Sarah Tacke will während Maybrit Illners Sommerpause ihren eigenen Talk etablieren. Faktenreich soll er sein, Framing trifft es besser. Mit allerlei geschickten Kniffen wird des Volkes Meinung in die gewünschte Richtung geschubst. Dazu gehört auch die gezielte Lenkung bei Zuschauerumfragen.
Screenprint: ZDF / Sarah Tacke
Die attraktive Blondine springt derart ambitioniert ins Bild, dass einem vor Schreck fast der Abendpudding aus der Hand rutscht. Mit live draußen eingesprochenen Moderationsfetzen und Straßenumfragen will Sarah Tacke neue Akzente setzen. Die promovierte Juristin und Leiterin der ZDF-Rechts-Redaktion (kein Wortspiel!) kennt man von WISO und den „Am Puls“-Dokus. Nun darf sie einmal wöchentlich kurz vor Lanz ran. Bis Maybrit Illner aus der Sommerpause kommt und wieder jenes schamlose Desinteresse Einzug hält, wie es nur eine ehemalige DDR-Nachrichtensprecherin zelebrieren kann.
Bereits bei diesem dritten und zunächst vorletzten Tacke-Talk wird deutlich, wie geschickt ein Thema in die gewünschte Richtung gedreht werden kann.
Auch die Gästeauswahl passt ins Bild. Ein CDUler, eine konservative Wirtschaftsweise, eine Linke auf verlorenem Posten und eine 77-Jährige, die gar nicht mehr aufhören mag zu arbeiten.
Nun lässt sich trefflich darüber streiten, ob man fachfremde Fantasten aus dem kommunistischen Takka-Tukka-TikTok-Land überhaupt zu Themen wie Wirtschaft oder Rente befragen sollte. Und ob die AfD mit ihren Renten-Ideen dem Abend vielleicht gutgetan hätte. Aber Tacke will offenbar lieber plakativen Kampf statt konstruktiver Kontroverse. Außerdem sind im ÖRR anscheinend gerade DDR-Festwochen. Ines Schwerdtner, die Co-Chefin der SED/Die Linke, sitzt gefühlt jeden Abend in einem anderen Stuhlkreis. Das Tacke-Studio lag vielleicht nur auf dem Weg.
Auch die Straßenumfrage zu Beginn der Sendung hat den Ton gesetzt: „Ich kann mir gar nicht vorstellen, nur noch auf der faulen Haut zu liegen“, stöhnt eine Rentenverächterin in die Kamera. Und eine andere: „Es ist schön, wenn man länger arbeiten kann und darf.“
Damit wäre die Meinungsweide eingezäunt – auf geht’s zur ersten Zuschauerumfrage. Und siehe da: Bei Tacke sind nur noch 57 Prozent der Befragten für die Beibehaltung der vorgezogenen Altersrente. Im Verlauf der Sendung wird das noch eine Rolle spielen.
Pascal Reddig (CDU), Vorsitzender der Jungen Gruppe der Unionsfraktion, erklärt, was sich die Rentenkommission mit ihren so genannten „Reformvorschlägen“ gedacht hat. In den sozialen Netzwerken wird er während der Sendung gelobt, weil er etwa die Kapitalrente sehr gut verklickert habe. In der Tat: Die Beitragserhöhung durch die Hintertür kaschiert er zunächst ganz gut.
Reddig wirft die „Gerechtigkeitsfrage“ auf. Fünfmal so viele Besserverdiener wie normale oder Niedriglohnempfänger würden von der Rente mit 63 Gebrauch machen. Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm stößt ins selbe Horn. Es sei „ein Instrument, das eigentlich nicht besonders fair ist“. Sie empfiehlt, dass man „über Härtefallregeln zielgenauer reagiert“.
Schwerdtner widerspricht und verweist auf die Zahl der Beitragsjahre: „Nach 45 Jahren ist es mein gutes Recht“, sagt sie, doch sie steht auf verlorenem Posten. Tacke bezweifelt die frühe Rentenbedürftigkeit ganz generell: 70 Prozent seien gar nicht „körperlich oder psychisch belastet“, so als könnten nur Gesundheitsschäden überhaupt eine Rente mit 63 rechtfertigen. Die Moderatorin legt die Drama-Latte hoch: „Können wir uns das wirtschaftlich noch leisten?“
Eine Grafik zeigt, wie dramatisch sich das Verhältnis zwischen Beitragszahlern und Rentnern entwickelt hat und noch entwickeln wird, von 6:1 im Jahr 1962 über 2,2:1 (2022) bis voraussichtlich 1,3:1 im Jahr 2050. Bedeutet: Dann gibt es nur noch 1,3 Beitragszahler für jeden Rentner.
Man habe „eine technokratische Rentenkommission eingesetzt mit Leuten, die nur Beamte sind“, posaunt die Linke. „Es sollten die mitreden, die auch betroffen sind.“ Kommissionsmann Reddig kontert, 90 Prozent der Menschen würden ohnehin nicht mehr an das Rentensystem glauben. Und Grimm empfiehlt, man solle die Rente lieber „an die Lebenserwartung anpassen“. Die Kapitalrente sei wegen der höheren Beiträge im Übrigen „eine Wachstumsbremse“. Man müsse bedenken, „dass wir hier massiv die junge Generation belasten“. „Es muss fair und gerecht zugehen“, ruft wiederum die Linke.
Die Diskussion ist im Schwarz-Weiß-Modus angekommen.
Reddig versucht es mit Zahlen. Zwei Prozentpunkte als Beitragserhöhung, hälftig getragen vom Arbeitnehmer und vom Arbeitgeber, würden, wenn sie in eine Kapitalrente flössen, rund 770 Euro mehr Rente bedeuten. Jedes Land, das so ein Konzept versucht habe, sei damit erfolgreich gewesen. Und anders werde man die Überalterung der Gesellschaft nicht meistern. Reddig: „Es gibt einen mathematischen, demographischen Wandel, den wir nicht wegleugnen können.“
Kindt hat interessante Einwände, etwa: „Ich zahle mehr als die Hälfte meiner Rente an die private Krankenversicherung.“ Außerdem habe die Runde zentrale Fragen der KI und der Automatisierung ignoriert. Dass sie die gesamte Schieflage unseres Sozialsystems ignoriert, das Millionen Menschen versorgt, die nie eingezahlt haben, erwähnt allerdings auch Kindt nicht.
Die agile, farbenfroh gekleidete Unruheständlerin mäkelt: „Die ganze Arbeitswelt wird sich komplett verändern. Das wurde hier überhaupt nicht besprochen.“ Momentan würden „hauptsächlich Menschen 50 plus entlassen, die kaum noch Chancen haben“. Da sei es schon seltsam, über Randthemen wie einen vorgezogenen Renteneintritt überhaupt so lange zu diskutieren.
Kompetenz müsse vor Geburtsjahrgang gehen, sagt Kindt. „Es gibt tolle Menschen die ‘ne Menge draufhaben und gar nicht mehr in ihrer Kompetenz wahrgenommen werden.“
Spätestens jetzt ist dem Zuschauer klar: Der „Unruhestand“ muss das eigentliche Lebensziel sein. Und siehe da, schon kommen die Ergebnisse der zweiten Zuschauerbefragung. Nur noch 49 Prozent sind dafür, die Rente mit 63 beizubehalten, 51 Prozent sind für eine Streichung.
Mission erfüllt, Frau Tacke.






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