Depressionsexperte widerspricht Lauterbach: Corona-Maßnahmen verursachten „immenses Leid“

Karl Lauterbach hält nicht den Lockdown, sondern die Pandemie an sich für verantwortlich für die Zunahme psychischer Störungen. Depressionsexperte Ulrich Hegerl widerspricht ihm mit aktuellen Erhebungen – und sieht eine „stille Katastrophe“.

IMAGO / photothek
Symbolfoto zum Thema psychische Belastung von Kindern im Lockdown waehrend der Corona Pandemie

In der Sendung „Hart aber fair“ vom 10. Januar 2022 meinte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, nicht der Lockdown, sondern die Pandemie an sich sei verantwortlich für die Zunahme psychischer Störungen. Dem widerspricht nun einer der wichtigsten deutschen Depressionsexperten – der Vorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe Ulrich Hegerl.

Demonstratives Desinteresse
Lauterbach im Faktencheck: Keine psychischen Erkrankungen durch Lockdown?
Er geht nach den Erhebungen, die die Stiftung in den vergangenen zwei Jahren durchgeführt hatte, nicht davon aus, dass sich durch Corona und die Lockdown-Maßnahmen die Zahl der Depressiven merklich vergrößert hat. Wohl aber – und das hält er Lauterbach entgegen – sprächen alle Daten dafür, dass die Corona-Maßnahmen das Leid vieler an Depression Erkrankten deutlich verschlimmert hätten. Hegerl fordert deshalb eine systematische Erfassung von psychischen Folgeschäden der Corona-Maßnahmen, um künftig Nutzen und Schaden staatlicher Eingriffe besser beurteilen zu können.

„Von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe wurden vor und während der Pandemie im Rahmen einer Serie repräsentativer Bevölkerungsbefragungen jeweils mehr als 5.000 Erwachsene befragt“, so Hegerl. „Die Ergebnisse bestätigen: der Anteil der Befragten, die angaben, dass bei ihnen bereits einmal eine Depression diagnostiziert worden sei, zeigte keine sehr deutliche Steigerung während der Pandemie (2017: 23 Prozent, 2019: 21 Prozent; 2020: 21 Prozent, 2021: 23 Prozent).“

Ganz anders, so der Wissenschaftler, stehe es aber um die Situation der über fünf Millionen Menschen, die jedes Jahr in Deutschland an einer behandlungsbedürftigen Depression leiden. Im September 2021 gaben im „Deutschland-Barometer Depression“, das auf einer Befragung von Betroffenen durch die Stiftung beruht, 72 Prozent der depressiv Erkrankten an, dass sich in den letzten sechs Monaten ihre Erkrankung durch die Maßnahmen gegen Corona deutlich verschlechtert habe. Einen Rückfall, so Hegerl, erlitten demnach 29 Prozent, Suizidgedanken entwickelten 20 Prozent. Von einer Zunahme der Depressionsschwere berichteten 35 Prozent der Befragten. „Hochgerechnet betrifft dies mehr als zwei Millionen Menschen – und in Anbetracht der Schwere dieser Erkrankung ist dies eine stille Katastrophe“, so Hegel. „Wie schwer die Erkrankung ist, zeigt sich daran, dass Menschen mit der Diagnose Depression im Schnitt knapp 10 Jahre weniger leben.“

Als wichtigste Ursachen der drastischen Verschlechterung sieht der Depressionsexperte die Folgen vieler Corona-Maßnahmen: Zum einen wegen der Qualitätsabnahme bei der medizinischen Versorgung, da stationäre Behandlungen abgesagt wurden und Ambulanzen das Angebot reduzieren mussten oder Patienten aus Angst vor einer Ansteckung selbst Termine abgesagt hatten, vor allem aber durch die Vereinsamung vieler Betroffener im Lockdown. „Der Rückzug in die eigenen vier Wände hat dazu geführt, dass die Mehrzahl der Menschen in einer depressiven Krankheitsphase sich weniger bewegten, sich vermehrt ins Bett zurückzogen und Schwierigkeiten hatten, den Tag zu strukturieren, verbunden mit vermehrtem Grübeln“, so der Mediziner. „Von diesen drei Faktoren ist gut bekannt, dass sie ganz spezifisch bei Depression den Krankheitsverlauf verschlechtern. Angemerkt sei nur, dass längerer Schlaf und längere Bettzeiten bei vielen Erkrankten depressionsverstärkend sind.“

Diese Daten, so die Kernaussage Hegerls, mit der er Lauterbach direkt widerspricht, „legen nahe, dass auch durch die Maßnahmen gegen Corona bei Depressionspatienten immenses Leid ausgelöst wurde. Dies wurde bisher nicht ausreichend berücksichtigt.“ Er fordert eine bundesweite Erfassung der psychischen Auswirkungen von Lockdowns und ähnlichen Eingriffen: „Das systematische und kontinuierliche Erfassen von Leid und Tod, die durch die Maßnahmen gegen Corona ausgelöst werden, ist Voraussetzung jeder Nutzen-Risiko-Bewertung derartiger Maßnahmen. Nur so kann die Sorge genommen werden, dass durch die Maßnahmen gegen Corona mehr Leid und Tod verursacht als verhindert wird.“


Sollten Sie das Gefühl haben, dass Sie Hilfe benötigen, kontaktieren Sie unbedingt die Telefonseelsorge. Unter der kostenfreien Rufnummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 bekommen Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Hilfe bei den nächsten Schritten anbieten können. Hilfsangebote gibt es außerdem bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention. Im Netz gibt es – Beispielsweise bei der Stiftung Deutsche Depressionshilfe – auch ein Forum, in dem sich Betroffene austauschen können.

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Kommentare ( 25 )

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25 Comments
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Metric
10 Tage her

Ein erprobtes Mittel gegen Depressionen sind Spaziergänge: Man bewegt sich, ist an der frischen Luft und lernt interessante neue Leute kennen! 🙂
https://demo.terminkalender.top/

Andreas
10 Tage her

Im niederbayerischen Abensberg hat in der Nacht von Montag oder Dienstag – man erfährt es nicht aus der Zeitung – ein junger Mann von 22 Jahren sich mit dem Kopf aufs Eisenbahngleis gelegt und seinem Leben ein Ende gesetzt. Die Fälle sind nicht selten, werden aber alle sehr diskret behandelt. Verständlich: man will niemand zur Nachahmung animieren. Andrerseites sollte es doch über die schiere Zahl der Selbstmorde unter Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen verlässliche Zahlen geben. Obwohl mir natürlich klar ist: es hat nie irgendwas mit irgendwas anderem zu tun und ganz gewiss hat ALLES gar NIX mit den ganzen… Mehr

Illidan
10 Tage her

Auch wenn Herr Hegerls Widerspruch gegen Herrn Lauterbach zu begrüßen ist, irrt er meiner Meinung nach in der Sache. Über 20% der Befragten schonmal mit Depression diagnostiziert? Und 5 Mio. aktuelle Fälle in DE? Des Weiteren folgt das Framing des Arguments wieder der erfolgsversprechenden Form, wo Depressive als eine Randgruppe dargestellt werden, deren Leiden gegen das der „Corona-Gefährdeten“ abgewogen werden muss. Was er nicht über sich bringt zu sagen, ist, dass man Depression sehr wohl induzieren kann und dass die Corona-Politik genau dazu führt. Eben deshalb beobachte ich zumindest in meinem Umfeld sehr wohl eine Verschlechterung der mentalen Gesundheit. Vielleicht… Mehr

K.Behrens
10 Tage her

Lauterbach, Tschentscher, beide waren eher unauffällige “Nerds”, bis sie im medialen Rampenlicht standen. Das Rampenlicht ist entscheidend, depressives Klientel scheut eigentlich die Öffentlichkeit wie die „rote Flora“, bis sie endlich vor den Kameras zu Wort kommen.
Wer jetzt auf die Straße geht, um gegen „Nerds“ wie Lauterbach zu protestieren, ist noch nicht gebrochen und versinkt nicht im winterlichen Blues!
Auf gehts, alle angestellten Ärzte oder Krankenpfleger werden wohl in der Lage sein, die Belegung ihrer Intensivbetten allein für Hamburg zu definieren. Es handelt sich um ca.75 Patienten mit ungeklärter Diagnose zu 1,9 Millionen mit Stand heute!

Physis
10 Tage her

Zunächst: Im besten Deutschland aller Zeiten dürfte es eigentlich gar keine irgendwie geartete Depression geben! Und deshalb frage ich mich auch, warum ich mir als alter Mann eigentlich SELBER eine dauerhafte Depression bescheinige? Gerne gebe ich hier daher wieder, wie sich das bei mir äussert. Ich bin des Abends noch voll vom Wollen, aber wenn ich des Morgens anfangen soll, habe ich einfach keine Kraft, meinem gestrigen Wollen zu folgen. Und es fühlt sich eigentlich zu jeder Zeit so an, als dass alles sehr leicht zu erledigen sei… Aber an jedem verschissenen Tag falle ich in ein Loch, aus dem… Mehr

Deutscher
10 Tage her

„In der Sendung „Hart aber fair“ vom 10. Januar 2022 meinte Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, nicht der Lockdown, sondern die Pandemie an sich sei verantwortlich für die Zunahme psychischer Störungen.“ Ich, selber nicht frei von seelischen Belastungen, kann nur für mich sprechen: Als es mit Corona losging, machte mir das wenig Angst. „Lediglich ein weiteres Lebensrisiko unter vielen anderen. Wenn es mich erwischt, dann ist es eben Schicksal. Ich kann morgen vom Auto überfahren werden oder übermorgen einen Herzschlag haben, wer weiß das schon?“ Das waren meine Gedanken und damit konnte ich gelassen leben. Ich tat, was mir möglich war, mich… Mehr

Last edited 10 Tage her by Deutscher
Endstadium0815
10 Tage her

Er zerstört unsere Kinder und Jugendlichen ohne Gewissen, denn die Summen der Pharma Industrie, die er bekommt, sind ihm wichtiger. Er ist ein widerlicher Narzisst und ein krankes A….

ketzerlehrling
10 Tage her

Erst vor zwei Wochen oder so habe ich einen Beitrag gelesen über Klabauterbach und das, was seine Ex-Frau über ihn und die Trennung erzählt hat in einem Interview. Diese Empathielosigkeit war einer der Trennungsgründe. Immerhin hat Klabauterbach mehrere Kinder und sollte hier mehr Verständnis und mehr Verstand haben, wenn er schon seine Menschenverachtung ausleben muss, dann sollte er die ganz Kleinen raushalten.

H. Reich
11 Tage her

Kollateralschäden sind eingepreist, denn es geht nicht um ( wirkliche ) Gesundheit !
Da bringt auch die 100. Studie nichts.
Nur eine Umkehr und Beendigung dieses weltweiten Irrsinns, erkämpft von “ unten“, könnte noch Sand ins Getriebe bringen auf dem Weg in die „leuchtende“ Zukunft .

NordPole
11 Tage her

Nach Monaten im HomeOffice und Home-Schooling saß meine 8 jährige Tochter vor dem Laptop und unterhielt sich über eine App mit der halben Klasse und der Lehrerin. Als die Lehrerin fragte was sich die Kinder am meisten wünschen, hatten einige Kinder teils angefangen zu weinen und sagten Sätze wie „Ich wünsche mir meine Freunde wieder sehen zu können“ oder „Ich möchte mit anderen wieder spielen können“ oder „Ich möchte, dass Corona endlich vorbei ist“. Ich selbst hatte Tränen in den Augen als ich das gehört habe, und habe erneut Tränen in den Augen beim schreiben dieser Sätze. Seit fast zwei… Mehr

Last edited 11 Tage her by NordPole
Sybille Weber
10 Tage her
Antworten an  NordPole

Muß Ihnen voll und ganz recht geben! Mein Bekanntenkreis ist auch sehr geschrumpft, da ich ja so gefährlich bin!

Endstadium0815
10 Tage her
Antworten an  NordPole

Das sind die richtigen Worte. Danke dafür.