Kopf-an-Kopf-Rennen etabliert

Wir stehen vor über 200 Tagen Bits und Bytes Kopf-an-Kopf-Rennen. Praktisch für Journalisten und Politiker, besonders aber für der Journalisten tägliche Arbeit.

Bettina Hagen "Angie oder die Frau mit den zwei Gesichtern" Acryl auf Leinwand - 60 x 80 - 2005/10

Wie viel oder wie wenig auch die neuesten Umfrage-Ziffern wert sind, spielt keine Rolle. Aber mit dem von Emnid für Bild am Sonntag ermittelten und wirkungsvoll ins Bild gesetzten Doppelbotschaft „Erster Umfrage-Dämpfer für Schulz“ und 32:32 ist das bei Journalisten immer schon beliebte Kopf-an-Kopf-Rennen etabliert. Wenn ich mich richtig erinnere so früh vor einer Wahl wie noch nie.

Screenshot BamS Online

Sofern die meisten Journalisten überhaupt noch über Inhalte von Politik schreiben werden, sind sie dem Kopf-an-Kopf-Rennen zu- und untergeordnet. Personalisierung ist angesagt, der Massenmedien liebstes Kind. Politik? Interessiert nicht. Jetzt gibt’s Unterhaltung: Entertainment first.

Wenn Politiker sagen, zuerst das Land, dann die Partei, glaubt ihnen das längst niemand mehr. Journalisten behaupten in der Regel nicht, dass es ihnen zuerst ums Land geht. Ihnen würde es ebenfalls kaum wer abnehmen.

Der Medienwissenschaftler Norbert Bolz spricht im verwandten Zusammenhang vom Umgang mit den Fakten in der neuen Mediensphäre Internet von „Schwanengesang der klassischen Leitmedien“. Gut möglich, dass wir Zeugen eines doppelten Schwanengesangs sind: der Parteien und Medien.

Wechsel ohne Wechsel
Ein Leserbrief
Stellen wir uns das möglichst bildlich vor: Wir stehen vor über 200 Tagen Bits und Bytes Kopf-an-Kopf-Rennen. Praktisch für Journalisten und Politiker, besonders aber für der Journalisten tägliche Arbeit. Tiefgründige, zeitraubende Recherche? Überflüssig und störend. Hintergründe darstellen? Wozu? Allenfalls Skandälchen aus der Vergangenheit ausgraben und inszenieren. Rund um die Uhr genau hinlauschen bei den Kombattanten, bei Bedarf überinterpretieren, gegebenenfalls aus dem Zusammenhang reissen. Wann endlich sagt Schulz so was wie Steinbrücks „Hätte, hätte Fahrradkette“? Ist was dran an den Gerüchten über eine private Trennung bei Merkel, die durchs Netz geistert?

Entpolitisierung ist das Programm, das nun bis zum 24. September täglich als Endlosschleife der Massenmediendemokratie auf allen Kanälen läuft. Als wäre es das Ziel einer magischen unbekannten Macht, die Nachdenklichen unter den Wahlberechtigten ins Lager der stärksten Partei zu jagen, der „Partei der Nichtwähler“.

Der tatsächlichen Unterhaltung tut das die ganze Zeit schon gut. Leider misst niemand, jedenfalls nicht, das ich Zugang hätte, wie viele Zuschauer und Leser an den Politikteilen der Programme und Druckseiten vorbei zu Sport und Spielfilmen, Tierdokumentationen, Blödelstreifen, Comics und Zeichentrickfilmen direkt flüchten. Ich wette, noch nie war das Wegzappen bei denen, die absichtlich oder irrtümlich bei Nachrichtensendungen landen, so schnell und häufig.

Alte Sprichworte helfen erstaunlich oft weiter, hier passt. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht. Ja , Herr Bolz, Schwanengesang ist ein gutes Bild für Parteien und Massenmedien in unseren Tagen.

Und Schulz oder Merkel? Ein kluger Leser hat dazu alles Nötige gesagt: Dass der Bürger von ihm allenfalls mehr vom gleichen erhalten kann als von ihr.

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Kommentare ( 14 )

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Jawoll! Ich als deutscher Bürger-Dings bedings-fürworte das, merk mit Weckel! Fosort!

Stasi Klarname ????

Schreibt dieser „Hilfsirokesenverschnitt“ auch beim SPIEGEL, ja das muss ja eine enorme Qualität sein…….

Wenn ich bedenke, daß ich dieses Blatt in den 70er Jahren d. vergangenen Jahrhunderts oft montags nach Erscheinen in einem Zug begeistert bis zum Endel las, muß dies in einer anderen Welt gewesen sein, zumindest eine ohne das „Augsteinchen“.

Der Focus, der gute Markwort, wäre er damals beim Gong geblieben…..Journalist „leichte Feder“….

Sehr gut beobachtet, Herr Peter! Die AfD wird in dem Diagramm als grauer Randkeil in die Ecke gedrängt, dahin, wo früher die Ungültigen oder die <5%-Parteien standen. Jeder, der sehen kann, sieht auf die entlarvende Art wenigstens, in was für einem Sch–ßstaat wir mittlerweile leben.

Das schwarzrote Kopf-an-Kopf-Rennen ist Fake, eine reine Inszenierung, die vom dritten Pferd ablenken soll, dem blauen mit der Tarnkappe.

Richtig, wo es nur Einheitsmeinungen gibt, muss man halt irgendwas vom Pferd erzählen u. sich echauffieren….die „Speichelleckereinheitspresse“ hilft ja dabei….

Naja, ich les die Kolumnen und Kommentare mittlerweile eher als Realsatire. Ich hoffe im Sinne der Autoren, dass sie auch gar keinen anderen Anspruch haben.

Ich setze auf die vierte Möglichkeit: In der Kommunikation mit ihren Parteigenossen auf einem Landesparteitag verwendet sie einfach einen landläufig, nicht genau legaldefinierten „Volks“-Begriff, wie es täglich Tausende von Bewohnern Deutschlands auch tun. Auch @disqus_JDI16RcXub:disqus, @disqus_A5PuBK4ga5:disqus und @disqus_ZCu6vtTnl1:disqus : Dass diese Möglichkeit zutreffend sein dürfte, ergibt sich auch aus dem Kontext, in welchem er gesagt wurde. Zitat: „Es gibt keinerlei Rechtfertigung, dass sich kleine Gruppen aus unserer Gesellschaft anmaßen zu definieren, wer das Volk ist. Das Volk ist jeder, der in diesem Lande lebt“ – daraus lese ich einen Bezug auf das Skandieren von „Wir sind das Volk“ durch die… Mehr

Ich glaube nicht an einen „Schusselfehler“ bei Merkel.

Die Reaktion aus den eigenen Reihen spricht auch eine andere Sprache.

MarHel verbiegt das Wort u. sich selbst, dass er irgendwann verknotet selbst nicht mehr durchblickt. Hauptsache Merkel….gibt es da eine Dauerdroge, die mir nicht bekann ist? Vielleicht mal Volker Beck fragen….

„Im Urlaub habe ich mich schon dabei ertappt, dass ich selbst kostenlose Ausgaben des Spiegels genüsslich zum Anfeuern des Kamins nutze, ohne sie auch nur anzulesen.“ Herrlich, Stefan! Mein Medien-Werdegang verlief ganz ähnlich, wie auch der der weitläufigen Familie. Die meisten waren früher in der CDU. Ich kann mir fast nichts mehr bei den ÖRR ansehen, inkl. Presseclub und alle 4 Talkshows. Finito! Nicht mal deren Wettervorhersage ist noch zu trauen.