Wie Angriffe auf ukrainische Gasspeicher Europas Versorgung treffen

Moskau demonstriert, dass es in der Lage ist, Europas kritische Infrastruktur gezielt zu treffen. Sechs Einschläge genügen. Russlands neue Hyperschall-Rakete legt ukrainische Gasanlagen lahm und entlarvt damit, wie verwundbar Europas Energieversorgung geworden ist.

IMAGO / Joerg Boethling

Sie waren kaum zu sehen. Sechs sehr schnelle Flugkörper treffen auf Industrieanlagen. Videoaufnahmen zeigen sechs präzise Einschläge kurz hintereinander, wie sie für die Mehrfach-Gefechtsköpfe (MIRV) der Oreschnik-Rakete charakteristisch sind, die sich kurz vor dem Ziel aufteilen.

Die Einschläge in der Westukraine ereigneten sich in den frühen Morgenstunden des 9. Januar 2026. Bewohner der Region beschrieben das Erleben als eine Abfolge von „vielen Erdbeben hintereinander“. Sowohl ukrainische Militärblogs als auch das russische Verteidigungsministerium bestätigten den Einsatz der neuen Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ (Haselstrauch). Es war erst der zweite bekannte Einsatz dieses Typs nach dem Test im November 2024. Die Rakete wurde offensichtlich vom russischen Testgelände Kapustin Jar (Region Astrachan) abgefeuert.

Die Einschläge verursachten massive Erschütterungen. Da die Rakete mit Hyperschallgeschwindigkeit (ca. Mach 10) einschlägt, ist die kinetische Energie auch ohne atomare Sprengköpfe verheerend für Betonstrukturen und unterirdische Leitungsführungen an der Oberfläche.

Die Raketen trafen gezielt Pump- und Verdichterstationen der unterirdischen Erdgasspeicheranlagen Biltsche-Wolyzko-Uherske. Die sind notwendig, um das Gas aus den tiefen Gesteinsschichten in 2.000 Meter unter der Erdoberfläche in das Fernleitungsnetz zu drücken.

Nach diesem kombinierten Angriff zusammen mit 240 Drohnen und weiteren 36 Raketen auf andere Landesteile wie Kiew und Krementschuk kam es zu massiven Stromausfällen, die allein im Gebiet Kiew über 370.000 Menschen betrafen.

Der Kreml deklarierte den Angriff als Vergeltung für einen angeblichen Drohnenangriff auf die Residenz von Wladimir Putin in Waldai kurz vor dem Jahreswechsel. Die USA erklärten, der angebliche Angriff habe nicht stattgefunden; ebenso dementierte die Ukraine diesen Angriff auf die Residenz, doch Moskau nutzt das Ereignis als Rechtfertigung für den massiven Schlag gegen die Energieversorgung.

Das waren zugleich Volltreffer auch gegen europäische Infrastruktur.

Stryi, rund 60 bis 70 Kilometer südlich von Lwiw und nur etwa 70 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt, ist kein Frontgebiet und war dennoch bewusst zentrales Ziel der russischen Angriffe. Die Region gilt als Herzstück der ukrainischen Gasinfrastruktur. Hier befinden sich die größten unterirdischen Erdgasspeicher Europas, darunter der Komplex Bilche-Volytsko-Uherske, der allein ein Fassungsvermögen von rund 17 Milliarden Kubikmetern besitzt. Zusammen verfügt die Ukraine über ein Speichersystem mit etwa 31 Milliarden Kubikmetern aktiver Kapazität – mehr als jedes andere europäische Land.

Diese Speicher sind seit Jahren nicht nur für die Ukraine selbst relevant. Europäische Energiehändler nutzten sie zunehmend als eine Art ausgelagerte Reserve. Gas konnte dort vergleichsweise günstig eingelagert werden, um es im Winter wieder in die EU zurückzuführen. Schätzungen zufolge befanden sich zuletzt zwischen ein und drei Milliarden Kubikmeter europäischen Gases in ukrainischen Speichern – keine dominante Menge, aber ein wichtiger Puffer für Marktstabilität und Preisbildung.

Neue russische Ziele in der Ukraine: Gas statt Strom

Anfang 2026 hat Russland seine Angriffstaktik spürbar verändert. Während in den vergangenen Wintern vor allem Umspannwerke und Kraftwerke im Fokus standen, richtet sich der Beschuss nun verstärkt gegen die Gasinfrastruktur. Dabei geht es weniger um die Zerstörung der eigentlichen Speicher, die hunderte Meter tief im Untergrund liegen und nur schwer direkt anzugreifen sind. Ziel sind vielmehr die verwundbaren Oberflächenanlagen: Verdichterstationen, Einspeise- und Ausspeisepunkte, Mess- und Verteilsysteme.

Die Botschaft ist eindeutig: Russland demonstriert, dass es in der Lage ist, kritische Energieinfrastruktur gezielt zu treffen – auch ohne flächendeckende Zerstörung.

Blockiertes Gas, nervöse Märkte

Die unmittelbare Folge dieser Angriffe ist weniger ein physischer Gasmangel als ein Ausfall der Fördereinrichtungen. Die beschädigten Oberflächenanlagen erschweren oder verhindern die Ausspeisung des Gases in das nationale Netz und damit auch den Weitertransport Richtung EU. Für diesen Winter bedeutet das: Gas, das als zusätzliche Reserve eingeplant war, steht nur eingeschränkt oder gar nicht zur Verfügung.

Die entfallene Flexibilität erhöht den Druck auf die Speicher innerhalb der EU, kritisch insbesondere in einer Phase, in der die Füllstände bereits unter die psychologisch wichtige Marke von 50 Prozent gefallen sind. Denn der Füllstand der deutschen Gasspeicher rutschte Ende der Woche auf weniger als die Hälfte der verfügbaren Gasmenge. Am 10. Januar 2026 lagen die deutschen Gasspeicher nur noch bei 49,23 Prozent Füllstand.

Hinzu kommt ein dramatischer struktureller Effekt: In Baden-Württemberg kamen die grünen Energiemanager in Politik und Energiewirtschaft auf die Idee, alle Kohlekraftwerke abzuschalten und durch Gaskraftwerke zu ersetzen. Das ist fast abgeschlossen. Das große Heizkraftwerk Stuttgart-Münster etwa ist heute ein gas-befeuertes Kraftwerk. Im März sollen die Kohlekessel abgeschaltet werden, das letzte Kohleschiff hatte Ende des vergangenen Jahres angelegt. Mehr über diesen Streich demnächst hier bei TE.

In jedem Fall steigt dadurch der Gasverbrauch erheblich. Gleichzeitig fehlen externe Puffer wie die ukrainischen Speicher zumindest teilweise. In einem normalen Winter ist das beherrschbar. Bei anhaltender Kälte jedoch schrumpfen die Reserven schneller, als es die bloße Prozentzahl vermuten lässt. Genau deshalb reagieren jetzt Energiemanager und Netzbetreiber bereits bei Füllständen knapp unter 50 Prozent nervös. Bricht Deutschlands Gasversorgung zusammen, spürt es ganz Mitteleuropa.

Denn Deutschland ist heute nicht mehr nur Eigenversorger, sondern Drehscheibe für ganz Zentraleuropa. Im Rahmen europäischer „Solidaritätsmechanismen“ ist Deutschland verpflichtet, sogenannte geschützte Kunden in Nachbarstaaten mitzuversorgen. Dazu zählen insbesondere Haushalte in Österreich. Gas fließt dabei physisch über süddeutsche Netzknotenpunkte – etwa über Oberkappel – nach Osten. Jede Kilowattstunde, die diesen Weg nimmt, fehlt als Reserve für deutsche Kraftwerke und Fernwärmesysteme.

Der russische Angriff auf die ukrainische Gasinfrastruktur trifft einen sensiblen Punkt des europäischen Energiesystems. Putin braucht nicht viel mehr zu tun – rot-grün-schwarze Ideologie hat eine robuste und vielfältige Energieinfrastruktur zerstört; einige wenige Stiche reichen aus, um schwere Schäden beizufügen.

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Kommentare ( 12 )

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12 Comments
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Teiresias
11 Stunden her

Jetzt zeigt sich, wie schlau es war, Atom- und Kohlekraftwerke zu zerstören.
Alles hängt jetzt an Flüssiggasterminals.
4Stück in Deutschland, 49 in Europa – in einem ernsten Krieg gegen Russland wäre das eine Frage von Stunden, dann können wir nur noch kapitulieren.
Man hätte den Konflikt mit Russland vermeiden können.
Man glaubte an einen leichten Sieg, an dessen Ende westliche Schulden mit russischen Rohstoffen bezahlt würden.

Dumm gelaufen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Thalavox
11 Stunden her

Ist dem Autor bekannt, worauf sich beispielsweise 50% Füllstand beziehen?

Ist es das noch nutzbare Gas in einer Kaverne oder bezieht es sich auf das Gesamtvolumen des Gases im unterirdischen Gasspeicher?

Man kann nämlich einen unterirdischen Gasspeicher nicht zu 100% entleeren.

Es muss immer noch eine gewisse Menge des Gases, meistens zwischen 20 und 50% des Volumens der Kaverne im Speicher bleiben, da die Kaverne beschädigt werden kann.

Außerdem ist dieses Restvolumen nötig, um überhaupt Gas aus der Kaverne zu entnehmen.

Haeretiker
11 Stunden her

Halten wir fest: die“ größten unterirdischen Erdgasspeicher Europas“ befinden sich in einem Land, das zu den korruptesten Ländern  der Welt gehört, das sich seit vier Jahren im Krieg befindet und „europäische Energiehändler nutzten sie zunehmend als eine Art ausgelagerte Reserve“.
Wer tut so etwas? Leute wie der Haarwasserfabrikant Gottlieb Biedermann könnte man annehmen. Und der Bürger wird zu Resilienz aufgefordert und soll Vorräte horten wie ein gemeiner, staatsdelegitimierender Prepper. 

twsan
11 Stunden her

Tja – schließlich ist Merz, Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, der eifrigste Kriegstrommler gegen Russland.
Jetzt fehlt noch, dass Russland den 2+4 – Vertrag kündigt.

Nebenbei:
Vielleicht hat die Ukraine DOCH den Drohnenangriff auf Putin durchgeführt???

Und dann hieß es ja noch, Deutschland beziehe kein Gas aus Russland – UND die Ukraine habe sämtliches russisches Gas nach Westeuropa abgedreht.
Was stimmt denn nun?

Last edited 11 Stunden her by twsan
Logiker
11 Stunden her

Schon vor ca. 15 Jahren ging in der Ukraine Gas für Europa auf wundersame Weise verloren – ganz ohne russische Raketen.

Was übrigens der Grund für den Bau von NS2 war – nicht nur dem Klau sondern auch dem leistungslosen Mitverdienen der Ukraine und Polen mittels erheblicher Transitgebühren für die Durchleitung für Deutschland bestimmten russischen Erdgases ein für allemal ein Ende zu setzen.

Was daraus geworden ist, wissen wir.
Warum und durch wen dürfen wir nicht wissen – aus „Staatsinteresse“.

Metric
11 Stunden her

Europas Energieversorgung wird v.a. durch CDU, SPD und Grüne gefährdet. Mein Tip: NS1 wieder aufmachen, NS2 reparieren, Atomkraftwerke aufbauen. Wäre so einfach.

Logiker
11 Stunden her
Antworten an  Metric

Ja – nachdem man aus „Staatsinteresse“ den ersten Schritt, nämlich all das zu erhalten, bewußt unterlassen hat.

Maja Schneider
11 Stunden her
Antworten an  Metric

Dauert nur viel zu lange! Das Gas könnte uns ausgehen, wenn der Winter, den es ja gar nicht mehr gibt, noch weiter andauert, er hat schließlich erst angefangen, und die Gasspeicher sinken bedrohlich weiter.

Turnvater
11 Stunden her

Die Botschaft ist eindeutig: Russland demonstriert, dass es in der Lage ist, kritische Energieinfrastruktur gezielt zu treffen – auch ohne flächendeckende Zerstörung.“

So wie die USA bei der Zerstörung von Nordstream 2?

„Moskau demonstriert, dass es in der Lage ist, Europas kritische Infrastruktur gezielt zu treffen.“

Und das nur mit alten, ausgebauten Waschmaschinenchips. Alle Achtung.

„…rot-grün-schwarze Ideologie hat eine robuste und vielfältige Energieinfrastruktur zerstört…“

Ich wiederhole mich, aber der eigentliche Vernichter unserer Energieversorgung ist der Wähler. Er wollte es so, er bekommt es so.

Guzzi_Cali_2
11 Stunden her
Antworten an  Turnvater

Absolut: Play stupid games, win stupid prizes, wie der Amerikaner sagt. „Spiele alberne Spiele, gewinne alberne Preise“. Daher haben Sie vollkommen Recht, daß hauptsächlich der Wähler dafür verantwortlich ist, wenn er seinen eigenen Schlächter in Amt und (Un-)Würden befördert. Die russische Aktion ist nochmal ein Turbo für die sich rapide leerenden Gasspeicher. Wir sind bei 49, ab 20 kann man nichts mehr entnehmen, weil das das sogenannte „Kissengas“ ist, das für den Druck zuständig ist. Die Bunzregierung ruft zum Gassparen auf – soll mir doch bitte einer dieser technisch super-beschlagenen Schwarzrotgrünen Spitzenpolitiker sagen, wie genau ich das machen soll. Meine… Mehr

Guzzi_Cali_2
12 Stunden her

Ist es justiziabel, die Kartellparteien „Landesverräter“ oder „Schädlinge“ zu nennen? Ich frage für einen Freund.

Haba Orwell
12 Stunden her

> Der Kreml deklarierte den Angriff als Vergeltung für einen angeblichen Drohnenangriff auf die Residenz von Wladimir Putin in Waldai kurz vor dem Jahreswechsel. Die USA erklärten, der angebliche Angriff habe nicht stattgefunden; ebenso dementierte die Ukraine diesen Angriff auf die Residenz Wenn die Ukros das sagen, muss es doch unbedingt stimmen. Sie sagen ja auch, jeden Cent aus dem Westen würden die für hehre Ziele und nicht für goldene Klos nutzen, was ja nur stimmen kann. Die USA haben ja auch noch nie in der Geschichte gelogen: Brutkästen in Kuwait, Massenvernichtungswaffen in Irak… Mit den Angriffen auf die Energieinfrastruktur… Mehr