Facebook: Mist und ausmisten

Früher hatte jedes Dorf den Brunnen der Waschweiber als Nachrichtenzentrale. Die Männer trafen sich zu ihrem Geschwätz am Stammtisch. Heute trinken alle ihr Bier zu Hause, weil die Viel-Redner und Langsam-Trinker am Stammtisch den von der Pacht gedrängten Wirten zu wenig Umsatz bringen, beklagt der Satiriker Gerhard Polt. Dafür haben heute alle Facebook: die gleichberechtigte und globale Schwatzstelle. So weit so gut. Niemand muss teilnehmen. Ursprünglich bin ich nur zu Facebook gegangen, weil der Austausch von Fotos und Grüßen mit dem ferne lebenden Sohn und seiner Familie einfach und bequem ist. Mit der Zeit gesellten sich tatsächliche Freunde hinzu und Bekannte mit ähnlichen Interessen für alles Mögliche im öffentlichen Geschehen. Immer wieder finde ich so Informationen, Hintergründe, Argumente und Einsichten, auf die ich sonst wohl nicht gestoßen wäre. Nicht zuletzt die Wechselwirkungen zwischen den alten Medien und der Online-Welt könnte ich anders nicht selbst so wirklichkeitsnah beobachten. Eine gute Sache.

Was auf Facebook entsetzlich, aber eben auch entsetzlich real stattfindet, ist der Gruppendruck bis hin zum Meinungsterror. Das gab es schon immer. Doch „Social Media“ sind eine neue Qualität in Geschwindigkeit und Reichweite. Eines ist auf Facebook bei einer erschreckend großen Mehrheit nicht gefragt: eigenständiges und vorurteilsloses Abwägen von Informationen und Argumenten. Der Druck ist unübersehbar riesig, zu denen für etwas oder gegen etwas zu gehören. Den Putin-Feinden sind Putin-„Versteher“ lieber als Zeitgenossen, die nach Erklärungen für das Wiederaufleben des Ost-West-Konflikts suchen. Mit Pegida ist es nicht anders: Wer nicht gegen diese diffuse Erscheinung ist, ist für Pegida.

Was hinter diesem Aufmarsch steckt, wie viel er über die weiter wachsende Kluft zwischen Eliten und Volk sagt, wer da auch wen wofür benutzt, und viele weitere Fragen interessieren nur wenige. Wie so oft wollen die Meisten nur Schwarz oder Weiß. Grautöne unerwünscht.

Die nächste Stufe ist wohl schon angelaufen: Wer seinen Facebook-Freundeskreis nicht mit einem Ausmist-Programm wie von STERN oder FOCUS „säubert“, kommt selbst auf die Säuberungs-Liste. Pegida ist nur der Anfang. „Saubere“ Freundeskreise – für beide Seiten – werden Pflicht. Ein Eldorado für Denunzianten. Empfehle weitere Ausmist-Programme etwa für Kernkraft-Freunde, für die Benutzer verbotener Wörter („Zigeunerschnitzel“, „Weihnachtsmarkt“, Professor statt Professorin,) für Rassistien, Frauenwitzerzähler (Frauenfeind), Gegner des Gender-Mainsstreaming, die daran festhalten, dass Männer irgendwie anders sind als Frauen und zwar nicht nur beim Einparken. Möglicherweise haben Sie dann keine Freunde mehr, aber wenigstens sind die dann PC. Und die Freunde die bleiben, sind dann hundertprozentig Ihrer Ansicht. Beruhigend, aber langweilig.

Natürlich könnte ich mich bei Facebook einfach abmelden. Und jene, die mir wichtig sind, mit mehr Zeiteinsatz kontaktieren. Aber dann bekäme ich nicht mit, wie sich diese globale Schwatzstelle weiter entwickelt. Was sich da abspielt und zeigt, ändert sich ja nicht, weil ich und andere nicht mehr hinschauen. Also noch mehr auf die konzentrieren, die ihre eigene Meinung bilden. Die in keinem Haufen laufen. Ihre Argumente akzeptieren, wenn sie einleuchten. Unabhängig davon, wie ich das bisher selbst sah.

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