Stegner und Brantner bei Lanz: Wer vergeigt es besser?

„Transformers – Kampf der Titanen“ war gestern. Heute dreht Lanz das Blockbusterchen „Underperformers – Scharmützel der Schwätzer“. Ralf Stegner (SPD) und Franziska Brantner (Grüne) reden ihre Parteien in den Abgrund. Und ein Psychologe erklärt, warum das alles ziemlich krank ist.

Screenprint: ZDF / Markus Lanz

Willkommen, treten Sie ein! Hereinspaziert in eine weitere Sendung, in der es fast ausschließlich um die AfD geht, ohne dass irgendjemand von der AfD anwesend wäre. Lanz am Dienstag wähnt sich dabei endlich auf der richtigen Fährte: Man müsse wohl besser mal versuchen, die Abtrünnigen zurückzugewinnen, statt sie immer nur zu verteufeln. Doch Lanz am Dienstag begeht denselben Fehler wie alle Lanzen an jedem Tag in jedem der vergangenen Jahre: Die AfD wird mal wieder nur als Teufel an die Wand gemalt, aber mit ihr geredet wird nicht. Das ist umso tragischer, weil heute sogar ein Psychologe zu Gast ist. Der versucht verzweifelt, der Runde ihre Denkfehler zu verklickern.

Manfred Lütz bemüht sich vergeblich. Denn Franziska Brantner und Ralf Stegner sind einfach zu stark. Zu stark gefangen in ihren kruden Denkmustern. Dürfen wir „Psychose“ sagen? Oder gibt’s dann gleich eine Hausdurchsuchung?

Lanz ist heute überraschend deutlich auf Krawall gebürstet. Das fiel bereits in den jüngsten Sendungen auf. Er geht auf Konfrontationskurs zu Vertretern der Altparteien, ohne jedoch Gefahr zu laufen, der AfD allzu nahe zu rücken. Das dürfte wohl erst passieren, sobald der Medienstaatsvertrag erstmals zur Debatte steht.

Bis dahin folgt Lanz der leicht veränderten Stimmungslage, wonach die AfD nach dem Erfolg in Sachsen-Anhalt nicht mehr gar so strikt ignoriert wird wie zuvor. Und als wolle sich der Südtiroler für den Markus-Söder-Konformisten-Orden am blauweißen Bande bewerben, gibt er heute den Versteher alles Blauen. Die Menschen da draußen hätten nun einmal Probleme, die von den alten Parteien nicht adressiert würden, klagt er.

Den SPD-Altvorderen Ralf „Pöbel-Ralle“ Stegner geht er dabei frontal an. Und lässt dessen demonstrativ zur Schau gestellte Pseudo-Eloquenz gehörig ins Leere laufen. Stegner wird unruhig. Das ist selten und ziemlich unterhaltsam.

Nachdem sich der Schleswig-Holsteiner minutenlang in seinem Schwafel-Sud gefläzt und die Runde mit Schnulli-Bulli-Aussagen aus der SPD-Kiste gelangweilt hat, setzt Lanz an: „Diese Floskel von den Wählern, denen man angeblich irgendwas erklären muss und die man dann irgendwo, ich weiß nicht genau, wo dieser Ort sein soll, dieser geheimnisvolle, irgendwo abholen muss, den kann ich wirklich nicht mehr hören.“

Stegner ist getroffen, er rutscht im Sessel nach vorn, versucht das Wort an sich zu reißen, doch Lanz lässt sich nicht bremsen: „Darf ich einmal kurz den Punkt machen!?“

Und der Punkt, den er macht, hat es in sich. Lanz: „Sie müssen nicht besser erklären. Die Leute verstehen ganz genau. Vielleicht verstehen sie sogar zu gut. Und deswegen wählen sie Sie nicht.“

Stegners Gesichtszüge, ohnehin schon immer auf halb Acht, rutschen auf halb Neun. Und Lanz ist noch nicht fertig: „Welche Rentenreform wollen Sie denn eigentlich machen? Wissen Sie das eigentlich noch selber? Wer unterstützt was? Sie reden so, als wären Sie die Opposition in der eigenen Regierung. Und das ist Teil des Problems.“

Stegner stochert hilflos dazwischen: „Nein“ – „Das hab ich nicht…“ – „Das hab ich nicht gesagt.“ Doch er kann keinen Punkt machen. Lanz: „Ich bin noch nicht fertig.“ Er lässt den Genossen nicht vom Haken: „Die Leute sind nicht doof. Deshalb muss man sie nicht irgendwohin mitnehmen und auch nicht abholen.“ Stegner und seine SPD verursachten ständig ein „kommunikatives Chaos“ und „die Leute haben das Gefühl: Die meinen gar nichts mehr ernst, was Sie sagen.“

Stegner glotzt wie drei Tage Küstennebel. Auch sein neuer Anzug und seine neue Brille – beides ungewohnt hell und frisch für den trübseligen Gesellen – sind ihm jetzt keine Stütze.

Zuvor war er in der Beschreibung des Bösen, namentlich der AfD, ganz tief in die Historie abgeglitten, hatte Parallelen zur Nazi-Zeit gezogen und vor einem Siegeszug der Faschisten gewarnt. Doch als Lanz von Stegner eine klare Aussage haben möchte, dass die SPD in Berlin nicht mit der antisemitisch durchseuchten Linken kooperieren werde, ziert sich der Genosse plötzlich. Lanz lässt ihm das nicht durchgehen: „Sie sind sehr grundsätzlich geworden. Sie haben die deutsche Geschichte bemüht. Und dann eiern Sie rum.“

Ähnlich harte Schläge muss auch Franziska Brantner einstecken. Denn auch sie schafft es nicht, eine Zusammenarbeit mit der antisemitischen Linken unmissverständlich auszuschließen. Lanz betont in diesem Zusammenhang, dass die Judenfeindlichkeit weniger dem rechten Lager zuzuschreiben, sondern eher „arabisch geprägt“ sei. „Könnte mit der Migration zu tun haben“, orakelt der Moderator in seiner unendlichen Weisheit. Das Thema vertieft er jedoch nicht weiter. Der Eindruck drängt sich auf: Hauptsache, mal kurz erwähnt.

Auf die desaströse und kostenexplosive Energiewende angesprochen, behauptet Brantner, die hohen Strom- und Gaspreise seien ausschließlich die Folge des Iran-Krieges. Sie ist überzeugt: „Wir haben keine ideologische Politik gemacht.“ Lanz zitiert derweil ihren Co-Parteichef Felix Banaszak, der 2,1 Millionen Wähler in den Fängen der AfD-„Verfassungsfeinde“ wähnt, und fragt Brantner: „Was macht Sie eigentlich so sicher, dass die überhaupt von Ihnen gerettet werden wollen?“ Sie warnt ungebremst: Die AfD dürfe einfach nicht größer werden. „Ein Land wie Deutschland kann nicht sagen: Wir probieren das mal aus.“

Psychologe Lütz zieht eine Zwischenbilanz des Abends: „Wir diskutieren am eigentlichen Thema vorbei“, sagt er. Die Leute seien genervt vom Gendern, sie würden „sprachlich gegängelt“, und wer das Stadtbild bemängele, werde „sofort als rechtsradikal beschimpft“. Bereits im Podcast mit Paul „Lord Helmchen“ Ronzheimer hatte Lütz zuvor die „Entfremdung zwischen politischer Elite und Bevölkerung“ thematisiert. Man müsse AfD-Wähler besser verstehen, statt sie lediglich moralisch abzuqualifizieren. Doch auch Lütz kann nicht über seinen Schatten springen. Wer die AfD wählt, hat in seinen Augen der Demokratie abgeschworen. Man müsse „die Menschen in den demokratischen Prozess zurückholen“, und das sei Aufgabe der Union.

Lütz dürfte einer der letzten Fans des Friedrich Merz sein. „Die sind doch nicht vom wilden Affen gebissen, dass sie jetzt den Kanzler stürzen“, sagt er. Michael Bröcker (Politico) sieht das anders. Dem Kanzler der zweiten Wahl sagt er für den kommenden Sonntag „so ’ne Art D-Day“ voraus. Dabei knüpft er an eine ältere Diagnose an. In einer früheren Lanz-Ausgabe hatte Bröcker Merz und Lars Klingbeil bereits als „Dead Men Walking“ bezeichnet. Nur „die Uneinigkeit der Widersacher“ spiele Merz momentan noch in die Karten. Selbst Markus Söder tauche plötzlich gefühlt mehrmals täglich in Interviews auf: „Der sieht gerade seine letzte neue große Chance“ auf die Kanzlerschaft.

Psychologe Lütz wird, wie wohl die meisten Hirnklempner, am Ende zu seinem eigenen, besten Patienten. „Die Politik dieser Bundesregierung ist nicht so schlecht, wie sie geredet wird“, flötet er. Und Bröcker rät er wütend, der solle gefälligst nicht immer „solche dramatisierten Geschichten erzählen“.

In der Psychologie spricht man hier wohl von Verleugnung oder Verdrängung.


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