Trump, damit’s nicht Hillary wird

In den USA dreht sich die öffentliche Auseinandersetzung wie in vielen Ländern Europas um Bewegungen "gegen die da oben". "Die da oben" zeigen sich bisher unfähig, dem weitverbreiteten Gefühlsthema anti-establishment das einzig wirksame entgegenzusetzen: eine neue, überzeugende Politik, die den Jahrzehnte alten Reformstau auflöst.

© Justin Sullivan/Getty Images

Bei allen Bedenken Trump wählen, damit es bloß nicht Hillary wird. Sagte bei Anne Will der Republikaner Roger Johnson, der 21 Jahre in der US Army diente und seither in Europa im Bereich Logistik sein Geld verdient.

Doch die deutschen Teilnehmer der Talkrunde nahmen den Faden nicht auf. Dabei ist er der Schlüssel zur Präsidentschaftwahl in den Vereinigten Staaten und zu vielen bevorstehenden Wahlen in Europa. Es wird weniger denn je jemand gewählt, sondern gegen jemanden gestimmt.

praesidentendebatte

Dass Emotionen in der öffentlichen Auseinandersetzung (nur dort?) über Fakten siegen, ist uralt. Oskar Lafontaine erinnerte daran, dass seine Vorhersage, der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik würde eine teure Veranstaltung, gegen Helmuts Kohls populistisch-emotionale Botschaft von den „blühenden Landschaften“ wirkungslos sein musste. Auch den Euro hat Kohl populistisch äußerst wirksam zur Wunderwaffe der europäischen Einheit verklärt.

Insofern hat Angela Merkel durchaus Helmut Kohls Erbe angetreten mit ihrem „Wir schaffen das“ – einer Formel, in die schnell immer noch mehr reingedeutet wurde als ursprünglich gemeint: Merkel hat die Aufladung zugelassen – wohlwollend und geschmeichelt, dürfen wir annehmen.

Nun aber ist der Fall eingetreten, dass Merkel (ohne zu ahnen, was sie anrichtet) mit der Angst vor einer Masseneinwanderung, die der Staat nicht im Griff hat, der AfD das noch emotionalere Thema geliefert hat. Nicht nur das allein, das emotional aufgeladene Thema Einwanderung addiert sich

  • mit den eingetretenen Einkommens-Verlusten in der unteren Mittelschicht
  • den befürchteten Wohlstandsverlusten in der mittleren Mittelschicht
  • den maroden Straßen und heruntergekommenen Schulen
  • den Verschlechterungen im öffentlichen Raum von Problemzonen
  • den sichtbar großen Verwaltungsdefiziten
  • und vielen anderen Vernachlässigungen der öffentlichen Infrastruktur

zu einem ganzen Komplex von Staats- und Politikversagen – zum Versagen von „denen da oben“. Einen vergleichbaren, in seinen Dimensionen qualitativ und quantitativ noch viel kritischeren Befund zeichnen die Kritiker für die USA. Der Unterschied zwischen dort drüben und hier ist, dass für Washington ein allmächtiger Präsident gewählt wird (einer der über Krieg und Frieden seit dem zweiten Weltkrieg allein entscheidet), während für Berlin nur Parteien gewählt werden, die dann über Kanzler befinden.

Wenn in den USA die Möglichkeit eines Präsidenten Trump nicht auszuschließen ist, sollte hierzulande langsam jedem dämmern, dass es dort wie hier (überall in Europa) für wachsende Mehrheiten um „die“ und „wir“ geht, um „gegen die da oben“. It’s anti-establishment, stupids.

BerndZeller_Buch

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