Lanz rüffelt De Masi für Annäherung an AfD

Markus Lanz ist fassungslos darüber, dass das BSW die Brandmauer zur AfD ignoriert. Dem EU-Abgeordneten Fabio De Masi wirft er vor, seine Partei versuche plump, von den guten Umfragewerten der Schwefelpartei zu profitieren, „weil es ansonsten offenbar nicht so richtig läuft“. Von Brunhilde Plog

Screenprint: ZDF / Markus Lanz

Eigentlich ist Fabio De Masi (BSW) gar nicht der Hauptgast der Sendung. Eigentlich soll Katarina Barley (SPD) über die EU reden. Sie sitzt im Sessel Nummer Eins, direkt beim Moderator. Doch in ihren Ausführungen bleibt sie farblos wie immer. Wehklagen statt Visionen, Lamento statt Lösung – die stellvertretende EU-Parlamentspräsidentin (eine von 14) wirkt in der Sendung so wie die Europäische Union auf viele Bürger: wortreich, aber inhaltsschwach, teuer, aber ineffizient. Die gutgekleidete Sozialdemokratin bringt allerlei Worthülsen, doch soll man subsumieren, was sie tatsächlich gesagt hat, sitzt man am Ende vor einem weißen Blatt Papier.

So geht es etwa um die neue „Goldgräberstimmung in der Rüstungsindustrie“, wie Lanz es nennt. „Die Rolex-Dichte auf der Rüstungsmesse in Paris war noch nie so hoch wie jetzt“, erzählt er. Da würden von den Regierungen Waffensysteme eingekauft, „von denen man nicht weiß, ob sie morgen noch aktuell und funktionstüchtig sind“. Drohnen gingen für 20.000 Euro in die Ukraine und nahezu baugleiche Exemplare für 200.000 Euro an die EU-Länder. Lanz: „Das ist Geld europäischer Steuerzahler. Das kannst Du keinem erklären.

Barley kann es auch nicht.

Oder das gescheiterte FCAS-Projekt. Allein die Idee eines europäischen Kampfjets habe, obwohl überhaupt nichts dabei herauskam, bereits 3,2 Milliarden Euro an Entwicklungskosten verschlungen, klagt der Moderator. Lanz: „Nur für das, was hinterm Komma steht, nur für die 200 Millionen, könntest Du endlos Schulen restaurieren. Und dann bröckelt da der Putz von der Decke.“

Und Barley? Stimmt munter in das Klagelied mit ein: „Wir geben viel zu viel Geld für Rüstung aus“, sagt sie, aber „wir müssen Geld für Rüstung ausgeben, weil die Bedrohung eine andere geworden ist“. Außerdem lasse Trump „uns mehr oder weniger fallen“. Fakt sei auch, dass „jedes Land für sich die Waffen besorgt, was natürlich absurd ist.“ Barley will mehr Lenkung durch die EU und „einen Binnenmarkt“. ZDF-Korrespondent Ulf Röller konstatiert, es gebe leider keine europäische Verteidigungsunion: „Jetzt steht man nackig da, weil die Amerikaner ausfallen.“ Europa sei „eben doch noch nicht so erwachsen, wie es gern wäre“.

Heiße EU-Themen wie Korruption, Einschränkung der Meinungsfreiheit, sanktionierte Journalisten wie Jaques Baud oder die vielen gelöschten SMS aus dem Handy Ursula von der Leyens kommen gar nicht erst zur Sprache. Wie intransparent die EU-Kommissionspräsidentin etwa ihre milliardenschweren Impfbestellungen aufgab, oder mit Emanuel Macron über das Mercosur-Freihandelsabkommen hin- und hertippte, all das bleibt unerwähnt. Gibt’s nicht, kann nicht sein, darf nicht sein.

Das gilt auch für andere Themen. Als Fabio De Masi beim Stichwort Ukraine einwirft, es habe dort weit vor dem russischen Angriff bereits einen jahrelangen Bürgerkrieg gegeben, geht Lanz sofort rüde dazwischen. Der Mann, der stets und ständig überall in der Welt herumreist und mit den Menschen spricht, war natürlich auch in der Ukraine und hat natürlich auch dort mit den Menschen gesprochen. Was erlaubt sich da ein De Masi eigentlich. „Waren sie mal in der Ukraine? Waren Sie mal in der Ukraine? Warum nicht?“ – Lanz versucht den leidigen Punkt wegzuwischen.

Auch Barley gibt De Masi einen mit. Sie kennt ihn noch als hartnäckigen Wadenbeißer aus ihrer Zeit als Justizministerin. Er versuchte, den Wirecard- und CumEx-Skandal aufzuklären, Sie stand auf der Bremse. Heute warnt sie ihn: „Sie sind ja dafür bekannt, dass Sie immer gegen die Mächtigen operieren, sie zum Teil verklagen, ihnen Korruption vorwerfen. Das finde ich auch in einer Demokratie superwichtig. Aber wenn Sie das täten in dem Land, dem Herr Putin vorsteht, dann wären sie morgen in ’nem Knast oder tot.“ Und überhaupt, Julia Nawalny sei die wahre Freiheitskämpferin. Gerade gestern habe die Witwe des russischen Aktivisten Alexei Nawalny einen Europa-Preis erhalten, und Barley habe übrigens die Festrede gehalten.

Jetzt, da man De Masi schonmal am Wickel hat, beißt sich Lanz richtig fest. Dass das BSW am Vortag ein Papier veröffentlichte, in dem es die Brandmauer zur AfD in Frage stellt, stößt dem Moderator und den beiden anderen Gästen übel auf. Doch der wortgewandte De Masi gibt Gegenfeuer. „Wir wollen nicht, dass diese Polarisierung im Land weitergeht“, sagt er. Man habe in einer Liste dargestellt, in welchen Punkten man sich von der AfD unterscheide und die Partei daher auch nicht zu einem Duett aufgefordert, wie allgemein kolportiert, sondern „wir wollen ein Duell“.

Lanz sieht das anders: „Das ist ‘ne klare Machtofferte an die AfD, was denn sonst!“ ruft er erbost, und für das BSW sei das „ein weiteres gebrochenes Versprechen“. De Masi winkt ab: „Wir haben die Brandmauer immer kritisiert.“ Das BSW werde bei den anstehenden Landtagswahlen „unter keinen Umständen einen Ministerpräsidenten der CDU wählen.“ De Masi: „Wir werden Anträge immer in der Sache bewerten. Wir wollen nicht weiter in eine Polarisierung hineinlaufen, die die AfD immer stärker macht.“

De Masi nennt Sachsen-Anhalt und den dortigen AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund als Beispiel: „Einige haben noch nicht verstanden, was hier gerade passiert. Der Knabe ist bei 40 Prozent, der hat unter Umständen die absolute Mehrheit.“ Lanz ätzt dazwischen: „Wenn’s nicht reicht, helfen Sie ihm.“ De Masi: „Nein, wir helfen den Menschen im Land, dass es endlich zu Sach-Entscheidungen kommt, indem wir sagen: Wir machen bei diesem Spiel nicht mehr mit.“ Lanz kommt ins Rudern: „Sie haben völlig Recht: Die Brandmauer hat es als solche, äh, auch nicht, äh, gebracht.“

Den Vorwurf, das BSW biedere sich der AfD an, nimmt De Masi volley: „Das ist ganz putzig. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik ist die CDU viel näher an der AfD.
Und ich bin mir sicher… ich höre aus dem Bundestag, dass Herr Spahn da schon sehr stark unterwegs ist, falls Herr Merz mal stolpert.“ Lanz grätscht sofort hinein: „Das sollten sie ihm nicht unterstellen.“

Mit dem nächsten Satz entlarvt sich der Moderator schließlich selbst: „Es ist doch in der Sache, in der Kritik, vieles richtig, aber darum geht’s nicht.“ Worum es Lanz stattdessen geht: „Was Sie hier sagen und machen und propagieren, ist ein kompletter Paradigmenwechsel. Sie versuchen sich, so wirkt’s ehrlich gesagt von außen, weil es ansonsten offenbar nicht so richtig läuft, an den Erfolg der AfD in irgendeiner Form ranzuhängen, um jetzt auf diesem Ticket die Fünf-Prozent-Hürde dann doch noch zu nehmen. Das ist mein Gefühl. Nur ein Gefühl, meinetwegen mein ganz subjektiver Eindruck.“

De Masi hat volles Verständnis: „Sie können sich fühlen, wie Sie wollen.“ Das BSW bemühe sich, die AfD ernstzunehmen: „Statt Maulheldentum sollen sie sich einer öffentlichen Debatte stellen.“ Und „weil das im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nur noch selten stattfindet, dass wir auf die AfD treffen … organisieren wir die Debatte selber. Das ist doch gut.“

Lanz ist kurz vor der Schnappatmung. Er ruft „Herr De Masi, Herr De Masi, Herr De Masi…“ und beendet die Sendung abrupt.

Interessante Randnotiz: In einem Nebensatz hat Lanz angekündigt, dass demnächst jener eloquente „Knabe“ Ulrich Siegmund zu Gast sein wird. Spötter munkeln, Lanz habe für seinen Ankleideraum bereits ein Sauerstoffzelt geordert.

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Kommentare ( 1 )

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Haba Orwell
1 Stunde her

> Markus Lanz ist fassungslos darüber, dass das BSW die Brandmauer zur AfD ignoriert.

Aha. Sonst lese ich nur Medien, wo so etwas absolut keinen interessiert.