Im Dezember endet die Sendung, die Jan Böhmermann zum öffentlich-rechtlichen Großdiffamierer machte. Angeblich plane man gemeinsam andere Formate. Böhmermanns Karriere erzählt zugleich die Geschichte eines ZDF, das politische Grenzüberschreitungen deckte und inzwischen selbst unter wachsenden Druck gerät.
picture alliance/dpa | Rolf Vennenbernd
Am 18. Dezember 2026 soll die letzte Ausgabe des „ZDF Magazin Royale“ über die Bildschirme laufen. Der Jubel in den sozialen Medien über die Nachricht brandete hoch. Nach mehr als sechs Jahren und 187 Sendungen beendet das ZDF das bisherige Format. Weiter hinten in Beitrag der BILD dann in etwas kleinlauterem Ton, dass Jan Böhmermann aber schon noch weitermachen wolle mit dem ZDF. Teilt sich aber schlechter, wenn man das in den Titel packt. Eben Clickbait-Könige. Böhmermann selbst erklärt, er wolle „noch mal eine andere Sendung machen“, Programmdirektorin Nadine Bilke spricht von „guten Gesprächen“ über ein neues Konzept. Hurra, alles tutti. Weiter geht’s.
Die offizielle Mitteilung verbreitet Abschiedsharmonie, der senderinterne Vorlauf klingt erheblich ungemütlicher. Schon Ende 2025 erhielt Böhmermann nur noch einen Vertrag für ein Jahr. Zuvor hatte die Vereinbarung drei Jahre umfasst. Die regulären Ausgaben wurden von 33 auf 22 gestutzt, seine Exklusivbindung an das ZDF lief aus. Das Medienmagazin DWDL berichtete damals unter Berufung auf Informationen aus dem Sender, das ZDF sei mit der „journalistischen Qualität einzelner Sendungen unzufrieden“ gewesen und habe sich von der geringeren Taktung mehr Qualität versprochen. Ein Jahr später wird das Format nun ganz eingestellt.
— Ralf Höcker (@Ralf_Hoecker) September 18, 2026
Der Ärger im ZDF begann lange vor dem Aus
Michael Hanfeld berichtet in der FAZ nun über einen Vorgang, der unmittelbar vor der Bekanntgabe des royalen Sendungsendes spielte. Medienanwalt Christian Schertz hatte Intendant Norbert Himmler wegen einer Ausgabe geschrieben, die sich mit der Trennung von Collien Fernandes und Christian Ulmen sowie der damaligen Berichterstattung darüber beschäftigte. Schertz vertritt Christian Ulmen juristisch. Auch Böhmermann hatte Schertz in der Vergangenheit vertreten.
In der kritisierten Sendung griff Böhmermann auf eine alte Figur aus seinem eigenen Fernsehkosmos zurück: den „Scherzanwalt Dr. Christian Witz“, seit Jahren gespielt von dem kleinwüchsigen Schauspieler Manni Laudenbach und als Persiflage auf Schertz angelegt. Diese Figur ist allerdings keineswegs neu, Schertz hatte schon 2015 erzählt, er habe die damalige Darstellung laufen lassen und letztlich als Kompliment empfunden. In der April-Sendung 2026 habe die ganze Sache für ihn dann allerdings einen anderen Charakter bekommen. Der „Scherzanwalt“ wurde fortwährend mit Geld überschüttet, Schertz sah durch die Verbindung von Körpergröße, Lächerlichkeit und Gier eine persönliche Herabsetzung. Hinzu kam ein sachlicher Streitpunkt. Böhmermann hatte erklärt, Schertz wolle dem „Spiegel“ etwas untersagen lassen, was dieser gar nicht getan habe. Das Oberlandesgericht Hamburg untersagte dem „Spiegel“ im Juni tatsächlich, den Eindruck zu erwecken, Ulmen habe sexualisierte Deepfakes seiner damaligen Frau erstellt oder verbreitet.
Schertz fragte Himmler anschließend schriftlich, ob Böhmermanns Darstellung dem journalistischen Anspruch des ZDF genüge, und stellte eine Programmbeschwerde in Aussicht. Die von ihm gesetzte Frist von zwei Wochen lief ausgerechnet an jenem Freitag ab, an dem das ZDF das Ende des „Magazin Royale“ bekanntgab. Kann Zufall sein oder aber auch ein fetter Tropfen zu viel, der das Fass zum Überlaufen brachte, so dass ein Deckel drauf geschraubt wurde. Ein konkreter Zusammenhang ist ausdrücklich nicht belegt.
Vom Varoufake zum Staatsaffären-Satiriker
Die Liste der langen Konflikte im ZDF- und Böhmermannschen Universum reicht mehr als ein Jahrzehnt zurück. 2015 brachte Böhmermann mit dem „Varoufake“ einen großen Teil der deutschen Medienwelt durcheinander. Ausgangspunkt war das berüchtigte Video des damaligen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis, der bei einem Vortrag den Mittelfinger gezeigt hatte. Böhmermann präsentierte anschließend eine aufwendig produzierte Geschichte, nach der sein Team den Finger nachträglich in das Video montiert habe. Diese Behauptung war selbst die Fälschung. Der Mittelfinger im ursprünglichen Video war echt. Die Aktion wurde als Medienexperiment gefeiert und mit einem Grimme-Spezialpreis ausgezeichnet, dem noch weitere folgen sollten. 2016 folgte der „Verafake“: Böhmermanns Redaktion schleuste zwei Schauspieler in die RTL-Kuppelsendung „Schwiegertochter gesucht“ ein und dokumentierte die Produktionsmethoden hinter der Sendung, quasi Wallraff für arme. Im selben Jahr kam der Vorgang, der aus dem ZDF-Komiker endgültig eine politische Figur machte. Böhmermann trug sein „Schmähgedicht“ über Recep Tayyip Erdoğan vor, versehen mit drastischen sexuellen Beschimpfungen und dem erklärten Zweck, den Unterschied zwischen zulässiger Satire und unzulässiger Schmähung vorzuführen. Das ZDF entfernte den Beitrag aus der Mediathek und erklärte damals, die Passage entspreche nicht seinen Qualitätsvorstellungen. Strafrechtlich wurde das Verfahren eingestellt., zivilrechtlich untersagten die Gerichte Teile des Gedichts.
Die Causa beschäftigte sogar die Bundesregierung und führte zur späteren Abschaffung des alten Majestätsbeleidigungs-Paragrafen 103. Böhmermann war danach einer der bekanntesten Medienleute Deutschlands.
Böhmermanns Internet-Armee
2018 bildete Böhmermann mit „Reconquista Internet“ eine eigene Online-Truppe samt Discord-Server. Er kündigte Listen mit Pseudonymen sowie Facebook- und Twitter-Konten angeblich rechter Aktivisten an und rief dazu auf, diese zu „blocken, melden, mit Liebe zu überschütten“. Später kursierten Blocklisten mit mehr als 1.000 Accounts; darunter standen neben AfD-Abgeordneten. Journalisten und Publizisten wie Roland Tichy. Beim ZDF liefen zahlreiche Beschwerden ein. Intendant Thomas Bellut erklärte damals, die auf Böhmermanns privatem Twitter-Konto verbreiteten Listen lägen nicht in der redaktionellen Verantwortung des Senders. Erledigt, der Mann mit der ZDF-Reichweite im Rücken genießt Narrenfreiheit. Aus dem Fernseh-Satiriker war der Organisator einer digitalen Kampagne geworden, die politische Gegner gleich stapelweise zur Blockierung selektierte. Auch die FDP feierte Böhmermann damals geradezu frenetisch für diese „Army of Love“. Das muss man für den weiteren Verlauf unbedingt weiter im Kopf behalten.
Ibiza: Böhmermann wusste Bescheid, bevor es in Österreich brannte
2019 spielte Böhmermann eine ungewöhnlich frühe Rolle in der Affäre, die Österreichs Regierung sprengte. Bereits Mitte April, Wochen vor Veröffentlichung des Ibiza-Videos, entschuldigte er sein Fernbleiben von der Romy-Verleihung mit der Bemerkung, er sitze „mit ein paar FPÖ-Geschäftsfreunden in einer russischen Oligarchenvilla auf Ibiza“ und verhandle über die Übernahme der „Kronen-Zeitung“. Genau darum ging es in den heimlich aufgenommenen Gesprächen Heinz-Christian Straches und Johann Gudenus’ mit einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte. Einen Tag vor der Veröffentlichung legte Böhmermann noch nach: „Kann sein, dass morgen Österreich brennt.“ Sein Manager bestätigte anschließend, dass Böhmermann von dem Video gewusst hatte.
Am 17. Mai veröffentlichten „Süddeutsche Zeitung“ und „Spiegel“ Ausschnitte des Videos. Einen Tag später trat Strache als Vizekanzler und FPÖ-Chef zurück, Gudenus legte ebenfalls seine Ämter nieder. Bundeskanzler Sebastian Kurz beendete die Koalition, wenige Tage später zerfiel die gesamte FPÖ-Regierungsriege; anschließend kam es zu Neuwahlen. Böhmermann hatte das Material nicht veröffentlicht. Seine erstaunlich präzisen Anspielungen Wochen zuvor zeigen jedoch, wie nah er an einer Affäre war, die kurz darauf die österreichische Innenpolitik erschütterte.
Aus Satire wird politische Säuberungsarbeit
Aus Provokation wurde mit dem Wechsel ins ZDF-Hauptprogramm zunehmend ein politisches Geschäftsmodell, in dem persönliche Herabsetzung und politische Diffamierung immer größeren Raum bekamen. Ende 2020 griff Böhmermann den großen WDR-Streit um „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“ wieder auf. Seine Sendung ließ einen Kinderchor „Meine Oma 2.0“ singen. Die fiktive Großmutter leugnete Corona, bewegte sich in Telegram-Gruppen und stürmte in Schwarz-Weiß-Rot den Reichstag; am Ende lag sie mit einem Tracheostoma im Koma und starb. Das ZDF selbst verbreitete das Video unter der Überschrift „WDR-Kinderchor feat. Jan Böhmermann“.
Zwei Jahre später nahm sich Böhmermann Fynn Kliemann und dessen Maskengeschäfte vor. Nach der Sendung leitete die Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein. Der Betrugsvorwurf erhärtete sich nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft nicht; das Verfahren wurde gegen Zahlung von 20.000 Euro eingestellt. Sein Anwalt Christian Schertz beklagte damals bereits die öffentliche Vorverurteilung seines Mandanten.
2021 nahm Böhmermann auch „Cicero“ ins Visier. Auf Twitter fragte er mit Blick auf Hotels, in denen kostenlose Exemplare des Magazins auslagen: „Wer sagt denen eigentlich Bescheid, dass das keine so gute Idee mehr ist?“ Der „Zeit“-Journalist Jochen Bittner griff den Satz kurz darauf in einem offenen Brief auf und warf Böhmermann vor, sich vom Aufklärer zum „Diskurspolizisten“ entwickelt zu haben. Der Vorgang passte in ein Muster: Böhmermann begnügte sich zunehmend damit, Medien und Personen politisch zu markieren; mit seiner Millionenreichweite stellte er zugleich die Frage in den Raum, ob deren Verbreitung überhaupt noch erwünscht sei.
Im Sommer 2022 erklärte Böhmermann das rote Apotheken-A wegen seiner Frakturschrift zum NS-Erbe. Die Pointe ging historisch schief: 1941 ließ das NS-Regime Fraktur aus dem offiziellen Gebrauch verdrängen. Das heutige Zeichen mit Schlange und Kelch stammt zudem erst aus dem Jahr 1951.
Schönbohm: Der Fall, der Böhmermann einholte
Im Herbst 2022 erreichte Böhmermanns Mischung aus Satire und vorgeblicher Investigation eine andere Dimension. Am 7. Oktober nahm er den damaligen Präsidenten des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik, Arne Schönbohm, ins Visier. Böhmermann sprach vom „Cyberclown“, thematisierte Schönbohms frühere Tätigkeit beim Cyber-Sicherheitsrat Deutschland und stellte Zusammenhänge zu russischen Akteuren her. Wenige Tage später untersagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) Schönbohm die Führung seiner Amtsgeschäfte. Später wurde er an die Bundesakademie für öffentliche Verwaltung versetzt. Die gegen ihn geprüften Vorwürfe lieferten keine Grundlage für ein Disziplinarverfahren. Schönbohm zog anschließend gegen das ZDF vor Gericht. Das Landgericht München I untersagte dem Sender vier angegriffene Äußerungen. Im Juni 2026 bestätigte das Oberlandesgericht München im Ergebnis, dass zwei Formulierungen aus der Böhmermann-Sendung und zwei weitere ZDF-Formulierungen nicht weiter verbreitet werden dürfen. Das ZDF erklärt bis heute, es habe nie behaupten wollen, Schönbohm selbst habe bewusst Kontakte zu russischen oder anderen ausländischen Nachrichtendiensten unterhalten. Genau diese Differenzierung fehlte nach Auffassung der Gerichte bei mehreren konkreten Aussagen. Der Fall wurde zusätzlich zum ZDF-internen Problem: Wissenschaftsjournalist Peter Welchering beendete Ende 2024 nach jahrzehntelanger freier Mitarbeit seine Zusammenarbeit mit dem Sender und begründete das mit „massiven Missachtungen journalistischer Standards“ in der Schönbohm-Affäre.
„Turds“, RAFDP und die Lust an der Diffamierung
Rund um diese Zeit wuchs auch Böhmermanns politische Diffamierungsmaschine weiter. Im Dezember 2022 nahm Böhmermann Kritikerinnen der damaligen Trans- und Selbstbestimmungspolitik ins Visier. Alice Schwarzer, EMMA, Beatrix von Storch und die Biologin Marie-Luise Vollbrecht landeten in seiner Sendung in einem gemeinsamen politischen Topf. Für sogenannte TERFs führte Böhmermann den Hashtag „#turds“ ein – „turd“ heißt auf Deutsch Kack- oder Scheißhaufen – und erklärte ausdrücklich, man könne beide Begriffe „ruhig verwechseln“. Vollbrecht, deren Vortrag über Zweigeschlechtlichkeit an der Humboldt-Universität wenige Monate zuvor nach Protesten zunächst abgesagt worden war, bezeichnete er als „Twitter-TERF“. Ihre Promotion nutzte er zum persönlichen Spott, nannte sie eine „Meeres-Elektrikerin“, machte sich über ihre beiden Vornamen lustig und fragte anschließend, ob es ihr überhaupt um Wissenschaft gehe oder „bloß darum, gegen Transmenschen zu hetzen“. Vollbrecht wurde damit vor einem Millionenpublikum von der Nachwuchswissenschaftlerin zur Hassfigur markiert. EMMA legte wegen der Sendung Programmbeschwerde ein; auch zahlreiche weitere Beschwerden erreichten das ZDF; der Fernsehrat sah – natürlich – keinen Verstoß gegen die ZDF-Programmgrundsätze.
Wenige Tage zuvor hatte Böhmermann ein fingiertes RAF-Fahndungsplakat verbreitet. Darauf erschienen FDP-Politiker, Journalisten der „Welt“ sowie weitere Personen unter der Überschrift „Linksradikale Gewalttäter – Lindner/Lehfeldt-Bande“. Die Sendung arbeitete anschließend mit dem Hashtag „#RAFDP“. Der ach-war-doch-alles-nur-Satire-Bezug galt der damaligen Warnung vor einer möglichen „Klima-RAF“. Unter den Abgebildeten befanden sich Christian Lindner, Wolfgang Kubicki und Stefan Aust. All das Abfeiern von Böhmermann (siehe oben) hat der FDP niemals irgendwas gebracht.
2023 folgte über seinen privaten X-Account die Formulierung „Nazis mit Substanz“, erkennbar gegen die CDU gerichtet. Das ZDF distanzierte sich öffentlich davon und verwies darauf, dass es sich um eine private Äußerung Böhmermanns handle.
Über all diesen Jahren lag eine nicht zu übersehende politische Schlagseite. Die AfD war für Böhmermann das bevorzugte Feindbild, ihre Politiker, Wähler und ihr vermutetes publizistisches Umfeld wurden regelmäßig zum Material seiner Sendungen und Beiträge. Der Kreis der Verdächtigen weitete sich mit der Zeit aus. Auch CDU und FDP gerieten immer wieder unter Beschuss, sobald sie bei Migration, öffentlich-rechtlichem Rundfunk oder im Umgang mit der AfD von jenem politischen Kurs abwichen, den Böhmermann offenkundig für den einzig akzeptablen hielt. Aus Satire wurde dabei immer häufiger politische Grenzziehung: Wer dazugehört, wer draußen steht und wen man öffentlich markieren darf, bestimmte der Mann vor der Kamera gleich mit.
Gegenwind aus dem eigenen Milieu
Im Frühjahr und Sommer 2023 kam die wohl schärfste Kollegenschelte aus dem öffentlich-rechtlichen Betrieb selbst. Jörg Thadeusz erklärte im April im Podcast von Juan Moreno, er finde Böhmermanns Arbeit „abscheulich“, weil dieser Menschen „niedermache“. Als Beispiele nannte er dessen Forderung, Dieter Nuhr müsse man „mal ordentlich die Fresse polieren“, und die Bezeichnung des Virologen Hendrik Streeck als „Menschenfeind“. Auch die Erdogan-Affäre hatte Thadeusz nicht vergessen: Nach dem Schmähgedicht habe Böhmermann „würstchenhaft in den Kissen“ gelegen und zu Hause geweint; wer sich mit solchen Gegnern anlege, müsse das entsprechende „Kaliber“ besitzen. Zwei Monate später griff Böhmermann Sandra Maischberger an, nachdem sie AfD-Chef Tino Chrupalla eingeladen hatte: „Sandra Maischberger lädt Nazis in ihre Talkshow ein, damit Nazis nach der Machtergreifung Sandra Maischberger auch in ihre Talkshow einladen.“ Kurz darauf legte Thadeusz erneut nach. Böhmermann bediene sich der Beleidigung und des „Stils der Gosse“, erklärte er im RND-Podcast. Satire brauche „eine gewisse Noblesse“. Mit Blick auf den Nuhr-Spruch fiel sein Urteil noch deutlicher aus: „Dann geh doch in die Gosse, in die das gehört. Dann mach das bei RTL2 oder bei irgendeinem Kampf-Medium.“ ARD und ZDF hätten höhere Maßstäbe einzuhalten und müssten „Zivilität“ vorleben.
Wenn der „Satiriker“ selbst vor Gericht zieht
Auch die Menschen, die Böhmermann selbst ins Fernsehen zog, ließen sich irgendwann nicht mehr widerstandslos vorführen. 2023 beschäftigte sich das „Magazin Royale“ mit „Beewashing“ und zeigte dabei den sächsischen Imker Rico Heinzig. Heinzig konterte mit einem „Böhmermann-Honig“ und verwendete für das Marketing Bild und Namen des Moderators. Böhmermann ging juristisch dagegen vor. Das Landgericht Dresden lehnte seinen Antrag ab, und das Oberlandesgericht bestätigte die Entscheidung. Die Richter sahen in Heinzigs Werbung eine zulässige satirische Reaktion auf die vorausgegangene Sendung. Die Pointe schrieb damit ausnahmsweise ein Gericht: Der Mann, der bei eigenen Zuspitzungen regelmäßig auf die Freiheit der Satire pocht, musste eine satirische Zuspitzung gegen die eigene Person hinnehmen.
Von „Nazis keulen“ bis Clownswelt
Im Februar 2024 richtete Böhmermann eine Ausgabe gegen die österreichische FPÖ und deren Vorsitzenden Herbert Kickl. Seine Abmoderation lautete: „Nicht immer die Nazikeule rausholen, sondern vielleicht einfach mal ein paar Nazis keulen.“ Mehrere Strafanzeigen folgten. Die Staatsanwaltschaft Mainz eröffnete – natürlich – kein Ermittlungsverfahren. Sie sah im Gesamtkontext keinen Anfangsverdacht und wertete die Äußerung als Wortspiel im – natürlich – satirischen Zusammenhang. Das ist juristisch eindeutig festzuhalten. Ebenso eindeutig lässt sich festhalten, welche Eskalationsstufe ein öffentlich-rechtlicher Moderator inzwischen erreicht hatte: „Nazis keulen“ war als Formulierung in einer ZDF-Sendung angekommen, und unter „Nazis“ verstehen Linke jeden anderen, der nicht dezidiert links ist.
Wenige Monate später geriet der damalige AfD-Europapolitiker Maximilian Krah in Böhmermanns Podcast. Dort verlas Böhmermann eine Hörerzuschrift, laut der Krah auf dem Oktoberfest 200 Flaschen Champagner bestellt habe. Die Angabe wurde später auf 50 Flaschen korrigiert; außerdem stellte Böhmermann klar, die Bestellung sei von Krahs Tisch ausgegangen. Krah verlangte Unterlassung und verlor vor dem Landgericht Düsseldorf, weil Böhmermann die ursprüngliche Angabe erkennbar als Hörerzuschrift wiedergegeben und die Folge anschließend korrigiert hatte. Auch dieser Fall gehört deshalb präzise erzählt: Eine spektakuläre Behauptung wurde verbreitet und anschließend korrigiert, eine juristische Niederlage erlitt in diesem Fall Krah.
Im Mai 2025 geriet der bis dahin anonym auftretende Betreiber des YouTube-Kanals „Clownswelt“ ins Visier einer gemeinsamen Recherche von „Zeit“ und „ZDF Magazin Royale“. Böhmermann nannte den eher ungewöhnlichen Vornamen, das Bundesland und berufliche Hintergründe; die „Zeit“ veröffentlichte zusätzlich den Anfangsbuchstaben des Nachnamens und weitere biografische Angaben. Der vollständige Name wurde von beiden nicht veröffentlicht, aber mit den Angaben des jeweils anderen ließ sich das selbst für Laien schon eng eingrenzen. Diese Art von Recherche löste eine sehr heftige Debatte über Deanonymisierung und Doxing mit einem sehr heftigen Backlash für das ZDF und Böhmermann aus. Bemerkenswert war die Reaktion innerhalb des öffentlich-rechtlichen Systems selbst. Der zu ARD und ZDF gehörende Jugendverbund Funk veröffentlichte wenige Tage später einen ausführlichen Beitrag unter der Überschrift „Böhmermann vs. Clownswelt – War es das wert?“ und diskutierte offen die Verhältnismäßigkeit der Aktion. Beim ZDF gingen abermals zahlreiche Programmbeschwerden ein. Intendant Himmler verteidigte die Sendung und erklärte, es habe ein erhebliches öffentliches Interesse gegeben. Welches genau? Keine Ahnung. Für „Clownswelt“ wurde die Sendung zum massiven Reichweitenbeschleuniger. Der Kanal gewann binnen kurzer Zeit zehntausende neue Abonnenten.
Jurassica Parka – plötzlich verschwindet die alte Sendung
Im Herbst 2025 holte das ZDF auch eine alte Böhmermann-Bekanntschaft ein. Im August 2023 hatte die Berliner Dragqueen Jurassica Parka, bürgerlich Mario O., bei „Böhmi brutzelt“ mit Böhmermann gekocht und ausgerechnet über den Vorwurf gesprochen, Dragqueens suchten bei Kinderlesungen die Nähe zu Kindern aus sexuellen Motiven. Zwei Monate später, am 18. Oktober 2023, wurde O. vom Amtsgericht Tiergarten wegen Erwerbs, Besitzes und Verbreitung kinderpornografischen Materials rechtskräftig zu 160 Tagessätzen à 70 Euro verurteilt; die Tat selbst stammte aus dem Jahr 2021. Öffentlich bekannt wurde das Urteil erst 2025. Böhmermann trat im Februar 2024 noch bei Parka im Berliner BKA-Theater auf, ohne dass bislang belegt ist, dass ihm die Verurteilung bekannt war. Als 2025 zusätzlich neue Ermittlungen wegen des Verdachts auf Besitz und Verbreitung kinderpornografischer Inhalte bekannt wurden, war die alte „Böhmi brutzelt“-Folge plötzlich nicht mehr in der ZDF-Mediathek auffindbar. Das ZDF erklärte, die letzte Ausstrahlung habe bereits 2023 stattgefunden und die Sendung sei deshalb regulär nicht mehr abrufbar. Inzwischen ist O. wegen der neuen Vorwürfe erneut angeklagt.
Dann gerät das ZDF selbst ins Wanken
Im Herbst 2025 holte Böhmermann der eigene moralische Maßstab auch noch auf einem anderen Feld ein. Für seine Ausstellung „Die Möglichkeit der Unvernunft“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt war am 7. Oktober ein Konzert des Rappers Chefket geplant. Gegen Chefket standen Antisemitismusvorwürfe im Raum; bekannt geworden war unter anderem ein Foto mit einem T-Shirt, dessen Palästina-Darstellung Israel nicht zeigte. Kulturstaatsminister und Merz-Amigo Wolfram Weimer kritisierte die Veranstaltung, Böhmermann wies zunächst den Vorwurf zurück, Antisemitismus eine Bühne zu geben. Das Konzert wurde schließlich abgesagt. Später räumte Böhmermann selbst ein, die Planung für den Jahrestag des Hamas-Massakers sei „unklug“ gewesen und die jüdische Perspektive hätte früher berücksichtigt werden müssen. Anschließend gab es für ihn wiederum reichlich Kasalla der Pro-Palestine-Bewegung. Das ist einer der seltenen Fälle dieser langen Geschichte, in denen von ihm selbst anschließend eine klare Fehleinschätzung benannt wurde.
Damit führt die Spur zurück ins Jahr 2026 und zu Christian Schertz. Dessen Brief trifft auf einen Sender, der längst über Böhmermann hinaus mit seinen eigenen politischen Unterhaltungs- und durchpolitisierten Nachrichten-, Talk- und Magazinformaten ringt. Im Juli lud das ZDF den Musiker Danger Dan und den Pianisten Igor Levit kurzfristig aus der 100. Ausgabe der „Anstalt“ aus. Geplant war die Aufführung von Danger Dans Lied „Keine Angst“. Nach Prüfung durch Redaktion, Geschäftsleitung und Justitiariat erklärte der Sender, der Text könne als Anleitung zu politischem Extremismus verstanden werden, Selbstjustiz propagieren und Gewalt einschließen. Die Entscheidung löste anschließend einen regelrechten offenen Aufstand im eigenen Haus aus. Acht Mitglieder des ZDF-Fernsehrates kritisierten die Ausladung öffentlich laut vernehmlich. Das Team der „Anstalt“ reagierte ebenfalls mit scharfer Kritik. Der Sender musste seine Entscheidung anschließend ausführlich erklären und räumte Fehler im ganzen Verfahren ein.
Das ZDF spürt politischen Gegenwind
Der frühere freie Mitarbeiter und Kritiker des Systems Peter Welchering legt inzwischen noch an anderer Stelle nach. Der frühere langjährige ZDF-Journalist nennt das „Magazin Royale“ erfolgreich vor allem „in Sachen Desinformation“ und verweist auf die Eigentümerstruktur hinter der Sendung. Die Produktionsfirma Unterhaltungsfernsehen Ehrenfeld gehört zu 60 Prozent der Gruppe 5 Filmproduktion, die inzwischen vollständig ZDF Studios und damit mittelbar dem ZDF gehört. Ein Teil des Geldes, das der Sender für die Produktion ausgibt, fließt damit in eine Gesellschaft des eigenen Konzerns zurück. Welchering erhebt daraus einen schwerwiegenden Vorwurf: Nicht wenige im ZDF wollten Böhmermann auch deshalb halten, weil sie von diesen Geldströmen profitierten, so Welchering weiter. Die finanzielle Verflechtung ist hinlänglich dokumentiert. Bezahlt werd die Konstruktion am Anfang der Kette vom Beitragszahler.
Die Stimmen, die das öffentlich-rechtliche System grundlegend zurückbauen oder das ZDF gleich ganz abschaffen wollen, werden längst zahlreicher und lauter und bilden einen vielstimmigen Chor, sogar über politische Lager hinweg. Die AfD fordert offen das Ende des Rundfunkbeitrags und einen grundlegenden Umbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Jüngst erreichte die Debatte auch das Kanzleramt: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer stellte eine Privatisierung des ZDF und die Zusammenlegung mehrerer ARD-Anstalten zur Diskussion. Seine Forderung dürfte wenig bewirken, wie auch sonst nichts aus der Regierung Merz. Medienpolitik ist Sache der Länder, die bereits ablehnend reagierten. Politisch bleibt der Vorgang trotzdem interessant. In den Redaktionsräumen des ZDF dürfte man den Atem im Nacken inzwischen etwas deutlicher spüren als noch in den Jahren, in denen jede Kritik am eigenen Apparat mit routinierter Selbstgewissheit abgeräumt wurde.
Das ZDF hat jahrelang Sendungen aufgebaut, deren Wirkung aus politischer Grenzüberschreitung entsteht, und muss nun selbst bestimmen, wo diese Grenze verlaufen soll. Bei Danger Dan zog die Führung sie plötzlich so eng, dass eigene Fernsehräte rebellierten. Bei Böhmermann ließ sie sie über Jahre weit hinauswandern und verteidigte selbst den Fall Schönbohm noch lange nach dessen gerichtlicher Aufarbeitung. Schon 2025 drangen dann Qualitätszweifel aus dem Sender an Böhmernanns Sendung nach außen. Nun im September 2026 steht fest, dass das „Magazin Royale“ beendet wird. Böhmermann selbst dürfte im ZDF wieder auftauchen. Die Sendung, mit der er sich über Jahre zum öffentlich-rechtlichen Ankläger über Politiker, Unternehmer, Journalisten und Privatpersonen erhoben hat, bekommt keinen weiteren Jahrgang.
Vielleicht liegt darin die interessanteste Nachricht des ganzen Vorgangs: Auf dem Lerchenberg scheint man inzwischen selbst zu ahnen, welchen Preis dieser Dauerdiffamierungsbetrieb gekostet hat.



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Die haben Angst. Angst um ihre zwangsabgepressten Gehälter und Pensionen. Denn die „demokratischen Minderleister“ wissen selbst genau, der Wind dreht sich und man hat es die letzten Jahre mächtig übertrieben.
Halali wird die nächste sein.
Die arme Trude Herr. So ein absolut wunderbares Lied (Niemals geht man so ganz) und dann in Zusammenhang mit J.B. gebracht. Dass Böhmermann die Funktion eines Schmuddelkinds des ZDF/der linken Kulturszene einnimmt, scheint unstrittig. Ich kann mir allerdings ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Christian Schertz das ZDF so beeindruckt hat und dass es wirklich und ernsthaft auf Distanz zum Magazin-Royale-Macher geht. Die nächste Sendung kommt bestimmt, und die wird, darauf würde ich wetten, nicht zurückhaltender, seriöser und weniger einseitig als Böhmermanns bisheriges aggressives Gesamtwerk. Kritiker sollten sich nicht zu früh freuen.
Welchen Preis hat das Treiben der unsäglichen Dreckschleuder Böhmermann denn gekostet? Ich kann da nichts erkennen. Die Zwangsgebühren fließen, Himmler bleibt Intendant und Böhmermann selbst soll mit einem anderen Format wiederkommen. Konsequenzen sehen anders aus.
Einfach nur dumme Propaganda!
Die BBC brachte 90% Wahrheit und 10% Lügen, um ihre Wirkung im dritten Reich zu behalten. Die gefährlichste Wahrheit brachte sie übrigens nie!
Die DDR ist auch an ihrer Dummpropaganda zerbrochen, weil die oberste Schicht eben nicht sehr helle war oder feige oder einfach nur Kriecher – oder alles zusammen!
Was sie zb. nie brachten: Die Mauer verdanken wir der Teilung und diese Teilung verdanken wir dem Adenauer! Deshalb schade, dass er weg ist, weil die Gefahr besteht, dass die nun ihre Propaganda nur hinterhältiger gestalten wollen!
Für mich ein Spixxer im Auftrag des Mainstream/ZDF . Den Mann kann man vernachlässigen. Die Fernsehanstalt wird mit ihm garantiert nicht glücklich gewesen, aber war wohl vertraglich gebunden. Durch diesen Vertrag ist er mit höchster Wahrscheinlichkeit mehrfacher Euro-MIllionär geworden sein. Der Vrtrag war es , nicht seine Arbeit, die war „durch die Bank“ Mist. Für mich ist Böhmermann ein Unsympath.
ich weiß nicht, wie alt er ist, aber der sieht aus wie ein 75-jähriger verwahrloster Rentner, der Flaschen sammelt.
Ich sehe das etwas differenzierter. Das ZDF ahnt wohl so langsam, welchen Ausgang mögliche Klagen gegen Böhmermann und die Direktion (in persona Himmler) haben könnten, wenn der Rundfunkstaatsvertrag in vielleicht gar nicht mal all zu ferner Zeit (die Wahlen jetzt werden den Grundstein dazu legen!) aufgekündigt wird.
Das wird nicht fein für die Lerchenberger. Und nich tnur nicht für diese Truppe. Auch in Hamburg rumort bzw. bewegt sich was bei ARD und NDR. Die Zeit der Mitläufer und Gleichschrittgänger findet langsam offenbar ein Ende. Könnte natürlich auch eine „rette sich wer kann“ Reaktion sein.
Ein Problem trägt den Namen Himmler. Das andere könnte man in einem näheren Kontakt mit Herrn Böhmermann lösen. Typen dieser erbärmlichen Art brauchen einen Zeitgeist wie er leider seit etlichen Jahrzehnten in Schland herrscht. In besseren Zeiten wäre B. rechtzeitig bearbeitet worden, das einzige und ideale Mittel für im Grunde äusserst feige Figuren dieser Art.
Es gibt sie also doch noch, die guten Nachrichten. Hoffentlich ist das nicht auch gelogen.
In einem funktionierenden Rechtsstaat hätte Himmler schon lange eine Staatsanwaltschaft am Hals.
So aber…