Marco Gallina brilliert mit einer Biografie über Giovannino Guareschi, den Erfinder der unvergesslichen Figuren Don Camillo und Peppone. Von Dirk Weisbrod
Die Geschichten um „Don Camillo und Peppone“ erreichten im Deutschland der Nachkriegszeit eine Millionenauflage, ebenso viele Besucher haben sich die Verfilmungen angesehen. Fast vergessen ist jedoch der Name des literarischen Vaters dieser beiden archetypischen Figuren: Giovannino Guareschi.
Leben und Werk dieses italienischen Autors beschreibt Marco Gallina in seiner im Westend-Verlag erschienenen Biografie „Giovannino Guareschi. Don Camillos rebellischer Vater“.
Gallina porträtiert Guareschi als „rebellischen Reaktionär“, als „Nonkonformisten“, der sich den politischen Forderungen der drei Regime, unter denen er leben musste, nicht unterordnen wollte: Faschismus, Nationalsozialismus, christdemokratisches Nachkriegsitalien.
Die Folgen dieses Nonkonformismus beschreibt Gallina gleich zu Beginn seiner Biografie, die mit dem Begräbnis Guareschis einsetzt. Kein Vertreter des italienischen Staates, keine Schriftstellerkollegen scharten sich 1968 um den Sarg des Sechzigjährigen. Für die Christdemokraten galt er seit den 50er-Jahren nach Angriffen auf Staatspräsident Luigi Einaudi und Ministerpräsident Alcide De Gasperi als Persona non grata, für die rotgefärbten Kulturgrößen Italiens wegen seines Antikommunismus. Beide Bewegungen hassten ihn zudem für die Ablehnung der Republik.
Auf dem Sarg lag die Flagge des Königreichs Italien, das 1946 nach einem von Guareschi heftig bekämpften Referendum abgeschafft wurde. Dass die Christdemokraten die Absetzung des Königs unterstützten, hat er ihnen nie verziehen. Das lateinische Requiem zelebrierte ein Priester, der die grassierenden liturgischen Experimente am Vorabend der Einführung des neuen Messritus nicht mitmachte. Denn auch mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil konnte der Schriftsteller nichts anfangen.
Aus der Gefangenschaft zurückgekehrt, erlebte Guareschi, nunmehr Chefredakteur des Mailänder „Candido“, der größten Satirezeitschrift Europas, den Rachefeldzug gegen ehemalige Mitglieder des faschistischen Regimes. Im „Triangolo della morte“, dem Todesdreieck, das sich über seine Heimat gelegt hatte, wurden auch Unschuldige von Anhängern der Kommunistischen Partei Italiens ermordet – gedeckt von der ersten christdemokratisch-kommunistischen Nachkriegsregierung unter De Gasperi. Der Democrazia Cristiana (DC) war Stabilität wichtiger als Aufklärung: Man wollte den vorherrschenden antifaschistischen Konsens nicht gefährden. Die Abgründe der Christdemokratie sind der immer mitschwingende Subtext dieser Biografie. Sie verfolgt ihre Gegner, diffamiert sie – wie im Falle Guareschis – als Kakerlaken, als Volksfeinde.
Gallina schildert die Vorgänge als Vorboten der heutigen Cancel Culture. Gläubiger Katholik und zugleich Christdemokrat zu sein, ist demnach unmöglich. Die christdemokratischen Regierungen Italiens, die nach den Kommunisten mit den Sozialisten weiterregierten, bilden „einen Vorgeschmack auf die Unterwerfung konservativer Überzeugungen zugunsten von Parteipolitik und Kompromissen, bei der Kommunisten und Sozialisten ihre Interessen durchsetzen, weil die DC ihre Inhalte bereitwillig für die Regierungsmehrheit opfert.“
So ist auch verständlich, dass Gallina seinen Protagonisten als „katholischen Reaktionär“ mit dem deutschen Pfarrer Hans Milch in Verbindung bringt, der das Zweite Vatikanische Konzil auch deswegen ablehnte, weil es das gläubige Individuum in einer abstrakten Menschheitslyrik auflösen wollte.
Gallina ist eine furiose Biografie gelungen. Seine ins Geschehen hineinziehende, fast telegrammartige Diktion erinnert an den späten Joachim Fernau. Zugleich präsentiert er dem Leser ein in jeder Hinsicht lehrreiches Werk, das einen profunden Einblick in die Nachkriegsgeschichte Italiens und in das Innenleben der Christdemokratie bietet, die als inhaltsloser Politikstil, als eine Apparatur des Machterhalts treffend porträtiert wird. „Don Camillos rebellischer Vater“ sei deswegen auch jüngeren Lesern nahegelegt, die das christdemokratische Europa nur noch aus den verklärten Erzählungen ihrer Eltern kennen.
Vor allem aber sollten sie das Buch zur Hand nehmen, um Don Camillo und Peppone wiederzuentdecken – und zwar nicht in den Verfilmungen, mit denen Guareschi mehr als unzufrieden war, sondern in den ewig jungen Texten, die dieser große italienische Autor der Nachwelt hinterlassen hat.
Der Rezensent ist Informationswissenschaftler und Bibliothekar. Seit 2019 gibt er das „Vatican Magazin“ heraus.
Marco Gallina. Giovannino Guareschi. Don Camillos rebellischer Vater. Westend Verlag, Hardcover, 208 Seiten, Preis 24,00 €




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