„Inside CDU“: Hagel-Schaden und Nahtod-Erfahrung

Die erste Staffel der ZDF-Dokureihe über den Untergang der CDU zeigte den Aufbruch, die zweite nun ist der Abgesang. Der Titel „Inside“ verspricht dabei mehr, als die Filme halten: Man sieht nur die Oberfläche, nicht das Innere der Krise. Lustig ist es trotzdem. Der zweite Teil der Rezensionsreihe von Brunhilde Plog

Screenprint: ZDF / Inside CDU

Jede Folge dieser launigen Doku-Reihe sorgt für ein ganz eigenes Wechselbad der Gefühle. Unerträgliches wechselt ab mit schier Unerträglichem, Absurdes mit völlig Absurdem, Lachhaftes mit absolut Lächerlichem. In der ersten Folge „Rehbraun“ geht es um die Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt – die Schockstunden der CDU, ihre Halbierung durch die AfD. Die zweite Folge „Retro“ beleuchtet den kurzen Hoffnungsschimmer nach dem überraschend guten Ergebnis in Rheinland-Pfalz trotz der hölzernen Wahlkampfauftritte des Friedrich Merz. Der Kanzler kann immerhin noch in den Zustimmungswellen auf dem Parteitag baden. Doch draußen auf der Straße gellt es ihm bereits entgegen: „Du verdammter Lügner.“

Immer für einen Lacher gut ist Markus Söder. Der bayerische Ministerpräsident ist zu sehen, wie er „Sweet Caroline“ singt. Oder sagen wir mal so: wie er mit dem Lied etwas anstellt, was er offenbar für Singen hält. Söder steht dafür sogar in einem Tonstudio am Mikrofon. Ein wirklich schaurig unterhaltsames Bild. Es scheint im Umfeld des Bayern-Machthabers niemanden mehr zu geben, der es wagt, Söder vor einer solchen Selbstdemaskierung zu warnen.

Brandmauer
Die Spaltung unserer Gesellschaft in der Mitte
Söder, der Meister des Opportunismus, das Fähnlein Fieselschweif auf den Spuren des Mainstream, der Mann, der immer weiß, woher der Wind gerade weht, der sich für keine noch so plumpe Anbiederung, keine Halsverdrehung und keine Meinungspirouette jemals zu schade wäre, dieser Söder kommt noch ein weiteres Mal vor, und das noch prachtvoller. Da sitzt er am Tisch und setzt betont lässig zu einem Toast auf Käpt’n Kirk von der Enterprise an. Er beteuert, er sei ja so ein großer Fan des Darstellers „William Shantner“, der heute Geburtstag habe. Und wieder gibt es niemanden, der Söder sagt, dass der Mann gar nicht Shantner, sondern Shatner heißt. Und dass er das als vermeintlicher Riesenfan besser mal wissen sollte. Stattdessen wird das Video samt Fehler in die Sozialen Netzwerke geschossen. Könnte Scotty das sehen, er würde Söder wohl sofort auf die Oberfläche irgendeines leeren Planeten beamen, den nie ein Mensch zuvor gesehen hat und niemals einer sehen wird.

Das sind so etwa die Gedanken, die dem Zuschauer bei Rotwein und Käse und einer Dosis „Inside CDU“ durch den Kopf gehen. Das Panoptikum der Pannenmacher dauert jeweils nur 45 Minuten pro Folge. Aber manches muss man doppelt schauen, weil man beim ersten Mal einfach zu laut gelacht hat.

Auf X und in den anderen sozialen Netzwerken wird die Doku zum Selbstläufer der Lächerlichkeit. Carsten Linnemann ist zu sehen, wie er sich auf TikTok präsentiert, superlässig, locker vom Hocker – „bis dahin, ciao ciao!“ Doch über allem schwebt ständig das große blaue Schreckgespenst: die AfD und ihr Siegeszug quer durch die Republik.

Münchhausen lässt grüßen
Wie die politische „Garagenfirma AfD“ die Etablierten herausfordert
„Was wir jetzt sehen, sind keine ostdeutschen Phänomene“, sagt Manuel Hagel, CDU-Spitzenkandidat in Baden-Württemberg. Das Problem hat er frühzeitig im eigenen Wahlkampf erkannt. Apropos erkennen. Das ist Hagels eigentliches Problem. Keiner kennt ihn, keiner erkennt ihn, wenn er an einem Wahlkampfstand herumsteht. Das ändert sich schlagartig, als ein acht Jahre altes Video auftaucht. Von einem Tag auf den anderen ist er sogar über die Grenzen seines eigenen Bundeslandes hinaus bekannt. Weil er seinerzeit als verheirateter Mann etwas zu schockverliebt von einer jungen Schülerin schwärmte, die er gerade getroffen hatte: „Eva, braune Haare, rehbraune Augen“. Der alte Ausrutscher vor der Kamera eines Lokalsenders verbaselt ihm jetzt die letzten Chancen auf den Ministerpräsidenten-Posten. Der Grüne Cem Özdemir gewinnt. Ein weiterer, herber Rückschlag für die CDU. Ein Hagel-Schaden, sozusagen.

Die erste Staffel der Doku war noch Aufbruch. Doch die zweite ist der Abgesang – und das ZDF hat einfach alles brav mitgedreht. Die CDU schmiert auf allen Ebenen ab. Sie ist entkernt, versteht die Wähler nicht mehr und hält an einer Brandmauer fest, die sie selbst zur Geisel macht, während um sie herum plötzlich ganz neue Koalitionen möglich sind.

Handwerklich ist die Serie solide, cineastisch aufpoliert, mit den üblichen Expertenstimmen. Doch die Experten sind alle aus demselben Stall. Es kommen nur Journalisten des Mainstream zu Wort, die die AfD ausschließlich als „Problem“ darstellen. Die neuen Medien finden – wir sind schließlich im ZDF – selbstverständlich keinen Platz.

Polit-Podcaster Robin Alexander und die anderen Journalisten beschreiben eine Gesamtlage, die noch für keinen Kanzler und keine Partei so schwierig gewesen sei. Die Doku zeigt das, ohne es wirklich zu analysieren. Sie filmt die Ratlosigkeit, schaut in die politische Intensivstation, doch Erkenntnisse sind Mangelware. Diagnose ja, Therapie nein. Nur jede Menge greifbare Hilflosigkeit.

Frust über Friedrich Merz wächst
Das Ende der Unionsfraktion: Als Fraktion der Volkskammer würde sie taugen
Carsten „Einfach mal machen“ Linnemann erlebt sein Debakel bei einer Veranstaltung in Paderborn. Eigentlich wollte er Musik und gute Laune bieten, inklusive Vicky Leandros. Doch es stellt sich heraus, dass die Leute lieber über Inhalte geredet hätten. Linnemann geht mit dem Mikro durchs Publikum. „Wir hatten von Ihnen erwartet, dass wir über die Probleme von Deutschland sprechen, über gute Vorschläge und über Lösungen. Und das ist hier echt zu kurz gekommen.“ sagt ein Zuschauer.

Linnemann kann das nachvollziehen. „Ich öffne Ventile“, sagt er dem Kamerateam später, „weil mir geht‘s ja genauso. Ich bin auch nicht zufrieden.“ Man ist geneigt, ihm diese Ehrlichkeit abzunehmen. Aber warum er dann trotzdem solch seichte Veranstaltungen macht, bleibt offen.

Das Koalitionstreffen in der Villa Borsig wird bei Inside ebenfalls thematisiert. Der Kanzler der zweiten Wahl soll dort seinen Vize Lars Klingbeil angeschrien haben. Die Nerven liegen blank bei der CDU. Oder, wie Veit Medick (Stern) es formuliert: „Eine politische Nahtod-Erfahrung für Friedrich Merz und die gesamte Koalition.“

Wenn er an seine Partei denkt, wird Linnemann nachdenklich: „Ich würd’ nicht sagen, existenziell, aber die ist nicht ungefährlich, die Lage.“

Kanzler bleiben als einziges Ziel
CDU: Rechts antäuschen und Links tun lassen, was es will
„Durchboxen und nicht Duchschwätzen“, ruft der Boxtrainer, bei dem Landtagskandidat Andreas Renner zum Wahlkampftermin erscheint. Sein Auftritt steht sinnbildlich für die Situation der CDU. Statt zu tänzeln, schleicht er durch den Ring wie ein Chamäleon: leicht nach vorn gezuckt, leicht wieder zurück, dann wieder leicht vor. Die Arme dabei immer hölzern in der Luft. Und zack, schon setzt es die nächste Schelle vom Sparringspartner. Sanft natürlich, eigentlich eher angedeutet. Ein Tupfen – sagen wir, wie es ist. Das Gesicht wird ja schließlich noch für den Wahlkampf gebraucht. Aber fest steht: Der Kandidat kann hier keinen Treffer landen.

Renner wirkt nicht unsympathisch, nicht gekünstelt, eher etwas gutgläubig. Er wollte eigentlich Musical-Sänger werden, erzählt er dem Doku-Team im Auto. Jetzt fährt er für die Untergangspartei singend durchs Land, von Ort zu Ort, klopft an die Haustüren und steht auf den Marktplätzen. Dann spult er seine Textbausteine herunter, und fragt alle, ob ihnen denn „irgendwas unter den Nägeln brennt“. Dann bitte unbedingt Bescheid sagen, jederzeit.

Die Antworten sind knallhart. Einer winkt gleich ab: „Die CDU wähle ich nicht mehr.“ „Was wünschen Sie sich denn von uns?“ fragt Renner einen anderen Passanten. Der antwortet: „Dass ihr alle weg seid. Ihr habt so oft gelogen.“

Teil zwei „Retro“ folgt.

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