Von Lauterbach gepriesene „Mega“-Studie zum Maskentragen hat viele Mängel

Blamage für Karl Lauterbach. Eine von ihm zur Stützung seiner Maskenpflicht-Forderungen herangezogene vermeintliche „Mega-Studie“ aus den USA hält nicht, was der Gesundheitsminister behauptet, sagen renommierte Statistiker.

IMAGO / photothek
Karl Lauterbach (SPD), Bundesminister für Gesundheit, aufgenommen vor der Kabinettsklausur der Bundesregierung im Schloss Meseberg, 30.08.2022.

Peinlich für Karl Lauterbach. In ihrer Serie „Unstatistik des Monats“ haben der Berliner Psychologe Gerd Gigerenzer, der Dortmunder Statistiker Walter Krämer, die STAT-UP-Gründerin Katharina Schüller und RWI-Vizepräsident Thomas K. Bauer sich eine vermeintliche „Mega-Studie“ genauer angesehen, auf die sich der Gesundheitsminister beruft. Sie kommen zu einem vernichtenden Befund: Sie hat zahlreiche Mängel.

Am 31. Juli 2022 hatte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach folgenden Twitter-Beitrag veröffentlicht: „Für alle, die noch immer im Unklaren sind, ob Masken gegen COVID schützen: hier eine neue amerikanische Mega-Studie, die über 1.700 Studien auswertet. Der Nutzen der Masken ist sehr groß, unumstritten und gilt für viele Bereiche.“ Der Tweet verweist auf einen Preprint (also eine noch nicht im Peer-Review begutachtete Studie) von sechs amerikanischen Wissenschaftlern mit dem Titel „The Efficacy of Facemasks in the Prevention of COVID-19: A Systematic Review“.

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Die Peinlichkeit beginnt schon damit, dass es sich hier um eine „Meta“- und nicht um eine „Mega“-Studie handelt, also eine Studie, die andere Studien auswertet. „Ein gröberer Fehler ist jedoch die Aussage, dass die Studie über 1.700 Studien ausgewertet hätte“, schreiben die Statistiker. „Denn bereits in der Zusammenfassung zu Beginn des Artikels weisen die Autoren darauf hin, dass in ihre Analyse lediglich 13 Studien eingehen. Aber auch das ist noch keine Unstatistik wert. Die Unstatistik liegt vielmehr in der Meta-Studie selbst.“

Gigerenzer und Co erklären, wie die von Lauterbach genannte Mega-Meta-Studie entstand:

„Ausgangspunkt ist eine konkrete wissenschaftliche Fragestellung, hier: Schützen Gesichtsmasken vor einer Ansteckung mit COVID-19? Dann sucht man mit Hilfe von Stichworten (in der Studie bspw. ‚masks‘, ‚facemask‘, ‚face covering‘ sowie ‚COVID-19‘ und ‚Coronovirus infections‘) in verschiedenen wissenschaftlichen Datenbanken (z.B. Pubmed, The Cochrane Library) nach einschlägigen empirischen Studien. Mit dieser Vorgehensweise fanden die Autoren insgesamt 2.730 Treffer. Nach Bereinigung von Duplikaten blieben die vom Gesundheitsminister zitierten 1.732 Studien übrig. Diese Studien wurden dann von den Autoren nach bestimmten Kriterien gesichtet. Es verblieben 61 Studien, von denen nur 13 Studien in die Meta-Analyse eingingen. Und hier liegt das erste Problem dieser Meta-Studie: die Autoren verlieren kein Wort über die von Ihnen angelegten Kriterien für die Auswahl der Studien, die für die Reduktion von über 1.700 auf 61 Studien verantwortlich waren. Und warum nur 13 von 61 Studien, die die Kriterien erfüllen, in die Analyse eingehen, bleibt ebenfalls ein Rätsel. Die Auswahl der in einer solchen Analyse berücksichtigten wissenschaftlichen Studien ist aber der entscheidende Schritt, über den vollkommene Transparenz herrschen sollte, da dieser Schritt die Ergebnisse bereits festlegt.“

Die Zahlen beruhen auf kaum vergleichbaren Studien

Die Studie erfülle aber auch nicht die meisten anderen der sogenannten AMSTAR-Kriterien für Meta-Analysen. „Die Autoren haben einfach 243 Covid-19 Fälle unter allen 1539 Teilnehmern der 13 Studien gezählt (alle aus dem Jahre 2020), wovon 97 der Infizierten Masken und 146 keine Masken trugen. Dann haben sie die Zahl 97 durch 1238 (die Gesamtzahl der Personen mit Masken) geteilt, was 7,8 Prozent ergibt. Bei Personen ohne Masken war der Anteil an Infizierten dagegen 52 Prozent.“

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Das Problem sei, dass diese Zahlen auf kaum vergleichbaren Studien beruhen. Studien mit einer repräsentativen Stichprobe und kontrolliertem Maskentragen werden genauso gewertet wie eine Studie, in der nur Pflegekräfte in Krankenhäusern berücksichtigt werden und lediglich gefragt wurde, ob Masken getragen wurden.

Wirksamkeit des Maskentragens nicht pauschal messbar

„Man kann die Wirksamkeit von Maskentragen auch nicht pauschal messen“, schreiben Gigerenzer und Kollegen. „Die Autoren der Meta-Studie berichten selbst, dass das Tragen von Masken in Kliniken die Gefahr sich zu infizieren von 33 auf 8 Prozent reduziert, außerhalb von Kliniken jedoch von 83 auf 6 Prozent. Dabei wird nicht gesagt, auf welchen Zeitraum sich die Reduktion bezieht und auf welche Bedingungen die Ausgangsrisiken gemessen wurden.“

Sie erwähnen „bessere Meta-Analysen“. Eine randomisierte Studie mit 342.000 Teilnehmern in Bangladesh hätte etwa gezeigt, dass ein Anstieg des Maskentragens von 13 auf 42 Prozent mit einer Reduktion von Covid-Erkrankungen innerhalb von neun Wochen von 8,6 auf 7,6 Prozent einherging. „Wie bei Impfungen, beträgt die Wirksamkeit nicht 100 Prozent, sondern sie hängt von vielen Faktoren ab.“  Die aktuellsten Meta-Studien im „Living Rapid Review“ zeigten, „dass das korrekte Tragen von Masken die Wahrscheinlichkeit, sich im Alltag mit Corona zu infizieren, etwas reduziert und insbesondere andere schützt“.

Am Schluss ihrer Veröffentlichung wenden sich Gigerenzer und Kollegen direkt an Lauterbach. Es sei „verständlich, dass ein Gesundheitsminister nicht die Zeit hat, die Vielzahl der Studien gründlich zu lesen. Aber er sollte eigentlich Hilfe erhalten. Sich auf einen schlecht gemachten Preprint zu berufen, kann seinem Anliegen mehr schaden als es nutzt.“

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Kommentare ( 18 )

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Mayor Quimby
1 Monat her

Wenn überhaupt, dann sagt Lauterbachs Mega – Studie ja nur, daß SICH maskierte weniger anstecken, nicht aber, daß ANDERE weniger angesteckt werden, was ja die Begründung für den Maskenzwang war. Mir hat jedenfalls bisher noch niemand eine einzige plausible, offiziell abgesegnete und wissenschaftlich akzeptierte Darstellung zeigen könne, daß die Einführung eines Maskenzwanges auch nur eine Delle in den örtlichen Verlauf oder die Heftigkeit der Pandemie verursacht hat. Nirgendwo. Es ist eine Illusion, an die sich die Leute klammern, weil dadurch optisch „etwas geschieht“, und die Kollateralschäden werden gerne in Kauf genommen, weil es ihre Angst beruhigt: „Wenn Alle beim Arzt… Mehr

Soeren Haeberle
1 Monat her

Zur Seriosität von Studien renommierter Institutionen und Meta-Studien über Studien nur soviel:
Zitat:
Die Daten lieferte eine Firma Surgisphere aus Chicago. Die gab an, Daten über die Behandlungs- und Gesundheitsergebnisse von 96.032 Patienten aus 671 Krankenhäusern auf allen Kontinenten auswerten zu können. Reichlich viel Daten, von denen das Unternehmen nicht erklären konnte, wie sie zustande gekommen sind. Auch benannte sie nicht die Krankenhäuser, von denen die Daten stammen sollten.

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Last edited 1 Monat her by Soeren Haeberle
luxlimbus
1 Monat her

Ich vermute ja, dass Covid-19 sich von einer kleinen woken Clique Superreicher ausgedacht wurde. Dieser kleine illustrerer Kreis rechnete eigentlich damit, dass das vorformulierte, und dankbar übernommene, Krisenmanagement durch die nationalen Führungen (praktisch des gesamten Erdballs) harsch genug, angesichts der relativen Harmlosigkeit (auf dem Niveau einer stärkeren Grippewelle) sei, das Vertrauen der Bevölkerung in ihre jeweilige Führung zu untergraben. So fähig sei, Aufstände, Chaos und Unsicherheit zu generieren. Dies sollte Voraussetzung dafür sein, die große Dekonstruktion aller Gesellschaften hin, zu einer späteren neuen Weltordnung via „Transformation“, zu bereiten. Doch man hat nicht mit dem einzigartigen (schlichten) Gemüt des deutschen Menschen… Mehr

Biskaborn
1 Monat her

Die Deutschen wollen ihre Maske und bekommen sie ab 1.10. Punkt! Wobei ich aktuell erstaunt und erfreut bin, wie wenig man Maskenträger sieht, eine unglaubliche Wohltat wie ich finde, endlich sieht man wieder Gesichter, leider nicht mehr lange!

Alf
1 Monat her

Bevor Lauterbach zurücktritt, kreist die Sonne um die Erde.
Aber vielleicht muß er das nicht, wenn Scholz und seine Ampel am Ende sind.
Es reicht bereits ein 4. Entlastungspakel, eine Ausgabesperre für Impfstoffe in Sachen Corona und zugehörige evidenzfreie Maßnahmen; dies würde die Gesellschaft massiv entlasten.
Es bliebe „wuchtig“ mehr Geld für die Bürger.

Julischka
1 Monat her

Der soll mal Studien lesen über die Vermüllung der Weltmeere mit Milliarden dieses Sklavensymbols oder besser noch sich auf den Weg machen und all die heiligen „Schutzmasken“ , die auch bei uns in jedem Gebüsch, auf den Parkplätzen etc. rumliegen und NICHT verrotten, einsammeln! All die Maskenfetischisten der grünen Klimaapokalypsenuntergangssekte werden ihm sicher behilflich sein, denn schließlich machen sie sich ja so große Sorgen um die Natur und Umwelt! Wie ich euch rotgrünen Heuchler verachte!

Angelina
1 Monat her
Antworten an  Julischka

So ist es! Aber Leute, die es als Kollateralschaden betrachten, wenn Vögel durch die Windräder zu Tode kommen, finden es auch nicht schlimm, wenn Meeresbewohner Plastikteile, die aus Coronatests stammen, im Magen haben oder sich an den Maskenbändern verheddern. Dient ja alles einer höheren Sache und ist auch alles ausgerechnet. Gott sei Dank haben sie ja die Plastik-Trinkhalme verboten, und wir schlürfen unseren Aperol Spritz jetzt mit Pappgeschmack.

NurEinPhilosoph
1 Monat her

Der zerstreute Professor ist offenbar nicht in der Lage, „mega“ von „Meta“ zu unterscheiden, er fabuliert von über 1.700 Studien, die gar nicht eingingen in die Bewertung und stört sich auch nicht daran, dass die Datenbasis äusserst schmal ist (weniger als 2.000 Personen).

Er versteht weder die Methodik, noch hat er dafür Interesse. Sein Textverständnis ist mangelhaft.

Macht nichts.

Lauterbachs politische Aufgabe ist das Anpreisen des Impfstoffs.

Er ist vom Impfstoff so sehr überzeugt, dass er zusätzlich Paxlovid nimmt.

Seit wann muss ein Minister denn kompetent sein…?

Andreas aus E.
1 Monat her

Der Herr Bundeskanzler darf sich glücklich schätzen, einen derartigen Blitzableiter im Kabinett zu haben.

BefreierDerEnterbten
1 Monat her

Es ist die von Lauterbach schon oft erprobte Vorgehensweise. Einzelheiten herauspicken, die ad hoc nur schwer nachzuprüfen sind. Dann werden sie als wissenschaftliche Erkenntnisse mit dem Gewicht seiner akademischen Titel verbreitet.

alter weisser Mann
1 Monat her

Lauterbach lässt sich doch von Zahlen nicht beeindrucken, die verwendet er doch selektiv, wenn er sie nicht gar gleich ganz abtut und seine eigene Wertung erfühlt. Eine Sachdiskussion mit so veranlagtem Politikpersonal ist von vorn herein sinnfrei.