Tichys Ausblick: „Wie geschwächt ist unsere Demokratie?“

Bei „Tichys Ausblick“ diskutieren Roland Tichy und Co-Moderator Frank Henkel mit den Schriftstellern Uwe Tellkamp und Klaus-Rüdiger Mai.

In der aktuellen Sendung geht es bei Tichys Ausblick um Literatur in Zeiten der Polarisierung und Cancel Culture. Hierzu sind die beiden Schriftsteller Uwe Tellkamp und Klaus-Rüdiger Mai geladen. Beide Autoren sind in der DDR aufgewachsen.

Zu Beginn geht es um die Entwicklung gesellschaftlicher Diskurse in den letzten Jahren. Tellkamp sieht hier eine klare Entwicklung: „2015 war für mich wirklich ein Umbruch in der medialen Berichterstattung.“ Er sieht eine Diskrepanz zwischen der Realität und dem, was medial abgebildet wird: „Wir brauchen nur nach Berlin in die Schulen gucken, um zu sehen, dass sich was verändert hat. Wie wir das nennen, ist mir egal, das Faktum interessiert mich.“

Tellkamp kritisiert weiter: „Wird der grundsätzliche Solidaritätsgedanke eines Verbunds von Menschen erhalten bleiben können? Die Nation ist ja das Gebilde, das die Solidarität ermöglicht. Das zersplittert immer mehr, und irgendwann fliegt uns der ganze Laden um die Ohren.“ Und weiter konstatiert er: „Alle, die zu uns kommen, haben bereits einen sicheren Drittstaat passiert, und sind dementsprechend keine Flüchtlinge mehr, sondern Migranten (…) Diese Menschen verhalten sich ganz rational. Die Frage ist, ob wir uns rational verhalten.“

Zu der Veränderung von Berichterstattung und Diskurs in den letzten Jahren ergänzt Mai: „Wir haben eine ideologiegeschichtliche Entwicklung im Westen seit den 60ern, wo sich immer mehr der Linksliberalismus durchsetzt. Linksliberalismus habe ich immer definiert als Liberalismus ohne Freiheit. Das merken wir am Diskurs, das merken wir an den Debatten – wenn sie denn noch Debatten sind; Debatte heißt ja, dass man verschiedene Standpunkte offen vertreten kann.“

Mai weiter: „Wir müssen staatsrechtlich den Bürger hochhalten. Wenn wir die Bürger zu bloßen ‚Menschen‘ degradieren, also zu einer Verfügungsmasse der Staatsführung ähnlich wie in der DDR, dann verlieren wir unsere Rechtsordnung.“ Tellkamp sieht eine ganz klare Einschränkung des Diskursrahmens und des gesellschaftlich zulässigen Meinungskorridors: „Die Grenzen des Sagbaren dominieren den Diskurs, man muss vorsichtig sein in dem, wie man sich öffentlich äußert.“

Zu der Art und Weise moderner Haltungsmoral bei der Beurteilung von Literatur sagt Mai: „Ein Großteil der Kritiken sind derart, dass sie nicht den Text rezensieren, sondern den Autor zensieren. Ich habe damals Germanistik in der DDR studiert. Wir haben dafür gekämpft und geschrieben, dass die Literatur nicht ideologisch beurteilt wird, sondern man die Literatur als Literatur und den Text als Text liest. Und jetzt sehe ich den Rückfall, dass der Text eigentlich gar keine Rolle spielt – wichtig ist: welche Haltung hat der Autor, dann wird er hochgeschrieben – oder runtergeschrieben.“

Tellkamp sieht zwar keine staatliche Zensur, allerdings eine Art freiwillige, aus der Gesellschaft selbst kommende Kultur der geistigen Unfreiheit: „Es gibt keine Zensur aus dem Kanzleramt, aber es kommen eben Interventionen von Außen – von Veranstaltern, die gewisse Leute ausladen.“ Moderator Tichy wirft hier den Begriff der „freiwilligen Gleichschaltung“ ein.

Tellkamp weiter: „Alle Identitätsfragen sind zutiefst vergiftet, darüber kann man nicht mehr frei schreiben.“ Zu der Begriffsverwirrung und Deutungshoheit konstatiert er: „Es ist unsere Aufgabe als Autoren, Begriffe sauber zu halten. Denn es beginnt mit der Verwirrung der Begriffe.“

Mai kritisiert eine abnehmende intellektuelle Substanz in den Debatten: „Sie finden in den Diskursen oft keine Inhärenzen mehr. Man hat das Gefühl, man hat eigentlich nur Sammlungen von Schlagwörtern und Signalwörtern. Die rationale Ebene der Auseinandersetzung wird immer dünner.“

Wo ist die Stimme der Vernunft in Zeiten des zunehmenden Chaos? Wo ist die Rolle der Literatur in der Zeit von Cancel Culture. Darüber diskutieren Roland Tichy und Co-Moderator Frank Henkel heute Abend ab 20:15 Uhr bei Tichys Ausblick. Sie finden die Sendung auf der Webseite, bei YouTube, bei TV.Berlin und bei GETTR.

…und ein Hinweis in eigener Sache: Themenideen? Diskussionsteilnehmer gewünscht? Schreiben Sie uns unter kontakt@tichyseinblick.de


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Kommentare ( 14 )

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14 Comments
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Johanna
2 Jahre her

Wunderbare Sendung, danke dafür. Ich möchte der dort angesprochenen Veränderung unseres Landes ein persönliches Aha-Erlebnis hinzufügen, das einen tiefen Einschnitt in meinem Er-Leben markiert: Meine Kindheit habe ich bis kurz vor dem Mauerbau in der DDR verbracht – mit wachen Sinnen. 2001 habe ich ein Klassentreffen meiner DDR-Grundschulklasse organisiert und im Vorfeld mit vielen ehemaligen Mitschülern telefoniert. Dabei sagte mir einer der alten Klassenkameraden, er wisse nicht, ob er zu dem Treffen käme. Als er vor Jahren einen Ausreiseantrag gestellt habe, sei er von einer (ehemaligen) Mitschülerin derart schikaniert worden, dass er sich einer neuerlichen Begegnung nicht gewachsen fühle. Er… Mehr

Mausi
2 Jahre her

Die Regierung kommt ihrer Aufgabe nicht nach. In erster Linie muss sie dem deutschen Volk dienen. Meinetwegen auch der Bevölkerung Deutschlands. Weder die Unterwerfung unter die WHO mit ihrer Pandemie-Panik, noch die Abhängigkeit von einem Energielieferanten, noch die Energiewende oder die Sanktionen gegen Russand dienen der deutschen Bevölkerung. Was ist daran noch demokratisch? Unterwerfung unter gelenkte Migration, Unterwerfung unter WHO Impfpläne, Steuern als Lenkung. Bildung durch ideologisiert, NGOs, die Regierung machen. Die Liste ist inzwischen endlos. Und unsere Verfassung, die dem Schutz des Bürgers vor dem Staat dient, wird auch durch Umgestaltung immer mehr ausgehöhlt. Der Schutz des Bürgers vor… Mehr

Hoffnungslos
2 Jahre her
Antworten an  Mausi

Wenn die Parteien entscheiden, welche Richter im Bundesverfassungsgericht sitzen, wer soll dann das Volk schützen?

bkkopp
2 Jahre her

Bei aller Wertschätzung und Sympathie möchte ich Herrn Mai vorschlagen, die Bezeichnung ,“ links-liberal “ fallen zu lassen. Die Erklärung “ ohne Freiheit “ ist schlüssig, aber umständlich. “ Links-progessiv “ wäre vielleicht ein besseres Wort für den Begriff, und passt auch zu den Linken in der SPD, die schon Willy Brandt in den 70ern von der Leine lies. Aus dieser Linie kommt das moralisierend Doktrinäre, das die Linken und die Grünen verbindet. Aus moralischen Gründen kann es nur eine Wahrheit geben, und was der Markt nicht macht, kann man durch staatswirtschaftliche, kommandowirtschaftliche Maßnahmen ergänzen und/oder ersetzen. Die Bezeichnung “… Mehr

Siggi
2 Jahre her

Bei den Machenschaften, kann man wohl kaum noch von Demokratie sprechen. Bestimmte Medien, wie der Spiegel, SZ oder Zeit, sind doch nur noch zur Volksverblödung da. Gezielt wird dort durch Selektion der Kommentare die eigene teils krude, teils manipulative Meinung bestätigt, Kritik ist nicht erwünscht und wird verbannt.

Hoffnungslos
2 Jahre her
Antworten an  Siggi

Spiegel, SZ oder Zeit sind Medien der Regierung geworden. Unabhängige Presse sieht anders aus.

Iso
2 Jahre her

In dem Einheitsbrei, den ich seit Jahrzehnten vorgesetzt bekomme und der immer zu meinen Lasten geht, kann ich keine demokratische Wahlmöglichkeit erkennen. Das Auftreten der Regierungsmitglieder ist inzwischen unerträglich. Sie regieren wie Monarchen und installieren eine Kommandowirtschaft, bei der auch die Wirtschaft keinen Widerstand leistet. Mit der D-Mark war das Leben wirklich angenehmer und deutlich besser.

Fsc
2 Jahre her

Demokratie?
Welche Demokratie? ?

Laut Bundespräsident a. D. Roman Herzog wurden schon 2008 ACHZIG PROZENT der Gesetze, die unser tägliches Leben bestimmen, in der EU gemacht.

– Der EU, die keinerlei demokratische Legitimation hat. Jeder deutsche Karnickelzüchterverein ist demokratischer legitimiert als dieses Völkergefängnis!

Manfred_Hbg
2 Jahre her

Zitat: „Tellkamp sieht zwar keine staatliche Zensur, allerdings eine Art freiwillige, aus der Gesellschaft selbst kommende Kultur der geistigen Unfreiheit: „Es gibt keine Zensur aus dem Kanzleramt“ > Mhh, auch wenn ich kein Rechts- und Politexperte bin, sehe ICH das aber mal etwas anders. Denn auch wenn es anscheinend keine direkte „staatliche Zensur“ gibt, so bin ich aber der Meinung das es zumindest doch eine „INdirekte staatliche Zensur“ gibt. Wobei ich hier bspw. an das sogenannte NetzDG denke. Oder wenn zum Beispiel wie hier zu den TE-Anfängen jener Herr Müller-Vogg etwa 2016 herum darüber berichtet hat das in Berlin bei… Mehr

Sonny
2 Jahre her
Antworten an  Manfred_Hbg

Sie haben natürlich recht, aber: Die Herren Tellkamp und Mai haben ja eindrucksvoll geschildert, was passiert, wenn man zu einem Diskurs von früheren Zeiten zurück möchte. Sie haben zwar nicht ausdrücklich eine staatliche Zensur ausgesprochen, aber alles was sie sagten, deutet ja darauf hin. Hätte Herr Tellkamp die Wahrheit schonungslos gesagt, würde er wahrscheinlich heute wieder kurz vor dem Abtransport in eine Haftanstalt stehen. Ich glaube, man muss auch zwischen den Zeilen lesen (hören) können. Und abwägen, w a s man noch in der Öffentlichkeit preisgeben kann, ohne sofort und allumfassend vernichtet zu werden. Es gibt keine Meinungsfreiheit in Deutschland… Mehr

Martina Tschumi
2 Jahre her

Vielen Dank! Immer wieder tolle Denkanstösse.

Manfred_Hbg
2 Jahre her

Zitat: „Tellkamp sieht zwar keine staatliche Zensur, allerdings eine Art freiwillige, aus der Gesellschaft selbst kommende Kultur der geistigen Unfreiheit: „Es gibt keine Zensur aus dem Kanzleramt“ > Mhh, auch wenn ich kein Rechts- und Politexperte bin, sehe ICH das aber mal etwas anders. Denn auch wenn es anscheinend keine direkte „staatliche Zensur“ gibt, so bin ich aber der Meinung das es zumindest doch eine „INdirekte staatliche Zensur“ gibt. Wobei ich hier bspw. an das sogenannte NetzDG denke. Oder wenn zum Beispiel wie hier zu den TE-Anfängen jener Herr Müller-Vogg etwa 2016 herum darüber berichtet hat das in Berlin bei… Mehr

Peter Gramm
2 Jahre her

Unsere Demokratie ist wie eine Wucherung. Wir kontrollieren uns zu Tode. Die Bürokratie wuchert und mannigfache Kontrollen kontrollieren sich noch mal und wieder und wieder und werden immer ineffizienter und teurer. Wirecard oder Cum Cum oder Cum Ex lassen grüßen. Alles leider ohne Konsequenzen für die Verantwortlichen. Auch die IHK’n und andere zwangsfinanzierte Institutionen müßten auf ihre Sinnhaftigkeit überprüft werden. Lediglich Papierbeschmutzungsorgien die da ablaufen. Was die Gesellschaft braucht sind Leistungsträger die bereit sind Risiko zu übernehmen und wenn es schief geht dafür auch die Verantwortung übernehmen. Was wir leider haben sind Schönwetterkapitäne ohne Verantwortung. Egal ob im öffentlichen Dienst,… Mehr