„Aber was ist das Rechte, und was hat Zukunft?“

Uwe Steimles Anstimmen der DDR-Hymne löste viel Empörung aus. Man sollte sich jedoch zunächst mit der Frage auseinandersetzen, wie das Abgleiten der Bundesrepublik in einen Unrechtsstaat gestoppt werden kann, statt sich mit der Frage zu beschäftigen, ob man eine Nationalhymne singen sollte, die nie zur DDR passte. Thomas Mann und Christa Wolf können als Vorbild dienen.

picture alliance/dpa | Jan Woitas
Uwe Steimle, Kabarettist, Dessau, 14.07.2026

Der Kabarettist Uwe Steimle hat auf einer AfD-Veranstaltung in Dessau die DDR-Nationalhymne angestimmt, und alle Welt schreit auf. CSU-Generalsekretär Martin Huber spricht von einem „brutalen Unrechtsregime“ und davon, dass die AfD Deutschland und unsere Gesellschaft spalte.

Noch-Kanzleramtschef Frei nennt den Vorgang „extrem befremdlich“. Die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur, Evelyn Zupke, spricht sogar von „unerträglicher Geschichtsvergessenheit“. Obwohl die ganze Geschichte – wie die Videos deutlich zeigen – improvisiert war und einer Art kabarettistischem Klamauk glich, wurden also wieder einmal große Geschütze aufgefahren. Die Empörung zeigt auch eines: einen Mangel an geschichtlicher Bildung. Werfen wir einmal einen Blick zurück.

Am 22. November 1949 verfasste Thomas Mann einen bemerkenswerten Eintrag in sein Tagebuch. In Palo Alto schrieb er: „Becher und Eisler haben eine neue National-Hymne hergestellt, gestimmt auf Einheit und Frieden, die kein Volksfeind stören soll. – Gefühl des Ephemeren, Überholten und Unsinnigen, Friedensmilitarismus. Aber was ist das Rechte und was hat Zukunft?“

Die aus Empörung Empörten:
Der neue deutsche Hymnenstreit
Auffallend ist, dass Mann „Nationalhymne“ und nicht „National-Hymne der DDR“ schreibt. Die DDR wurde am 7. Oktober 1949 gegründet. Am 5. November wurde die Hymne von Becher und Eisler zur Nationalhymne der DDR ernannt. Becher hatte von Beginn an im Sinn, eine Nationalhymne für alle Deutschen zu komponieren, eine „volksliedhafte Friedenshymne“. So enthält der Text keinerlei spezifischen Bezug zur DDR, sondern spricht ausdrücklich die gesamte Nation an („Deutschland, einig Vaterland“, „Deutschland, unser Vaterland“). Es ist alles andere als eine auftrumpfende Hymne.

Zeilen wie „Alle Welt sehnt sich nach Frieden, reicht den Völkern eure Hand“ und „Laßt das Licht des Friedens scheinen, daß nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint“ sind Ausdruck des tiefen Leids und des Willens, es in Zukunft besser und friedfertiger zu machen, als zwischen 1914 und 1945. Die Hymne versucht, der deutschen Nation und der Jugend Optimismus für die Zukunft zu vermitteln und ihr zu zeigen, dass sie die selbst verursachten Ruinen überwinden könne: „Deutsche Jugend, bestes Streben unsres Volks in dir vereint, wirst du Deutschlands neues Leben. Und die Sonne schön wie nie über Deutschland scheint.“

Es war eine Hymne, wie sie zu Deutschland nach dem Krieg passte – besonders zur DDR, die mit so hohen Ambitionen gestartet war, und dadurch auch so viele Intellektuelle und Schriftsteller wie Peter Hacks, Christa Wolf, Hermann Kant oder Erich Loest für sich begeistern konnte. Zumindest anfangs, denn sehr bald zeigten sich die in einem kollektivistischen Staat zwingend folgenden Kontroll- und Zwangsmaßnahmen immer deutlicher, und es wurde immer schwieriger, diese mit dem Argument, es handele sich um Startschwierigkeiten, wegzudeuten. Der Text der Hymne war für die DDR gewissermaßen immer ein Fremdkörper.

Anfangs war er den Funktionären zu wenig kämpferisch, außerdem enthielt er – untypisch für die Zeit – keinerlei Hinweise auf das große Vorbild, die Sowjetunion. Auch die Komposition von Eisler entsprach eigentlich nicht den Erwartungen. Die Hymne hat zwar einen Marschcharakter, aber es ist kein aggressiver Stechschrittmarsch, sondern ein schreitender, bedachter Gestus. Lediglich die kontrapunktische Bassstimme sorgt für einen vorwärtstreibenden Impuls. Eisler beabsichtigte der Musik einen „wirklich humanistischen Ausdruck“ zu geben. So wirkt sie eher melancholisch-sehnsüchtig als auftrumpfend.

Die aus Empörung Empörten
Leserstimmen zu: Der neue deutsche Hymnenstreit
Mit der Zeit passte der Hinweis auf die deutsche Einheit immer weniger zur Doktrin der DDR. Die Ablösung von diesem Ziel erfolgte schrittweise. So spricht die Verfassung der DDR in ihrer Fassung von 1968 (Artikel 8, Absatz 2) nur noch von einer „schrittweise(n) Annäherung der beiden deutschen Staaten bis zu ihrer Vereinigung auf der Grundlage der Demokratie und des Sozialismus“, 1974 wurde der Absatz gänzlich gestrichen. Nach und nach verschwanden – ein wenig an George Orwells „Animal Farm“ erinnernd – alle Nennungen des Begriffs „Deutschland“. So wurde beispielsweise der „Deutschlandsender“ 1971 mit der „Berliner Welle“ fusioniert und in „Stimme der DDR“ umbenannt.

Bereits ab etwa 1970 wurde die Nationalhymne nur noch in der Instrumentalfassung, also ohne den Text, gespielt. Obwohl bislang keine ausdrückliche Anweisung des Politbüros aufgetaucht ist, kann wohl kein Zweifel daran bestehen, dass dies von „oben“ durchgedrückt wurde. Thomas Mann hat die Hymne meines Erachtens übrigens falsch interpretiert. Er scheint die Zeilen „Alte Not gilt es zu zwingen” und „Wenn wir brüderlich uns einen, schlagen wir des Volkes Feind“ als einen Ausdruck von Friedensmilitarismus, wie er es nennt, zu sehen. Dabei läge es viel näher, sie als Überwindung des Militarismus und den Wiederaufbau der Ruinen, die dieser verursacht hat, zu deuten.

Die Nationalhymne nach der Wende

Beinahe zwanzig Jahre nach der faktischen Auslöschung des Textes, also nach der Wende, war die Hymne keineswegs ad acta gelegt. So wird berichtet, dass Teilnehmer von Protesten, etwa bei den Auseinandersetzungen am Dresdner Hauptbahnhof in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober, die erste Strophe der DDR-Hymne mit der Zeile „Deutschland, einig Vaterland“ sangen. Im Januar 1990 ordnete die Regierung Modrow an, dass zum Sendeschluss wieder die Nationalhymne mit dem Text von Johannes R. Becher gesendet werden sollte. Aus heutiger Sicht scheint es, als wollten manche Bürger der DDR wieder an die hochgesteckten Ideale der Anfangszeit der DDR anknüpfen.

In seinen Memoiren berichtet Helmut Kohl, dass Lothar de Maizière, zu damals Ministerpräsident der DDR, bei den Verhandlungen zum Einigungsvertrag vorschlug, die dritte Strophe des Deutschlandliedes mit dem Text „Auferstanden aus Ruinen” zu kombinieren. Das wäre tatsächlich leicht gegangen, denn Becher hatte es so eingerichtet, dass sein Text in den ersten acht der neun Verse jeder Strophe exakt dem Versmaß des Liedes der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben folgte. Kohl hatte das damals vehement abgelehnt. Aber wäre es nicht vielleicht sogar der bessere Weg gewesen?

Dessau
Der DDR-Hymnen-Skandal ist keiner – die DDR-Verklärung in der AfD ist trotzdem grotesk
Der Text von Hoffmann von Fallersleben stammt aus einer anderen Zeit Deutschlands, der Zeit der Nationalbewegung. Sie ist längst vergangen, und den Menschen von heute fehlt der Bezug zu ihr. Die Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Nationalsozialismus prägt die Bundesrepublik hingegen viel stärker. In gewisser Weise könnte man sogar sagen, dass deren Einfluss so stark wie nie zuvor ist – bis hin zur Selbstzerstörung durch ungeregelte Einwanderung und die Verwirklichung selbstzerstörerischer Umwelt- und woker Gesellschaftsideologien, die zur Kompensation der Kollektivschuld so begierig aufgenommen werden.

Die Westdeutschen hätten den Ostdeutschen damit gewissermaßen die Hand reichen können, doch es kam anders. So bat Hans Modrow, damals Vorsitzender des Ministerrates der DDR, im Jahr 1990 angesichts des drohenden wirtschaftlichen Kollapses Bonn um einen „Solidarbeitrag” von 10 bis 15 Milliarden DM zur Stabilisierung der Wirtschaft der DDR. Diese Bitte wurde schroff abgelehnt. Stattdessen folgten die Währungsunion und die Treuhand, die einen Großteil der DDR-Betriebe in den Ruin trieben und die Menschen arbeitslos machten. Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt der Bundeshaushalt des Jahres 2027: Inklusive der Sondervermögen beträgt er 640,4 Milliarden Euro. Davon sollen 203,7 Milliarden Euro (oder 31,8 Prozent) kreditfinanziert werden.

Die daraus resultierende Spaltung wurde nie überwunden. Sie wurde immer weiter vertieft, als ein Großteil der dominierenden westdeutschen Elite das Ideal der deutschen Einheit gegen das Ideal eines vereinten Europas sowie die oben genannten selbstzerstörerischen Ideologien eintauschte, während die Ostdeutschen eher an der primär deutschen Einheit festhielten.

In diesem Bild des vereinten Europas stören die Ossis (zumindest die „falsch Abgebogenen“) eher. Dass viele Westdeutsche nicht einmal ein Minimum an Verständnis für die Geschichte der Ostdeutschen aufbringen, zeigen dann auch die eingangs geschilderten überzogenen Reaktionen auf das Singen des Liedes von Becher und Eisler. Im öffentlichen Diskurs gibt es nur noch wenige Grautöne zwischen Schwarz und Weiß. Welchen Grad der Absurdität die Debatten in der Bundesrepublik mittlerweile erreicht haben, zeigt sich auch daran, dass die CDU eine Kooperation mit der ehemaligen Sozialistischen Einheitspartei der DDR, die sich später in „PDS“ und schließlich in „Die Linke“ umbenannt hat, ernsthaft erwägt – nur um die AfD zu „verhindern“. Deutschland, uneinig Tollhaus!

Kneipe schaltet Ton ab
Nationalhymne? Nein, danke!
In ihrem im Jahr 2010 erschienenen Roman „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“ verarbeitet Christa Wolf das für sie traumatische Ende der DDR und Folgen der Wiedervereinigung. Als der mediale Sturm, der durch ihre Enttarnung als IM für die Stasi entfacht wurde, seinen Höhepunkt erreicht, liest sie in den Tagebüchern von Thomas Mann und zitiert ausgerechnet jene eingangs zitierte Stelle. Zum Angelpunkt ihrer Selbstkritik wird die Frage am Ende der zitierten Passage: „Aber was ist das Rechte, und was hat Zukunft?“ Wolf begibt sich auf eine selbstkritische Reise in die Vergangenheit vor dem Beginn ihrer Laufbahn als Schriftsteller und versucht zu ergründen, welche Motive sie zur Kooperation mit der Stasi gebracht haben.

Glaubte sie damals noch, dass es die guten Kräfte waren? Sie findet keine eindeutigen Antworten – kann sie auch nicht, denn die Dinge sind oftmals nicht so klar trennbar, wie heute so simplistisch suggeriert wird. Die DDR war eben nicht nur ein Unrechtsstaat. Von den bloßen Fakten her war die Zusammenarbeit mit der Stasi überschaubar. In den Jahren von 1959 bis 1962 hat sie ganze drei Berichte verfasst. Hinzu kommen einige Aktennotizen, die von Stasi-Mitarbeitern verfasst wurden. Die Berichte enthalten nichts Belastendes für die überwachten Personen, sodass die Stasi rasch ihr Interesse verlor und es stattdessen auf Wolf selbst lenkte. Die Kritik seitens der westlichen Presse war teilweise gnadenlos. Der Fairness halber muss man hinzufügen, dass auch die Reaktionen vieler ehemaliger DDR-Autoren nicht minder harsch ausfielen.

Die Bundesrepublik auf dem Weg zum „Unrechtsstaat“

Vielleicht sollten diejenigen, die heute bei kleinsten Normabweichungen, wie im Fall Steimle, so scharf reagieren, einmal über diese Frage nachdenken, die Christa Wolf so sehr beschäftigt hat. Bezogen auf das heutige Deutschland könnte man fragen, ob es rechtens ist, dass 30 Prozent der Wähler vonseiten „Unsere Demokratie“ als nicht relevant erklärt werden, dass Politiker von den Konkurrenzparteien von Wahlen ausgeschlossen werden, dass dissidente, alternative Medien mit allen Mitteln verleumdet und behindert werden können, dass die Verfassungen des Bundes und der Länder mit abgewählten Mehrheiten geändert werden, um die neuen, unliebsamen Kräfte von der ihnen eigentlich zustehenden Macht fernzuhalten, dass die persönlichen Chat-Nachrichten der EU-Bürger so systematisch überwacht werden sollen, wie es sich nicht einmal die Stasi vorstellen konnte, dass die Justiz immer mehr zugunsten der Opposition schwenkt, dass die zu „unserer Demokratie“ zählenden Parteien sich als alternativlos sehen und einen tiefen NGO-Staat errichtet haben, der ihre Macht zementieren soll, und dass schließlich selbst der Bundespräsident sehr deutlich zu verstehen gibt, dass er die 30 Prozent der Abtrünnigen nicht repräsentieren will.

Vielleicht sollte man sich Thomas Mann und Christa Wolf zum Vorbild nehmen und zunächst einmal so ernsthaft über diese wirklich wichtigen Fragen reflektieren, wie es Christa Wolf getan hat. Mit anderen Worten: Man sollte sich zunächst mit der Frage auseinandersetzen, wie das Abgleiten in einen Unrechtsstaat in der Bundesrepublik gestoppt werden kann, statt sich mit der Frage zu beschäftigen, ob man eine Nationalhymne singen sollte, die nie wirklich zur DDR passte.

Anzeige

Unterstützung
oder

Kommentare ( 0 )

Liebe Leser!

Wir sind dankbar für Ihre Kommentare und schätzen Ihre aktive Beteiligung sehr. Ihre Zuschriften können auch als eigene Beiträge auf der Site erscheinen oder in unserer Monatszeitschrift „Tichys Einblick“.
Bitte entwerten Sie Ihre Argumente nicht durch Unterstellungen, Verunglimpfungen oder inakzeptable Worte und Links. Solche Texte schalten wir nicht frei. Ihre Kommentare werden moderiert, da die juristische Verantwortung bei TE liegt. Bitte verstehen Sie, dass die Moderation zwischen Mitternacht und morgens Pause macht und es, je nach Aufkommen, zu zeitlichen Verzögerungen kommen kann. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Hinweis

0 Comments
Inline Feedbacks
Alle Kommentare ansehen