Immer strengere Auflagen, hohe Sicherheitskosten, weniger Helfer: Kölns Zollstocker Dienstagszug fällt 2027 aus. Schulen und ein Verein sagen aus Geldnot ab. Die Krise Deutschlands erreicht das Veedel – und trifft eine rund 65-jährige Tradition.
picture alliance/dpa | Oliver Berg
2027 fällt der Zoch in Zollstock aus. Seit rund 65 Jahren gehört er zum Kölner Karneval im Südstadtveedel. Doch Tradition schützt weder vor steigenden Anforderungen noch vor leeren Kassen. Was über Jahrzehnte Jung und Alt am Karnevalsdienstag zusammengebracht hat, scheitert jetzt an Sicherheitskosten, Geldnot und fehlenden Helfern. Die Session hat noch gar nicht begonnen, da ist für den Zollstocker Veedelszoch schon Schluss.
„Mit schwerem Herzen müssen wir euch mitteilen, dass wir den Dienstagszug im Jahr 2027 leider nicht durchführen können und werden“, erklärten die Freunde des Zollstocker Dienstagszuges am Montag, dem 12. Oktober, wie der Kölner Stadtanzeiger berichtet. Im Rekordjahr 2024 hatte der Zug noch rund 1500 Teilnehmer. Nun ziehen die Organisatoren die Reißleine.
Sicherheit wird zur „Finanzierungskatastrophe“
Der Vereinsvorsitzende Michael Siegenbruck spricht die Probleme gegenüber der Zeitung deutlich an: „Das fängt an mit der Finanzierungskatastrophe durch den hohen Sicherheitsdienst.“ Hinzu kommen die Auflagen: „Die werden immer strenger.“
„So ein Zug kostet 13.000 Euro jedes Jahr, und die müssen wir auch jedes Jahr einnehmen“, so Siehenbruck weiter. Für einen kleinen Verein ist das eine erhebliche Summe. Knapp 80 Mitglieder zahlen jeweils 20 Euro Mitgliedsbeitrag. Daraus lässt sich kein Karnevalszug finanzieren. „Da sind wir absolut auch auf Sponsoren und Goodwill angewiesen“, erklärt Siegenbruck. Auf Unterstützer also, die bereit und vor allem auch wirtschaftlich in der Lage sind, die Lücke zu schließen.
Ein Veedelszug lebt vom freiwilligen Einsatz. Werden ihm immer strengere Anforderungen auferlegt, braucht er dafür zusätzliche Mittel. Bleiben diese aus, verschwindet die Veranstaltung.
„Wir, die kleinen Veedelszüge, bluten aus“
Auch den Teilnehmern fehlt das Geld. Zwei Schulen haben bereits abgesagt, ebenso der Verein „Fidele Fortuna“ – aus wirtschaftlichen Gründen, heißt es. Rund 1000 der Teilnehmer seien Kinder aus den örtlichen Schulen und Kitas, so Siegenbruck gegenüber Express. „Das war uns schon immer ein besonders Anliegen, den Kleinen einen Zugang zum Karneval zu verschaffen.“
„Es kommt alles zusammen dieses Jahr“, sagt er. Hohe Sicherheitskosten, strengere Auflagen und wirtschaftlich begründete Absagen treffen auf einen Verein, dessen eigene Einnahmen für einen solchen Zug bei Weitem nicht reichen. Deutschlands Krise erreicht das Veedel: Die einen können die Teilnahme nicht mehr stemmen, die anderen die Veranstaltung nicht mehr bezahlen. Siegenbruck: „Wir, die kleinen Veedelszüge, bluten aus.“
Die Absage hat natürlich auch Auswirkungen auf die Gastronomie im Veedel. Im Karneval machen die Kölner Kneipen mit ihren größten Umsatz im Jahr. Doch wo Zugteilnehmer und Zuschauer ausbleiben, fehlen mögliche Gäste.
Geld allein würde die Probleme aber nicht lösen. Auch die Vereinsarbeit lahmt. Es fehlen Ehrenamtliche, die anpacken. Ein Karnevalszug braucht Vorbereitung, Organisation und Helfer. Wenn sich kaum noch Unterstützung findet, lässt sich eine solche Veranstaltung nicht mehr stemmen.
Ohne Ehrenamt bleibt die Straße leer
Die Frage muss auch erlaubt sein: Welche Rolle spielt dabei eine durch Zuwanderung veränderte Bevölkerung? Gelingt es den Vereinen, auch Menschen für den Karneval zu gewinnen, die mit dieser Tradition nicht aufgewachsen sind? Oder liegen die Nachwuchsprobleme vor allem an fehlender Zeit, Geldnot und allgemein nachlassender Bereitschaft zum Ehrenamt?
Die Freunde des Zollstocker Dienstagszuges hatten sich 2010 neu formiert. Siegenbruck ist seit 16 Jahren im Verein und seit rund zehn Jahren erster Vorsitzender. Bei der Jahreshauptversammlung im November will er zurücktreten. Ganz aufgeben möchte er trotzdem nicht. Für 2028 hofft er auf einen neuen Anlauf: „Ich hoffe einfach, dass viele sich zusammenreißen und sagen, ey, komm, wir finden eine Lösung für 2028, dass das wieder funktioniert.“ Vorerst aber bleibt die Straße am Karnevalsdienstag leer.
Köln ist kein Einzelfall. Bereits 2025 fielen die Umzüge in Kempten und Heidenheim wegen verschärfter Sicherheitsauflagen beziehungsweise ihrer Kosten aus. Auch der Nachtumzug in Stuttgart-Mühlhausen und der Kinderfastnachtsumzug in Frankfurt-Griesheim scheiterten an gestiegenen Sicherheitsanforderungen und dem organisatorischen Aufwand. In Elmshorn wurde das traditionelle Pfingstochsenfest wegen Sicherheitsanforderungen und steigender Kosten abgesagt.
Vielerorts in Deutschland geraten traditionelle Feste so unter Druck – vom Schützenfest über das Dorffest bis hin zum Karnevalsumzug. Was damit verschwindet, ist mehr als Unterhaltung: Es sind Treffpunkte, Vereinsleben und gewachsene Traditionen.
Zum Zollstocker Zoch titelt der Kölner Stadtanzeiger: „Erster Karnevalszug in Köln abgesagt“. Wann folgt der zweite? Die Session beginnt erst am 11. November.




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