Was Medien sexy finden: Oberfläche statt Tiefenschärfe

„In Hamburg fiel die FDP nicht gerade durch inhaltliche Akzente auf. Wohl aber durch ihre Spitzenkandidatin,“ so war auf DIE ZEIT online über die Spitzenkandidatin der Liberalen, Katja Suding zu lesen. Ähnlich, oft recht unfreundlich formuliert, stand es auch anderswo oder hörte sich so an. 




Der ZEIT-Redakteur beschreibt damit unabsichtlich das Dilemma aller Parteien und Politiker, die sich nicht in der Regierung befinden, sondern in der Opposition. Erst berichten die Medien allesamt fast gar nicht über politische Inhalte, sondern nur über Personen, am liebsten ihre Konflikte mit anderen oder noch besser über Skandale. Und dann werfen sie den Akteuren vor, keine inhaltlichen Akzente zu setzen. Aber über Inhalte von Nichtregierungs-Politik ohne Krach oder bunte Bilder berichten sie nicht. Also machen die langen Beine Politik, oder helfen wenigstens, eine Wahl zu gewinnen. Inhalt wird schon nachgeliefert. Aber sind es die Politiker, die auf diesen Dreh verfallen?

Dass die Medien selbst Politiker und Parteien dazu „erziehen“, andere Politiker und Parteien besser zu verunglimpfen, statt politische Ideen zu präsentieren und zu diskutieren, kommt den allermeisten Medienschaffenden wohl gar nicht in den Sinn. Dabei lernt schon der politische Nachwuchs, dass ihn die Beschimpfung des politischen Gegners, noch zuverlässiger die des Konkurrenten in der eigenen Partei in die Schlagzeilen bringt. Die innovative Idee zur Bildungspolitik hat dagegen nicht die geringste Chance.

Dass erst der neue Auftritt sowie fotogene Frauen und Männer die Medien dazu brachten, über die FDP überhaupt wieder flächendeckend zu berichten, gehört nicht zur selbstkritischen Erkenntnis der Medienwelt, beileibe nicht nur des Boulevards. Der aktuelle FDP-Auftritt kann einschließlich des attraktiven und sympathischen Bildes der „Drei Engel für Lindner“ nicht als schrill bezeichnet werden. Aber die Reaktion der Medien ist eine einzige Einladung, mit auffallenden Bildern statt politischen Ideen zu arbeiten. Und über solche Bilder vielleicht auch politische Inhalte transportieren zu können – ohne Bilder offenkundig nicht.

An einem tatsächlich schrillen Bild werden kein Blatt und kein Sender vorbeigehen. Obwohl die FDP in diese Kiste nicht gegriffen hat, holen selbst seriöse Blätter die „Spaßpartei“ von Guido Westerwelle aus dem Politikmuseum. Und lasten die damalige Spaßpartei der heutigen Werbeagentur Heimat der FDP an. Doch diese Heimat hatte mit Westerwelles Wahlkampf 2002 gar nichts zu tun. Saubere Recherche sieht anders aus.

Die FDP muss auch weiter mit diesem Verhaltensmuster der Medien rechnen – wie jede andere Partei und alle Politiker. Das macht das Verhältnis von Politik und Medien als Strukturproblem der Massen-Medien-Demokratie deutlich. Zwischen den Wählern und den Gewählten verzerren die Medien die Wirklichkeit.
Das Bild der Menschen vom eigenen täglichen Leben stimmt mit dem der Medien-Nachrichten nicht überein. Die Mehrheit beurteilt die eigene wirtschaftliche und soziale Lage regelmäßig viel besser, als das Medienbild vermittelt. Aber bei vielen anderen Themen können die Menschen persönliche keine Erfahrungen sammeln. Beim Bild von Krisenherden wie im Nahen Osten, in Afrika und in der Ukraine hängen alle von der Berichtsqualität der Medien ab. Doch auch dort verstellen sich die Medien mit ihrem einseitigen Fokus die Chance auf ausgewogene Darstellung selbst.

Wie es in der Ukraine nach Waffenstillstand und entmilitarisierter Zone für die Menschen weiter gehen kann und soll, fehlt in den meisten Medien. Angela Merkel im weltweiten Reise-Marathon finden viele Medien viel spannender. Ob der französische Regierungschef Hollande nur eine begleitende Rolle spielt. Wie Poroshenko auf Putin schaut und umgekehrt. Und so weiter. Oberfläche statt politischer Tiefenschärfe.

In diesem Rahmen geht es auch nach den Landtagswahlen in Hamburg weiter. Denn die Handelnden auf allen Seiten ändern sich nicht über Nacht. Und natürlich können die Medien umso leichter bei ihrem alten Stiefel von Skandalisierung, Personalisierung und Sensationalisierung bleiben, je williger Politiker und Parteien das Spiel selbst mitmachen. Für die Res Publica ist es besser, wenn beide Seiten anfangen, diesen trostlosen Zustand zu überwinden. Das würde sich übrigens in steigenden Auflagenzahlen und Zuschauerquoten ebenso auszahlen wie in höherer Wahlbeteiligung.

 

Unser Autor Fritz Goergen führte 10 Jahre FDP-Wahlkämpfe für Hans-Dietrich Genscher und  war FDP-Bundesgeschäftsführer.




 

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