Es wird einem fast schwindelig, wenn man den schnellen Absturz in Ansehen und Vertrauen beobachtet, den der 44. US-Präsident Barack Obama erleidet: Es mag ihm nichts gelingen.

Das Folterlager Guantanamo weiter in Betrieb, die Staatsfinanzen zerrüttet, die Wirtschaft lahm, die Kriege im Irak und Afghanistan immer blutiger. Die erste Nachwahl verloren, die Gesundheitsreform stockt, seine Friedensinitiativen stoßen auf die kalte Ignoranz in Moskau und Teheran.

VON Roland Tichy | Sa, 23. Januar 2010

Das Undenkbare wird geplant: Wie kann ein Land aus dem erlauchten Kreis der Euro-Währungsunion ausgeschlossen werden? Wer darf oder muss die Europäische Union verlassen, was passiert, wenn ein kleines, zwei mittlere und ein großes europäisches Land den Staatsbankrott erklären? In Brüssel und den europäischen Hauptstädten werden Rechtsgutachten erstellt, und es wird über milliardenschwere Hilfspakete nachgedacht. Im Jahre zwölf ihres Bestehens droht die gemeinsame Währung, der Euro, zu platzen, und dabei geht es nicht nur um ein bequemes Zahlungsmittel, das Touristen den mühseligen Geldumtausch beim Städtetrip nach Athen erspart: Schon bloßes Gerede über eine Währungskrise zerstört das Vertrauen, vernichtet Arbeitsplätze und führt zu politischen Spannungen.

VON Roland Tichy | Sa, 16. Januar 2010

Stell dir vor, alle kriegen mehr Geld – und keiner will es. Sie halten so viel Bescheidenheit für unwahrscheinlich? Die aktuelle politische Debatte zeigt genau das. Da werden Steuern gesenkt – und ein Aufschrei des Protestes geht durch das Land. Sogar führende Mitglieder der Regierungsparteien verurteilen die eigene Reform.

VON Roland Tichy | Sa, 9. Januar 2010

Eine Art Buchstabenrätsel stand vor einem Jahr an dieser Stelle: Entwickelt sich die Wirtschaft wie ein V, U oder L – also schneller Abriss und ebenso schnelle Erholung in Form eines V; lange Rezession oder gar jahrzehntelange Depression?

Seit Sommer wächst die Wirtschaft wieder. Aber aus dem Keller fährt kein Aufzug ans Licht, das V wirkt zittrig – schwungvoll geht anders. Der Export ist die Wachstumslokomotive – aber die Lok ist zu schwach, um Bau und Investitionen mitzuziehen. Die Angst vor Arbeitslosigkeit wächst – und deshalb sind die Einkaufspassagen voller Schaulustiger, aber die Einkaufstüten im Weihnachtsgeschäft so auffallend schlank.

VON Roland Tichy | Sa, 19. Dezember 2009

Wir lieben Griechenland als Wiege der europäischen Kultur – aber müssen wir deshalb Athens ungeheuerliche Schlamper-Schulden bezahlen? Wie lange ertragen wir Trittbrettfahrer, die allerdings nicht draußen am Zug hängen, sondern im Führerstand fummeln. Wie lange überlassen wir Europa denen, die sich aus den tiefen Taschen bedienen und wie Rumänien und Bulgarien damit doch nur die Korruption befeuern? Wieso gewähren wir Großbritannien Jahr für Jahr fünf Milliarden Euro Beitragsrabatt und nehmen hin, dass London jede Vertiefung der Vereinigung torpediert, weil sein Ziel nur eine kontinentaleuropäische Freihandelszone ist, die für die Raubzüge seiner Boni-Banker offenstehen soll.

VON Roland Tichy | Sa, 12. Dezember 2009

Nun platzt also die Dubai-Blase, wird der Traum von 1001 Nacht zur abgewrackten Shoppingmall. Scheich Mohammed bin Raschid al Maktum hat sein Emirat verzockt, und mit ihm bangen nun Banken und Investoren um ihre Milliarden. Eigentlich hätte man es ja gleich wissen können – die Arabische Halbinsel ist einer der lebensfeindlichsten Orte der Welt, und die hochgejubelten künstlichen Inseln aus Sand und Schlick haben den Charme von Sträflingskolonien. Angepriesen wurde das als Urlaubsparadies im XXL-Format, bombastisch-fantastisch.

VON Roland Tichy | Sa, 5. Dezember 2009

Es ist schon eine verkehrte Welt: Jeder, mit dem man spricht, erwartet massive Inflation. Die Statistiken sprechen eine andere Sprache – je nachdem, welche Statistik man zum Lügen bringt, signalisieren sie das Gegenteil: Es drohen Deflation und sinkende Preise. Regierung und Notenbank in Japan warnen vor einer Beschleunigung der Preis-Abwärtsspirale. Inflation und Deflation sind ein Gegensatzpaar, erfordern konträre Verhaltensweisen, haben jeweils andere Gewinner und Verlierer: Bei Deflation gewinnen die Konsumenten.

VON Roland Tichy | Sa, 28. November 2009

Höchste Vorsicht, wenn Sie Wörter wie „solidarisch“, und „nachhaltig“ in Zusammenhang mit Sozialpolitik hören. Dann geht es darum, dass Leute, die es nicht brauchen, viel Geld von denen kriegen, die es nicht haben, und so der Sozialstaat nachhaltig ruiniert wird. Eigentlich ist der Sozialstaat eine der wertvollsten Erfindungen Kontinentaleuropas. Aber er wird zerstört von denen, die sich als seine Freunde ausgeben – den Sozialpolitikern aller Parteien. 

VON Roland Tichy | Sa, 21. November 2009

Wie geht’s uns denn eigentlich – rauf oder runter? Die Antwort auf die banale Frage ist entscheidend, weil in diesen Tagen viele Unternehmen Geschäftspläne und Investitionsvorhaben für das kommende Jahr noch einmal überprüfen. Wenn alle dasselbe tun, addieren sich Pessimismus und schlechte Laune schnell zu einer Rezession, weil sich alle gegenseitig in den Bankrott stornieren. Allgemeiner Optimismus und gute Laune dagegen erzeugen das, was dann die Konjunkturlyrik einen selbsttragenden Aufschwung nennt.

VON Roland Tichy | Sa, 14. November 2009

Ein Gutes hat ja dieser Tsunami an DDR-Reportagen, Mauerbildern und Wendezeit-Beichten, der aus allen Fernsehern und Medien schwappt: Immer wieder sieht man noch einmal die graugiftigen Industrieruinen, in denen damals irgendwie irgendwas zusammengebastelt wurde, unter grausamer Ausbeutung von Menschen und Umwelt; die tristen Städte, stinkenden Trabis und deprimierenden Fließbänder, an denen freudlose Frauen in Kittelschürzen stehen; die bröckelnden Hausfassaden im alten Ost-Berlin mit den musealen Reklameaufschriften aus den Dreißigerjahren und den niemals reparierten Einschusslöchern der Schlacht um Berlin.

VON Roland Tichy | Sa, 7. November 2009

Wir werden Busfernlinienverkehr zulassen – dieser Satz findet sich etwas unvermittelt auf Seite 37 des 132 Seiten langen Koalitionsvertrages. Es ist ein Schmankerl für Feinschmecker der Verkehrspolitik, denn man glaubt es eigentlich nicht, dass in Deutschland so etwas scheinbar Selbstverständliches wie eine Buslinie zwischen Köln und München verboten ist – zum Schutz der Bahn. Das Beispiel zeigt auch, wie schwer es ist, in diesem Land 60 Jahre nach Ludwig Erhard etwas mehr Marktwirtschaft zu verwirklichen.

VON Roland Tichy | Sa, 31. Oktober 2009

Die Debatte um Koalitionsvereinbarung und Steuersenkungen offenbart, welche unterschiedlichen Gesellschaftsvorstellungen in Deutschland herrschen. Eine große, linke Mehrheit bis weit hinein in die Union hat stillschweigend eine autoritäre Vormachtstellung des Staates akzeptiert. Erst müsse der Staat seinen Ausgabenumfang und Finanzbedarf festlegen – erst danach könne überhaupt über Steuersenkungen nachgedacht werden.

VON Roland Tichy | Sa, 24. Oktober 2009

Die Überraschung beim diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis ist: Mit Elinor Ostrom und Oliver Williamson wurden Forscher ausgezeichnet, die sich der Ordnungsökonomie verschrieben haben. Es ist eine marktwirtschaftlich geprägte Denkschule, mit der aus Deutschland stammenden Ordnungspolitik eng verwandt. Ordnungspolitik? War da nicht mal was? Lehrstühle, die sich damit befassen, werden an deutschen Universitäten gerade als vermeintlich unwissenschaftlich einkassiert. In Politik und veröffentlichter Meinung dominiert weiterhin der schlichte Glaube an einen primitiven Staatsinterventionismus. 

VON Roland Tichy | Sa, 17. Oktober 2009

Es ist das Lieblingsspiel der deutschen Politik: Umverteilung. Dem einen nehmen, dem anderen geben. Von den Besserverdienern zu den Wenigerverdienern. Von Berufstätigen zu Erwerbslosen, von Berufstätigen zu Rentnern und Pensionären. Dass die jungen starken Schultern mehr tragen müssen als die alten schwachen – einverstanden. Allerdings werden die heutigen Rentenbeitragszahler mehr einzahlen, als sie jemals herausbekommen – den Gestrigen wird gegeben, den Morgigen genommen. Das Geburtsdatum entscheidet über Gewinn oder Verlust im Rentenlotto. Es wird umverteilt von West nach Ost wegen Wiedervereinigung, von Hessen nach Bremen wegen „Länderfinanzausgleich“.

VON Roland Tichy | Sa, 10. Oktober 2009

Deutschland erlebt eine Art „ Konsumkarneval “, sagt der Psychologe Stephan Grünewald. Der Karneval ist das Fest der letzten Stunde, man weiß bereits, dass die Stunde des Fastens, des Verzichts unvermeidbar ist. „Aber vorher will man es noch mal so richtig krachen lassen“. Verschafft uns die Politik noch einmal so etwas wie eine außertarifliche Karnevalsverlängerung, oder müssen wir unters Aschekreuz kriechen? Wird die Politik den Mut zu Veränderungen haben?

VON Roland Tichy | Fr, 2. Oktober 2009

Die Stadt Dortmund hat traurige Berühmtheit durch ihren Oberbürgermeister erlangt, der am frühen Morgen nach der Kommunalwahl zugeben musste, dass in der Stadtkasse 100 Millionen Euro fehlen – eine krasse Wählertäuschung. Am Morgen nach der Bundestagswahl ist ganz Deutschland ein einziges großes Dortmund: Auch in Berlin wird die neue Koalition nach einem Kassensturz schnell einräumen müssen, dass der deutsche Steuer- und Sozialstaat am Ende ist. 

VON Roland Tichy | Sa, 26. September 2009

Wer immer die Bundestagswahl gewinnt – der Job des Bundesfinanzministers wird grausam: Er wird Steuern erhöhen und sparen müssen. Nur – wo? Lassen Sie uns zwei Alternativen durchspielen – sparen bei Hartz IV oder bei den Subventionen für die Solarenergie?

VON Roland Tichy | Sa, 19. September 2009

Der Nobelpreisträger Milton Friedman hat uns um die Weisheit bereichert: „There’s No Such Thing as a Free Lunch“ – frei in meine bairische Herkunftswelt übersetzt: Selbst fürs Freibier zahlt irgendjemand den vollen Preis. 

VON Roland Tichy | Sa, 12. September 2009

In Krisenzeiten werden die Landkarten der Macht neu gezeichnet. Gewaltige Vermögen wie das von Madeleine Schickedanz, erworben von den Eltern im Wirtschaftswunder, zerfallen im Zeitalter der Subprime-Papiere zu Staub. Ein diskretes Haus wie die feine Bank Sal. Oppenheim muss die Bücher neuen Geldgebern öffnen. Maria-Elisabeth Schaeffler gelingt die Übernahme von Conti – oder sie wird, auch mithilfe der dortigen Politik, in Hannover vom Hof gejagt. Die Piëchs und Porsches haben die Klitsche Porsche preisgegeben und sich beim Riesen VW breitgemacht.

VON Roland Tichy | Sa, 5. September 2009

Die Weltwirtschaft heute – das ist wie Schiffsschaukelfahren auf dem Rummelplatz: Mit Schwung hinab, unten wird’s dir flau im Magen, und dann wieder mit Karacho hinauf, dass die Mädels anständig kreischen. Ich will ja hier nicht den grantigen Spaß- oder Schiffsschaukel-Bremser machen, aber mir geht das zu schnell. 

VON Roland Tichy | Sa, 29. August 2009