Systemversagen

Gewalt in dieser Form und Häufigkeit gab es vor dem Herbst 2015 nicht. Dass die politische und mediale Klasse das als "New Normal" achselzuckend hinnimmt - frei nach Frau Merkels historischem Satz: Jetzt sind sie halt da - ist Systemversagen.

Mehrere Medien meldeten die Gewalttat in Hamburg. Ich nehme den Tagesspiegel, gegen ihn haben jene am wenigsten Einwände, denen es lieber wäre, über solche Ereignisse würde hinweggegangen. Der Tagesspiegel berichtet über den Angriff auf Hamburger Bürger:

„Den Polizeiangaben zufolge betrat der Täter am Nachmittag einen Supermarkt an der gewöhnlich belebten Einkaufsstraße des Stadtteils Barmbek. Er soll unvermittelt mit einem Messer auf Kunden eingestochen haben. Dabei tötete er nach Polizeiangaben einen 50-jährigen Mann und verletzte eine Frau und vier weitere Männer. Anschließend flüchtete der Mann aus dem Geschäft. Zeugen verfolgten ihn und verständigten die Polizei. Der Mann wurde demnach von Passanten überwältigt. Dabei wurden er selbst und einer der Passanten verletzt. Die Beamten nahmen den Tatverdächtigen dann in der Nähe des Supermarkts auf der Straße fest.”

Weiter heißt es im Tagesspiegel:

»Es handele sich „definitiv um einen Einzeltäter“. Nach Angaben von Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) handelt es sich bei dem Täter „offensichtlich um einen Ausländer, der ausreisepflichtig war“. Er habe aber nicht abgeschoben werden können, weil er keine Papiere hatte, teilte Scholz am Freitagabend mit. „Zusätzlich wütend macht mich, dass es sich bei dem Täter offenbar um jemanden handelt, der Schutz bei uns in Deutschland beansprucht und dann seinen Hass gegen uns gerichtet hat.“ Scholz sprach von einem „bösartigen Anschlag“. Den Opfern und Angehörigen drückte er sein Mitgefühl aus.”«

Gedankenlos, herzlos und arrogant

Zu den Ingredienzien der Politiker-Äußerungen gehört sonst auch noch von einem „feigen” Anschlag zu sprechen, diese Floskel kommt aber erst bei mehreren Toten und dem Einsatz von anspruchsvollerem Gerät als einem Messer zur Anwendung. Auch vom „feigen” Mord  sprechen die Sprechmaschinen nicht, wenn es sich „nur” um einen „Einzeltäter” handelt.

Was soll das eigentlich bedeuten, dass es sich „definitiv um einen Einzeltäter“ handelt? Nicht so schlimm wie eine Tätergruppe? Was meint Scholz (pars pro toto) mit einem „bösartigen Anschlag“? Gibt es auch „gutartige”? Was ist an einem Mord „feig”? Wäre ein „mutiger” besser? Auf das verbale „Mitgefühl”, Herr Scholz, würden alle gern verzichten, wenn Sie und Ihre Berufspolitikerkollegen etwas Wirkungsvolles unternähmen, statt dieses „New Normal” als politische und mediale Klasse achselzuckend hinzunehmen – frei nach Frau Merkels historischem Satz: Jetzt sind sie halt da. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Zahl der Bürger groß genug ist, die anstelle der regelmäßigen Gewalt des „New Normal” ihr „Old Normal” mit Macht zurück haben wollen. Zu glauben, die Wiederwahl derer, die für das „New Normal” verantwortlich sind, wäre eine Billigung, täuschte.

Wahlkampf-Wahnsinn
Den Ast absägen, auf dem man sitzt
Falls ihr es nicht wisst, ihr öffentlichen Figuren, für den Toten, die Verletzten, ihre Familien und Freunde spielt es überhaupt keine Rolle, in welche Kategorien ihr die Gewalttäter einordnet – und mit welchen Leerformeln. Wenn vereinzelt „einheimische” Mörder und Gewalttäter dabei sind, ändert das nichts an der entscheidenden Tatsache. Gewalt in dieser Form und Häufigkeit gab es vor dem Herbst 2015 nicht. Diesen Vorwurf müsst ihr euch selbst machen, im stillen Kämmerlein tut es der eine oder die andere auch – da bin ich sicher. Was hier stattfindet ist nicht nur Politikversagen, sondern Systemversagen.

Ein Leser stellte heute Nacht dieses Gedicht von Hoffmann von Fallersleben vom 11. März 1850 in seinen Kommentar:

Nicht Mord, nicht Bann, noch Kerker
nicht Standrecht obendrein
es muß noch stärker kommen
soll es von Wirkung sein.

Ihr müßt zu Bettlern werden
müßt hungern allesamt
Zu Mühen und Beschwerden
verflucht sein und Verdammt

Euch muß das bißchen Leben
so gründlich sein verhaßt
daß Ihr es fort wollt geben
wie eine Qual und Last

Erst dann vielleicht erwacht noch
in Euch ein besserer Geist
Der Geist, der über Nacht noch,
Euch hin zur Freiheit heißt

Auch Wolfgang Herles‘ heutige Kolumne spricht von Dummheit, Arroganz, Ignoranz, Größenwahn des Managements und der Naivität zu glauben, es werde schon gut gehen. Im heutigen Text redet Herles von der Industrie. Ich bin sicher, er stimmt mir zu, für Politik und Medien gilt das Gleiche. Es muss offensichtlich noch sehr viel schlimmer kommen, bevor ein sattes Volk aufwacht und seine ignorante wie selbstsüchtige Obrigkeit zum Teufel jagt.

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Kommentare

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  • Bets

    Ich gucke überhaupt keine deutschen Serien oder Filme und kaum Nachrichten, aber schon mal eine Doku … Hab neulich mal kurz im Internet in die Nachrichten reingeschaut, weiß nicht mehr, ob N24 oder Tagesschau24. Da gab es dann Kommentare zum Schwarzen Block von Carolin Emcke und Jakob Augstein. Die Neugier obsiegte und ich habe ungefähr zwei Minuten reingehört. So lange in etwa sind meine kurzen Dosen. Hin und wieder gucke ich auch mal etwas länger, um zu sehen, was in einer Nachrichtensendung wie etwa der von n24 (auch wenn kein ÖR, so ja doch ähnlich bzw. Springer) oder n-tv (RTL) abgedeckt wird. Im Augenblick wohl eine Menge Diesel.