bezahlten mit Leben, Freiheit und Gesundheit, aber was sie fabrizierten, fand und findet bis heute selbst die kleinsten Schlupflöcher und feinsten Kanäle. Zu allen Zeiten fanden sich Verbreiter, nicht erst im Internetzeitalter. Warum? Guter Spott langweilt nie, anders als die Verspotteten. Parodien lesen sich, wenn der Autor etwas taugt, grundsätzlich besser als das Original. Und was Witze betrifft: Je- der kennt das fou rire, das unaufhaltsam aufsteigende Lachen, egal, ob es in dem Moment gerade passt (oft passt es nicht). Je mehr man dagegen kämpft, desto stärker der Drang. Das Lachen und der Orgasmus ähneln einander: Beide brauchen ein Stimulans; taugt es etwas, dann lässt sich der Lauf der Dinge ab einem bestimmten Punkt nicht mehr aufhalten. Durch ein Verbot schon gar nicht.
Von Fürsten, Königen, Premierministern kennen wir Gedichte, historische und juristische Schriften, Erinnerungen, nicht immer, aber oft stößt man in ihrer Hinterlassenschaft auf gute, manchmal sogar herausragende Literatur. Aber noch nie schrieb irgendein gekröntes, gesalbtes oder gewähltes Oberhaupt einen guten Witz über das Volk.
Spott ist und bleibt für immer das Privileg der Machtlosen.
Alexander Wendt. Klarer Geist in wirren Zeiten. Einladungen zum schärferen Denken. OLZOG Edition, Hardcover, 204 Seiten, 20,00 €.





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