Wenn Integration schon in der Grundschule scheitert

Den richtigen Namen der Grundschullehrerin nennen wir nicht, weil auch im öffentlichen Dienst so etwas wie eine Schweigepflicht gilt. Man darf und soll nicht von der Überforderung aller Beteilgten sprechen.

„Mit guten Worten kommt man da nicht voran.“ gibt Sonja resigniert zu. „Ich muss da immer an deinen Text von neulich denken. Der über die Konfliktlösung. Dass die einen halt lernen, ihre Konflikte verbal zu lösen und die anderen nicht. Das lässt sich halt schon im Grundschulalter ganz deutlich erkennen, dass da eben zwei ganz verschiedene Kulturen aufeinanderprallen. Die kommen hier eben schon mit einer gewissen Sozialisation an. Man weiß ja auch gar nicht, was sie in ihren Heimatländern erlebt haben. Wenn man in den Medien mitbekommt, wie sich die Erwachsenen teilweise benehmen, ist es ja klar, dass das auch auf die Kinder abfärbt.“

Wie sollen die Kinder lernen, sich an Regeln zu halten, wenn selbst die Eltern nicht bereit sind, sich an die einfachsten Regeln zu halten? „Man kann dem Vater sagen: ‚Bitte nicht mit ins Gebäude’ und der reagiert da genauso wenig drauf wie das Kind, dem man sagt: ‚Renn hier bitte nicht durch’s Gebäude’. Es gibt einfach keine Verbindlichkeit, keine Akzeptanz, sich an Regeln zu halten. Ich frage Sonja, ob das vielleicht an der sprachlichen Barriere liegen könnte. „Nein.“ sagt sie. Sie verstehen schon ganz genau, was wir von ihnen wollen. Ich kann dir das gar nicht erklären, aber wenn man das anders sieht, sieht man das eben anders. Das ist deren Einstellung und dann wird sich eben darüber hinweggesetzt.“ Mit der Einstellung zur Schulpflicht sei das genauso. Den Kindern sei überhaupt nicht klar, was sie bei uns sollen. Den Eltern genauso wenig. Es herrscht überhaupt kein Bewusstsein darüber, wie wichtig Bildung hier im Land ist. Schulpflicht wird im Zuge dessen ebenso wenig als Verbindlichkeit angesehen wie irgendwelche Regeln und Verbote.

Anpassungsbereitschaft fehlt völlig

Dabei ginge es laut Sonja nicht nur um die fehlende Akzeptanz von Regeln und Verbindlichkeiten. Besonders auffällig sei auch die generell fehlende Anpassungsbereitschaft. „Kinder lernen zumeist intuitiv von anderen Kindern.“ erklärt mir die Pädagogin. Bei den Flüchtlingskindern sei das nicht so und weder Sonja, noch ihre Kollegen könnten sich das so recht erklären. Stattdessen fiele auf, dass diese immer auf eine persönliche Ansprache angewiesen seien. Orientieren sich andere Kinder am Verhalten ihrer Mitschüler, holen beispielsweise ihr Federmäppchen heraus, wenn der andere es tut, wird sich hier komplett verweigert und nur nach persönlicher Aufforderung gehandelt. „Sie gehen einfach nicht mit der Masse mit, wie man das eigentlich kennt.“ beschreibt Sonja das Problem. „Normalerweise kommst du ja irgendwo neu hin, orientierst und akklimatisiert dich so peu à peu. So machen das die anderen Kindern. Du siehst: Aha, so läuft es und beginnst irgendwann damit, in kleinen Schritten mitzumachen. Genau das findet bei den Flüchtlingskindern nicht statt. Da ist keine intrinsische Motivation vorhanden.“ Dennoch ist es Sonja wichtig, zu betonen, dass es hier einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen gibt. Die Mädchen seien insgesamt lernfreudiger. „Manchmal kamen welche neu in die Klasse und meldeten sich direkt. Sie konnten nicht viel sagen, aber sie wollten mitmachen.“ Insbesondere die syrischen Mädchen seien motiviert, während es die Jungen gar nicht sind. Ihr Sozialverhalten sei deutlich schlechter ausgeprägt. Ähnliches sei bei den Kindern aus den Balkanländern zu beobachten. Auch sie hätten erhebliche Defizite im Sozialverhalten, selbst wenn sie schon länger hier sind.

Kleine Machos

Je älter die Jungen werden, desto größer seien die Probleme. Auch wenn es, wie eingangs beschrieben, durchaus auch Problemfälle bei den Mädchen gibt, sind es vor allem die Jungen, die negativ auffallen. „Wenn sie jünger sind, kannst du sie noch ein wenig besser wie alle anderen Kinder auch durch Lob und Zuwendung erreichen. Das saugt ja jedes Kind auf. Das funktioniert auch bei den Flüchtlingskindern bis zu einem gewissen Punkt.“ Ab Klasse Drei/Vier ginge es allerdings schon los, dass sie das nicht mehr interessiert. „Sie können das nicht verbalisieren, aber das siehst du an ihrer Haltung, an den Gesten. Wenn ihnen z.B. etwas im Unterricht herunterfällt, schauen sie dich mit großen Augen an und erwarten, dass du es aufhebst und reagieren dann ganz empört, wenn du von ihnen verlangst, das selbst zu machen. Das sind richtige kleine Machos.“ beklagt Sonja. Auch in die Augen würden sie ihr als weibliche Lehrerin nicht schauen. Dabei sei es gerade in der Erziehung wichtig, dass Kinder einen angucken, wenn man ihnen etwas erklärt.

„Aber sie starren einfach an dir vorbei. Sie können das einfach nicht und wenn du sie dann mehr oder weniger zwingst, dich anzugucken, dann siehst du da die komplette Ablehnung oder allenfalls ein riesiges Fragezeichen ‚Was will die von mir, was soll das jetzt? Interessiert mich doch eh alles nicht.’“

Auch an anderen kleinen Dingen scheitert es. Ein anderes Kind an die Hand nehmen? Unmöglich. Körperkontakt sei ein absolutes No-Go, erklärt mir Sonja. „Das für sie wahrscheinlich der totale Kulturschock.“

Schon in der Grundschule wird sich voneinander separiert

Die kulturellen Differenzen fallen auch den anderen Kindern auf, weshalb man schon in der Grundschule weitgehend unter sich bleibt. Integration, Vermischung von Deutschen und Flüchtlingskindern scheitert hier schon im Kindesalter. Dabei hätte das gar nichts mit Aussehen oder Herkunft zu tun, sagt Sonja. Dafür hätten die Kinder noch gar keinen Sinn. Es läge am Verhalten. „Die Kinder spüren in instinktiv, dass da kulturell Welten aufeinanderprallen und dass das alle nicht so kompatibel ist. Schule hat halt irgendwo auch Grenzen. Der Löwenanteil muss eben vom Elternhaus kommen. Das ist auch bei den deutschen Kindern so. Wenn ich da problematische Kinder habe, kann ich mein Bestes tun. Wenn die Eltern nicht mit mir an einem Strang ziehen, ist es auch da nur allzu oft um das Kind geschehen und der Weg ist vorprogrammiert. Das Elternhaus muss da mitmachen, sonst haben wir im Prinzip direkt verloren.“

Bei den Eltern der Flüchtlingskinder gestalte sich das besonders schwer. Gerade hier würden die Eltern nicht mitmachen. Auch das hinge zuvorderst mit der Einstellung zur Schulpflicht zusammen. Ohnehin kann man die Eltern nicht direkt erreichen, wenn es zu Problemen kommt. Zuständig ist in diesem Fall eine Zweigstelle eines Wohlfahrtsverbandes. Seine Mitarbeiter werden angerufen, wenn schon wieder ein Kind unentschuldigt mehrere Tage gefehlt hat oder wenn es andere Probleme gibt. Und natürlich würden die Mitarbeiter versuchen, Druck aufzubauen, den Menschen ins Gewissen zu reden. Der Effekt, wenn überhaupt vorhanden, ist jedoch nur von kurzer Dauer. „Es wird kurz genickt und das Kind geht wieder drei Tage zur Schule. Danach geht das Spielchen wieder von vorne los.“ Man muss ständig hinterher sein. Und das wohlgemerkt im regulären Schulalltag und mit anderen Kindern, die auch ein Recht auf Unterricht haben.

„Wenn man sie anschaut, sieht man manchmal schon, wo die Reise hingeht“

Dann hake ich bei Sonja über eine Sache nach, die sie mir in unserem ersten Gespräch ohne Aufzeichnung verraten hatte. Vorsichtig frage ich sie, ob sie das noch einmal wiederholen würde, weil ich der Meinung bin, dass man es vielleicht doch erwähnen sollte, weil ich Ähnliches auch bei Tania Kambouri in ihrem Buch gelesen hatte. Sie atmet tief durch. Ist sich unsicher, ob man das so schreiben kann. Sonjas Angst, man könne sie für rechts halten, wenn sie so etwas sagt, ist groß.

„Es ist definitiv so. Das würden dir selbst die super linken Kollegen sagen.“ sagt sie schließlich. „Du guckst manche Kinder an und die haben schon Gesichtszüge drauf….das ist eingemeißelt und du denkst dir: Lass den mal 3-4 Jahre älter sein. Dann ist der hier Stammgast bei der örtlichen Polizeistelle.“

Schon jetzt würden manche von ihnen durch kleine Diebstähle auffallen. Einmal ist sogar Geld verschwunden. Wird nach dem Schuldigen gesucht, werden instinktiv die Arme in die Höhe gerissen und ein „Ich war das nicht!“ gerufen. Es ist, als hätten sie das einstudiert. Bei einem Kind ging es sogar soweit, dass eine Kollegin es aus dem Fenster beobachtete, wie es unten auf der Straße an Türgriffen von Autos zog. Der Vater in einiger Entfernung hinter ihm. Die beiden tauschten Zeichen aus. Die Frau gab den Fall daraufhin an die Polizei weiter.

Dennoch sei ein Aufbegehren von Seiten der Lehrerschaft trotz all dieser Probleme nicht zu erwarten, sagt Sonja. „Dass es diese Probleme gibt, darüber herrscht breiter Konsens. Es ist für alle wahnsinnig anstrengend und keiner möchte die Willkommensklassen leiten.“ Dennoch sei ein Großteil der Kollegen eher links eingestellt oder komplett unpolitisch. Man sieht sich als Befehlsempfänger und mehr nicht. „Über politische Themen sprechen wir untereinander nicht.“

Was, wenn sich nichts ändert?

„Aber was, wenn sich nichts ändert?“ frage ich Sonja daraufhin. „Was müsste sich deiner Meinung nach ändern, damit das alles besser klappt?“

„Ja wo soll man da anfangen?“ ist Sonjas erste Reaktion. „Im Prinzip müsste da schon an ganz anderer Stelle in der Politik angesetzt werden. Wir können ja nichts daran ändern, dass die Kinder zu uns kommen und da würde sich meiner Meinung nach auch nichts am Gesamtproblem ändern, wenn sie uns noch fünf oder sechs weitere Lehrer schicken. Klar, du könntest sie sicher besser im Zaum halten, es könnte ein bisschen mehr gelernt werden , aber die Probleme liegen ja in der Integration und es ist ja nicht nur Schule, die integrieren muss, das muss ja schon viel früher einsetzen. Im Grunde müsste jede Flüchtlingsfamilie richtig angeleitet, mit einem Familienbetreuer betreut werden etc., was natürlich alles nicht realisierbar ist. Bräuchte es einen stärkeren Integrationsdruck, frage ich sie daraufhin. „Definitiv. Gerade als Lehrer hast du ja kaum Handhabe. Du kannst ja im Grunde nicht mehr machen, als dem Kind gut zuzureden und auf Basis der Vernunft zu argumentieren. Dass das Kind einfach von sich aus die Einsicht der Notwendigkeit bekommt . Das ist ja aber schon bei deutschen Kindern schwer genug und bei einem Großteil der Flüchtlingskinder einfach überhaupt nicht realisierbar und da muss selbstverständlich Druck von außen kommen, dass die Menschen verpflichtet werden für Deutschkurse etc. Wie oft sitze ich denn auch mit türkischen Müttern hier, die seit x-jahren in Deutschland leben und wo die Nachbarin als Dolmetscherin mitkommt. Wir machen ja genau da weiter mit diesen Parallelgesellschaften, wenn wir nicht endlich etwas einfordern. Das wird nur immer schlimmer werden.“

(Anmerkung: Das Gespräch wurde aufgezeichnet)

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