Bundeswehr gab 2019 mehr als 430 Millionen für private Wachdienste aus

Die deutsche Armee kann ihre Kasernen und Liegenschaften nicht mehr selbst schützen. Für rund 400 „Bewachungsrelevante Liegenschaften“ braucht sie etwa 8.000 private Wachleute. Weitere 300 Liegenschaften sind nur „baulich abgesichert“, etwa durch Alarmanlagen.

© David Hecker/Getty Images

Die sich bemüht pazifistisch gebende Wendehalspartei „Die Linke“ (vormals SED und PDS) hat mit der Bundeswehr wahrlich nichts am Hut. Auch wenn – oder gerade weil – ihre Vaterpartei SED vor (angeblich antifaschistischem) Militarismus nur so strotzte. Dennoch gelingt es der Links-Fraktion im Bundestag immer wieder, qua Anfrage an die Bundesregierung interessante Details zur Bundeswehr herauszukitzeln. Soeben hat die „Linke“-Fraktion des Bundestages von der Bundesregierung bzw. vom Verteidigungsministerium eine Antwort auf ihre am 18. Februar 2020 eingereichte „Kleine Anfrage“ zu „Privaten Wachdiensten in Bundeswehr-Kasernen“ erhalten.

Die Antwort der Bundesregierung ist erschreckend. Man kann sie wie folgt zusammenfassen: Die deutsche Armee kann ihre Kasernen und Liegenschaften nicht mehr selbst schützen. Für rund 400 „Bewachungsrelevante Liegenschaften“ braucht sie etwa 8.000 private Wachleute. Weitere 300 Liegenschaften sind nur „baulich abgesichert“, etwa durch Alarmanlagen.

Diese Praxis ist nicht ganz neu. 2014 waren für gewerbliche Wachunternehmen 236,6 Millionen ausgegeben worden, im Jahr 2019 waren es nun schon 431,6 Millionen Euro, wiewohl die Zahl der bewachten Liegenschaften sogar etwas gesunken ist: siehe.

Warum schafft es eine Armee wie die Bundeswehr nicht mehr, ihr Personal, ihre Gerätschaften und ihre Liegenschaften selbst zu schützen. Die Gründe liegen auf der Hand: Erstens wurde die „Mannstärke“ der Bundeswehr auf kaum mehr als 180.000 heruntergefahren. Diese Zahl setzt sich zusammen aus 53.000 Berufssoldaten, 120.000 Zeitsoldaten und etwas mehr als 8.000 freiwillig Wehrdienstleistenden. (Im Jahr der Wiedervereinigung waren es in der Summe 495.000 „Mann“). Zweitens: Mit dem handstreichartigen Aussetzen der Wehrpflicht 2010/2011 fehlten urplötzlich Wehrpflichtige, die zuvor einen erheblichen Teil des Wachdienstes geleistet hatten. Drittens wurde die Landesverteidigung hinter Auslandseinsätze angestellt.

Was sind die Folgen? Die Bundeswehr begibt sich in Abhängigkeiten. Das scheint politisch gewollt zu sein, wenn man sich allein anschaut, was eine Ministerin Ursula von der Leyen an externen Beratern angeheuert und dafür mehr als 200 Millionen Euro ausgegeben hat. Nicht umsonst nimmt der Verteidigungsausschuss, hier zugleich als Untersuchungsausschuss, dieses seit 2013 praktizierte Gebaren genauer unter die Lupe: siehe.

Eine weitere Folge ist, dass damit erneut eine Hoheitsaufgabe außerhalb parlamentarischer und soldaten- bzw. beamtenrechtlicher Kontrolle einem „outsourcing“ geopfert wird. Sicherheits- bzw. Geheimdienstrelevantes scheint da keine Rolle zu spielen. Man fragt sich, wofür wir denn überhaupt noch einen Staat haben. Das Verteidigungsministerium mag von „hohen Hürden bei der Auftragsvergabe“ an private Dienstleister sprechen, so Verteidigungsstaatssekretär Thomas Silberhorn (CSU). „Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mehrfach überprüft“, heißt es.

Es ist wie bereits wiederholt das alte Spiel: Der Fetisch „Privatisierung“, für den vor allem eine von Ende 2013 bis Mitte 2019 amtierende Verteidigungsministerin von der Leyen steht, hat der Bundeswehr mehr geschadet als so manche finanzielle Kürzung.


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Kommentare ( 83 )

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Beat.Buenzli
7 Monate her

180.000 Soldaten sind mehr als ausreichend um 400 Objekte zu sichern. Auch sollte man bei der Auswahl der Wachleuten sehr vorsichtig sein. Die Qualität der Wachleute, die wir von den Flüchtlingsunterkünften kennen, ist nicht ausreichend.

Andreas Sewald
7 Monate her

Als Zeitsoldat, der acht Jahre diesem Land gedient hat, ist nebem Vielem auch so manche soldatische Binsenweisheit hängengeblieben: Eine davon lautete: „Kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“. Die Aussetzung der Wehrpflicht hat dazu geführt, dass statt der Abschreckung immer weniger im Ernstfall mit einer Waffe umgehen können. Bis 1989, dem Jahr meiner Entlassung gab es min. 15. Millionen, die in der Verteidigung ausgebildet waren und diese Menge schreckt mehr ab als Umstandsmode für Soldatinnen oder Gendersensibilisierung. Das, was diese Politik aus einer Armee gemacht hat, ist ein Trauerspiel. Noch eine Binse. „Jedes Land hat eine Armee im Land. Entweder… Mehr

jansobieski
7 Monate her

Auch hier schlägt der Großteil der Bürger/ Wähler die Hände über dem Kopf zusammen und reibt sich ungläubig die Augen. Unfassbar ist, dass es überhaupt noch Wähler gibt, die dieser „Junta“ das Vertrauen aussprechen.

schukow
7 Monate her

Ob ein Wehrpflichtiger automatiach zuverlässiger ist, als der MA eines privaten Dienstleisters, würde ich bezweifeln. Ich frage mich eher, was das alles für verstreute Dienststellen sind, die man nicht in die nächste Kaserne verlegen kann. So wie ich den Barras einschätze, sind das > 90% alte bürokratische Zöpfe, deren Wegfall niemanden auffielen. Tackern, Lochen, Abheften dürfte das Einzige sein, was dort betrieben wird, Papierkrieg halt. Daran wird sich aber nichts ändern, der Kommiß lernt nur im Krieg und dann am meisten, wenn der verloren geht.

Sonny
7 Monate her

Die Arroganz, vorauszusetzen, dass Deutschland keiner wirksamen Verteidigung mehr Bedarf, ist an Dummheit nicht zu übertreffen. Und es beginnt ja schon sich zu rächen. Mal sehen, was der Sultan vom Bosporus sich noch so einfallen läßt.
Wenn es hier nochmal so richtig knallen sollte, sind wir zwar noch über die Nato einigermaßen geschützt, aber die Deutschen an sich völlig hilflos. Wir können ja dann mit Küchenmessern unser Leben verteidigen, sofern wir dazu überhaupt fähig wären.

Linda
7 Monate her

Was hat General Manfred Wörner, und späterer NATO-General, als Verteidigungsminister Falsch gemacht, dass nach ihm nur noch solche zu Verteidigungsminister ernannt wurden, die noch nie eine Kaserne von innen gesehen haben. Hat sich das nicht bewährt, Generäle zu Verteidigungsminister einzusetzen?

Wolodja P.
7 Monate her
Antworten an  Linda

Manfred Wörner war nicht General, sondern Oberstleutnant der Reserve. Er wurde dann zum Generalsekretär der NATO ernannt – Wörner, den ich einmal persönlich kennengelernt habe und der seiner Kompetenz wegen jeden Respekt verdient hat, sollte, wie ich das sehe, mit der ihm vom (unkündbaren, übernommenen) ministerialen Mittelbau untergejubelten Kießling-Affäre unmöglich gemacht werden. * Im übrigen: Die heutigen Generäle (zwei von ihnen habe ich als Leutnante kennengelernt) sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Männer wie Hoth und Manstein und andere, bei deren Besuch der Panzertruppenschule Munster (Lager) ich in der Ehrenformation stand, sind heute in Deutschland nicht mehr… Mehr

Peter Mueller
7 Monate her

Was für ein Armutszeugnis. Wir haben damals viele Stunden Wache schieben müssen – mit scharfen Waffen versteht sich und rund um die Uhr bei jedem Wetter. Das war nicht schön, gehört aber nun mal zu den Kernaufgaben einer Armee. Aber das war auch eine richtige, deutsche Armee und nicht so ein Haufen wie die BW.

schukow
7 Monate her
Antworten an  Peter Mueller

NVA oder Wehrmacht? — Ich mag »den Haufen« nicht beschimpfen. Die Troupiers können nichts für ihre militärische und politische Führung. Und in ganz Europa gibt es keine schlagkräftigen großen Verbände mehr. Das KSK ist so gut wie jede andere Spezialeinheit, die brauchen sich nicht zu verstecken. Gebirgs- und Fallschirmjäger würde ich auch als nach wie vor gut einschätzen, ob nun mit oder ohne Socken. Der Rest ließe sich in ein paar Jahren durchaus wieder auf Vordermann bringen, aber das will in Deutschland die Mehrheit nicht. Also lassen wir es bleiben.

Lars Boehme
7 Monate her

Irgendwohin muss ja das IS-Kopfab-Fachpersonal integriert werden. Warum nicht in die Boombranche „private security“ für das neue Wirtschaftwunder frisch aus der Presse der EZB….

Ralf Poehling
7 Monate her

Zitat:“Zweitens: Mit dem handstreichartigen Aussetzen der Wehrpflicht 2010/2011 fehlten urplötzlich Wehrpflichtige, die zuvor einen erheblichen Teil des Wachdienstes geleistet hatten.“ Das ist in zweierlei Hinsicht problematisch: 1. Wehrpflichtige stocken personell die Truppe auf. Wenn es keine Wehrpflicht mehr gibt, gibt es folglich keine Reserven mehr auf die man im Krisenfall zurückgreifen kann. 2. Wehrpflichtige (und ehemalige Zeitsoldaten) haben bis zum Wegfall der Wehrpflicht den Großteil des Personals des privaten Sicherheitsapparates gestellt. Mittlerweile ist dies nicht mehr der Fall. Musste man den Mitarbeitern früher ihren Dienst (aufgrund ihrer militärischen Vorerfahrung) in seinen Grundlagen kaum mehr erklären, ist dies heutzutage nahezu durchgehend… Mehr

Odysseus
7 Monate her

Wieder eine Illusion weniger. Habe als das wenige positive an der Abschaffung der Wehrpflicht gesehen, dass jetzt Ztler das Mun-Lager in Teisendorf mit seinen endlos langen Straßen im einsamen Wald, bei brütender Hitze und bitterer Kälte 24/7/365 bewachen müssen. Schließlich bestand eine Wache aus 18 Wehrpflichtigen und zwei Längerdienenden von 16 bis 16 Uhr. Darunter ich bei den längsten 15 Monaten meines Lebens etwa 30x. Wenn Sie jetzt schreiben, dass das Munitionsdepot evtl. von der Freilassinger Maibaumwache in deren Freizeit beschützt wird, wie sieht es da mit der militärischen Dienstpflicht aus? Wird die auch Vergattert: Ihr wißt, wenn einer über… Mehr