Angela Merkel – Die „kalte“ Kanzlerin und das niedliche Flüchtlingsmädchen

Reem, das hübsche und sympathische Mädchen palästinensischer Abstammung, weint, nachdem es der Kanzlerin in perfektem Deutsch die Angst vor ihrer Abschiebung geschildert hat. Und Angela Merkel? Sie erklärt der Zwolfjährigen, dass Deutschland nicht alle Menschen aufnehmen kann, die aus der ganzen Welt zu uns kommen. Und dann streichelt sie das aufgeregte und aufgelöste Mädchen. Die Reaktion in den Medien und im Internet ist einhellig: Wie kann Merkel nur so kalt sein?

Natürlich hätte Merkel ganz anders reagieren können. Sie hätte, was Politiker gerne tun, einfach zu dem Mädchen sagen müssen: „Schreib mir doch deinen Namen und deine Adresse auf. Ich kümmere mich persönlich um deinen Fall.“ Dann hätten ihre Beamten im Kanzleramt zusammen mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge irgendwie die Gesetze zurechtbiegen und irgendwie einen Härtefall konstruieren können. Und alle Gutmenschen hätten vor dieser empathischen Kanzlerin den Hut gezogen – jedenfalls für einen kurzen Moment.

Nun leben wir nicht in einer Bananenrepublik, in der die Herrscherin oder der Herrscher mal eben lieber Gott spielen: Mein Wille geschehe. Nein, wir leben – Gott sei Dank – in einem Rechtsstaat, in dem selbstverständlich auch die Regierungschefin an Recht und Gesetz gebunden ist. Nach den geltenden Regeln wird eben nur circa 40 Prozent der Asylbewerber gestattet, hier zu leben. Alle anderen müssen zurück – jedenfalls theoretisch. Das führt zu Härtefällen, vor allem dann, wenn Asylbewerber nach vielen Jahren des Wartens hier eigentlich schon gut integriert sind. (Dass viele Asylbewerber die Zeit der Ungewissheit durch Ausschöpfung aller Rechtsmittel selbst in die Länge ziehen, ist ebenfalls eine Tatsache.)

Vielleicht hätte die Kanzlerin andere Worte finden können. Aber das hätte am grundsätzlichen Problem nichts geändert: dass Reems Familie offenbar nicht die Voraussetzungen für ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht erfüllt. Einer Regierungschefin jedoch vorzuwerfen, dass sie in einer emotional bewegenden Situation vor laufender Fernsehkamera ihre Haltung beim Thema Asyl nicht ändert, verrät schon ein hohes Maß an Unaufrichtigkeit.

Wer vermeiden will, dass deutsche Politiker jemals mit einem anrührenden Schicksal wie dem der kleinen Reem konfrontiert werden können, müsste deshalb für uneingeschränkte Freizügigkeit eintreten: Lasst sie alle zu uns kommen, auch die, die nicht vor Verfolgung oder Krieg fliehen, sondern denen es „nur“ um ein besseres Leben geht. Wer das will, möge bitte auch sagen, was das das kosten wird. Genau dies aber vermeidet die „Lasst-alle-kommen“-Fraktion: weil sie eine ehrliche Auseinandersetzung über die Möglichkeiten und Grenzen unserer Aufnahmebereitschaft scheut.

Deshalb ist die Kritik an Merkels Verhalten gegenüber dem weinenden Mädchen unehrlich, nein: verlogen.

 

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