„Nichts schmerzt mich mehr“: Nvidia-Chef bestürzt über deutschen Technologie-Absturz

Der Chef des KI-Giganten Nvidia ist entsetzt über Deutschlands technologischen Rückstand. Jensen Huang sieht das einstige Land der Ingenieure im Abstieg. Nun will Merz einen „Mega-KI-Deal“ mit Nvidia feiern, der aber bei genauerem Hinsehen wenig Anlass zum Jubeln bietet.

picture alliance / ZUMAPRESS.com | Jintak Han

Nvidia-Chef Jensen Huang hat sich am Mittwoch in London sehr betroffen über den technologischen Niedergang Deutschlands geäußert. „Nichts schmerzt mich ehrlich gesagt mehr“, erklärte der Chef des amerikanischen Chip-Giganten, als er auf die Entwicklung der Bundesrepublik angesprochen wurde. Es sei schmerzhaft, mitansehen zu müssen, wie eines der einst technologisch fortschrittlichsten Länder der Welt inzwischen so weit zurückgefallen sei. Seine Erklärung fällt für die politischen Verantwortlichen Europas vernichtend aus: „Vielleicht ist es die europäische Art, alles zu sehr zu zerdenken.“ Anschließend richtete Huang einen denkbar einfachen Appell an Deutschland: „Macht euch einfach an die Arbeit.“

Huang, geboren in Taiwan und aufgewachsen in den Vereinigten Staaten, gründete Nvidia 1993 gemeinsam mit zwei Partnern. Heute gehört Nvidia mit einem Börsenwert von rund 5,17 Billionen Dollar zu den wertvollsten Konzernen der Welt. Zum Vergleich: Sämtliche 40 Unternehmen des deutschen DAX bringen es zusammen auf lediglich rund 2,4 Billionen Dollar. Ein einziger amerikanischer Technologiekonzern ist damit an der Börse mehr als doppelt so viel wert wie die gesamte deutsche DAX-Elite. Deutlicher lässt sich die Verschiebung der wirtschaftlichen und technologischen Gewichte kaum illustrieren.

Nvidias Hochleistungsprozessoren bilden eine wesentliche technische Grundlage der gegenwärtigen Revolution durch künstliche Intelligenz. Der Nvidia-Chef erlebt unmittelbar, mit welchem Tempo sich Technologien entwickeln, Investoren gewaltige Summen mobilisieren und aus neuen Ideen innerhalb weniger Jahre Unternehmen von globaler Bedeutung entstehen. Aus dieser Perspektive heraus muss es umso schockierender sein, wenn man dann auf Deutschland blickt, das einstige Land der Ingenieure und Erfinder.

Freundlich an Huangs Diagnose ist seine Vermutung über die Ursachen. Das europäische Zerdenken habe sich längst zu einer politischen Disziplin entwickelt, in der Deutschland besondere Fertigkeiten entwickelt hat. Andere würden es weniger wohlwollend gleich als suizidale Bestrebungen bezeichnen. Bevor eine neue Technologie überhaupt wirtschaftlich genutzt werden kann, beschäftigen sich ganze Heerscharen von Politikern, Beamten und beauftragten Experten mit ihren möglichen Gefahren. Es werden ethische Grundsatzfragen aufgeworfen, gesellschaftliche Folgenabschätzungen angefertigt und gesetzliche Regelwerke entwickelt, deren Einhaltung anschließend wieder eigene Verwaltungsstrukturen erforderlich macht. Die Ergebnisse dieser unproduktiven irrationalen Geschäftigkeit lassen sich in zahllosen Strategiepapieren nachlesen. Derweil entstehen die Unternehmen, die mit den betreffenden Technologien weltweit Milliarden verdienen, bevorzugt anderswo.

Deutschland forscht – Amerika verdient

Wie weit sich die Gewichte inzwischen verschoben haben, zeigen die Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Im vergangenen Jahr flossen weltweit rund 259 Milliarden Dollar Wagniskapital in Unternehmen, die künstliche Intelligenz entwickeln. Davon entfielen allein 194 Milliarden Dollar auf die Vereinigten Staaten. Die gesamte Europäische Union brachte es auf gerade einmal 15,8 Milliarden Dollar. Damit gingen 75 Prozent der weltweiten Investitionen in amerikanische KI-Unternehmen, auf die 27 EU-Mitgliedstaaten entfielen zusammen erbärmliche sechs Prozent. Die Amerikaner mobilisieren in diesem entscheidenden Zukunftsmarkt also mehr als das Zwölffache des Kapitals, das innerhalb der gesamten Europäischen Union zur Verfügung steht.

Die Dimension dieses Rückstands erklärt einen wesentlichen Teil der amerikanischen Überlegenheit. Dort können junge Technologieunternehmen auf gewaltige private Kapitalmengen zugreifen, um neue Produkte zu entwickeln, leistungsfähige Computersysteme aufzubauen und auch jahrelange Verluste zu finanzieren. In Deutschland müssen erfolgreiche Gründer häufig feststellen, dass die Finanzierungsmöglichkeiten spätestens dann wegbrechen, wenn ihr Unternehmen international expandieren soll.

Besonders ernüchternd ist die Feststellung, dass Deutschland weiterhin große Schwierigkeiten hat, wissenschaftliche Forschung in erfolgreiche Produkte umzusetzen. Allein Verhandlungen über die Rechte an geistigem Eigentum zwischen Hochschulen und Unternehmensgründern dauern durchschnittlich 18 Monate. Anderthalb Jahre, um die Voraussetzungen für eine Unternehmensgründung auszuhandeln, in einer Branche, in der sich die technischen Möglichkeiten innerhalb weniger Monate grundlegend verändern können.

Huangs Aufforderung, endlich an die Arbeit zu gehen, bekommt vor diesem Hintergrund eine besondere Bedeutung. An Ideen und qualifizierten Wissenschaftlern fehlt es Deutschland keineswegs. Die Möglichkeiten, daraus wirtschaftlich erfolgreiche Unternehmen zu machen, werden durch schwerfällige Strukturen und einen vergleichsweise schwach entwickelten Wagniskapitalmarkt abgewürgt. Hinzu kommt ein politischer Apparat, der seit Jahren immer neue Programme zur Förderung von Innovationen auflegt und gleichzeitig den Unternehmen mit immer umfangreicheren, geradezu strangulierenden Vorschriften das Leben erschwert. Die Politik versucht zunehmend, jene wirtschaftliche Dynamik durch staatliche Förderprogramme zu ersetzen, für deren Entstehung sie selbst keine ausreichenden Voraussetzungen mehr schafft und alles abwürgt, was noch atmet.

Der große KI-Pakt besteht vor allem aus gemieteter Rechenleistung

Besonders lustig wird in diesem Zusammenhang von Huangs besorgter Warnung und Aufforderung, an die Arbeit zu gehen und diesem typisch neudeutschen Verhältnis zum technologischen Fortschritt ausgerechnet an jenem Ereignis, das Bundeskanzler Friedrich Merz für kommenden Montag vorbereitet. Gemeinsam mit Jensen Huang will er auf dem Berliner Investitionsgipfel „Invest in Germany“ eine große Partnerschaft zwischen der Bundesregierung und Nvidia präsentieren und sich dafür feiern lassen. Schon jetzt wird der bevorstehende Pakt als ganz bedeutender Schritt zur technologischen Aufholjagd Deutschlands angekündigt. Die Bundesregierung ist nach Recherchen des Handelsblatts bereit, dafür einen dreistelligen Millionenbetrag bereitzustellen. Zu den beteiligten Unternehmen sollen unter anderem Siemens, Audi und Black Forest Labs gehören. Es ist wieder mal ein Riesenpopanz.

Wer sich die Mühe macht, genauer hinzusehen, entdeckt hinter der großen politimedialen Jubelmeldung wieder mal ein ausgesprochen nüchternes Geschäft mit wenig Anlass zu Jubel. Ein erheblicher Teil der staatlichen Mittel soll dazu dienen, Rechenkapazitäten auf der bereits bestehenden „Industrial AI Cloud“ der Deutschen Telekom anzumieten und damit neue KI-Modelle zu trainieren. Nvidia liefert die zugrunde liegenden Technologien und will eigene Ingenieure in die Zusammenarbeit einbringen. Die benötigten Hochleistungsprozessoren befinden sich bereits in einer Anlage in München, deren Aufbau Telekom und Nvidia im November 2025 angekündigt hatten. Rund eine Milliarde Euro wurde in dieses Vorhaben investiert. Der nun bevorstehende Pakt soll auf dieser Infrastruktur und dem bereits bestehenden Forschungsverbund SOOFI aufbauen. Neue milliardenschwere Rechenzentren aus deutschen Eigenentwicklungen gehören nach den bisher veröffentlichten Informationen nicht zu den angekündigten Leistungen.

Jubel über Wettbewerb, den man bereits lange verloren hat

Der KI-Unternehmer Leonard Martin Schmedding, Mitgründer von Everlast AI, hat den politischen Überschwang um den bevorstehenden „Mega-KI-Deal“ auf X entsprechend spöttisch kommentiert. Sein Urteil: „Der Staat kauft also Rechenzeit bei einem Anbieter, dessen Hardware aus Santa Clara kommt, und nennt das eine Partnerschaft.“ Schmedding verweist auf die Größenordnung amerikanischer Investitionen, bei denen bereits einzelne Rechenzentren mehrere Milliarden Dollar kosten können. Dagegen nimmt sich der angekündigte dreistellige Millionenbetrag geradezu erbärmlich aus.

Um die Größenverhältnisse zu verdeutlichen: Allein der amerikanische Facebook-Mutterkonzern Meta investiert mehr als 50 Milliarden Dollar in einen einzigen gewaltigen Rechenzentrumskomplex im US-Bundesstaat Louisiana. Das Unternehmen baut dort eine Anlage mit einer geplanten Leistung von fünf Gigawatt, die zu den größten der Welt gehören soll. Und das ist nur eines der zahlreichen amerikanischen Großprojekte. Selbst wenn Merz nun 300 Millionen Euro für seinen gefeierten „Mega-KI-Deal“ aus Steuermitteln lockerlegt, entspricht das gerade einmal einem absoluten Bruchteil dessen, was ein einziges amerikanisches Unternehmen an einem einzigen Standort investiert. Mit solchen Größenordnungen will die Bundesregierung ernsthaft Deutschlands technologischen Rückstand aufholen? Was in Berlin als gewaltiger Zukunftssprung verkauft wird, fällt im internationalen Maßstab nicht mal in irgendein Gewicht. Deutschland bezahlt dafür, amerikanische Rechenleistung nutzen zu dürfen, und die Bundesregierung will sich dafür mit einem vorgeblich großen industriepolitischen Durchbruch feiern lassen.

Während also amerikanische Technologiekonzerne Milliarden in eigene Rechenzentren investieren, feiert die Bundesregierung für vergleichsweise lächerliche Summen den Einkauf amerikanischer Rechenleistung als großen Zukunftssprung. Dabei fehlt Deutschland längst eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Wettbewerb um künstliche Intelligenz: günstiger, jederzeit verfügbarer Strom in gewaltigen Mengen. Ausgerechnet daran mangelt es im einstigen Industrieland, das seine Kernkraftwerke abgeschaltet und zerstört hat und dessen Regierung selbst eine mögliche Wiederinbetriebnahme nicht verfolgen will, während die ganze Welt voll auf Atomkraft setzt. Die politische Selbstbeweihräucherung über den angeblichen „Mega-Deal“ offenbart vor allem, wie erbärmlich die Maßstäbe geworden sind, an denen die Bundesregierung ihre eigenen Leistungen misst.

Schmedding weist auf einen weiteren entscheidenden Punkt hin: Die industrielle künstliche Intelligenz, insbesondere Robotik und autonome Systeme, gehört tatsächlich zu jenen Bereichen, in denen deutsche Unternehmen noch erhebliche Fähigkeiten einbringen können. Maschinenbau, industrielle Produktionsverfahren und die Daten aus jahrzehntelanger Fertigungserfahrung sind wertvolle Grundlagen für solche Anwendungen. Doch auch hier gilt, dass es längst nicht mehr ausreicht, über die Erfahrungen der Vergangenheit zu schwadronieren. Andere entwickeln inzwischen die technischen Systeme, auf denen die industrielle Produktion der Zukunft beruhen soll. Deutschland muss sich überhaupt erst wieder einen Zugang zu diesen Entwicklungen sichern.

Erst die KI besteuern, dann die KI subventionieren

Eine geradezu groteske Ergänzung lieferte wenige Tage zuvor Bundesdigitalminister Karsten Wildberger. Am 13. Oktober erklärte der CDU-Politiker im Gespräch mit dem Tagesspiegel, die hohen Umsätze mit künstlicher Intelligenz müssten besteuert werden, um aus den Einnahmen den Umbau des Arbeitsmarktes zu finanzieren. Noch am selben Tag ruderte der gleiche Sackgassen-Minister nach Kritik zurück und versicherte gegenüber RTL und ntv, zunächst müsse die Technologie für Wachstum sorgen. Über neue Steuern wolle er derzeit nicht sprechen. Eine spätere Besteuerung schloss er allerdings nicht aus. Natürlich nicht, denn anderes kann man in diesen Sphären ohnehin nicht mehr.

Wildberger räumte gegenüber dem Handelsblatt zudem eine der unangenehmsten Wahrheiten über die deutsche Technologiepolitik ein: „Wir brauchen Rechenchips, die haben wir in Europa nicht.“ No shit, Sherlock. Eine bemerkenswerte Feststellung für den Minister eines Landes, das seit Jahren von technologischer Souveränität spricht und rein gar nichts zustande bringt.

Bei Nvidia dürfte man die bevorstehende Zusammenarbeit jedenfalls mit geschäftlichem Interesse verfolgen. Der amerikanische Konzern erschließt sich mit der deutschen Industrie zusätzliche Absatzmöglichkeiten für seine Prozessoren und Softwareplattformen. Die Bundesregierung wiederum kann einen prominenten internationalen Partner präsentieren, der ihren technologischen Ambitionen Glaubwürdigkeit verleihen soll und blickt auf eine Begleitpresselandschaft, die kaum noch hinterfragt, was ihr da als MEGA untergejubelt wird.

Deutschlands Niedergang als politische Erfolgsgeschichte

Das eigentliche deutsche Problem liegt längst darin, dass die Verantwortlichen kaum noch Anlass sehen, ihren Kurs grundsätzlich zu hinterfragen. Für jeden Rückstand gibt es eine neue Strategie, für jede gescheiterte Ankündigung das nächste Förderprogramm, das abermals aus Steuermitteln finanziert wird. Der politische Erfolg will sich am Umfang der bereitgestellten Mittel und der öffentlichen Aufmerksamkeit bemessen, die sich damit erzielen lässt.

Auch der bevorstehende Auftritt von Friedrich Merz mit Jensen Huang dürfte sich hervorragend für diese Form politischer Selbstvermarktung eignen. Der Kanzler bekommt seinen großen Technologiegipfel, die Kameras bekommen ihre Bilder und der amerikanische Konzern einen weiteren wirtschaftlich interessanten Kunden. Dass der Chef dieses Konzerns wenige Tage zuvor öffentlich seine Bestürzung über Deutschlands technologischen Rückstand zum Ausdruck gebracht hat, verleiht der Veranstaltung eine unfreiwillige Komik. Huang wird in Berlin vermutlich erleben können, wie ausgerechnet jene politische Führung, deren Land er zum Handeln auffordert, die Anmietung amerikanischer Technologie als großen eigenen Aufbruch feiert.

Seinen Rat an Deutschland hat Huang bereits ausgesprochen: „Macht euch einfach an die Arbeit.“ Vermutlich die denkbar schlechteste Nachricht für einen Politikbetrieb, der die bloße Ankündigung von Arbeit längst zu einer eigenständigen Leistung erhoben hat.

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